Nr. 227 Zweites Blatt.
151. Jahrgang.
Freitag 27. September 1901
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
Die Siehener Kamillen- blätter werden demAn- -eiger im Wechsel mit Dem „Hess. Landwirt" und den ^Blättern für hessische Volkskunde" viermal wöchentlich bei- gelegt.
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Lchulstratze 7.
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Aernsprkchanschlich Nr. 51.
GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger M **
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
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Rotationsdruck u. Verlag der Brühl'schen Universitäts - Druckerei (Pietsch Erben).
Verantwortlich für den allgemeinen Teil: P. Wlttko; für den Anzeigenteil: Hans Beck.
Amtlicher Teil.
Bekanntmachung.
Sämtliche Mannschaften des Beurlaubtenstandes aller Waffen, welche zur Verwendung bei der ostastatischen Besatzuugsbrigade auf 2 Jahre vom 1. Oktober 1901 ab bereit find, wollen fich unter Einsendung ihres Militärpaffes bis spätestens 80. September d. I. unmittelbar bei dem unterzeichneten Kommando melden.
Bezirks-Kommando Gießen.
F. d. erkr. B.-K.: Morneweg.
Der sozialdemokratische Parteitag.
HL
Lübeck, 25. Sept.
Zu Beginn der heutigen dritten Sitzung schlägt Singer vor, um für die Luderen Fragen auch noch Zeit zu gewinnen, die Bernstein-Debatte spätestens beute mittag zu schließen. (Zustimmung.) Nachzutragen ist, daß die Abgcoro- neten v. Volmar aus München und Schippel-Berlin diesmal nicht zum Parteitage erschienen sind.' In der ihren Fortgang nehmenden
Bernstein-Debatte
spricht heute zunächst Leute rt (Apolda). Er sagt: Wenn Bernstein, David, Sch.ippel, Calwcr um der Wissenfchast halber studieren wollen, müssen sie auf der Universität bleiben. Wenn sie bei uns sind, müssen sie praktisch arbeiten. Für uns Arbeiter ist das zu viel Kritik. (Zurufe.) Mir ruft man soeben zu, daß wir nicht in einer Volksversammlung sind. (Große Heiterkeit.) Das weiß -ich selbst, so dumm bin ich nicht. (Erneute Heiterkeit.) Im Wahlkampfe hielt Mir ein Freisinniger die „Neue Zeit" vor, in welcher Bernstein damals geschrieben: „Die Bewegung ist mir alles, das Endziel nichts." — Wie ich das las, wurde ich leichenblaß. (Große Hetterkeit.) Unser Genosse Bebel, — er hat sich auch schon manchmal -gemausert, aber, die Hauptsache: die Beseitigung des Kapitalismus, hat er niemals vergessen. Wir wollen die Kritik nicht verbieten, aber wir verlangen, daß wir im Kampfe gegen unseren gemeinsamen Feind zusammenstchen.
Abgeordneter Stadthagen (Berlin) ist für die Resolution Bebel. Die anderen seien unannehmbar. Die Resolution richte sich nicht persönlich gegen Bernstein, sondern gegen eine bestimmte Richtung. Es muß erklärt werden, daß es notwendig ish, auch an den bürgerlichen Parteien Kritik zu üben, und daß cs nicht geduldet werden kann, daß eine vermeintlichie Kritik gegen die Partei an unpassenden Stellen abgelagert wird. Ich hätte gewünscht, Heine hätte schon vor Jahren das Lob der Nationalsozialcn und der „Welt am Montag" abgeschüttelt, und nicht erst hier vorgestern. Freilich, es geht Einem ja gegen den Strich, sich mit ' jedem Schmutzfinken äbzugebeu. Im Brandenburger Wahlkampfe empfahl das nationalsoziale Organ die Wahl mit recht verständigen Ansichten, derselbe habe sogar vorgeschlagen, den sozialistischen Teil des Programms zu streichen und sich auf den praktischen ersten Teil zu beschränken, die sozialistischen Forderungen aber nur als Manifest bestehen zu lassen. Wetter hieß es in dem Artikel des Herrn v. Gcrlach, seine Wahl sei im Sinne der bürgerlich radikalen Partei; denn er bedeute eine Stärkung des rechten Flügels der sozialdemokratischen Fraktion. (Hört, hört.) Statt diese unverschämten Anrempc- leien abzuschüttetn- benutzt sie Herr Peus zur Reklame. (Hört, hört.) Bernstein solle sich freuen, daß wir alle ihm zurufen: Bernstein, bleibe bei uns, bereite uns keine Schwierigkeiten mehr. (Beifall.) Wir verurteilen, daß Bernstein von anderer Sette geschoben wird, ohne es selbst zu wollen. Wer von uns hat nicht einmal Zweifel an irgend einem Punkt des Programms. Aber dann setzt man sich in das Kämmerlein und druckst so lange, bis die Zweifel überwunden sind. (Beifall und Lachen.) Bernstein war es nicht, sondern seine sogenannten Freunde, die ihm rieten, in eine gegnerische Versammlung zu gehen und die Wissenschaftlichkeit der Partei anzuzweifeln. Wenn man den Vortrag liest, muß man glauben, Bernstein seien seine ruhigen Gedanken durchgegangen. Man macht ja auch manchmal eine Dummheit. (Rufe: Sehr richtig! Heiterkeit.) Ja, in sozialdemokratischen Versammlungen können auch Dumm- fi eiten abgelagert werden, aber nicht in aegnerifchen Versammlungen. Im Interesse der Partei bitte ich die Resolution Bebel anzunehmen.
Frau Klara Zetkin (Stuttgart) stellt einen Schluß- antrag, der Annahme findet.
Darnach erhält noch einmal Eduard Bernstein das Wort. Bernstein führt aus: Ich will möglichst unpersönlich sein. Ich verkenne durchaus nicht, daß beide Resolutionen mir gegenüber freundlich gemeint sind. Die Resolution Bebel spricht kein Mißtrauen gegen meine Person aus, sondern tadelt nur bestimmte Handlungen. Dennoch, muß ich die Genossen bitten, dieselbe abzulehnen, falls Bepel die Resolution nicht zurückzieht. Sie acht von falschen Vor- lLussetzungen aus. Wenn Sie die Tendenz meines Vortrags unbeeinflußt betrachten, werden Sie zu der Erkenntnis kommen, daß er dem Sozialismus mehr giebt, als nimmt. .Ich sage nicht, der Sozialismus sei keine Wissenschaft, sondern er fei und könne nicht ausschließlich Wissenschaft sein. 'Tie Gegner haben sich geirrt, wenn sie glaubten, mein Vor- :trag sei eine Gegnerschaft gegen den Sozialismus.
Nach weiterer Debatte, über die wir noch weiter unten «berichten werden, wird beschlossen, zunächst über die Resolution Heine äbzustimmen. Die Abstimmung ist eine namentliche. Bernstein enthält sich der Abstimmung. Für die Mesolution stimmt unter anderen auch Auer. Bebel ruft «in kräftiges: Nein! Unter den Delegierten befindet sich ch der frühere württembergische Pfarrer Blumhardt aus
Baden. Derselbe ftimmt mit Nein! Die Resolution wird mit 166 gegen 71 Stimmen abgelehnt.
Darauf wird die Resolution Bebel mit großer Mehrheit — 203 gegen 31 Stimmen — angenommen. Bernstein und Auer enthalten sich der Abstimmung., Heine und David stimmen jetzt auch dafür. Die Resolution bat folgenden Wortlaut: „Ter Parteitag erkennt rückhaltlos die Notwendigkeit der Selbstkritik über die geistige Fortentwickelung unserer Partei an. Aber die durchaus einseitige Art, wie der Genosse Bernstein diese Kritik in den letzten Jahren betrieb, unter Außerachtlassung der Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft und ihren Trägern, hat ihn in eine zweideutige Position gebracht und die Mißstimmung eines großen Teils der Parteigenossen erregt. In der Erwartung, daß der Genosse sich dieser Erkenntnis nicht verschließt itnb danach handelt, geht der Parteitag über die Anträge zur Tagesordnung über."
Bernsteins Erklärung.
Darauf erhält Bernstein das Wort zu einer Erklärung; unter atemloser Spannung führt er aus:
Werte Genossen! Wie ich schon in meinem Rechtfertigungsschreiben auf dem Stuttgarter Parteitage ausführte, kann ein Votum des Kongresses mich nicht an meiner Ueber- zeugung irre machen. Es ist mir' abe>; auch das Votum der Mehrheit meiner Parteigenossen nicht gleichgiltig. Meine Ueberaeügung ist, daß. die Resolution mir in objektiver Beziehung Unrecht thut, weil sie auf falschen Voraussetzungen beruht. Aber nachdem Genosse Bebel erklärt hat, daß mit der Resolution fein Mißtrauensvotum verbunden sein soll, erkläre ich daß ich das Votum der Mehrheit meiner Parteigenossen entgegennehmen werde und ihm auch diejenige Achtung und Beachtung eutgegentragen werde, die ihm gebührt." (Ein großer Tett des Parteitages begleitet diese Erklärung mit lauten Bravorufen. Ein kleiner Teil verharrt in peinlichem Schweigen.)
Darauf tritt die Mittagspause ein.
Ter Nachmittig brachte die schärfsten bisher dagr- wesenen Kämpfe. Im Grunde handelte es sich wieder um die frühere Debatte, nur führte jetzt die Bernsteinpartei den Angriff. Ungemein scharf, am meisten von Fischer, wurde gegen die „9icue Zeit" und bereit Mitarbeiter Parvus und Luxemberg, aber auch gegen Kants k y vorgegangen. Sodann fand eine längere, vis hart an die Grenze der Injurie streifende Polemik statt zwischen Heine einerseits, Ledebour und Stadthagen andererseits. Als dieser Debatte ein Ende gemacht war, kamen die Akkordmaurer an die Reihe. Bömelburg referierte im Sinne der Hamburger Gewerkschaften. Ihm antwortete Auer in einer Rebe von zwei Stunden. Langsam an- hebend, widerlegte er erst Bömelburg und führte alsdann die schwersten Schläge gegen die Leiter der Hamburger Gewerkschaften, Legten und Elm. Als er geendet hatte, antworteten diese in persönlichen Bemerkungen in erregter Weise, Auer der Unwahrheit beschuldigend. Mit Mühe hielt Singer bis ans Ende einigermaßen den parlamentarischen Ton aufrecht. Tie sachlichen Erwiderungen werden morgen folgen.
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So hat sich also der Parteitag in feiner großen Mehrheit auf den Standpunkt des Abg. Bebel gestellt, und für dessen Resolution entschieden, in der die Erwartung ausgesprochen wird, daß „Genosse" Bernstein die bisherige Art seiner Kritik an der sozialistischen Partei in Zukunft unterläßt. Bernstein erklärte, sich dem Votum des Parteitages zu fügen, obwohl die Resolution Bebel von falschen Voraussetzungen ausgehe. Laute Bravorufe begleiteten diesen Akt der Selbstverleugnung, der gleichbedeutend ist mit einem Sieg der Parteidisziplin. 9211 r eine kleine Schar von Genossen verharrte in „peinlichem" Schweigen. Ob Bebel zu diesen „Unversöhnlichen" gehörte, ist aus den vorliegenden Berichten nicht zu ersehen. Schwerlich wohl, denn Bebel, dessen energischem und temperamentvollen Vorgehen wieder einmal der Erfolg beschieden war, ist ebenso schnell besänffigt, wie in Hämisch gebracht. Um als Bekehrter eine führende Rolle in der Partei zu erlangen, dazu ist Bernstein zu sehr Theoretiker. Er wird wahrscheinlich jetzt ebenso in den Hintergmnd treten, wie Abg. Schip- pel. Treu zu Bernstein gehalten hat bis zum Schluß der als „Opportunist" geltende Abg. Auer. Zwischen ihm und Bebel bestehen gleichfalls tiefgehende Meinungsverschieden - heiten. Doch Auer ist, wenn er auch im Parlament seltener hervortrttt, ein zu gewiegter Praktiker, um zu einem „Stillleben" in der Partei verurteilt werden zu können.
Vom Burenkriege.
Man meldet aus London: Die heutigen Nachrichten aus Südafrika lauten im allgemeinen günstiger (für die Engländer). Die Gefahr eines Bureneinfalles in Natal scheint abgewendet zu sein. (?) Den „Central News" wird aus Durban vom 27. September gedrahtet, ein Telegramm aus Standerton melde, daß die in der Nähe von Utrecht operierenden fataler Truppen in Fühlung mit den Buren kamen, diese hätten sich zurückgezogen und schienen die Absicht, in Natal einzufallen, gänzliche aufgegeben zu haben. Mennes und Scouts entgingen indes mit genauer Not der Gefangennahme; unweit Platraud wurden sie von einem stärkeren Burenkorps umzingelt, aber sie schlugen sich nach hartnäckigem Kampfe mit Verlust von zwei Toten und zwei Verwundeten durch. Der Burenverlust betrug neun Tote und Verwundete. Als britische Verstärkungen anlangten, verschwanden die Buren.
Wie das „Rcutersche Bureau" aus Matjesfontein vom 23. September meldet, haben sich viele Farmer in dem Distrikte von Sutherland mit den Kommandos unter Maritz Louw und Smith vereinigt. Cs mehren sich, so meldet Reuter weiter, die Zeichen dafür täglich, daß die Kap- ko lvnie der Schauplak der letzten Ereignisse des
Krieges sein wird. M a I a n rückt nach Suth er land vor, nachdem er in dem Oranje-Freistaat mit Dewet Rücksprache genommen. Major Copper griff Th eron an, der am 22. September die Eisenbahn südlich vom Tvuws-Fluß mit etwa 100 Mann überschritten hat. Der Erfolg des Gefechtes ist nicht entschieden. Scheepcrs ist nach 9ä>rb- weshen über Mairingsposrt durch gebrochen. Es wurde ein Farmer umgebracht, der beschuldigt wird, den Engländern falsche Informationen gegeben zu haben, die es möglich machten, daß Therou die Bahnlinie überschritt.
Eine große Burenabteilung unter Botha hat von De- jagersdrift kommend, am 21. ds. Zululano passiert- Sie lagerte am Khandiberg, an der nach Transvaal hin gelegenen Seite.
In Bloemfontein klagen die Engländer, daß die Zufuhr an Nahrungsmitteln sehr knapp ist und nicht den Bedürfnissen entspricht, wodurch große Unzuträglichkeiten verursacht worden sind.
Gegen zehn Burenführer, die sich seit dem 15. ds. tn englischer Gefangenschaft befinden, wurde auf Verbannung aus Südafrika für immer erkannt.
Tas britische Unterhaus hat in seiner letzten Tagung für die „Transvaal- und Oranje-River-Colony" 6 ein Halo Million Pfund auf das Jahr, bis 31. März 1902 als Hilfsfonds bewilligt. Davon sind 1 einhalb Millionen zur Deckung des Defizits bei der Zivilverwaltung Transvaals bestimmt; für das Pvlizeiwesen 2 einhalb Millionen, für die Eisenbahnen 2 Millionen und für Unvorhergesehenes 500 000 Lstz:l. Diese Summen, mit Ausnahme derjenigen für die Polizei, werden als Vorschüsse betrachtet, die aus Den späteren Anleihen für diese Kolonien zurückgezahlt werden sollen. Der Rest für die Polizei soll zu Den Kriegskosten geschlagen werden; welcher Anteil davon dieser „Kolonie" zufällt, soll später entschieden werden. Die von England beschützten Uitlanders und die Goldmagnaten werden diesem Beschlüsse mit gemischten Gefühlen entgegen- l'cQcn.
Politische Tagesschau.
Der Bruch des Zollbundnifies.
Aus Berlin, 25. September, wird uns geschrieben:
Immer entschiedener wird von den Zeitungen der ton- servativep Partei die zuerst von agrarischer Seite ausgegebene Parole befürwortet, daß alle Jndustrieschptzzölle im neuen Zolltarifentwurf abgelehnt werden müssen, falls die Mindeftzollsätze für Getreide nicht die Genehmigung der Reichstagsmehrheit fir&en sollten. Besonders ist es die „Kreuzztg.", die den ins Politische übertragenen Satz „Auge um Auge, Zahn um Zahn" mit wachsender Erregung verficht. In starken Zorn ist die „Kreuzztg." durch die Erklärung der westfälischen Nationalliberalen gebracht worden, wonach die preußische Regierung bei einer Erhöhung der Kornzölle alsbald die Kanalvorlage wieder einbringen müsse. Mindestzölle für Getreide werden abgelehnt. „Tas ist", so schreibt heute abend mit urkräftiger Deutlichkeit die „Kreuzztg.", „der Gipfel unverschämter Zumutungen an die Freunde der Landwirtschaft!" Ferner wird in dem Artikel von dem „blanken, baren Egoismus der Liberalen gesprochen, von einer „perfiden Taktik", die in der Dortmunder Erklärung enthalten sei.
Wie man sieht, sind die Ausdrücke in diesem Kampf der Geister bereits recht massiv. Eine (Steigerung erscheint kaum möglich Allenfalls steht in der parlamentarischen Debatte noch das Zischen und der Superlativ empörter Kundgebung in dem Psui-Rus zur Verfügung. Aber dieser „Schrei der Entrüstung" ist eine gefährliche Genugthuung, weil er unnachsichtlich mit dem präsidialen Ordnungsruf geahndet wird. Trotzdem dürfte cs manchen geben, der sich „mit Stolz" diese Rüge zuziehen wird, befriedigt, seinem Herzen Lust gemacht zu haben. Der erste Präsident des Reichstags, Graf Ballestrem, geht einer außerordentlich schwierigen, seine ganze Kraft und Umsicht erfordernde Aufgabe entgegen.
Uebrigens wird durch die Zolltarif-Diskussionen zwischen der Rechten und der Linken bestätigt, was früher eifrig bestritten wurde: daß nämlich thatsöchlich gewisse Vereinbarungen getroffen waren zwischen den agrarischen und zwischen den industriellen Schutzzöllnern, Vereinbarungen, die im Wirtschaftlichen Ausschuß zur Vorbereitung der Handelsverträge ihre Kraft bewährten, nunmehr aber zu Boden gefallen sind. Dre „Kreuzztg." erhebt gegen die Industrie den Vorwurf, daß von ihrer Seite das Bündnis zwischen Industrie und Landwirtschaft als aufgelöst betrachtet wird. Die Erklämng der westfälischen Nationalliberalen habe noch gerade gefehlt, um darüber auch dem best- gläubigsten Agrarier die Augen zu öffnen. Im Reichstag wird aller Wahrscheinlichkeit nach ein Mehreres über dies Bündnis" und die Verpflichtungen desselben enthüllt werden, wobei gar nicht einmal die Enthüllungs-Spezialisten der äußersten Linken in Aktion zu treten brauchen. Bei den Konservativen ist der Groll über den Bruch des Vertrags, auf der Basis gegenseitiger Unterstützung wirksamer, d. h. hoher Schutzzölle, derart heftig, daß rückhaltlos die Akten ofiengelegt werden.
Zwischen Zentrum und Polen
dauert die P r e ß f e h d e an. Bereits im vergangenen Jahre während der parlamentslosen Zeit begann der Streit. Die polnischen Blätter werfen den Herren vom Zentrum vor, daß sie sich nicht energisch genug der Interessen der „entrechteten" Polen annähmen, und drohen, die „Heeresfolge" zu versagen. Man verlangt, daß die polnisch-nationalen Forderungen den katholisch-kirchlichen gleichwertig erachtet wnd oehandelt werden, und entrollt u. a. die düstere Perspektive, daß für die Wiederwahl des Reichs- togöpräfibcnten Graf Balle st rem in seinem oberschlesi- schcn X-u.y,.reife so gut wie keine Aussichten eröffnet


