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151, Jahrgang.
Samstag Ä7. April 1901
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GietzenerAnzeiger
” General-Anzeiger w
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
Cin hartbedrängter preußischer Minister.
Graf Bülow findet es auch als preußischer Ministerpräsident einstweilen immer noch für gut, „über den Dingen zu schweben" und sich auf gelegentliche Erklärungen in den Parlamenten zu beschränken, just so, wie es Fürst Hohenlohe that. Im politischen Kalender der Konservativen ist für den Grafen Bülow augenscheinlich noch „SctZonzeit" vorgemerkt. Vielleicht ist aber die Stunde nickst mehr ferne, da auch dem Nachfolger des Fürsten. Hohenlohe seitens der „Regierungs"-Parteien die bittere ,Mahrheit" gesagt wird. Des Tages Last aber müssen die Ressortminister übernehmen, und am meisten empfindet den Druck der preußische Landwirtschaftsminister Frhr. ». Hammerstein-Loxten. Seine Leidenszeit begann, als die Sanalvorlage die Oeffentlichkeit beschäftigte. Er gab dieser nach agrarischer Auffassung zu schwerer Bedrängnis der Landwirtschaft führenden Vorlage zweimal feine Unter» idjrrift und vertrat sie rednerisch mit Eifer — Grund genug, die Konservativen zu verstimmen, und diese Verstimmung zu kaum verhüllten Angriffen und — in der Zeitungspolemik — persönlichen „Spitzen" sich entwickeln zu lassen. Richtig ist ja, daß Herr v. Hammerstein in feiner Eigenschaft als Agrarminister die Kritik der Kanalgegner schon an sich schärfer herausfordern mußte, als beispielsweise Herr v. Miquel, der Hüter der Finanzen, oder gar Herr v. Thielen, der mit einem so eminenten neuen Verkehrsprojekt naturgemäß sympathisieren durfte. Richtig ist ferner, daß Frhr. v. Hammerstein seinen Kanalreden eine geivisse Aeeentuierung gab, die auf konservativer Seite umsomehr verdroß, als der Minister, dem das Wort ohnehin etwas wassiv von den Lippen kommt, in der Horm des Ausdrucks nicht immer wählerisch war. Der Groll gegen die ihm nicht sonderlich gewogenen „Landbündler" ließ chn kürzlich in der Kanalkommission von einer „wüsten Agitation" des „Bunds der Landwirte" sprechen. Testen Preßorgan, die „Deutsche Tageszeitung", richtete darauf an die Bündler im Lande draußen den ironischen Appell, dem Lanbwirtschaftsminister diese Aeußerung nicht zu verübeln, wobei Me „Tagesztg." durchblicken ließ, es sei nicht von erheblichem Belang, wie Frhr. v. Hammerstein über Vie THörigkeit des „Bundes "denke. Mau zählt ihn also in radikal-agrarischen Kreisen schon jetzt zu den Exministern.
Doch darüber könnte Frhr. v. Hammerstein am Ende tzimvegkommen, denn der „Bund der Landwirte" ist nickst die konservative Partei. Aber auch das Tafeltuch zwischen der letzteren und dem Minister weist einen Riß auf, und zwar datiert dieser Riß nickst von heute und gestern. Er ist zurückzuführen auf die Zeit, da im Reichstag der Kampf um den Getreidemonopol-Antrag Kanitz ausgefochten wurde. Tie Geister platzten damals scharf aufeinander; der rebegeroaltige Staatssekretär des Auswärtigen, Frhr. v. Marschall, schwang die Waffe feiner Satire gegen die Männer der Rechten, und der Landwirtschaftsminister glaubte gegen den Kollegen nicht zurückstehen zu sollen: er bezeichnete die Regierungspartei als „sogenannte" Konservative. Tie Wirkung war unbescksteiblich; der Tumult in den Reihen der Rechten beispiellos. Abg. Frhr. v. Manteuffel, damals Vorsitzender der konservativen Reichstags- iraftion, brachte sofort sein und seiner politischen Freunde schmerzliches Bedauern über dieses herbe Urteil des Landwirtschaftsministers unverblümt zum Ausdruck, und so sehr sich Frhr. v. Hammerstein auch bemühte, einzulenken — dieses Wort haben ihm die Konservativen nie vergessen.
Der Minister für Lcmdwirtfchaft wurde im Reichstage rin immer seltenerer Gast Kamen dort Angelegenheiten seines Ressorts zur Sprache, so überließ er die Vertretung meist feinen Kommissaren. Im preußischen Landtag aber schenkten die dort dominierenden Konservativen den Reden Frhrn. v. Hammersteins nicht die Beachtung, auf die ein Minister Anspruch machen darf. Ganz besonders trat dies bei den Kanaldebatten in die Erscheinung. Die Herren oon der Rechten hatten sich stets, wenn der Minister das Wort nahm, soviel zu erzählen, daß erst aus dem steno graphischen Bericht zu ersehen war, was Frhr. v. Hammerstein vorgetragen hatte. Wenn ihm dadurch die Freude an der Thätigkeit im preußischen Landtag vergällt wird, löer kann's ihm verdenken? Als jüngst der konservative Antrag auf Einführung der Schlachtvieh-Versicherung be raten wurde, blieb Frhr. v. Hammerstein dem Landtag ferne. Die „Kreuz-Ztg." meinte, dies habe in konservativen Kreisen allgemein überrascht. Für den Spezialfall mag das ja jutreffen. Doch man wird behaupten dürfen, daß gerade in konservativen Kreisen kaum etwas weniger überraschen würde, als der Rücktritt des Landwirtschaftsministers. Denn diesen wünscht, an diesen glaubt die Rechte, und auch Richt konservative halten die Ministertage Frhrn v. Hammer ftein's für gezählt Inwieweit das Schicksal der Kanal- ovrlage auch das des Ministers für Landwirtschaft beeinflußt, wird eine nahe Zukunft lehren.
Politische Tagesschau.
Der neue englische Kohlenausfuhrzoll begegnet in England einer stetig wachsenden Agitation. „Die Opposition gegen den Kohlenzoll", meldete gestern ein Lon- (noner Telegramm, „ist auf konservativer Seite so stark geworden, daß eine Niederlage der Regierung ö-roht." Chamberlain schlage vor, daß das Kabi inctt den Rücktritt anbiete, um auf diese Weise die ivoiderspenstigen Konservativen wieder auf die Seite der Re
gierung zu bringen. Auch dieser Plan macht der Pfiffigkeit Chamberlains alle Ehre, ist aber vielleicht allzu fein, um zu glücken. Die Grubenbesitzer verfügen, wie man sieht, über einen beträchtlichen Einfluß, auch in Parlaments kreisen, und sie werden sicherlich alle Hebel in Bewegung setzen, um die noch ausstehende Genehmigung des Kohlen- zolles durch das Unterhaus zu verhindern. Schatzkanzler Hicks Beach, der mit Chamberlain in ernste Meinungsverschiedenheiten geraten ist, versvrach einen Vermittlungs- Vorschlag zu prüfen, dahin geheno, statt des festen Ausfuhrzolles einen Ausfuhrzoll nach dem Wert der Kohlensorten rinzuführen. Aber auch dieser mildere Modus wird zweifellos von den englischen Kohleninteressenten bekämpft werden. Gar fein Zoll, das ist die Parole. In Deutschland ist man an der Entwickelung der Dinge insofern in nicht geringem Grade beteiligt, als die durch den Zoll eintretende Verteuerung ber englischen Kohle, die seit längerem von zahlreichen deutschen industriellen Betrieben bezogen wird, weil die deutschen Kohlen andauernd einen zu hohen Preisstand haben, wirtschaftlich schwer ins Gewicht fällt. Ebensowenig können die Verbraucher von Haushalts-Kohlen in Deutschland auf eine Ermäßigung der Kvhlenpreise rechnen, wenn die englische Kohle aus dem Wettbewerbe ausscheidet. Trotz aller parlamentarischen Interpellationen und Vertröstungen seitens der Regierung bleibt die Kohlenfeuerung bestehen, dieser Zustand, von dem wir seit vielen Monaten hören, er sei nur „eine vorübergehende Erscheinung"! Vom Standpunkt der deutschen Industrie wie von dem des Privat Haushalts wird man also wünschen müssen, daß der englische Kohlenausfuhrzoll zu Fall gebracht wird, und sollte bei der Gelegenheit Herr Chamberlain mitstürzen, so wäre die Befriedigung doppelt groß.
Aus dem Reichstage wird uns unterm 25. April geschrieben:
Im Reichstag gab es heute einen Zwischenfall. Tas Haus war bei der beginnenden zweiten Lesung des Gesetzentwurfs über die privaten Versicherungsunternehmungen herkömmlicher Weise äußerst schwach besucht. Die „Debatte" — wenn man die laue Auseinandersetzung mit dieser Bezeichnung schmücken will - war bis zu den Bestimmungen gelangt, die den Versicherungsgesellschaften einen Anteil an den Kosten der Aussichtsbehorire auferlegen. Hier brachte der Abg. Richter (freif. Vp.) „die Bombe zürn Platzen". Er erklärte die Bestimmungen für so einschneidend, daß er Wert darauf lege, sie von einem beschlußfähigen Hause geprüft zu sehen, und bezweifelt zu dem Zweck die Beschlußfähigkeit des Hauses. Präsident Gras Ballestrem schloß sich dem Zweifel an, der Namensaufruf erfolgte, und als alles, was im Reichstage und in dessen Nähe weilte, herbeigetrommelt war, ergab sich die Anwesenheit von 138 Mitgliedern. Die Sitzung mußte abgebrochen werden. Vorher aber hielt Graf Ballestrem unter wiederholter lebhafter Zustimmung, nachdrücklichen Tones eine pointierte Rede gegen bie Abwesenden und über die Unmöglichkeit, wichtige Vorlagen vor beschlußunfähigem Hause zu beraten. Auch dem Grafen Ballestrem ist endlich die Geduld ausgegangen. Seine ernsten und beherzigenswerten Worte sind des Beifalls im Lande sicher — ob sie aber auf die säumigen Reichsboten wirken, bezweifelte Graf Ballestrem selbst, denn er setzte die nächste Verhandlung auf Montag an, da keine Hoffnung ist, vor diesem Zeitpunkte eine beschlußfähige Zahl von Mitgliedern zu versammeln. Nach diesem Zeitpunkte ist es vermutlich auch noch so._________
Tie Lage in China.
Eine internationale Truppe von 800 Mann unter dem englischen Obersten Radsord verließ Schanhaikwan, um die angebliche chinesische Räuberbande zu bestrafen, die bei Fuuing mit einer Kompagnie des 4. Pendschab In fanterie-RegimentS ein Gefecht hatte, in dem Major Bro w- ntng fiel. Die Räuber leisteten der Truppe Radforbs Widerstand. Sechs Engländer, zwei Japaner und ein Franzose sind gefallen. Die Räuber hatten 50 Tote und flohen in die Berge, verfolgt von der Ast teilung Radfords. Der Leichnam Brownings wurde auf gefunden.
Im französischen Ministerrat brachte der Marineminister Lanessan einen Bericht des Generals Voyron zur Kenntnis wonach der Gesundheitszustand des Expeditionskorps in China ausgezeichnet sei. Verprooiautirunge» Gesundheitspflege und Sanitätsdienst seien in vollkommener Weise organisiert worden. Boyron bezeichnet die Haltung der Truppen als fortdauernd tadellos; die Mannschaften hätten es bei jeder Gelegenheit verstanden, die Erfüllung ihrer militärischen Pflichten mit einem hohen Gefühle von Mensch-- llchkeit zu vereinen.
Die „Köln. Ztg." meldet aus Peking vom 24. April: Feldmarschall Graf Waldersee und sechs Oifiziere deS Hauptquartiers begeben sich nächste Woche auf drei Tage an bü große Mauer und zu den Kaisergräberu. Zu welchem Zweck, wirb nicht gesagt. — Nach in Newyork eingetroffenen Pekinger Privatberichten ist wiederum eine Mei nun gsv er sch jeden b eit zwischen Waldersee und dem amerikanischen General Chaffee auSgebrochen. Waldersee schlug vor, an dem Thor der verbotenen Stadt eine deutsche Wache zu plazieren, nach
dem die Amerikaner abgezogen waren. Chaffee erwiderte aber, die Amerikaner würden ihre Posten besetzt halten. Trotzdem ist die amerikanische Abteilung kaum stark gei ng, die amerikanische Gesandtschaft zu schützen. In Washington ist von der Sache offiziell nichts bekannt, ebenso wenig in Berlin.
Nach einer Meldung des Bureau Laffan aus Peking hatten Lihungtschang und die drei Beamten, die ibm bei- gegeben find, eine Konferenz mit den Gesandten von Eng- land, Deutschland, Frankreich und Japan. Die Gesandten sagen, Ende Juni werden sich die EnischädigungSansprüche zusammen aus 6500 Millionen Pfund belaufen und von da an um 100000 Pmnd monatlich wachsen.
Engländer und rvureu.
Nach einer Melbung aus Pretoria ist bet engüfdp Major Twysv r d mit kleiner Eskorte auf bem Woae von Machabvborp nach Lybenburg in ber Nähe von Bad- fontein in einen Hinterhalt geraten. Twyforb wurde getötet und je ine Leute nach tapferem Wiberstauv übertoältigt
Und da sagen bie Englänber, baß bie Buren kriegS- mübe seien! Gerüchte über eine abermalige Zusammenkunft Lord Kitchen ers mit ben namhafteste» Führern ber Buren laufen in London mit zunehmender Bestimmtheit um. Kitchener soll sich bereit erklärt haben, Botha, Delarey und Viljoen Ende bieser Woche zu empfangen, doch unter dem bestimmten Vorbehalt, bafl die Amnestie für bie Mitkämpfer aus ber Kapkolonie und die Unabhängigkeit ber beiben Freistaaten von ber Erörterung ausgeschlossen bleibe. Die Gerüchte sind {ebenfalls müßiges Gesckstvätz. Präsibent Krüger empfing am 24. b. Mts. im Haag einen Abgesandten Bothas, bet wichtige Dokumente vom Kriegsschauvlatz überbrachte. Botha schildert danach bie Situation ber Englänber iv düsteren Farben und knüpft die Hoffnung baran, daß die Buren boch noch s i e g e n werben. Siegeszuver- sicht aber und Friedensunterhanblungeu stimmen schlecht zusammen. Auch ber militärische Korresponbent btt „Time s" in Südafrika, der vor zwei Monaten „bas Ende des Kampfes in wenigen Monaten voraussah', bekennt nun* daß er feine Ansicht geändert habe, und „daß ihm die Situation mehr unabsehbar erscheine als je. Tie Mittel desparater Männer, einen Guerillakrig in diesem Lande fortzuführen, scheinen unbegrenzt". Ein sehr interessantes Geständnis! — Der militärische Mitarbeiter bet „Taily News" schreibt sehr richtig: „Abgesehen von pvli- tischen Gründen und mit Rücksicht auf militärische Aktiv» allein kann ber Krieg nur auf einem von zwei Wegen ge- enbigt werben: Turch Erschöpfung ber Gewehrmunition bes Frinbes — Ivo von gegenwärtig nicht bas geringste Symptom zu bemerken — ober durch successive Umzingelung seiner gegenwärtigen Streitkräfte im Feld. Sie setzt unserseits eine bem Feinb überlegene Beweglichkeit voraus, und von ihrer Erreichung ist toieber kein Zeichen zu bemerken. Die Heinen Gefangenn ahmen, bie wir machen, sind durchaus bedeutungslos, und je eher wir bas begreifen, um so besser. Der Feinb kann sich aus konstante Rekrutierung von jenseits ber Grenze verlassen, bie sie zum minbeften ausgleickst. Unb selbst wenn er bas nicht, könnte, würben die Verluste, die er erleidet, ihn fü» Jahre nicht erschöpfen. Wir haben es sicher mit 16 000, vielleicht mit 20 000 Mann zu thun, und selbst wenn wir jede Woche auf ein volles Hundert zählen könnten, hätten wir noch ein gutes Jahr Arbeit vor uns. Von Kombattanten können wir aber auch nicht annähernd auf diese Zahl zahlen. Nur Kinder, alte Leute unb Nichtkömbattanten bringen sie zuweilen höher. Währenb ber nächsten 12 bis 18 Monate können wir daher auf kein anberes Ende bes Krieges rechnen, als burch Erschöpfung ihrer Munition, worauf sich nur Thor heit Der* lassen kann, ober durch Einschließung, was eine Frage der Mobilität ist" — In englischen Blättern findet man den Brief eines Unteroffiziers aus Belfast, ber ein merkwürdiges Licht auf den „elenden Zustand" wirst, in bem bie Buren verkehren. Er schreibt unten anberm: ...... Einer von ihnen kam neulich als Unter
händler ins Lager. Ich versichere euch, baß ein großer Unterschieb zwischen mir in meiner geflickten Uniform unV ihm in feiner neuen Reithose, Gamaschen oo'm englischem Leder, Sporen, neuen Stiefeln und einen Makintosh, auf dem Rücken feines Pferdes gebunden, bestand. Er schüttelte mir die Hand und sagte, sie dächten gar nicht daran, sich zu ergeben. Nun, der Krieg ist noch lange nicht aus. Glaubt dock nicht ben Regierungsberichten? Ich las einen Rapport über ben Anfall auf Belfast, am 7. Januar, worin von ben großen Verlusten gesprochen wird, mit denen bie Buren zurück- geworfen worben sind. Dies ist unwahr. Sie haben unsere Vorposten überrumpelt. Die Royal Irish litten dabei am meisten, sie hatten 9 Tote und 32 Verwundete. Kapitän Dasbery wurde getötet und Kapitän Milner, Leutnant Deese und 70 Mann wurden gefangen genommen, auch ein Maxim nahmen sie mit." — Unb nun bie offiziellen Mitteilungen, die man leicki kontrollieren kann, ba es sich um ben bekannten Anfall auf die britqchen Vorposten bei Belfast, Nooitgebacht nsw. handelt, mtchener bepeschiert, daß bie Buren nach heißem Ztampf zuruckge- toorfen feien; bie aufgegebene Anzahl Toter unb Ver-


