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27.4.1901 Erstes Blatt
 
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Nr. 98 Erstes Blatt.

151. Jahrgang.

La.aotag 27. AprU 1901

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GietzenerAnzeiger

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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

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5emfprcd)anldrluft9?r.H.

Knülicher Wil.

Gießen, de« 24. April 1901.

8etr.: Vergiiinvg fir die ai Trappe» verabreichte Fourage.

Das Kroßherzogliche Kreisamt Gießen

<« die Großh. Bürgermeistereien des KreiseS.

Aus Anlaß einer Erionerunq des R chnunu-hofts des Deutschen Reiche- beauftragen wir Sie, i» allen denjenigen Millen, in welchen bei Barzahlung der Vergütung für an Truppen verabreichte Fourage nicht die P eise de- dem Em psa»ge vorhergehenden Monat- Berücksichtigung staden konnten, die betreffende» Belege mit der Bescheinigung z» »ersehen, daß -ur Ze>t des Geldempfanges die amtliche Bekanitmachunv Über die Preise des Vormonats sich »och nicht in Ihrem Besitz befinden habe.

v. Bechtold.

Bekanntmmfmnst.

Betr.: Abhaltung landwirtschaftlicher Borträge.

Am Go»utag de« 38. dS. MtS., nachmittags 4 Lhr, wird Herr Oekonomierat Leithiger au- Al­feld i» BerSrod im Saale de- Wirts IohS. Hofmann III. Hnc» Vortrag über Ztzeldbereiuigmug halten, zu de« ich j-dermaun hiermit freundlichst einlade.

Vie Herren Bürgermeister von Ber-rod und der Nachbar orte wollen gefälligst für ortsübliche Bekanntmachung sorge».

Gießen, den 22. April 1901.

Der Direktor des landwirtschaftliche» Bezirk-Vereins, v. Bechtold.

Die ftaiferrebe in Bonn.

Freudige Erivuer ngen an schöne Iugendtage erwachen m der Seele d S deutsche» Kaiser- in der rheinische» Musen« ftadt; die blühende Natur und die große Geschichte üben ihre» Zauber auf sein empfängliche- Gemüt, und wo- sein bewegte- Herz erfüllt, drängt sich in begeisterten Worten auf feine Lippe». Die Rede de- Kaiser- bei dem Bonner Kommers ist eine der längsten und inhaltreichsten, die er je gehalten hat. Ihr größter Teil gilt der Freude an der jugendlichen Kraft, an der Schönheit des engeren Vaterlandes, » der Macht des Deutschen Reichs, an der Poesie der deutschen Sagenwe t. Aber sie entbehrt auch politischer Aus­blicke nicht; die Betrachtungen de- Herrscher- über da- Wesen riuer Nation, über den Gegensatz zwischen dem alte» und dem neuen Kaisertum, über Kosmopolitismus und Selbst deschränkung weiden, wie dieBoff. Ztg." meint, vielerlei Erörterungen bervorrufeu und vielleicht auch manchen Miß» »rrftändniss-n begegnen.

w®atum Zank daS Deutsche Reich dahin?" Der Kaiser stellte diese Frage uud beantwortete sie. .Weil da- alte Reich nicht auf streng nationaler Basis begründet war." Der Kaiser empfindet, wie viel stärker ein Staat sein kann, der auf einer einzigen, einheitlichen, großen Rationalität be­ruht, al- ein Gemeinwesen, da- sich aus Stämmen ver­schiedener Sprache und Raffe zusammensetzt. Aber er w ll damit den Staaten gemischter Nationalität weder die Daseiv- berechtigung, noch die Zukunft absprechen. Eine solche Deutung wäre unzulässig augesicht- der Schweiz, der Habs burgiscben Monarchie und anderer Reiche. Es ist auch aus geschloffen, daß der Kaiser meine, Staat uud Nationalität müssen sich überall decken. Denn weder erhebt Deutschland Anspruch auf fremde Gebiete, die von Deutschen bewohnt sind, »och kann es sein Wunsch fein, daß die Deutschen in der Fremde ihre Nationalität aufgebeu, wo sie nur eine Minderheit bilden.

Der Kaiser feiert das starke, lebendige Nattonalgefühl, anb darin wird ihm jeder Deutsche freudig folgen. Wie sollte nicht sein Herz höher schlagen, wenn sein Blick vom dentschen Eck zum Niederwald schweift! Nichts aber wäre verfehlter, als wenn die Abgrenzung nach außen, die der Kaiser als das Wesen einer Nation bezeichnet hat, die Raffen- eigentümlichkeit als einziges Prinzip der Staatsbildung an gesehen würde. Denn diese Beschränkung will der Kaiser nicht. Er wird niemals die Wenden, die Polen, die Littaner, bie Dänen, die Deutschen französischer Abstammung aus dem Gleiche ausscheiden, noch ihnen die Gleichberechtigung entziehen nroBee, so fern sie ihre Pflichten treu erfüllen. Eine Raffen eiahett besteht bei der Bevölkerung de- Deutschen Reiches »nicht, während daS deutsche BaterlandSgefühl auch die Raffen gigensätze vielfach siegreich überwunden hat uud immer wehr illberwinden muß. Es ist begreiflich, daß der Kaiser koSmo politischen Träumereien entgegevtritt; aber er selbst erkennt r», daß Goethe und Schifler «universal wirkten" nnb dennoch ^te Deutsche waren und Licht und Segen über die Mensch- h-it gebracht haben. Schon daran- geht hervor, daß der S.aiser deutsches Nationalgefühl mit weltbürgerliche« Seist Mcht für unvereinbar hält und den Satz L sfings nicht ver

wirft, der eS für wünschenswert erklärt, daß es in jedem Staate Männer gebe, die über die Vorurteile der Völker ichaft hinweg wären und genau wüß en, wo Patriotiemu- Tugeud zu sein aufdört.

Propter nmdiftm I" Dieses Worte- gedenkt der Kaiser eingehend. Die sten neidete» im eiten Reich dem Katsei iei»e Macht. Der Herrscher wiid gewiß sein, daß e- heute anders ist, und seine Bemerkung nicht als Mahnung an die BnndeSfürsteu anfgefaßt werden darf.

Hinsichtlich der auswärtige» Politik wird der Satz be sonder- bemerkt werde», wo der Kaiser die Stamme-gemein schäft der Deutschen und Engländer heroorhcbt. Seme Sttm mung erfährt durch die Schlußsätze eine nach dem freudigen Beginn vielleicht überraschende Beleuchtung. Er sucht die Quelle aber Vaterlandsliebe, aller Tagende» in dem starken religiöse» Glaube» und wirft einen Blick auf die Zeit nad seinem Tode. »Ich werde ruhig «eine Augen schließen können, sehe ich eine solche Generation (von abgeschioffeuenPersönltchketieu, von ganzen Männer», die wir hrute mehr al- je brauche») um meine» Sohn geschaart heranwachse»." Es scheint, daß den Kaiser, der doch i« der Vollkraft de- Manne-alter- steht, inmitte» de- Festjabels »»d der Farbenpracht de- Frühling» eine» Augenblick ei» Gefühl der Schwermut anwandelt Hoffen wir, daß diese Wolke sich schnell verflüchtige und die ungetrübte Sonne der Lebenslust bald wieder seine Seele erwärme uud erhebe.

Deutscher Reichstag.

Berlin, 25. April

Auf der Tagesordnung steht der Gesetzentwurf über die privaten Versicherungs-Unternehm­ungen

Berichterstatter Abg. Zehnter (Ztr.) giebt einen lieber* blick über die von der .Kommission gefaßten Beschlüsse, die bis auf einen Punkt die wesentliche Grundlage des Ent­wurfs nicht verschoben haben. Dieser eine Punkt betrifft die Ausdehnungsgiltigkeit des Gefettes. Die Kommission lehnte es ab, die auf der Grundlage der Gesetzesvorschriften errichteten öffentlichen Versicherungsanstalten dem Gesetz zu unterwerfen. Das Gesetz regelt nur die öffentlich rechtliche Seite der letztgenannten Anstalten.

Tie §8 1 bis 6 werden nach den Beschlüssen der Kom­mission angenommen. § 7 bestimmt: Die Erlaubnis zum Geschäftsbetriebe kann nur verfügt werden, wenn 1) der Geschäftsplan den gesetzlichen Vorschriften zu­widerläuft, 2) wenn die geschäftlichen Interessen des Ver­sicherten nicht hinreichend gewahrt oder die Erfüllbarkeit her Bedingungen nicht genügend dargethan wird, 3) wenn THatsachen vorliegen, die die Annahme rechtfertigen, daß eiu den Gesetzen oder den guten Sitten entsprechender Geschäftsbetrieb nicht stattfinden wird. Die Erlaubnis kann von der Stellung angemessener Sicherheit abhängig gemacht werden, wobei deren Zweck und die Bedingungen für die Rückgabe festzustellen sind.

Abg. Richter (freis. Vp.) beantragt, Absatz 2 zu streichen. Die Sicherheit der privaten Gesellschaften beruhe auf dem Gründlings- und Betriebsfonds. Was den Ar­tikel 2 betrifft, so spricht dagegen, daß der Anschein erweckt wird, als ob eine Gesellsck)aft dadurch, daß sie besonders genehmigt wird, das Publikum veranlaffen soll, sorglos zu sein. Der Hypothekenbankenkrach zeige, wie wenig die Be­hörde nützen kann. Redner beflagt sodann, daß die Be­richte zu spät eingingen und die Beratungen des Plenums immer mehr herabgesetzt würden.

Geheimrat Gruner bittet, den Antrag Richter abzu­lehnen. Bei Gegenseitigkeitsvereinen und Aktiengesäl- schaften werde eine andere Fürsorge getroffen. Der An­trag bedeute überhaupt Aufhebung des Prinzips der ganzen Vorlage.

Abg. Schrader (frei). Vg.) meint, eine gründliche Durchberatung dieses Gesetzes sei wünschenswert. Der Entwurf sei ein weiteres Glied in der Kette der Gesetze, nw beim Publikum gesagt wird,Hie sind hohe Aufsichts­behörden vorhanden. Die für alles sorgen." Dies biete große Gefahren. Die beste Kontrolle ist die Kontrolle des Geschäftsganges.

Nachdem Abg. Dr. Müll er-Sagau (freis. Vp.) noch für den Antrag eingetreten ist, wird derselbe gegen die Stimmen der Freisinnigen abgelehnt.

8 8 wird nach der Kvmmifsionsfassung angenommen Zu 8 ll beantragt

Abg. Müller-Meiningen (frei). Vp.) einen Zusatz­antrag, tvonach die Lebensversicherungs-Anstalten anzu­geben haben, ob sie betreffs der Prämienreserve die Zill- mer'sche Methode anivenden, wonach nicht die volle Prä­mienreserve zurückgestellt wird, wobei jedoch der Satz von 12.5 pro Mille von der Versicherungssumme nicht über­schritten werden darf.

Abg. Lehr (natl.) unterstützt den Antrag.

Geheimrat Gruner erklärt, die Gesetzgebung wolle zu dieser rein technischen Frage keine Stellung nehmen.

Abg. Heim (3tr.) begrüßt den Antrag freudig und bedauert, daß in dem Gesetz eine neue Norm für Versicher­ungswesen aüfgestellt sei. Einer der ersten Grundsätze bei Versicherungstechnik, der erprobt sei, solle hier einfach ignoriert werden. Redner tritt schließlich für den Antrag Müller-Meiningen em.

Abg. Segitz (Soz.) spricht sich gleichfalls für den An­trag aus. Nur die Interessen der Versicherten könnten maßgebend sein.

Abg. Dr Müller-Sagau (freis. Vv.) will nicht, daß geheimrätliche Weisheit zu sehr den Versicherungsgeseltt schäften aufgedrängt werde.

Geheimrat Knebel von Döberitz legt dar, daß sich Professor Wagner und der preußische Versicherungsbettat gegen Zillmer ausgesprochen haben. Tie Regierungen ließen sich von rein sachlichen Gründen leiten

Nach weiteren Bemerkungen der Abgg. Heim (Ztr.) uud Dr. Müller-Sagau (freis. Vp.) wird der Antrag ange nommen. Nach Annahme des 8 11 werden die 8§ 12 bis 58 debattelos angenommen. Nack 8 59 ist die Anlegung von den Prämienreservefonds bildenden Beständen a. in P san dbriefen bis zum 10. Teil des Prämienreserve fonds gestattet.

Abg. Rettich (tonf.) bedauert, daß es gestattet ist, einen Teil der Reserve in Pfandbriefen anzulegeu.

88 59 bis 81 werden in der Kommissionsfassung ge uehmigt Nach 8 81 der Regierungsvorlage sollen die Kosten des Auffichtsrates für bie Privatversicherungsan statten ,,u ein Viertel vom Reich, zu drei Viertel von den Gesellschaften getragen werden, nach dem Kommissionsbesckluß je zur Hälfte.

Abg. Richter (fr. Vp.) beantragt, daß nur daS Reich die Kosten tragen soll, welchen Antrag Abg. Tr. Müller- Meiningen (fr. Pp.) begrüßt.

Geheimrat Gruner bittet, es bei dem Kommissions beschlutz zu belassen.

Mg. Richter (fr. Vp.) führt aus: .Hier soll den Versicherungsanstalten eine neue Steuer auferlegt werden. Etwas ähnliches haben wir bislang in der ganzen Gesetz­gebung nicht. Wenn der Staat die Aufsicht führen will, soll er auch die Kosten tragen. Bei dieser Besetzung des. Hauses werde er vor der Abstimmung die geschästsordnungs mäßigen Kompetenzen ziehen. (Tas Haus ist sehr schwach besucht.)

Abg. Büsing (nl.) führt aus, auch ihm sei die Be ftinimung nicht sympathisch, daß die kosten zur Hälfte auf die Privat-Verficherungsunternehmungen abgewälzt, werden, indessen stimme er für die Kommissionsjassung.

Staatssekretär Graf P o s a d o w S t y erhärt, c macha darauf aufmerksam, daß das AufsichtSamt in seiner < l)ätig feit Recht zu sprechen haben werde. Man kann nuut ver langen, daß die Rechtsprechung kostenlos sein soll. Ties rechtfertigt es, daß ein Teil der Kosten für das Amt vow den Gesellschaften getragen wird. Die Auflage ist so gering, daß sie sich wenig fühlbar machen wird.

Das Haus schreitet zur Abstimmung. Vorhe be­zweifelt Abg. Richter (fr. Vp. 1 die Beschlußfähig feit

Präsident Graf Ballestrem läßt den Namensaufruf, vornehmen, der nur 138 Anwesende Abgeordnete ergiebt. Tas, Haus ist also beschlußunfähig. Er erklärt: Wir niiijien bie Arbeit leider abbrechen. Ich habe keinen Gegenstand mehr, den ich auf die Tagesordnung eines beschußungilstgen Hauses setzen könnte, denn wir riskieren dann, daß fick der wenig erhebende Vorgang, der sich hier ab<«< ipiclfc hat, wiederholt. Ich schlage deshalb vor, die nächste Sitzung am 29. d, mittags 1 Uhr, abzuhalten.

Tagesordnung: Fortsetzung der heutigen 3. Lesung des. Urheber- und Verlagsrechtes.

Schluß halb sechs Uhr.

Die Errichtung einer Landesirrenan^alt in unmittelbarer Nähe von Gießen.

Bon Dr. G. Ludwig, Grh. Mediziaalrat in Heppenheim <Jn derDarmst. Ztg.").

Schluß.

Fern^l' würde die Näbe der dritten Landes -rren- anstalt den Studierenden mit der Einrichtung und dem Betrieb einer größeren öffentlichen Jrrengnstalt b> lannt machen, und ihn hierdurch in den Stand setzen, in )ciner späteren Eigevschaft als praktischer Arzt den di'.rai die geistige Erkrankung eines Angehörigen betroffenen am tti n m Bezug aus die Anstalt und deren Benutzung beratend, und Auskunft gebend zur Hand zu gehen, und bi; lewer noch so häufigen ungemein nachteiligen Vorurteile und Irrtümer zu berichtigen. Nicht minder läßt sich e i mrtt n. daß die Einführung der Studierenden in die dritte Bandes- Irrenanstalt nicht allein dieser Anstalt, sondern auai beit übrigen Landes-Irrenanstalten den jeßt noch immer so schwierigen Gewinn ärztlicher Hilfskräfte und die Wiede^- besetzung erledigter Stellen wesentlich erleichtern würde.

Erscheint es nach dem Gesagten geradezu aw ein Lebensbedürfnis der psychiatrischen Klinik, innerhalb einer gegebenen beschränkten Zeit über eine möglichst große .saht von Geisteskranken als Lehrmittel verfügen zu können mib kann die Klinik für sich allein dieses Bedürfnis nickt be­friedigen, so ist ohne weiteres klar, daß der Klinik nicht allein eine nahegelegene Anstalt zu Hilfe kommen muß, sondern daß auch diese Anstalt nicht zu klein an-mat werden darf, und von vornherein als eriveiteriin .unq geplant werden muß. Diesen Punkt kann ich abci umso­weniger unerwähnt lassen, weil bekanntlich die Abinin nor- liegt, gleichzeitig mit der neuen.LMides-^rrenanstalt m Oberhessen eine weitere Anstalt in der tzrovinz ) Hessen zu errichten