Nr. 73 Zweites Blatt.
151. Jahrgang.
Mittwoch 27. März 1901
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Amis- und Anzeigeblatt für den Kreis Giehen 'n
Die Diskussion über die Ansprache des Kaisers
an die Präsidenten des preußischen Abgeordnetenhauses wird in den Blättern fortgesetzt. Als authentisch hatte oie „National-Ztg." noch die Aeußerung des Kaisers mitge- teilt, daß „statt den allgemeinen Interessen zu dienen, Sonderinteressen verfolgt würden". Von der „Kreuz-Ztg." wurde zunächst bezweifelt, ob diese Bemerkung gefallen sei, worauf die „Nat.-Ztg." erwiderte, sie halte ihren Bericht aufrecht. Inzwischen scheint sich das konservative Organ erkundigt zu haben; es erklärt jetzt, mit jener Aeußerung sich gern abzufinden, aber keinen Anlaß zu haben, sie auf die Bewegung für einen ausgiebigen Schutz der Landwirtschaft zu beziehen.
Eine solche einseitige Bezugnahme hat auch unseres Erachtens schwerlich in den Worten des Kaisers gelegen. Die Verfolgung von Sonderinteressen ist überall wahrzunehmen, hier gemildert, dort in schärferer, rücksichtsloser Form; sie liegt in den Zeitverhältnissen, in der wachsenden Schwierigkeit, im Kampf ums Dasein zu bestehen, und nicht zum mindesten in der Konkurrenz der Parteien, von denen jede nach Kräften für ihre Anhänger sorgen möchte und zu diesem Zweck ihren gesamten Einfluß aufbietet. Es ist nicht viel Aussicht, daß sich dieser Zustand bessern wird. Man thut auch wohl der Regierung mit dem Vorwurf Unrecht, daß sie durch allzuviel Nachgiebigkeit die Politik der Sonderinteressen, unbeabsichtigt, fördere. Wenn die Regierung sich nicht kümmern würde um die Wünsche, die an sie herantreten, so zöge sie sich wohl erst recht Unwillen zu. Also die „Umkehr" ist hier zunächst Sache derjenigen, die nicht müde werden, die Erfüllung ihrer Ansprüche zu fordern. Es wird bei uns viel zu viel gehetzt, d. h. die Parteien — alle, ohne Ausnahme — verfechten nicht ausschließlich ihren Standpunkt mit sachlichen Mitteln. Da handelt es sich nicht um eine- Auseinandersetzung über Ideen, Bestrebungen, Prinzipien, sondern um ein gegenseitiges Schlechtmachen. Wenn man die Parteiblätter alle liest, so kann man leicht zu der Ueber- zeugung kommen, daß wir ein Volk sind von Ausbeutern, Schwachköpfen, rücksichtslosen Prositmachern, verkappten oder offenen Reaktionären oder Revolutionären, Lügner, die patriotisches Empfinden vorschvindeln, wo es sich um egoistische Interessen handelt. Nach diesem Rezept „arbeiten" die Börsianer so gut, wie die Agrarier, die Schutzzöllner und die Freihändler, die Demokraten und die Monarchisten, und in den konfessionellen Lagern sieht es nicht besser aus. Das Herabsetzen und Verlästern der Anderen sollte aufhören, man sollte auch den Gegner als einen au ,onds anständigen Mann ansehen, der auch das Gute will; man sollte mit einem Wort mehr Gerechtigkeit üben. Im letzten Grunde gilt doch überall das ignoramus und die wirkliche schließliche Entwickelung ist doch immer die Resultante aus verschiedenen Kräften und Strömungen. Mit Ausnahmegesetzen erzielt man keine Verbesserung der politischen Sitten; hier vermag nur die Sclbsteinkehr aller wirklich zu helfen. Dies freche, rücksichtslose Herunterreißen und Verlästern alles dessen, was nicht in die eigene Meinungsschablone paßt, ist eine Kinderkrankheit der heutigen Zeit. Hier gilt es, sich zu mäßigen. Das Amt des Parteimannes, des Politikers, muß als ein officium nobile aufgesaßt werden, als ein Amt, in dem Wissen, Können und Erfahrung und anständige und gerechte Gesinnung die Hauptsachen sind. In dieser Richtung sollte sich unsere politische Sitten-Entwickelung vollziehen. Vielleicht trägt die Mahnung des Kaisers dazu bei, daß die; Verantwortlichen in allen Lagern den andern und sich selbst besser auf die Schreib-Finger und Rede-Münder sehen.
Volttische Tagesschau.
Höchst „diplomatisch" hat sich der italienische M i - nisterpräsident Zanardelli zu einem Vertreter des „New-Yorker Herald" über die Dreibunds-Politik Italiens geäußert. Er that den salomonischen Ausspruch, daß das Fntc^esse des Landes allen anderen Erwägungen vorangehen müsse, und deutete an, daß> da die politischen Bündnisverträge vor den Handelsverträgen zu Ende gehen, Italien lange voraus wisse, woran es sich bezüglich des einer« oder anderen zu halten habe. Mit anderen Worten: aus den Verhandlungen des deutschen Reichstages über den Zolltarif wird die italienische Regierung ersehen, welche Zollerhöhungen die Ausfuhr nach Deutschland zu gewärtigen hat, und darnach ihre Neigung zur Erneuerung des politischen Bündnisses zu regulieren. Nun, die italienische Regierung, die die Unterschrift unter den neuen Bündnisvertrag zu geben oder zu verweigern hat, wird jedenfalls nickst den Namen Zanardelli tragen. Seine Premierherrlichkeit steht auf schwachen Füßen. Charakteristisch ist, daß Zanardelli in demselben Interview nicht unterließ, seiner lebhaften Sympathie für Frankreich und die bevorstehende Flottenbewegung in Toulon Ausdruck zu geben. Tndrch hofft er vermutlich, sich das Wohlwollen der einflußreichen, fran- zosenfteundlichen Minister des Innern und Aeußern, Gio- litti und Prinetci, zu sichern. Es ist offenes Geheimnis,« daß der ehrgeizige Giolitti hinter den Coulissen den Sturz Zanardellis bereits vorbereitet, um selbst an dessen Stelle zu treten. Ueber die Politik einer späteren Zukunft braucht sich also Zanardelli den Kopf nicht zu zerbrechen. T-eutscher- seitA wird man jedenfalls an der Auffaffung des Fürsten
Bismarck festhalten, der in dem Dreibund eine rein politische Allianz erblickte.
Eine monarchische Verschwörung ist in Brasilien entdeckt worden. Wir teilten gestern bereits mit, daß der Admiral Mello verhaftet worden ist und der Verräter der Verschwörung, Baron Burg al, sich das Leben genommen hat. Es war beabsichtigt, durch die Ermordung des Präsidenten das Signal zum Ausbruch der Revolution zu geben. Während der allgemeinen Aufregung wollten die Monarchisten in Heer und Marine sich der Stadt bemächtigen und das Regierungsgebäude besetzen. Die Regierungsgewalt sollte einem Triumvirat, bestehend aus dem Admiral Mello, Marschall Cantuaria und dem Anwalt Lafayette Pereira, anvertraut werden. Mello ist nach der in der Bucht von Rio de Janeiro liegenden Jlha das Cobras geschafft worden, da man fürchtet, daß sein Verbleiben in Rio Unruhen Hervorrufen könnte. Eine amtliche Depesche aus Rio de Janeiro besagt: Die Regierung erlangte Kenntnis, daß Kontreadmiral Custodia Mello fortgesetzte Versuche machte, die Marine aufzuwiegeln; obgleich dies nicht gelang, ist, dä das Verhalten zu beständigen Gerüchten Anlaß gab, deren Gegenstand Mello war, dessen Verhaftung als Disziplinarmaß- nahme für nötig erachtet. Die energische Handlung der Regierung machte auf die Bevölkerung der Hauptstadt und der ganzen Republik einen ausgezeichneten Eindruck. Es besteht kein Anlaß, eine Störung der Ordnung zu befürchten. Es herrscht vollkommene Ruhe. Nach einem Telegramm des „New-York Herald" aus Rio de Janeiro sind dort ganz außerordentliche Vorsichtsmaßregeln zur Verhinderung eines Aufstandes getroffen. Alle Besorgnisse konzentrieren sich auf die Marine. Die Kriegsschiffe werden streng überwacht, da man glaubt, daß man sich auf die Offiziere nicht ganz verlassen kann.
Engländer und Buren.
Die kriegerischen Operationen sind, soweit sie durch die Unterhandlungen unterbrochen waren, wieder in vollem Gange. Ueber das Mißgeschick, das dem General Campbell zwischen Standerton' und Vrede zugestoßen ist und ihm rund 200 Verwundete gekostet haben soll, herrscht noch immer tiefftes Schweigen. Der jüngst gemeldete Vorstoß gegen Lijdenburg und Krügers Po st wurde von Machado- dorp und Belfast aus durch je eine Abteilung ausgeführt. Bei Krügerspost war ein Burenlager unter Erasmus gemeldet worden, das aufgehoben werden sollte. Am dritten Tage nach dem Abmarsch trafen die britischen Abteilungen zusammen, und am darauffolgenden Morgen umgaben sie in aller Ruhe das Lager der Buren. Diese hatten offenbar keine Ahnung von dem Nahen der britischen Truppen. Die Engländer eröffneten das Feuer und brachten das Burenlager in Verwirrung. Die Buren leisteten nur geringen Widerstand, sodaß die Engländer das Lager nach kurzer Beschießung stürmen konnten. 52 Buren ergaben sich, nur zwei waren während des kurzen Kampfes gefallen. Das ganze Lager bestand aus ungefähr hundert Mann mit ihren Frauen und Kindern, ferner hatten sie eine große Anzahl Wagen, Karren, Pferde und Vieh bei sich Die vielen Vorräte, die sich im Laaer befanden, deuteten darauf hin, daß sich die Buren in dem Lager ganz wohl befunden hatten. General Erasmus und die anderen Gefangenen kamen am 21. ds. in Pretoria an. Dieser Fall ist wieder ein Beispiel dafür, daß die Buren in der Nachlässigkeit des Wachdienstes die Engländer noch übertreffen.
Im südwestlichen Transvaal ist D e l a r e y zu erneuter Thäsigkeit übergegangen. Jeden Tag kommt es zu Gefechten, und General Cunningham hat Mühe, seine Verproviantierung von Krügersdorp aus aufrechtzuerhalten. Im Oranjefreistaat ist D e W e t scheinbar noch mit neuen Rüstungen beschäftigt. Ueber seinen Aufenthalt meldete Kitchener am 20., daß er in der Nähe von H e i l b r o n sei. Von Te Wet haben sich in jüngster Zeit verschiedene Unterführer getrennt. So Philipp Botha. Dieser hat bei Toornberg der Abteilung des Obersten Williams ein Gefecht geliefert, das unglücklich für ihn ablief. Er selbst fiel mit sieben anderen Buren; 30 seiner Leute, darunter zwei seiner Söhne, wurden verwundet und gerieten nebst zwei weiteren Buren in Gefangenschaft. Philipp Botha war der jüngste Bruder des Oberbefehlshabers, der in seiner Nähe noch einen zweiten Bruder Christian hat. Letzterer nimmt die Stelle eines Generals ein und ist eine der wesentlichsten Stützen Louis Bothas, während Philipp Botha nur ein lleines Kommando unter sich hatte und mit diesem zuletzt im iSüdwesten des Freistaates, nahe bei Kimberley, operierte. Wenn deshalb die Londoner Blätter aus dem jüngsten Ereignis die Schlußfolgerung ziehen, daß Louis Bocha durch den Tod seines Bruders einen in militärischer Hinsicht sehr schweren Verlust erlitten habe, so ist dies unrichtig. Andererseits bietet die Todesnachricht von Phllipp Botha für die Burenfteunde sogar in gewisser Beziehung eine Genugthuung. Tie britischen Berichterstatter hatten nämlich seit sechs Monaten immer wieder behauptet, daß Philipp Botha entschlossen sei, sich mit seiner Truppe den Engländern zu ergeben und daß er in englischem Sinne auf seinen Bruder Louis einzuwirken suche. Jetzt beweist jedoch fein Tod und die gleichzeitige Verwundung seiner Söhne, daß er bisher mutig in dem Kampfe ausgehalten und an eine Uebergabe ebenso wenig gedacht hat wie seine andern Brüder.
China.
Englands Rückzug in China soll durch allerlei Erfind- ungen der Londoner Preffe einstweilen noch verdeckt werden. So läßt sich die „Times- angeblich aus Peking melden, der russische Minister Gras Lambsdorf sei mit der englische» Regierung dahin übereingekommen, daß ber Streitfall in Tientsin der schiedsgerichtlichen Entscheidung des Grasen Waldersee unterworfen werden solle. Selbst wenn oer Streitfall in Ti°mfin noch nicht -nischi-d-n s«n sE-, wird sich doch Gras Waldersee oder, was dasselbe sagen will, di- deutsch- Regierung doch schönstens dafür bedanken, sich
Ein zweiter, der auf eigene Faust jetzt den Guerillaj- krieg führt, ist Fourie, Er sollte nach früherer Meldung bei Dewetsdorp eingekreist werden, wird jedoch neuerdings« aus Thabanchu gemeldet. Es scheint, daß er von Dewetsdorp. mit Verlust von 200 Gefangenen, 140 000 Schafen, 5000 Pferden und einer großen Zahl Rinder entkommen ist, indem er nach Süden rechts und links an dem Oberstem Hickman vorbei durchbrach Es ist nicht Nar, ob die reiche Beute Fourie selbst abgenommen oder von den Engländern zusammengetrieben wurde. Dieses Zusammentreiben ist eine der Hauptaufgaben Bruce-Hamiltons, der von Ali- wal North einen Säuberungszug durch den südöstlia)en Freistaat macht. Rouxville, Zastron und Wepener, die Vorratskammern der Oranjer, hat er schon aus geräumt. In Wepener allein soll er 30 000 Säcke Getreide verbrannt habegu. Inzwischen ist er in das Gebiet von Ladybrand vorgerückt. In der Kapkolonie kreuzte Kritzinger die Eisenbahn bei der Station Henning am 21. in nordöstlicher Richtung undi scheint am 22. schon in der Nähe von Burghersdorp gewefen zu sein. Der Oberst Gorringe folgt ihm noch immer. Eine kleine Abteilung Kappolizei von Burghersdorp geriet beinahe in eine Falle, konnte sich aber mit Verlust einefi Gefangenen zurückziehen. Schee per s Abteilung hatte am 15. westlich von Graaff Reinet ein schweres Rückzugsgefecht.
Im englischen Unterhause erflärte auf eine Anfrage Chamberlain, die Friedensunterhandlungen mit den Südafrikanischen Republiken feien ae» schlo ssen. Die Regierung bleibe ganz und gar bei den von ihr bereits mitgeteilten Ansichten und habe nicht die Absicht, die Unterhandlungen wieder zu eröffnen.
Die Verhandlungen des deutschen Auswärtigen Amtes mit der englischen Regierung wegen der Entschädigungsansprüche der aus Transvaal ausgewiesenen Deutschen sind bereits teilweise zum Ab- schlutz gelangt. Eine Deputation Transvaal-Ausgewiesener, die unter Führung des Justizrats Kuhlow im Auswärtigen Amte in Audienz empfangen wurde, erhielt die Mitteilung, daß die englische Regierung sich bereit erklärt habenden; ausgewiesenen, jetzt zum größten Teil in Berlin ansässigen» deutschen Eisenbahnbeamten Entschädigungen zu gewähren. Für einzelne der Ausgewiesenen sind bereits Beträge bis zu. 5000 Mk. als Entschädigung festgesetzt worden. Die Summen sollen im Laufe des April zur Auszahlung gelangen.
Eine Anzahl englischer Offiziere wird sich in d^n nächsten Tagen nachHomburg zur Kur begeben. ES si^d dies Offiziere, die am Kriege in Südaftika teilgenommen haben und invalide oder verwundet in die Heimat zurückkehrten. Die Gräfin Georgina Dudley trägt die gesamten Kosten der Offiziere in Bad Homburg. Wie verlautet, werden die Afrikakämpfer von der Kaiserin Friedrich empfangen werden. Merkwürdig, daß immer nur englische Offiziere, nicht aber auch Vertreter des Burenvolkes sich so hoher Aufmerksamkeiten erfreuen dürfen. Neutralität ist das doch wohl nicht.
In feinem Buche „Zweimal gefangen" berichtet Earl Rosflyn folgendes Erlebnis mit Dewet: In einem Gefecht, in dem die Jnniskilling Füsiliere heftige Verlusts hatten, blieben nur zwei Mann und zwei Offiziere übrig, die umzingelt und gefangen wurden. Der eine Ofsizie» erzählte mir, daß er vor Dewet gebracht wurde. (£r bat diesen um Erlaubnis, den verwundeten Engländern Wasser geben zu dürfen. Sofort beorderte Dewet einige seinek Leute, Wasser zu holen und befestigte mit eigener Hand ein weißes Tuch um den Arm des englischen Offiziers. So, nun können Sie ungehindert umhergehen und Ihre Landsleute mit Wasser versehen." So wurde dieser Offizien anstatt Gefangener Krankenpfleger.
Präsident Krüger wird, auf Anraten seiner Aerzte, im April nach Hilversum verziehen, wo Wald und Heide seinen Gesundheitszustand hoffentlich bessern werden.
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Telegramme des Gießener Anzeigers.
Loudon, 26' März. Das Reuter'sche Bureau meldet aus Pretoria: Offiziell wird mitgeteilt/ an 350 Pochwerke sei die Ermächtigung erteilt worden, die Arbeit in den Randminen wieder aufzvnehmen.
Loudon, 26. März. Kitchener telegraphiert auS Pretoria vom 25. d. MtS.: Die Kolonne Babington griff südwestlich von BenterSdorf 1500 Buren unter Delaretz an und schlug sie völlig. Er verfolgte sie rasch und erbeutete 2 Feldgeschütze, 320 Geschosse, ein Pompom-Geschütz, 6 Moximgeschütze, 15000 Kartätschen, 160 Flinten, 53 größere und 24 kleinere Wagen. — 14u Buren wurden gefangen genommen, viele gelötet und verwundet. Unsere Verluste sind gering.


