Donnerstag 26. September 1901
Nr. 226
Erstes Blatt.
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151. Jahrgang
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GietzenerAnzeiger
Kr, General-Anzeiger v **
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
Standpunkte aus hat man es ruhig geduldet, daß in Paterson, Cleveland und anderswo Anarchistennester sich bildeten, deren Emissäre von dort hinauszogen, um europäische Monarchen „binzurichtcn". Auch Emma Goldmann dürste mit dieser Auffassung rechnen und höchstens eine Gefangenschaft von einem oder zwei Jahren erwarten, wie sie ihrem einstigen Cicisbeo Johann Most zu teil wurde. Aber wie dem auch sei, so dürften die praktischen Amerikaner doch ein Mittel finoen, um Emmas Erdenwallen um ein Beträchtliches abzukürzen oder doch ihr die Möglichkeit zu rauben, die zarten Regungen ihrer Seele weiterhin auf empfindsame Menschen zu übertragen und einem zweiten Czogolsz das Messer in die Hand zu drücken. Auch Emma Goldmann gehört nicht zu jenen Persönlichkeiten, die aus irgend einem entschuldbaren Motive zu ihrer Verirrung gelangten, die vielleicht in der Uebertreib- ung der weiblichen Neigung zum Märtyrertum zur Prophetin der Vernichtung würben. Wenn die Generalstochter Sophie Perowskaja die Kreise verließ, in die sie ihre Geburt gestellt hatte, um den Armen und Elenden Hilfe und Belehrung zu bringen, wenn sie dann auf der gleitenden Bahn zum Verbrechertum gelangte, so mag man noch auf mildernde Umstände plädieren. Wenn aber die ganze Bestialität der Zerstörungswut sich nackt präsentiert, wenn selbst die Zärtlichkeit des Liebeslebens zur häßlichsten Prostitution wird, dann wird die Nachsicht zum Verbrechen.
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Ueber dieses berüchtigte Mitglied des schönen und schwächeren Geschlechts kommen aus Chicago noch folgende nähere biographische Mitteilungen: Emma Goldmann, „der kleine Feuerbrand", wie sie unter den Newyorker Anarchisten heißt, zählt 35 Jahre. Sie ist in Koona, Rußland, als die Tochter eines armen jüdischen Schneiders geboren und genoß nur den dürftigsten Unterricht. Achtzehn Jahre alt, kam sie vor siebzehn Jahren mit ihren Eltern nach Amerika. Sie heiratete, neunzehn Jahre alt, einen gewissen Greenfield in Rochester, dre Ehe wurde jedoch schon nach anderthalb Jahren getrennt. Ten anarchistischen Theorien wurde sie durch den Chicagoer Anarchisten Louis Bernstein zugeführt, der behauptete, sie sei von Natur „prä- ocstinierte Anarchistin". Bald setzte sie durch die unglaublich rohe und rücksichtslose Sprache selbst die ältesten Mitglieder in Erstaunen. Im Dezember 1892 prügelte sie M o st einer Meinungsverschiedenheit halber in einer Anarchisten-Versammlung mit einer Reitpeitsche durch und wurde nunmehr das Haupt einer eigenen Schule. Emma Goldmann wurde nun das anerkannte .Haupt der Auto- nomisten", während Most der Führer der „Milche und Wasser-Anarchisten" blieb, die „nur schreien, aber nicht handeln". Tie kleine, unschöne Frau, der Typus der russischen Nihilistin, thronte damals in der Kneipe „Zum groben Michel" in der fünften Straße, trank Bier und predigte offen ihre Blut- und Mord-Theorie. Sie bekannte sich offen als Anarchistin der „blutigen That", als Atheistin, predigte Fürstenmord, Gewaltthat und Revolution, verdammte jede Staatseinrichtung und die Ehe. Ihre Bered- 'amkeit war keine flammende; sie spricht ohne Logik, beweist nichts, sondern schleudert nur mit unglaublicher Heftigkeit Anwürfe und Anklagen; ihr Vortrag ist unschön, abgehackt. Sie wirkte nur durch ihre Heftigkeit und eine über alle Maßen banale und rüde Sprache. Am 21. August 1893 hielt Emma eine so aufreizende Rede, daß es selbst der langmütigen Newyorker Polizei zu viel wurde; oie „rote Emma" wurde verhaftet uno zu einem Jahre Gefängnis verurteilt. Vom Gefängnisse aus gründete sie ein Blatt „Tie Brandfackel", doch war ihr Benehmen int Kerker ein so musterhaftes, daß sie im Jnquisiten-Spitale der Krankenpflege zugezogen wurde; später wurde ihr gestattet, ihre medizinischen Kenntnisse (Emma Goldmann hatte in Wien, wie sie selbst erzählt, vor ihrer Reise nach Amerika einen Hebammenkurs absolviert) zu vervollständigen, und ein Jahr nach ihrer Freilassung wurde sie zum Doktor der Medizin promoviert.
Der sozialdemokratische Parteitag. ii.
Lübeck, 23. Sept.
Von den Mannheimer Genossen ist anläßlich der Budgetbewilligung durch die sozialdemokratischen Abgeordneten im badischen Landtag der Antrag eingegangen: Der Parteitag beschließt: die sozialdemokratischen Fraktionen der Parlamente deutscher Staaten sind verpflichtet, das Budget zu verweigern.
Singer leitet und begrüßt die Vertreter der sozialdemokratischen Parteien, die aus Paris, London, Stockholm, Amsterdam und Wien eingetroffen und zugegen sind. Er bringt ein Hoch aus auf die internationale Sozialdemokratie.
Um einviertel 11 Uhr beginnt 2lbg. Psannkuch mit rem Vortrag des Geschäftsberichts. Ter Berichterstatter ührt in Ergänzung des gedruckt vorliegenden (von uns rereits behandelten) Berichts des Vorstandes aus, daß im Vordergründe des Interesses die Brotwucherfrage stehe, denn auch in dieser wie in allen anderen Fragen habe das klassenbewußte Proletariat die Führung und gehe den bürgerlichen Parteien voran. Mit großer Weisheit habe die Partei es vermieden, die Agitation für den Achtstundentag zur Zeit aufzunehmen. Jetzt müsse man alle Kräfte dahin konzentrieren, daß die Proletarier sich überhaupt satt essen könnten. Daß der Parteioorstand sich nicht mit der polnischen Fraktion solidarisch erklärt habe, habe seinen Grund darin, daß diese Fraktion sich ja nicht an die Partei anschließe. Tie oöerschlesischcn und posenschen Genossen haben so wie so einen schweren Stand. Wenn zu all den Schwierigkeiten auch noch das Nichtverstehenwollen der Genossen untereinander kommt, so ist die Lage der
Genossen einfach unerträglich Im Rahmen der Arbeiter- organrsation sind die Polen jederzeit willkommen.
Abg. Gerisch erstattet den Kassenbericht. Der Parteigenosse Schmidt sei gestorben und habe die Genossen Auer, Bebel und Singer zu Universalerben eingesetzt. Diese haben das 40 000 Mark betragende Erbteil der Parteikasse überwiesen. (Bravo!) Die Gesamteinnahme der Parteikasse betrug 317 934 Mk., darunter 80 000 Mk. als Ueberschuß deS „Vorwärts". 13 im Reichstage durch sozialdemokratische Abgeordnete vertretene Wahlkreise, die zur Zeit zu den allerwohlhabendsten gehören, haben keine Beiträge gezahlt. 20 andere Wahlkreise haben nur 4200 Mk. an Die Parteikasse gezahlt, während die Abgeordneten von der Parteikasse über 12 000 Mk. Diäten erhielten. Tie Ausgaben der Zentralkasse betrugen im ganzen 291 788 Mk. Außerdem wurden 22 581 Mark kapitalisiert. Tie Gehälter der Redakteure des „Vorwärts" wurden nicht erhöht, wie beantragt war. Die Reichstagskosten betrugen 28900 Mk., die allgemeine Agitation kostete 71929 Mk., die Wahlagitation 35911 Mk., Preßunterstützungen wurden 67 377 Mk. gezahlt.
Ledebo u r-Berlin behandelt die Entziehung der Unterstützung an einzelne polnische Blätter und bedauert sehr, daß der Vorstand erklärt habe: „an ein gedeihliches Neben- und Miteinanderwirken war nicht mehr zu denken. Die deutschen Genossen in Oberschlesien und Posen hatten es schon längst satt, sich von Leuten angreifen zu lassen, die Genossen fein wollten und die Unterstützung der Partei genossen". In der Beziehung sei die deutsche Sozialdemokratie also noch sehr rückständia. Man möge doch wenigstens die Meinung aussprechen, daß eine Verständigung möglich sei. Deshalb beantrage er die Resolution:
„Ter Parteitag spricht die Erwartung aus, daß ein gedeihliches Zusammenwirken der Partei mit der Organisation der polnischen Sozialdemokratie in Deutschland bald wieder hergestellt werde."
Der „Genosse" Biniczkiwicz entschuldigt sich in fließendem korrektem Deutsch, daß er sich mit der deutschen Sprache nur so durchstümpern müsse, weil seine Mutter- sprache die polnische sei. (Na, na!) Im übrigen wendet er sich gegen die Stellungnahme des Parteivorstandes und nimmt die polnische Agitation und Organisation in Schutz, die niemanden angreife, sondern sich nur verteidige. Aber sie beanspruche eine gesonderte Stellung, weil die Polen eine besondere Nation seien. Deutsche Agitatoren können die Polen nicht brauchen. Im Namen der polnischen Organisation erklärt er, daß diese in allen politischen Fragen stets mit der deutschen Sozialdemokratie Hand in Hand gehen wolle, aber den deutschen Agitatoren in Polen müsse sie entgegentreten.
Fräulein Dr. Luxemburg eifert sehr stark gegen den Antrag Ledebour unb gegen die polnischen Sozialisten. Diese vermeiden sorgfältig, dre Wahrheit zu sagen, arbeiten nur mit Lug und Trug, sagen, sie pfeifen auf unsere Beschlüsse und kommen doch her, für sich günstige Beschisse zu erbetteln. Es werde auch viel zu viel Sums mit ihnen gemacht. Es handle sich nur um eine Handvoll Krakehler. (Wütender Zwischenruf: Gelogen! Frech gelogen!) Diesem Häuslein brauche man keine Extrawurst; zu braten. Mau gehe zur Tagesordnung über.
Abg. Pfannkuch-Berlin bemerkte im Schlußworte: Tie Sozialdemokratie werde die Polen in ihrem Kampfe gegen nationale Unterdrückung stets unterstützen, sie könne aber eine Sonderbündelei der Polen nicht länger dulden. Die polnischen Genossen, die heute hier'gesprochen, haben den Beweis geliefert, daß sie sehr gut der deutschen Sprache mächtig seien, ebensogut wie Genosse Dilon, der einmal mit einem Dolmetscher auf das Parteibureau in Berlin kam, obwohl er ganz vortrefflich deutsch sprechen konnte. — Ter Antrag Bader wurde darauf angenommen, der Antrag, im rheinisch-westfälischen Jndüstriebezirk eine wirksamere Agitation zu entfalten, abgelehnt, über den Antrag Ledebour zur Tagesordnung übergegangen.
Unter großer Spannung betrat hierauf Schriftsteller Eduard Bernstein, ein mittelgroßer, etwas beleibter Mann von etwa 45 Jahren, mit intelligenten Gesichtszügen die Tribüne: Genossen! Es ist gesagt worden, ich hätte seit meiner Rückkehr nach Deutschland durch meine Vorträge die Partei geschädigt. Ganz besonders wurde der Vortrag, den ich im Frühjahre in einer Berliner Studenten-Versamm- lung hielt, als Parteiverrat bezeichnet.^ Ich habe nur in diesem meinem Vortrage gesagt: So große Erfolge auch dre Sozialdemokratie in allen Ländern habe, so klar ihre Forderungen sind, so scheint auf dem Gebiete des wtssenfchaft- lichen Sozialismus eine gewisse Zerfahrenheit zu bestehen. Ich habe gesagt, die Bewegung i|t mir alles, das Endziel ist mir nichts, weil das Endziel von dem Willen abhangt. Wenn ich so gesprochen hätte, wie in der gegnerischen Presse berichtet worden, dann hätten Sie recht, wenn Sie mich anklaaeu, ich würde es auch thun. "Aber in Wirklichkeit ist keine Ursache, daß ein Vortrag solche Aufregung in der Partei verursacht hat. Es steht mir doch frei, zu saaen: der Sozialismus ist noch feine abgeschlossene Wissenschaft. Wir sind doch keine Partei, die auf Dogmen festgelegt ist, sondern eine Partei der freien Forschung. Ich erinnere Sie, welchen Sturm die Veröffentlichung des Brieses von Marx über das Gothaer Programm verursachte. Tie Partei ist trotzdem fort und fort gewachsen und wird auch weiter wachsen, weil sie eine lebenskräftige Partei ift, die die wissenschaftliche Kritik nicht zu scheuen hat. (Beifall.)
Abg. Rechtsanwalt H eine-Berlin: Er sei in der erwähnten Studenten-Bersammlung gewesen und wenn er auch Bernstein nicht zustimme, so müsse er demselben doch bezeugen, daß er die Interessen Der Partei gewahrt habe. Er sei der Meinung, die Partei habe keine Ursache, sich so sehr über den Bernstein sch en Vortrag aufzuregen und überhaupt so viel Zeit auf wissenschaftliche Theorien zu verwenden.
Amtlicher Teil.
Bekanntmachung.
Sämtliche Mannschaften des Beurlaubtenstandes aller Waffen, welche zur Verwendung bei der ostafiatischeu Besahuugsbrigade auf 2 Jahre vom 1. Oktober 1901 ab bereit find, wollen sich unter Einsendung ihres Militärpaffes bis spätestens 30. September d. 3- unmittelbar bei dem unterzeichneten Kommando melden.
Bezirks-Kommaudo Gießen.
F. d. eilt. B.-K.: Morueweg.
Emma (Soldmann.
Am gestrigen Dienstage ist in der amerikanischen Stadt Buffalo Leo Czolgosz, der Mörder des Präsidenten Mae Kinley, zum Tode verurteilt worden. Der junge polnische Fanatiker beS Anarchismus ist das erbärmliche Opfer seiner blindwütigen Schwärmerei für ein niederträchtiges Weib, ein Weib, dem zwar die Grazien nicht reiche Gaben in die Wiege legten, das aber dennoch von ihren Mitschwestern gar manches voraus hat, wenn auch ihre Vorzüge nur den Neid weniger erregen dürften. Fräulein Emma Goldmann ist nicht nur als die geistige Urheberin der Schreckensthat zu betrachten, sie besitzt in sich auch eine erstaunlich starke und ausgeprägte Energie zum absolut Bösen, das so unendlich tief unter dem mephistophelischen BöseSwollen und Gutesschafien steht. Sie gerade darf als der eigentlich leitende Geist des amerikanischen Anarchaften- tumS betrachtet werden. Sie ist nicht die erste und einzige ihre» Geschlechts, die, statt am Spinnrad oder an der Wiege zu sitzen, hinauszog, um blutigen Mord zu predigen: Sophie GünSbura und Olga Iwanowsky, Sophie Perowskaja und Wera Sassulitsch sind ihre Vorgängerinnen, an der Hand einen oder anderen von ihnen llebt das Blut ihrer Opfer, aber keine hat mit solchem wilden Fanatismus Haß und Zerstörung gepredigt, wie die Frau, die den beschränkten und aufgeblasenen Czolgosz zum grausamen Morde verleitete.
In Emma (tzoldmann präsentiert sich noch eine ganz besondere Spielart des Anarchismus. LVährend die Tochter deS bekannten Malatesta, wenn sie als Avostel ihrer Lehre hincruSzieht in die Welt, durch ihre wunoerbare Schönheit die Männer faszinierte, ist Emma Goldmann unansehnlich und häßlich, und doch ist sie, wie sie ein wilder politischer Fanatismus erfüllt, zugleich beseelt von einem Paroxysmus der Wollust, der sie aus den Armen des einen in die Arme des anderen treibt. Als in Rußland der berühmte Prozeß gegen die 193 geführt wurde, glichen die Frauen, die dort auf Anklagebank saßen, nach einem durchaus glaubwürdigen Berichte bleichen Nonnen, sie waren mager, tiefernst und vergrämt; Emma Goldmann ist gleichfalls frei von allem, was man als weiblichen Reiz bezeichnen darf, aber bald schlingt sie Rosenketteu um Jonas Grünebaum, bald um Louis Bernstein, dann feilt sie von der Rednertribüne, auf der sie eben die nahe Zeit verkündigte, in der die Frauen statt Kaffee Thnamit kochen würden, zu einem Schäfersyündchen mit Alexander Benkmann, dann wieder beglückt sie den braven Ätost mit ihrer Huld, um ihn schließlich öffentlich als Feigling zu ohrfeigen und einige Zeit mit einem gewissen Brady zu leben, einem treuherzigen Menschen, der zur Abwechselung ihr Ohrfeigen gab. Als man ihre Papiere mit Beschlag belegte, sand man von ihrer Hand die zärtlichsten Liebesbriefe an Hippolyte Havel, der ihr das auf ihren Reisen erworbene Geld wohlwollend abnimmt, um es in einem Gemisch, von Whisky und Genevre nutzbringend anzulegen. Goethe sagt einmal in der „Iphigenie": „Ein edler Ätann wird durch ein gutes Wort der Frauen weit geführt" und ein anderes Mal versichert er: „Die Frauen sind das einzige Gesäß, das uns Neueren noch geblieben ist, um unsere Idealität hineinzugießen." Der Idealismus, den die Grünebaum und andere bis zu Hippolyte Havel in Emmas Seele ergossen, war eigentümlich genug, und andererseits hat ihr edles Wort den Loo Czolgosz m der That weit geführt. Sie ist in der That die intellektuelle Urheberin der Blutthat von Buffalo geworden unb Johann Most, der doch wahrlich nicht zu den zartbesaiteten Gemütern gehört, blickt ehrfürchtig zu ihr als zu seiner Meisterin heraus. 9hir durch eines unterscheidet sie sich, von ihren fanatischen Schwestern, von einer Sassulitsch und Perowskaja: Während diese Frauen mutig die Last ihrer That auf sich nahmen, suchte Emma Goldmann sich-, als die Polizei in die Geheimnisse ihres Boudoirs eindrang, feige unter einem fremden Namen zu verstecken, als Lena Larsen, als eine Schwedin, gedachte sie den fatalen Folgen ihrer liebevollen Lehre zu entgehen. Schade, daß selbst ein einfacher amerikanischer Polizist schon zwischen einer blondhaarigen Schwedin unb einer russischen Jüdin zu unterscheiden weiß. So wird sie in Zukunft wohl schwerlich Dynamit, ja nicht einmal Kaffee kochen, sondern in der stillen Zurückgezogenheit von Sing-Sing sich der nützlichen Beschäftigung des Tütenllebens hingeben, unb die Früchte ihrer Arbeit werden braven Kindern als Hülle für das Zuckerwerk dienen, das liebende Eltern ihnen bei dem ersten Schulgang schenken. O quae mutatio rerum! So enbete einst einer der grausamsten Tyrannen des Altertums als Präzeptor der bösen Buben von Korinth!
Und doch ist es noch zweifelhaft, ob es nach amerikanischen Gesetzen überhaupt möglich sein wird, der braven Emma Goldmann den Prozeß zu machen. Schafft man auch neue Gesetze, so würden sie doch, unmöglich rückwirkende Kraft erhalten. Bisher stand das gesamte 9)anfeetum auf dem Standpunkt, daß jeder reden dürfe, was er will, und baß die Strafbarkeit erst mit dcr That beginne. Von diesen
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