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Nr. 173 Zweites Blatt.
151. Jahrgang.
Freitag 26. Juli 1901
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Die Industrie-Zölle im Zolltarifeutwnrf.
Aus Berlin, 24. Juli, wird uns geschrieben:
Bis jetzt sind aus dem Zolltarifentwurf — er ist, nach der „Kreuzztg.", dem Bundesrat zugegangen — nur mehrere, allerdings wichtige landwirtschaftliche Zölle bekannt geworden, mit denen sich die öffentliche Diskussion andauernd beschäftigt. Die landwirtschaftlichen Zölle stehen aber an Zahl weit zurück hinter den Industrie-Zöllen, denn über tausend von den rund 1400 Tarifpositionen entfallen auf die Industrie.
Wenn man die Frage aufwirft: „Wie wird der neue Zolltarif auSsehen?", so ist darauf unzweifelhaft zu antworten: Stark schutzzöllnerisch. Daß es in der Absicht liegt, den Zollschutz auch für eine Reihe von Jndustrieen zu verstärken, geht schon aus der Einteilung des Zolltarifentwurfs, des „TarisscheineS" hervor. Bisher ist man mit 925 Tarifuummern ausgekommen; jetzt sind eS um die Hälfte mehr geworden. Aus der starken Zergliederung des neuen Tarifs hat ein sachverständiger Beurteiler, MatlekowitS, den Schluß gezogen, daß „die Tendenz des Entwurfes als eine kolossale Erhöhung der Zollsätze des gegenwärtig bestehenden Zolltarifs zu bezeichnen sei und als eine sorgfältige Arbeit, um jedem Zweige der deutschen Produktion zur beschützenden Fürsorge deS Staates zu verhelfen".
Die Interessenten bei der Borbereitung des Zolltarifs haben sich natürlich möglichst wenig in die Karten sehen laffen. Aber das darf als Thatsache gelten, daß in bedeutender Zahl aus der Industrie Anträge an die Regierung gestellt worden find, sowohl für die Erhaltung wie für die Verstärkung des Zollschutzes. Diese Bestrebungen gelangten bereits zum Ausdruck in den Antworten auf die Fragebogen, die von der Regierung zu vielen Tausenden zum Zweck der „Produktionsstatistik" inS Land hinauSgesandt waren, und worin die Industriellen ersucht wurden, ihre „Wünsche wegen Förderung deS Absatzes darzulegen". Die Wünsche und Anregungen wurden von den Regierungsstellen getreulich verzeichnet. In besonderen Denkschriften find ferner die Ergebnisse der Produktionsstatistik für die einzelnen Branchen, zmamrnengestellt worden. Bekannt ist, daß anfänglich beispielsweise die Tabak- industrie einiges Mißtrauen gegen die amtlichen Erhebungen hatte, daun aber, als mehrmals die Versicherung abgegeben war, es handle sich hier nicht um Steuer- Pläne, reichliches Material lieferte. Endlich fanden die Zollwünsche noch eine persönliche und eifrige Vertretung durch die von den einzelnen Industrien nach Berlin entsandten Sachverständigen. Wir greifen nur einige dieser Wünsche heraus. So instruierten die westfälischen Walzwerke ihren Vertreter, gegen eine Ermäßigung des Roheisenzolls, jedoch dahin zu wirken, daß in Zeiten der Roheisennot der Eingangszoll erlassen bez. zurückvergütet werden möge. Der Berg- und Hüttenmännische Verein für die Lahn-, Dill« und benachbarten Reviere empfahl die Einführung eines Schutz- zolls auf ausländische Erze. Ebenso sind die anderen Interessenten der Stahl- und Eisenindustrie, sowie die Interessenten der Kohlenproduktion auf Schutzzoll bedacht gewesen. In diesen wie in anderen Brauchen legte man besonders Wert darauf, gegen die Konkurrenz aus den Vereinigten Staaten bester gerüstet zu fein. Interessant ist beiläufig im Hinblick auf den der Landwirtschaft zuge- standenen Doppeltarif, Höchst- und Mindestzoll, daß der Vorstand der Nordwestdeutschen Gruppe des Vereins deutscher Eisen- und Stahlindustriellen erklärte, daß, falls für einen Teil der einheimischen Produktion der Doppeltarif aufgestellt werden sollte, die Eisen- und Stahlindustrie ihn auch für sich verlange.
„Um der amerikanischen Konkurrenz entgegenzutreten", ist ferner ein höherer Zoll für Roßhäute und für Chevraux- lebcr zur Schuhfabrikatiou gefordert und vermutlich durchgesetzt worden. Der „Verein deutscher Werkzeugmaschinenfabriken" beanspruchte ebenfalls wegen des starken ameri* kanischen Wettbewerbs „hinlänglichen Schutz in schlechten Zeiten". Vom „Verein der Industriellen" des Regierungsbezirks Köln wurde geltend gemacht, daß einige Zweige, wie Fahrrad-Anfertigung und Werkzeug-Maschinenbau, angesichts des überwältigenden amerikanischen Wettbewerbs und der diesseitigen niedrigen Zollsätze, erheblich höhere Zollsätze verlangen." Die chemische Industrie, die Mufik- Jnstrumenten-, die Spielwaren-Jndustrie usw. werden, wie viele andere Industriezweige mindestens die Beibehaltung des gegenwärtigen Schutzzolls als wünschenswert bezeichnet haben. Nach dem, was in einem früheren Stadium der Vorbereitung des Zolltarifentwurfs die „Franks. Ztg." erfahren hat, beziehen sich sogar die meisten Anträge auf Zollerhöhungen. Andererseits gibt es manche Einfuhrware, über deren Zollbehandlung die Industrie geteilter Meinung ist, indem von der einen Jnteressentengruppe womöglich Zollfreiheit, von der anderen ebenso entschieden ein „wirksamer" Zoll empfohlen wird.
Alles in Allem hat der neue Zolltarisentwurs die Tendenz einer Verstärkung des Schutzzollsystems. Entsprechend dieser Tendenz, die freilich auf vielen Gebieten vom Ausland schon früher befolgt worden ist, dürften die Handelsvertragsverhandlungen bedeutend schwieriger und komplizierter sich gestalten, als bei den gellenden Verträgen.
Engländer und Buren.
In seiner gestern von uns kurz erwähnten Rede hat Lord Milner von der allgemeinen Kriegsmüdigkeit von Freund und Feind gesprochen, und — Friedenspläne geäußert. Doch findet die Rede in den thatsächlichen Verhältnissen keine Unterlage. Die .Kriegspartei unter den Buren, an der Spitze Steijn und De Wet, will die Fortsetzung des Krieges, und wenn „Daily News" abermals ein Gerücht verzeichnet, daß in London Verhandlungen zur Herbeiführung des Friedens in Südafrika stattfänden, so kann es sich dabei lediglich um Verhandlungen im Schoße der britischen Regierung handeln, ohne Einvernehmen mit den Burenführern. Diese letzteren sollen vielmehr, wie der „Times" aus Krügersdorp vom 22. gemeldet wird, neuerdings einen allgemeinen Vorshoß nach Süden vorbereiten, ©berffc Allenby berichtet, daß vor einigen Tagen etwa 1000 Buren Kromdaai nördlich von Krügersdorp passiert hätten. Auch durch die Erzählungen von Buren, die sich ergeben Hütten, werde bestätigt, daß, alle Burenführer sich zu einem Vorstoß nach Süden anschickten. Zugleich liegen amtliche Nachrichten über neue Unternehmungen der (Ätg- länder in der Kapkolonie vor. — Aus Middelburg! wird gemeldet:. Das Kager des Kommandos Lategans wurde am Sonntag von Oberst, Lukin überrascht. Zehn Buren wurden gefangen genommen, 105 Pferde und 70 Gewehre erbeutet.
Einer dem britischen Parlament zugegangenen Druckschrift zufolge befanden sich während des Monats Juni in den Konzentrationslagern in Südafrika 85 410 weiße und 23 489 farbige Personen. Hiervon starben 777 Weiße und 5 Farbige.
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Telegramm des Gießener Anzeigers.
Hilversum, 25. Juli. Der Zar sprach durch den Minister deS Auswärtigen Grafen Lamsdorff dem Präsidenten Krüger sein aufrichtiges Beileid auS; das Gleiche that Präsident Loubet.
Deutsches Reich.
Berlin, 24. Juli. Aus Molde wird gemeldet: Zur Begrüßung des Kaisers wurde am Montag abend bei dem Eintreffen der „Hohenzollern" in Merok auf dem norwegischen Dampfer „Hera" ein Feuerwerk abgebrannt. DlenStag nahm der Kaiser die Vorträge des Fürsten Eulenburg und des Grafen Hülsen Haeseler entgegen. Der Kaiser gedenkt vorläufig in Molde zu bleiben. Wetter andauernd schön, aber sehr warm. An Bord alles gesund.
— Der Generalmajor a. D. von Puttkamer, der vor einigen Monaten in der „Deutschen Tages-Ztg." sich scharf gegen den militärischen Drill ausgesprochen und namentlich zahlreiche Vorschriften deS Exerzierreglements gegeißelt hatte, plaidiert neuerdings in einem im „Tag" veröffentlichten Artikel für eine Verkürzung der Dienstzeit der Infanterie. Als Argument für die Möglichkeit einer Verkürzung der Dienstzeit dient ihm auch jetzt wieder seine geringe Bewertung der Parade, mit der unnütz Zeit vertrödelt werde.
„Der Wert, der beim Exerzieren im Tritt auf die durchgedrückten Kniee gelegt wird, ist für die Kriegsausbildung gleich Null. Auf um ebenem Boden kann man nicht mit durchgedrückten Knieen marschieren, und im feindlichen Feuer denkt kein Mensch daran, es zu thun. Auch ein Teil der Zeit und Mühe, der auf die Einübung exakter Bewegungen in Bataillonskolonne und RegimentSkolonne verwendet wird, könnte erspart werden. Im feindlichen Feuer wäre es Wahnsinn, in Bataillonsoder Regimentskolonne zu stehen oder sich in diesen Formationen zu bewegen."
— Eine jüdische Plantagen-Gesellschaft für Palästina soll von zionistischer Seite inS Leben gerufen werden. In dem betreffenden Aufruf heißt es u. a. :
„Jüdisches Kapital muß inS Land gebracht werden, jüdische Intelligenz soll ihre Verwendung finden, jüdische Arbeiter sollen ihr Brod erwerben und dem Lande erhalten bleiben. Das Land selbst soll in Besitz von Juden geraten. Alles dieses zusammengenommen ist wohl jüdischnationale Kolonialpolitik zu nennen. Ein ganzes Netz solcher Plantagen- Gesellschaften soll in Zukunft Palästina umspannen."
Memel, 24. Juli. Dem „M. Dt." zufolge wurde in einer Versammlung der liberalen Vertrauensmänner be- schloffen, sich bei der Reichstags-Stichwahl der Wahl zu enthalten, jedoch wurde dabei ausdrücklich betont, daß die Nichtbeteiligung an der Wahl nicht als eine Prinzipienfrage aufzufaffen sei, sondern daß eS jedem Parteigenoffen überlasten bleiben müste, zu thun, was ihm beliebt.
Königsberg i. Pr., 24. Juli. Heute abend traf Handels- minister Möller hier ein.
MySlowitz, 24. Juli. In der Nacht gelang es einem im hiesigen Knappschaftslazarett wegen Geisteskrankheit zur Beobachtung untergebrachten Bergmann, aus seiner Zelle zu entweichen und das Freie zu gewinnen. Nur mit Hemd und Unterbeinkleidern bekleidet, flüchtete er über die nahe Grenze bei Schabelnia-Myslowitz nach Rußland. Kaum hatte er russisches Gebiet betreten, so wurde der Kranke von einem der an der Grenze zahlreich ausgestellten russischen Wachtposten bemerkt und verfolgt. Der Flüchtling kehrte nun um und wandte sich eilig wieder der preußischen Grenze zu. Als er diese Überschritten hatte und bereits auf preußischem Gebiet war, gab der russische Grenzsoldat aus ihn zwei Schüsse vb, die beide trafen und den sofortigen Tod dlS Mannes zur Folge halten. Der Thatbestand ist amtlich festgestellt und die Untersuchung eingeleitet.
Ausland.
Paris, 24. Juli. Dem „Petit Journal" wird aus Pagny gemeldet: Vorgestern abend fand aus Anlaß des Kirchweihfestes in Arnaville zwischen jungen Franzosen und einigen zum Feste aus Noveant gekommenen jungen Deutschen eine Rauferei statt, bei der sieben Burschen durch Messerstiche verletzt wurden. Vier wurden verhaftet. An die Metzer Staatsanwaltschaft ist das Ersuchen gerichtet worden, die Verhaftung der Schuldigen vornehmen zu lassen. Unter den jungen Leuten von Pagny und Arnaville herrscht große Aufregung. Sie sollen die Absicht geäußert haben, sich in großer Zahl nach Noveant zu begeben, um Rache zu nehmen. Sowohl von den französischen, wie von den deutschen Grenzbehörden sind Maßnahmen getroffen worden, um die Wiederholung ähnlicher Zwischenfälle zu vermeiden. — Der „Figaro" setzt seine Mitteilungen über die Indiskretionen Felix Faure's fort. Dieselben gelten diesmal mehreren Ministern. Faure liebt insbesondere Meline. Dieser, sagte er, sei in dem thörichten Glauben abgegangen, daß die Kammermehrheit selbst! der gefallenen Regierung treu bleiben werde. Meline hatte die Ueberzeugung, daß ein anderes Kabinett unmöglich, und er bei der unausbleiblichen Neuberufung in der Lage sein werde, sich einiger seiner bisherigen Mitarbeiter zu entledigen, besonders Barthous, der zu selbstständig war. Zu den toten Gewichten des Kabinetts Meline gehörte nach Faure der Kriegsminister Billot, der Meline nervös machte, weil er nicht einmal telephonieren lernen konnte. Faure schätzte Leon Bourgeois persönlich hoch> doch war er ihm zu radikal, und Faure fühlte sich sehr unbehaglich, als er mit Bourgeois Marseille besuchen mußte, wo das Volk ihnen zuries: „Nieder mit dem Senat!" Ich sah, so erzählt Faure, den Augenblick kommen, wo ein Marseiller Spaßvogel mir eine rote Mütze anbieten würde.
Dien, 24. Juli. Die Fürstin Hohenberg, die Gemahlin des Erzherzogs Franz Ferdinand, ist heute vormittag auf Schloß Konopischt von einer Tochter entbunden worden.
Graz, 24. Juli. Die Sturmszenen der letzten Sitzungen des Gemeinderates bei Beratung des Antrages toegen Aufnahme einer Anleihe fanden heute ihren Höhepunkt, als der Vorsitzende die Gallerie, die dem sozialdemokratischen Redner demonstrativ Beifall klatschte, räumen ließ. Es entstund ein 1 o s e n d e r Lärm. Die Galleriebesucher nahmen gegenüber den Gemeinderäten eine drohende Haltung ein. Viele spuckten auf die Gemeinderäte hinunter. Auf der Straße wurden den sozialdemokratischen Gemeinderäten Ovationen bereitet, wobei eine Frau verhaftet wurde.
Budapest, 24. Juli. Von gut unterrichteter Seite wird die Meldung über die Existenz einer Militär koni vention zwischen Oesterreich-Ungarn und Ru- m ä n i e n bestätigt, jedoch wird hinzugefügt, daß die Konvention schon im Jahre 1890 abgeschlossen worden ist, und zwar gelegentlich des damaligen Besuches des Königs Carol in Ischl. — Da der Stadtrai von Wien die Häkeleien mit dem hiesigen Magistrat in der Angelegenheit der Benennung Ofen-Pest statt Budapest fortsetzt, und jetzt auf den Adressen wohl Budapest, int Text der Zuschriften aber Ofen-Pest schreibt, hat der hiesige Magistrat an den Wiener Stadt rat unter unerledigter Zurückweisung dieser Zu- fchriften ein überaus scharfes Schreiben gerichtet, in dem dieses Vorgehen als böswillig bezeichnet und mit scharfer! Retorsion gedroht wird.
Port Said, 24. Juli. Im Auftrage der Hamburg- Amerika-Linie wurde hier dem Feldmarschall Grafen Wal- bersee ein Blumenarrangement überreicht. Am Vormittag' stattete der Kommandant des englischen Stationsschiftes dem Feldmarschall einen Besuch ab. Mittags ging Graf Walderfee an Land und besuchte das deutsche Konsulat. Am Nachmittag machten die Mannschaften, die seit der Abfahrt von Nagasaki zum ersten Mal wieder Landurlaub erhalten hatten, eine Hafenrundfahrt. Die „Gera" lief mit Gesundheitspässen des englischen, französischen und ita- lienischen Konsulats versehen, am Abend von hier aus.
Tuberkulose-Kongreß.
ii.
London, 24. Juli.
Heute veranstaltete die medizinische und pathologische Sektion des Tuberkulose-Kongresses eine gemeinsame Satzung, worin über Tuberkulin verhandelt wurde. Dr. Be- r o n eröffnete die Sitzung mit einem Vortrage, tn dem er für den therapeutischen, diagnostischen Wert des Tuberkulin entschieden eintrat, und versicherte, daß die hauptsächlichen Einwendungen, welch)« gegen die Anwendung des Tuberkulin als Heilmittel erhoben werden, aus Vernachlässigung der von seinem Entdecker gegebenen Vorschriften entsprungen seien. Zur sicheren Diagnose der .Krankheit komme Tuberkulin kein anderes Mittel gleich. Dr. Beron schloß mit einer warmen Anerkennung der Verdienste Koch's.
Prof. Koch, der, als er sich zur Erwiderung erhob, mit lebhaften Beifallskundgebungen begrüßt wurde, setzte die große Bedeutung des Tuberkulin für die Feststellung der Schwindsucht in frühen Stadien auseinander, und machte Angaben über zweckmäßige Verfahren bei der Anwendung. Prof. Fränkel- Berlin erklärte Tuberkulin, wenn bei Anwendung mit Geduld und größter Vorsicht vorgegangen werde, für ein wichtiges therapeuthisches Mittel.
In der heutigen öffentlichen Sitzung des Kongresses hielt Prof. Brouardel den Hauptvortrag, in dem er u .a. darlegte, daß er sich der Anschauung Kochs, wonach die Schwindsucht durchMilch und Fleisch


