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Erstes Blatt.
151. Jahrgang.
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GietzenerAnzeiger
-Kr General-Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
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Adreffe für Depesch>«i Anzeiger Gieheo.
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Amtlicher Teil.
Bekanntmachung.
Betr: Vorträge über Obstbau.
Der Obstbautechniker des Oberhesfischen ObstbauvereiuS, Herr Metz aus Friedberg, beabsichtigt, die nachstehend Der« zeichneten Orte des Kreises Gießen zur Abhaltung von Bor- trägen über Obstbau zu besuchen:
Sonntag den 28. Juli in Heuchelheim, nachmittag- 3 Uhr;
Montag deu 29. Juli in Lang.Göns, abends Punkt 7 Uhr.
Am Schluß des Bortrage» in beiden Orten Gratis« Verlosung einiger im Herbst zu liefernder Obstbäume. An her Verlosung in Heuchelheim können die Mitglieder von Alleudorf a. d. Lahn und Kleiu-Liuden teiluehmen.
Ferner:
Samstag, 3. August, in Wieseck, abends 7 Uhr,
Sonntag, 4. „ „ Annerod, nachmittags 3 Uhr,
Montag, 5. „ „ Großeu-Linden, abends 7 Uhr,
ebenfalls mit Verlosung von Obstbäumeu, und können an der Verlosung in Annerod die Mitglieder aus folgenden Orten teiluehmen: Alten-Buseck, Beuern, Bersrod, Hattenrod, Lindenstrnth, Reiskirchen, Rödgen und Trohe.
Zahlreiche Beteiligung der Mitglieder und sonstiger Freunde des Obstbaues erwünscht.
Gießen, deu 24. Juli 1901.
Der Vorsitzende des BereiuSbezirkS Gießen des Oberhesfischen Obstbauvereins. ___________________Dr. Heinrichs.
Bekanntmachung, betreffend: Die Veranstaltung von Verlosungen innerhalb des Großherzogtums.
Der Ortsvorstand von Ortenberg beabsichtigt mit dem sogenannten kalten Markt, welcher im Oktober d. IS. daselbst statt findet, eine Verlosung von Fohlen, Rindern, Schweinen, landwirtschaftlichen Geräten und sonstigen Gegenständen zu verbinden.
Großh. Ministerium des Innern hat die nachgesuchte Erlaubnis zur Veranstaltung dieser Verlosung unter der Be« dingung erteilt, daß nicht mehr als 6000 Lose zu 1 Mark da- Stück ausgegeben werden dürfen und mindestens 60 Proz. des Bruttoerlöses aus dem Verkaufe der Lose zum Ankauf von Gewinngegenßänden zu verwenden sind.
Zugleich hat Großh. Ministerium den Vertrieb der Lose in der Provinz Oberhessen gestattet.
Gießen, den 22. Juli 1901.
Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Bechtold.
Bekanntmachung.
Betreffend: Die Veranstaltung von Verlosungen innerhalb des Großherzogtums.
Der Ortsvorstand zu Friedberg beabsichtigt mit dem am 22. Oktober d. Js. stattfindenden Herbst-Fohlen- und Pferde- markt daselbst eine Verlosung von Pferden, Fohlen u. s. w. zu verbinden.
Großh. Ministerium des Innern hat die nachgesuchte Erlaubnis zur Veranstaltung dieser Verlosung unter der Bedingung erteilt, daß nicht mehr als 12 000 Lose zu 1 Mk. das Stück ausgegeben werden dürfen und mindestens 55 Proz. de» Bruttoerlöses aus dem Verkaufe der Lose zum Ankauf von Gewinngegenständen zu verwenden sind.
Zugleich hat Großh. Ministerium deu Vertrieb der Lose im Großherzogtum gestattet.
Gießen, den 22. Juli 1901.
Großherzogliches Kreis amt Gießen.
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Bekanntmachung.
Betr.: Antrag auf Feldbereinigung des auf dem linken Lahnufer gelegenen Teils der Gemarkung Gießen.
Nachdem der Antrag auf Einleitung des Verfahrens der Feldbereinigung unb der Anlage von Wegen in den Obst- baumgrundstücken in dem Teile der Gemarkung Gießen, welcher links der Lahn liegt — unter Ausschluß des Hamm und der Inseln bei der Neumühle und der Burksmühle — gestellt worden ist, und nachdem dieser Antrag von Großherzoglichem Ministerium des Innern, Abteilung für Landwirtschaft, Handel und Gewerbe für zulässig erachtet und der Unterzeichnete zum Kommissär zur Leitung der Abstimmung ernannt worden ist, so wird hiermit Tagfahrt zur Abstimmung der beteiligten Grundeigentümer über deu erwähnten Antrag aus:
GarrrStag, 10. August 1901, vormittags von 10% bis 12 Uhr m der Turnhalle des Turnvereins zu Gießen (Stein- straße) bestimmt.
Diejenigen beteiligten Grundbesitzer, welche in der anberaumten Abstimmungstagfahrt weder persönlich noch durch gehörig Bevollmächtigte abstimmen, werden als für das Ver- fahren stimmend angesehen.
Gleichzeitig fordere ich hiermit die außerhalb de» Be« reinigungSbezirk» wohnenden Ausmärker auf, zur Wahrung ihrer Interessen einen im Bereinigungsbezirk wohnenden Bevollmächtigten zu bestellen, da eine weitere besondere Zuschrift im Laufe des Verfahrens an sie nicht mehr erfolgt.
Friedberg, 24. Juli 1901.
Der Großherzogliche Feldbereinigungskommissär: Sandmann.
Der selige Herr Schnäbele.
Es ist Sommer, es ift sogar ein sehr heißer Sommer. Es ist still in der Politik, es ist sogar sehr still in der Politik. Tas ist sehr schlimm für eine Nation, die von politischer Sensation lebt, es ist sogar sehr schlimm in einem Zeitalter, das die Seeschlange nichjt mehr ernst nimmt und über das Auftanchen von Wölfen in den Pyrenäen nur lächelt. Die Nation, die sich selbst den Beinamen der „großen" gegeben hat, fühlt in solchen Situationen Verpflichtungen, Verpflichtungen, die Welt zu amüsieren. Die Presse dieser großen Nation hat einen Exponenten, dieser Exponent heißt „Figaro". Ter Ruf dieses Organs ist heute verblaßt und als Orakel gallischer Gesinnungstüchtigkeit wird es nur noch von dem Auslande anerkannt. Das ist auch schlimm, besonders für seine 'Eigentümer. Alle diese Faktoren sind wohl zu beachten, um das Resultat genügend würdigen zu können. In seinem Pflichtbewußtsein, die Welt zu unterhalten, hat der pseudonyme Mitarbeiter des „Figaro", Samt-Simonin, ein zwerghastes Diminutiv des berühmten Memoirenschreibers, zugleich! in die Tiefen seines patriotischen Gemütes wie in die der Vergangenheit gegriffen. Zuerst hat er allerhand Anekdoten über den bekannten Faschodafall produziert, — Faschoda interessiert zur Zeit der Flottenmanöver in "Frankreich immer. Das zweite Thema hieß: Schnaebele. Schfliaebele ist im vorigen Jahre gestorben, und wer sich an den Fieberparoxismus erinnert, den die erste Nennung dieses melodischen Namens in der politischen Debatte hervorrief, hat bei dem Tode des ehemaligen Spions mit Genugtuung konstatiert, wie sang- und klanglos dieser Mensch damals beigesetzt wurde. Von einzelnen Galvanisierungsversuchen chauvinistischer Pariser Blätter abgesehen, wurde seiner kaum gedacht. Jetzt heißt die Losung in der ganzen französischen Presse wieder: Schnäbele.
Dieser ehemalige französische Polizeikommissar hatte seine amtliche Stellung im GrenMenste dazu benutzt, deutsche Reichsangehörige für Geld zu verbrecherischen Handlungen gegen ihr Vaterland zu verleiten. Beweise lagen genügend gegen ihn vor. Am 20. April 1887 wurde Schnäbele bei einer Unterredung mit dem deutschen Polizeikommissar Gautsch auf deutschem Boden verhaftet. Die französische Presse schlug sofort Lärm — es war die Zeit, da Boulanger an der Grenze große Truppenmassen zusammengezogen hatte und der Regierung nur infolge der Annahme des Septennats im deutschen Reichstage der Mut zu einem Angriffskriege fehlte — Schnäbele sei auf französischem Boden verhaftet worden. Sobald die schleunigst von deutscher Seite angestellte Untersuchung ergeben hatte, daß der Spion zwar auf deutschem Boden, aber bei einer von der deutschen Grenzbehörde veranstalteten Zusammenkunft verhaftet worden sei, erwirkte Bismarck vom Kaiser die Freilassung Schnäbeles und teilte dies in einem Schreiben dem französischen Botschafter in Berlin, Jules Herbette mit. Es war darin ausdrücklich dem deutschen Rechtsstandpunkte nichts vergeben, aber es wurde erklärt, „daß derartige geschäftliche Zusammenkünfte jederzeit als unter dem Schutze des gegenseitig zugesicherten freien Geleites stehend gedacht werden sollten." So der Thalbestand.
Der geschwätzige Eckermann Felix Faures weiß nun folgendes zu berichten:
„Als die Verhaftung des Polizeikommissärs Schnäbele durch Gautsch um 6 Uhr abends auf den Boulevards bekannt wurde, stürmte man von allen Seiten nach der Redaktion der „Republique Francaise", die damals noch der Sammelpunkt aller ehemaligen Gambettisten war, die Ferrysten geworden waren. Von dort ging noch immer das Losungswort für die Regierungsrepublikaner aus. Aber Reinach, der ehemals Chefredakteur war, wußte den ihn mit Fragen über die sensationelle Nachricht Bestürmenden nichts mitzuteilen. Plötzlich! bat er die Anwesenden, sich zu entfernen, da er einen wichtigen Besuch zu empfangen hatte. Wir erfuhren bald, daß es sich, um den Grafen Henckel von Donnersmarck handelte. Auch er war gekommen, um Erkundigungen einzuziehen. „Nein, Sie müssen uns welche geben", erwiderte Reinach,. „Stellt uns Herr v. Bismarck eine Falle? Wünscht er den Krieg?" „Das glaube ich nicht", entgegnete der Graf. „Ich habe noch vorgestern mit dem Kanzler gespeist und er hat mir dabei selbst einige persönliche Aufträge für Paris mitgegeben. Nichts in seiner Haltung und Sprache verriet, daß er auf ein Ereignis, wie das vorliegende, gefaßt war. Meiner Ansicht nach, liegt nur ein unglücklicher Zufall vor. Ich, habe zwar keine offizielle Qualifizierung, um Ihnen das zu sagen, bin aber moralisch davon durchdrungen."
Diese Versicherung des Grafen wurde sofort Herrn Grevy nach dem Elysee gemeldet und auch, dem Ministerpräsidenten Goblet und dem Minister des Aeußern, Flou- rens, hinterbracht. Nach langen Verhandlungen darüber, ob Schnäbele auf deutschem oder französischem Gebiete verhaftet worden war, gelangte man endlich in den Besitz des Originalbriefes, in dem Gautsch den Schnäbele zu einer Besprechung eingeladen hatte. Grevy ließ diesen sofort Her bette nach Berlin schicken mit der Weisung, zuzugeben, die Verhaftung sei auf deutschem Gebiete erfolgt, da dies ja unter solchen Umständen
feine besondere Wichtigkeit mehr hätte. Herbette war in großer Verlegenheit, wie er sich dieses Briefes bedienen Jüute, da Bismarck sich abwesend zeigte, und das Verlangen einer Audienz beim Kaiser einen neuen Zwischenfull von Ems hätte zur Folge haben können (!). Ta er- hielt er den Besuch Münsters, der gegen alle diplo- matljchen Bräuche, wie et selbst zugeftand, aus Friedensliebe sich erbot, einen offiziösen Schutt bei dem Kaiser zu unternehmen, der ihm sehr zugethan war. Herbette zeigte ihm den Brief Gautschs. Münster erbot sich, ihn Bismarck und dem Kaiser zu unterbreiten und versprach als der französische Botschafter zögerte, eine Antwort noch für denselben Nachmittag. Ter Kanzler fragte Münster, mit welchem Rechte er sich überhaupt in die Verhandlungen mischte, und weshalb Herbette diesen Schritt nicht selbst gethan habe. Er geriet in große Aufregung, als der Botschafter ihm erttärte, er werde das Schreiben selbst dem Kaiser unterbreiten, ließ ihn aber gewähren. Der alte Kaiser hörte Münster. sehr wohlwollend an, ließ sich den Bries vorlesen, nahm ihn dann in die Hand, prüfte ihn sorgsam und sagte langsam: „Es war also ein Parlamentär. Wenn wir diesen Mann nicht freilassen, wird niemand mehr wagen, einen Parlamentär in ein preußisches Lager zu schicken. Er muß sofort auf freien Fuß gesetzt werden. Ich werde Befehl daz »r erteilen. Sie können das Herrn Herbette mitteilen." Wenige Stunden später ließ Bismarck Schnäbele in Freiheit setzen."
Tie dramatische Scene zwischen dem Grafen Münster und Fürst Bismarck gehört nun jedenfalls in das Gebiet des historischen Romans. Offenbar will der französisch^ Romancier seine Leser glauben machen, Bismarck habe erst durch den Machitspruch Kaiser Wilhelms bewogen werden können, Schnäbele freizulassen. Gerade das Gegenteil ist der Fall. Die „Hamb. Nachr." schreiben: „Tie Freilassung erfolgte nach einstündigem Vortrag des Kanzlers beim Monarchen. In dem Interview, das Fürst Bismarck im April 1890 dem Vertreter des Pariser Blattes „Matin" in Friedrichsruhe gewährte, sagte er über die Gründe feiner Entscheidung: „Im Schsnäbele-Falle war ich so glücklich,, auf das Argument Ihrer Regierung sofort eingehen zu können. Die Unterredung war verlangt worden, also war freies Geleit selbstverständlich Das genügte und ich ließ Schnäbele frei"
Uebrigens ist die Darstellung Saint Simonins auch bereits von anderer Seite bericht igi worden. Ter frühere französische Botschafter in Berlin, Herr Herbette selbst, schrieb, wie bereits kurz cmeTbet, dem „Figaro":
„Die Auslassungen o-s Präsidenten Felix Faure über die Umstände, unter denen int , ahre 1887 der Schnäbele- Zjwischenfall gelöst wurde, f> ■ ächt '.utreffend, soweit sie meine Person angeh, , Hube iie das Original des Rendezvous-Schreiben de ) Gan tick an Schnäbele in Händen gehabt, und es -u, >cht dem Grasen Münster übergeben können, n ; oun Kaiser Wilhelm I. zu unterbreiten. Ich harte t die Photographie dieses Schriftstückes zu meiner Je ;"ng, und
diese habe ich, ohne einen Augenblick ö v,n
Grafen Herbert von Bismarck, Staatsset. - ar-3
wärtigen Amte, überbracht, der sie dem R< u foi 11 er
vorlegte. Ter Schnäbele-Handel wurde in . üget einer Woche auf diplomatischem Wege in der lichen Form erledigt. Aber er hatte infolge b. \ ■ regung der Gemüter in jener Epoche einen krüist Charakter angenommen, und es kann daher nicht über raschen, daß, gewisse Personen, die mehr oder weniger mit der Sache verwickelt waren, sich brüsten, damals zur Erhaltung des Friedens bei getragen zu haben. Ich bitte, diese Richtigstellung im Interesse der historischen Wahrheit zu veröffentlichen."
Tamit ist oiese unerquickliche Erörterung hoffentlich abgeschlossen. Wenn Herr Saint Simonin noch nach weiteren Lorbeern dieset Art Verlangen trägt, so muß er sich schon Zeiten zuwenden, wo er nicht Gefahr läuft, durch noch lebende Zeugert der (Ereignisse Lügen «gestraft zu werden. Die Emser Depesche z. B. ist lange nicht behandelt worden, überhaupt Napoleon III.; um diese anmutige Gestalt läßt sich doch noch! manche historische Legende weben. Schließlich läßt sich auch das vielleicht noch verwerten, was der! Großvater des Herrn Faure diesem aus Frankreichs Geschichte erzählt hat. So geht der Sommer hin, und der „Figaro" wird flott verkauft, das Blatt macht von sich reden, und erhält wieder einen Schein des früheren Ansehens. Uns Deutschen aber sollte diese neue Aufmachung der Schnäbele-Affaire die Lehre geben, daß nichts, weder Telegramme, noch Höflichkeitsbezeugungen, weder Automobilorgien noch Flotten besuche, in dem Franzosen die Revancheidee ertöten wird. Tas französische Volk braucht stets einen Nervenreiz, es will stets eine cause celebre haben, von der es reden kann. Die gegenwärtigen Erörterungen sind zwar belanglos, aber in der Hand geschickter Politiker wird selbst die historische Legende zu einer gefährlichen Waffe, wofern man nur an den Chauvinismus der Massen appelliert. Wird erst die Sturmglocke der Revanche geläutet, so ist das französische Ohr taub für alle anderen Geräusche und das künstliche Gebäude „guter diplomatischer Beziehungen" ist nicht mehr »wert, als ein Kartenhaus im Winde. Nur die Stärke des Gegners vermag ernüchternd auf den Elan der Revanchemänner zu wirken.
„Taute Sanna."
Präsident Krüger empfing die Nachricht vom Tode einer Gattin, als er eben aus der Kirche heimgekehrt war. Krüger brach in Thränen aus, und bat, man möge ihn allein lassen. „Sie war eine gute Frau", rief er aus. „Wir haben nur einmal einen Zank gehabt, und das war


