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151. Jahrgang.
Sonntag 26. Mai 1»O1
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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Stehen ss
Morgan.
Sev flmerifaner Morgan, der Url>eber 8eS großen nordamerikanischen „Stahlrmgs"', der mehr Geld in seiner S?auÖ vereinigt, alA 1871 Frankreich an Deutschland Kriegs kostet» bezahlt hat, also viertausend Millionen Mar?, hat in diesen Tagen in Paris bei der Befragung durch einen Reporter den Ausspruch gethan, er hoffe in einigen Fahren seine Konkurrenten in England und Deutschland cschnietterii zu können. Tag diese Prahlerei lächerlich ist, bedarf keines weiteren Beweises, ebensowenig, daß diese Worte eine Prahlerei dar stellen Mr. Rrorgan ist ein guter Geschäftsmann, und ein solcher hütet sich denn doch, über einen in nicht geringer Ferne liegenden Plan zu schwatzen, die deutschen und englischen Stahlindustriellen werden also ebenso ruhig sein können, wie die Angehörigen anderer Branchen. Aber bei aller Lächerlichkeit haben diese Tinge doch auch eine ernste Nebenseite!
Ter genormte amerikanische Spekulant ist zunächst für seine eigenen Landsleute verhängnisvoll geworden. Seine tollen Börsentre,ibereien haben Tausende von minder großen Geistern nachgerisscn, und in Newyork sind in diesen Tagen mehr Millionen verloren worden, als alle in Peking interessierten Staaten von der chinesiscl)en Negierung als Kriegs- kosten-Entschädigung gefordert haben. In Europa war man im allgemeinen zu klug, Mr. Morgan aus Wege zu folgen, auf denen die Rückkehr nur unter enormen Verlusten möglich ist. Aber nach diesem Denkzettel ist ein anderer, dem wir vielleicht weniger gleichgiltig gegenüberstehen, nicht unmöglich; nämlich es sind Preistreibereien oder Unterbietungen von sehr unerwünschtem Umfange zu erwarten, und da die Konjunktur noch immer keine ent schloffen vorwärts strebende ist, sind die letzteren das Wahrscheinlichere.
Tie vielgerühmte Wohlthat des Weltmarktes in notwendigen Perbrauchsartikeln gewinnt ein anderes Aussehen, wenn man daran denkt, was werden soll, ivcnn dieser Markt dem Einflüsse einiger weniger Personen ausgehändigt werden könnte. Und darin, daß diese Möglichkeit nicht ganz bestritten werden kann, liegt etwa der Ernst der Sache. Vereinigungen von einer Bedeutung, rote der nordamerikanische Stahltrust sind noch nicht dagewesen, in den irr elften Landern sogar direkt unmöglich, und die Folgen ihrer rücksichtslosen Praxis sind heute noch gar nicht zu übersehen. Hier sind wir erst am Anfang, wir werden ^en, wie weit der Wunsch, mit den europäischen Konventen zu spielen, wie die Katze mit der Maus, bei den uordarnerikauischeu Milliarden-Jndustriellen Erfüllung werden wird.
Gewiß, die Bäume wachsen nirgendwo in den Himmel, aber die gesamte nordamerikanische Wirtschaftspolitik treibt die Tinge mit Naturnotwendigkeit weiter und weiter? Der fremden Einfuhr werden Schwierigkeiten größter Art bereitet, und was auf geraden Wegen nicht zu erreichen ist, wird auf krummen erzielt, während die Ringbildungen in Nord-Amerika selbst die Preise nach Belieben steigern. Sparen ist gewiß schön, daß sich aber solche Riesen- Kapitalien in wenigen Händen vereinigen können, und damit zu einer furchtbaren, von niemanden zu kontrolliren- den oder zu hemmenden Waffe werden, ist doch gewiß keine Wohlthat. Immer werden wenige die Scheere zum
Schafscheeren gebräudjew während die anderen die Wolle lassen müssen.
Ringbildungen mit solchen Riesen Kapitalien stellen eine Macht im Staate bar, an die kein Mensch IjeranBommen kann, über die keine Regierung Mack)t hat, für die alle Handelsverträge blutwenig gelten. Was macht es bei weit über vier MilliaiBen Mark Kovilal aus, wenn einmal ein paar Dutzend Millionen ans Bein gebunden werden, um einem gefährlichen Wettbewerber durch Unterbieten das Genick zu brechen, sodaß nachher die Preise doppelt und dreifach emporschnellen können? Gewiß ist, daß solche Bereinigungen nicht für möglich erachtet wurden, noch gewisser ist, daß dieselben alle Berechnungen zu Schanden machen können.
Ter Amerikaner Väorgan steht nicht bei e i n e m Unternehmen fest, er nimmt, was und wo er viel, sehr viel — mit Lappalien giebt der Mann sich nicht ab verdienen kann. So ist überhaupt die moderne amerikanische Geschäftswelt. Man kann einen solchen Mann ein Genie nennen, aber wenn man erwägt, was einmal daraus folgen muß, wird auch ein Optimist sorgenvolle Gedanken nicht verbergen können?
Gerichtssaal.
'Berlin, 22. Mai. Herr Wilhelm N., der in seiner Mußestunden dem Radelsport huldigt, ohne ein eigenes Fahrrad zu besitzen, mietete sich eines Tages eine Maschine aus einem Berleihgeschäst. N., der keineswegs zu den erstklassigen Fahrern zählte und trotz eines gewissen Unternehmungsgeistes noch nicht die zum Tourenfahren nötige Hebung besaß, sollte hierbei die Erfahrung machen, daß es für einen Anfänger stets mißlich ist, sich zu weiteren Ausflügen eines geborgten »indes zu bedienen. Er lieferte nämlich das Rad in so verändertem und fragwürdigem Zustande zurück, daß der Inhaber des Verleihgeschästes es nicht als das geliehene wiedererkannte und in seiner Entrüstung gegen N. Strafantrag wegen Betrugs stellte. Vorsitzender: Angeklagter, Sie sollen dem Zeugen P., der Ihnen am 5. 2lpril ein noch gut erhaltenes amerikanisches Rad leihweise übergeben hat, statt dessen ein ganz minderwertiges zurückgebracht haben. Räumen Sie das ein? Angeklagter: Minderwertig is jut! Wenn ick 5 Märker Leih» jebiehr pro Dag pinke und for mein scheenet Jeld n’ janz öltet Jestell von Rad triefe, roo mir alle Oegenblicke mit n' Malör passieren muß, so is bet Rad eben von Hause minderwertig. Bors.: Selbst wenn dies der Fall gewesen wäre, was noch gar nicht erwiesen ist, so wären -sie doch verpflichtet gewesen, dem Zeugen das geliehene Rad zurückzugeben. Wie kamen Sie dazu, ein anderes, ganz wertloses zurückzubringen? Angekl.: Et war betfelbigte Rad, ick schiebe mir ’n Eid druff zu. Der als Zeuge erschienene Fahrradhändler P. versichert auf Befragen nochmals, daß das von N. zurückgegebeue Rad ganz anders ausgesehen und auch in seinen Teilen eine andere ZusammensetzunN gezeigt habe. Angeklagter: Et war aber doch detselbigte Rad, bloß hab' ick et missen unterwejens alle Oogenblicke in Reparatur leben, weil et eben 'ne janz schundige, olle Knarre war. Ick hatte 'ne Tour nach Schtendal in ’t Ooge je faßt, kaum hab' ick mir aber in Berlin uff ’t Rad geschwungen und bin so 2 bis 17 Minuten jesahren, da je-
schiebt ooch schon bet ersckste Malör: Ick jerate mit n Vorder» rod in een Straßenbahufleis, verheddre mir und schlaf* lang hin. Die Vvrderrad-Felje war entzwei, und jodl die Pneumatik-Stäbe und die Speickxeu an 'n Vorderrads waren mit zum Deibel. Gleich an 'n nächsten Tage hab ick! mir een Iefuch um Abschaffung der Ileise an die Straßenbahn uffsetzen lassen, et hat aber nischt jelwlfen, nid) 'mal' jeantroortet Ham'm se mir in Folje jänzlichen Mangel an Kulangs. Nach diesem Fall hab' ick in ncr Radklinik een änderet Vorderrad ufsjetrieben und bin weiter jesahren. Wu fing et statt bis zwischen Dalgow un Wustermark, wo der Ralpnen in 'n Klump fing. Loch dafor mußt ick Rat. Ick schasste mir in Jrvß-Behnitz n’ andern Rahmen an un» - heidi? — fing et weiter. Bei Buscksow hott' ick der Pech, runterzufallen, indem bet Fehltet'vor ’n paar jaloppierenbs Pferde scheuen dhot, wobei denn det Treibrad in Trimmer fing. Nach langet Sud;en finde ick in Buscholv neu änderet« Treibrad und radle oerfnüft weiter. So een Pech aber wie an diesem Tage iS iu de fange Schportjeschichtc noch nickst dajewest: In Neunl)ausen mußte ick die Schteierungs- vorrichtung ersetzen lassen, in Rathenow det Iabelschloß, in Iroß Wudicke Sitz und Antriebs Vorrichtung, in Scheen- hausen die Bremse und in Hämerten bet Schutzblech. Na- tierlicherweise verlor det Rad dabei seine anjeborene Aehn- lichkeit mit sich selber. Ooch uss'n Rickweje passierten mir noch allerleihaud Unjlicke, und als ick die Knarre wieder abfeben wollte, da hieß el: „„Wat bringen Se da for it Iammerjestell? Det ist nid) mein Rad! Schaffen Se mir mein Rad zur Sckstelle!"" Tet tonnt ick aber beim besten Willen nid), weil fa die Bnlchsticke iberall verschtreit lagen. Ter Angeklagte wird aus die Unwahrscheinlichkeit dieser Tarstellung hiugewiesen, bleibt aber dabei, daß ihm der Zeuge mit der Unterstellung, er habe fein Rad verkauft ober versetzt und eine andere wertlose Maschine abgeliefert, bitter Unrecht thue. Das Gericht beschließt endlich, die Sache zu vertagen, und die Inhaber der von dem Angeklagten angeblich benutzten Reparatur-Werkstätten olÄ Zeugen vorzuladen. Herr N. verläßt den Gerichtssaal mit den Worten: Wenn ick wieder mal nach Schtendal radle, nehm’ ick lieber die Eisenbahn. Det is nich so jesährlich und kostet billiger ?
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Katalog und Vorführung durch die
Brühfache Druckerei, Giessen, Schulstrasse 7.
Kerliner Kries.
(Plaudereien aus der Laiserstadt.)
(Nachdruck verboten.)
Zum Jubiläum der Berliner Feuerwehr. — Die langersehuteu Schutzapparate der Straßenbahnen. — Berliner Pfingsten.
Unter den vielen Dingen, auf die die Berliner stolz sind, steht die Feuerwehr obenan. Man kann es ihnen förmlich vom Gesicht ablesen, wie zufrieden sie mit der exakten, immer pünktlichen und gewandten Truppe sind, deren Mut oft bis zur Selbstaufopferung geht, wenn plötzlich der schrille Ton der Wagenglocken ertönt, der sich so scharf von der matteren Straßenbahn klingel abhebt, als ob er sagen wollte: „Bitte, verwechselt uns nicht! Wir lsaben zwar auch Eile, aber nicht der Dividenden wegen!" Fünfzig Jahre sind ins Land gegangen seit der Gründung der Berliner Berufsfeuerwehr, deren immense Inanspruchnahme und Thätigkeit uns gar nicht glauben lassen will, daß es eine Zeit gegeben, wo sie nicht da war, wo Hornsignale die nötigen Bedienungsmannschaften für die Spritzen aus der Bürgerschaft zusammentuteten, wenn das verderbenbringende Element seine gierigen Zungen über irgend ein Hausdach hinauswachsen liefe. Ein stolzer Weg, den diese Institution in diesen fünfzig Jahren zurückgelegt hat, und das Wort ans der Kabinettsordre des Kaisers, daß die Berliner Wehr vorbillllich geworden ist, nicht nur für das engere Vaterland, sondern für alle Länder Europas, trifft den Nagel auf den Kopf. Aus aller Herren Länder kommen alljährlich Beauftragte, um speziell die musterhaften und praktischen Einrichtungen der Berliner Feuerwehr zu studieren, Frankreich und England nicht ausgenommen. Tie kaiserliche Anerkennung, die mit einem kleinen Orden s- regen verbunden war, darf man den braven Helfern von Herzen gönnen; prächtiger noch wäre es gewesen, roeim sich unter den vielen Berliner Krösussen ein paar gefunden hätten, die diesen Tag durch eine großmütige Stiftung
für die «rastlose Schar würdig ausgezeichnet hätten; denn wenn auch die städtische Verwaltung nach Kräften Vorsorge für. Invalidität und Schlimmeres getroffen hat, so bleibt doch noch oft genug ein peinlicher Rest, der auf privatem Wege gelost werden könnte. Aber es ist merkwürdig: was den Amerikanern abzusehen ist im Verdienen durch Ringbildungen und andere nette Weitherzigkeiten, das sieht man ihnen auch in Berlin getreulich ab; doch auf den großzügigen Millionär, der in Amerika Universitäten dotiert oder große Wohlfahrtseinrichtungen zum allgemeinen Besten durch Millionenopfer schafft, lauern wir an der Spree vergeblich. Ta gönnt jeder gern dem andern den Vortritt. Hole der Kuckuck diese Sorte von Bescheidenheit!
An den Straßenbahnwagen — vorläufig noch ganz vereinzelt — tauchen endlich die ersten Rettungsapparate auf. Sie bestehen aus einem Fangkorb, der an der Vorderfläche des Wagens in Trittbretthöhe angebracht und, krippenartig eingebogen, nach dem Erdboden zu gerichtet ist. Ter Wagenführer ist durch eine bequeme Handhabe im stände, diesen Fangkorb tiefer zu stellen und anzuheben. Außer dieser unteren Vorrichtung hat man die ganze untere Hälfte des die Wagennummer zeigenden Vorderblechs mit einem federnden Gittervorsatz versehen, der aus senkrecht gestellten Stahlblechstreifen hergestellt ist. In der Prinzenstraße wurde unlängst durch diesen Apparat der erfte Unglücksfall verhütet. Ein zehnjähriges Bürschchen, das seinem Vater über den Fahrweg weg entgegenlaufen wollte und unfehlbar von dem Wagenkoloß überfahren und zermalmt worden wäre, packte Mit beiden Händen nach dem federnden Gitter und wurde vom geschickt gebrauchten Fangkorb ohne jede Verletzung geborgen. Endlich also ist es gelungen, das Ziel zu erreichen, das nach der Meinung so mancher Aktionäre schlechtweg zu den Unmöglichkeiten gehörte. Und mit wie verhältnismäßig einfachen Mitteln! Ich glaube, wenn die Klingeln der elektrischen Straßenbahnwagen eine ähnliche Sprache reden müßten, wie die der Feuerwehr, es wäre auch da manches Menschenleben
gerettet worden. Zu bedauern bleibt, daß für den bevorstehenden Riesenverkehr der Pfingsttage die neuen Einrichtungen nicht schon auf allen Linien und an allen Wagen eingeführt sein können. Aber das ist schlechterdings unmöglich, auch wenn man bereit wäre, von den elf* Tividendenprozenten großherzig ein paar zu opfern.
Berliner Pfingsten! Ein großer Bienenkorb, der plötz- lick; über einer blumigen Wiese mit blühenden Linden am Rande geöffnet wird, giebt ein schwaches Bild im Kleinen davon. Himmelfahrt war die große Generalprobe und sie läßt riesiges erwarten. Tausende ziehen schon mit Sonnenaufgang hinaus in die märkischen Wälder und ihrem kräftigen Kiefernduft; manche gute Seele legt sich lieber erst gar nicht schlafen, um ja die Rendezvous-Stunde nicht zu verpassen. Jeder Vorortzug speit neue Mallen aus,, die Natur genießen wollen, altes und junges Volk, Handwerker und Arbeiter, flotte Kommis, die sich auf den Stutzer hinausspielen und hübsche junge Mädchen, die der Tunst der Plättstuben und Verkaufsräume mit jener interessanten Blässe angehaucht hat, die so ganz und gar ungesund ist, und leider mit den paar Stunden würziger Waldluft nicht vertrieben werden kann. Aber ihre roten Lippen lachen, ihre frohen Augen glänzen und der Pfingsd- ftaat, den Gottfried Keller in feinem „Berliner Pfingsten" sv luftig beschrieben hat:
„Frisch gewaschen und gesteift, Tadellos gebügelt,
Blau und weiß und rot gestreift. Wunderbar geflügelt . . ."
macht sie stolz wie echte Prinzessinnen! Und beim König Lenz sind sie mit ihren säubern Fähnlein audj hoffähig. Freilich wenn plötzlich ein Platzregen kommt, wird die Sache böse. Nun, hoffentlich bewahrt sie der Himmel vor der überflüssigen Nachwäsche und schenkt uns allen ein sonniges Pfingsten!


