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26.1.1901 Zweites Blatt
 
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Nr. 22 Zweites Blatt. Samstag den 26 Januar 151. Jahrgang 1901

MehenerAnzeiger

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Zum englische« Thronwechsel.

lieberbie Proklamierung König EdwardsVII. wird aus Loudon berichtet: Trotz des trüben Wetters sammelte sich morgens eine ungeheure Menschenmenge vor Cem St. James-Palast an, um die formelle Proklamation mit anzuhören. Um 9 Uhr erschien der Herzog von Nor­folk mit Herold und Trompeter auf dem Balkon. Nach einem Lrompetentusch wurde die Proklamation von einem Herold verlesen, der zum Schluß laut ausrief:Gott erhalte den König", in welchen Ruf die Menge einstimmte. Nach einem weiteren Trompetentusch zogen sich die Herolde zurück, um an verschiedenen anderen Stellen die gleiche Ceremonie zu vollziehen. Der Herzog, der ein prächtiges rotgoldenes Gewand trug, sowie die ebenfalls in prachtvollen Kostümen gekleideten Herolde wurden von Leibgarde eskortiert.

Das Londoner Amtsblatt veröffentlicht den Wortlaut der Rede, die König Edward im Geheimen Rat hielt und die folgendermaßen lautet:

Niemals werde ich unter schmerzlicheren Umständen eine Rede an Sie zu richten haben. Ich habe zunächst die traurige Pflicht zu erfüllen, Ihnen den Tod meiner ge­liebten Mutter, der Königin, mitzuteilen. Ich weiß, welch tiefen Anteil Sie, die ganze Nation, ja ich glaube nicht zu weit zu gelten, wenn ich sage: die ganze Welt an meinem unersetzlichen Verluste nehmen, der uns alle trifft. Ich glaube wohl kaum zu sagen, daß ich mich stets bemühen werde, ihren Fußstapfen zu folgen. Indem ich jetzt die mir zufallende schwere Aufgabe übernehme, bin ich fest entschlossen, ein konstitutionellerHerr- s ch er im st r en g st e n S in n e des Wortes zu sein und für das Wohl und die Fortentwicklung meines Volkes thätig zu sein. Ich habe mich entschlossen, den Namen Edward anzunehmen, der bereits von sechs meiner Vorgänger getragen wurde. Hierbei unterschätze ich nicht den Namen Albert, der von meinem stets betrauerten großen und weisen Vater geführt wurde, der, wie ich glaube, mit allgemeiner Zustimmung, unter dem Namen Albert der Gute bekannt ist und dessen Name, wie ich wünsche, allein dastehen soll. Zum Schluß gebe ich dem Vertrauen Ausdruck, daß mich Parlament und Nation bei der Erfüllung der mir als Thronerben zufallenden

schweren Pflichten unterstützen werden, denen ich mit ganzer Kraft den Rest meines Lebens widmen will.

Die Leiche der Königin ruht auf einem Bett, das in der Mitte des Zimmers steht, zur Hälfte mit einer weißen seidenen Decke zugedeckt. Ein weißer Schleier, gleichfalls von feinster dünner Seide, der aber das Gesicht durchscheinen läßt, liegt über dem ganzen Körper. Das Zimmer ist mit Pflanzen und Palmen geschmückt, während auf dem Bett weiße Blumen ausgestreut liegen. Zu Häupten des Bettes ist ein silbernes Kruzifix angebracht und dicht daneben steht ein Bild des Prinzen Albert. Bilder aus der Bibel schmücken die Wände. Eins davon stellt den barmherzigen Sama­riter dar.

In Cowes ist alles ruhig, obwohl die Stadt mit Fremden aus London voll ist, die herbeigeeilt sind, um die Königin zu sehen. Kaiser Wilh elm sieht man sehr wenig. STur manchmal macht er kurze Spaziergänge mit den Prinzen. Er begiebt sich von hier nach Windsor. Nach einer Meldung aus London war, als Kaiser Wilhelm ankam und an das Krankenlager der Königin trat, das Bewußtsein derselben etwas umschleiert und es s ch i e n i h r, als sei ihr Schwieger­sohn Kaiser Friedrich zu ihr gekommen. Der Kaiser sagte jedoch sanft und liebevoll:Nein, nein, ich bin es. Dein Enkel Wilhelm." Diese Worte schienen die Königin zum Bewußtsein zurückzubringen.

Im Falle, was wahrscheinlich ist, der Kronprinz nach England reist, dürfte er, derKreuzztg." zufolge, seinen Vater bei der Beisetzung der Königin Viktoria vertreten. Der Kaiser bleibt wahrscheinlich nicht so lange in England. Nach demselben Blatte verlautet über den nunmehrigen König Edward VII. in sonst gut unterrichteten Kreisen, daß dessen Beziehungen zu Kaiser Wilhelm in den letzten Jahren erfreulich an Wärme und Innigkeit zu­genommen haben. Man weiß auch, daß der bisherige Prinz von Wales freilich in den durch die englische Verfassung gezogenen Grenzen sich mit politischen Angelegenheiten beschäftigt und einen entsprechenden Einfluß ausgeübt hat. Er ift, so führt dieKreuzztg." weiter aus, also keineswegs das unbeschriebene Blatt, als das man ihn in der Oeffent- lichkeit so gerne bezeichnete. In den letzten Lebensjahren seiner jetzt verstorbenen Mutter hat er nicht nur die reprä­

sentativen Pflichten in erweitertem Umfange ausgeübt, er hat auch in den politischen Fragen durch Anknüpfung mit den maßgebenden Persönlichkeiten sich orientiert. Zweifellos seien ihm die gerade jetzt am Ruder befindlichen Staats­männer sympathischer, ebenso wje sie auch der Königin Vik­toria näher gestanden haben, als ihre politischen Gegner. Das dürfe freilich den König nicht hindern, ganz im Sinne seiner verstorbenen Mutter, die wechselnden Ministerien! stets in Betracht zu ziehen.

An der Börse versucht man, über die Folgen der Re­gierungsveränderung in England unfruchtbare Bemerkungen zu machen. Denn, auch den starken Familieneinfluß der dahingeschiedenen Königin, als ins Gegenteil umgeschlageu anzusehen und hieran Befürchtungen für die Politik zu knüpfen, ist Kannengießerei. Wirklich bedeutende Fragen der auswärtigen Politik konnten niemals auf dem Wege von Kabinetteinflüssen erledigt werden, es waren dies nur immer Begleiterscheinungen, wie sie beständig zwischen den verschiedenen Höfen, resp. den mit einander befreundeten Fürsten stattfinden. Augenblicklich kann es sich ja auch nur um die Transvaalfrage handeln, und es wäre mehr' als grobe Unwissenheit, anzunehmen, daß in einer Angelegen­heit, in der das englische Volk einmal eine Machtfrage sieht, irgendwelche Verschiebungen in der Herrscherpersönlichkeit etwas ausmachen könnten. Während ihres ganzen langen Lebens ist die verstorbene Königin nicht in der Lage ge­wesen, Angelegenheiten, die dem Interesse Englands ent­gegenstehen, anders als im Sinne der öffentlichen Meinung zu entscheiden. Selbst ihr so viel berühmter Einfluß bei Verhütung einer Intervention wegen Schleswig-Holstein ist, bei Lichte besehen, sehr einzuschränken. Man hat daher vor allem wegen der Entwickelung der Transvaalfrage kein Recht, weitgreifendere Kombinationen an die Thron­besteigung des neuen Königs zu knüpfen.

Aus Paris wird gemeldet: Die s r a ck z ö s i s ch e Re­gierung wird sich beim Leichenbegängnis der Königin Vik­toria durch eine Abordnung des Militärgefolges des Prä­sidenten Loubet unter Führung des Generals Dubois ver­treten lassen. In einer Beratung kamen die Vorsitzenden beider Kammern überein, daß aus den Reihen der Sena­toren und Abgeordneten heraus die Aufhebung der Sitzung

Hießener Stadttheater.

Niobe.

Schwank in 3 Akten von Harry und E. A. Pa ul ton.

An dieBiermimiken" meiner Studentenzeit erinnerte mich diese zu neuem Traumleben erwachteNiobe", an die schlichen »Tage, da wir, triefend von gymnasialer klassischer Philologie, unter abenteuerlichen Witzen den Olymp hinab, den HaoeS hinauf auf die alkoholfeuchte Erde führten, als ebenso strebsame Schüler Otto Ribbecks wie als maßlose Verehrer Jacques Offenbachs. Damals schilderten wir den Lamps zwischen Ideal und Leben recht mit bewegter Seele. Schade, daß wir diese Ausgeburten unserer Bierphantasie damals nicht litteraturfähig machten, wie es in den letzten Lagen Harileben, Bierbaum u. a. gethan haben; vielleicht hätte das damals schon, in einer Epoche längst vorCharleys Tante", Epoche gemacht.

Der klasfizierende Witz der Herren Paulton aus London oder Manchester und des Herrn Dr. Blumenthal aus Berlin ist nicht sehr stark und die Form der englisch-deutschen Paro­disten monoton. Niobes Rede müßte schwingen und schweben in allen Versmaßen,und sie bewegt sich doch" nur in allzu gleichförmigen fünffüßigen Jamben. DieseNiobe" scheint mir als eine Art Anti.Hannele" gedacht. Wenigstens

Blumenthals Uebertragung und Hauptmanns Dichtung mS demselben Jahre 1893. Ich fasseNiobe" als ein parodistisches Traumstück für Heiterlinge auf. ES steht in ähnlichem Verhältnis zu den Offenbachiaden wie Hauptmanns »Schluck und Jau" zu ShakespearesBezähmter Wlder- spellstiger".

Herr Dünn, ein Versicherungsagent, hat Albdrücken, Gewissensbisse und eine böse Schwägerin, die ein volles Dutzend grantiger Schwiegermütter auswiegt. Das Albdrücken dürfte von einem überreichlich feuchten Abend und die böse Schwägerin von seiner Heirat kommen. Näheres darüber nfihren wir nicht; die Gewissensbisse aber hat er als Ge- MftS- und Ehemann. Um einen Riesenpreis hat er die niweincnbe Niobe", eine kostbare antike Statue, für einen reichen Lord versichert, der sonderbarerweise nur für mar tnoicne Weiber schwärmt. AuS Furcht vor Schaden und Dieb Ml hat er das Werk in seine Wohnung genommen, wo die klassische Dame im leichten Gewände bei Weib, Magd, Dich »n8> allem, was sein ist und nicht sein, Anstoß erregt. Der Load hat ihm von der Sage erzählt, nach der die Niobe rersteinte, wie weiland Lots selige Ehefrau zur Salzsäule er-'

starrte. Mr. Dünn hat keinen Sinn für Antike, er liebt die Erfindungen der Neuzeit und läßt gerade sein Haus mit elektrischem Licht versehen. Auch um den Fuß der Statue hinter dem Vorhang ist der elektrische Draht geschlungen. Seine Familie fährt ins Theater, Herr Dünn entschlummert auf einer Ottomane und bekommt Albdrücken. Eine sanfte Musik das Traumspiel beginnt. Niobe, die Statue, belebt sich; sie, die einst dem Zorn der Himmlischen ein Ziel war, steigt, durch den elektrischen Funken auferweckt, von ihrem parischen Marmorblock herab, tritt in die Stube des Citybürgers zu London und wundert sich über nichts mehr, als daß des Hauses hoher Gebieter Hosen trägt! Dann huldigt sie ihm als hohem Herrn, verlangt, daß man ihr ein Bad rüste, und entlüftet sich darüber, daß in London nicht die Gesetze Thebens gelten, die dem Mann zwei Ehefrauen gestatten.

Wir sind seit Bellamy und Eugen Richter das VorauS- blicken in kommende Zeit mehr gewöhnt als Parallelen mit der grauen Vergangenheit. Mistreß Niobe schaut zurück und vergleicht ihre Zeit mit der Gegenwart, d. h. leider nur ein paar handgreifliche Aeußerlichkeiten. Immerhin finden sich manche kleinen Einfälle belustigender Art über den Schwank ausgestreut. Ein Radfahrer ist ihr der aus der Unterwelt heraufgekommene Jxion, als Bacchanten erscheinen in ihren Augen bie Kümmelbrüder der Straße usw.

Unter derartigen geschmackvollen Ein- und Ausfällen spielt sich ein ziemlich harmloses Ehestandsdrama ab. Die 14kindrige antike Schmerzensmutter stiftet in dem sweet home der englischen Familie alle möglichen Verwirrungen an. Trotz des Götterzornes will sie im neuen Leben lieben. Peter Dnnn aber ift ein Peter, wie er petriger unmöglich ist. Als Schwert des Damokles schwebt über ihm seine orestestch furienhafte Schwägerin. In seiner qualvoll fürchterlichen Enge gibt Dünn die Niobe für die erwartete Gouvernante auS; sie wird in moderne Gewandung gesteckt und muß auf alle mög­lichen Kreuz- und Querfragen Antwort stehen. In diesen Partien tritt die satirische Absicht ganz in den Hintergrund und dem Schwank wird sein tollstes Recht. Während Niobe ihre Sprache nach der Rhythmik des Sophokles stilisiert und sich in den edlen Maßen der Antike bewegt, kann man ficb etwas Platteres und Hausbackeneres als das Gebühren und die Redeweise des guten Herrn Dünn nicht denken. Weffen Empfindungsweise noch ein bischen auf dieGötter Griechen lands" gestimmt ist, den muß bei den grotesken Kontrast- spielen Wehmut überschleichen, wobei er allerdings aus dem Lachen über die unglaubl'che Narretei nicht herauskommt. Da nun der Lord seine Statue von Dnnn verlangt und

dieser ihm statt der stummen Niobe nur eine lebendige Gouvernante in die aristokratischen Arme zurücklegen kann da hört das Alpdrücken auf und der Versicherungsagent kann sich davon überzeugen, daß biewürdig Schreitende" statt auf denZinnen des Palastes", noch am rechten Orte sich befindet. Schließlich verabschiedet sich Niobe mit ein paar graziösen Versen von dem Publikum.

Dem Schwanke liegt eigentlich ein köstlicher Einfall zu Grunde: Zwei litterarische Moden werden auf die Pritsche des parodistischen Humors gespannt, das Spielen mit archäo­logisch-antiquarischem Kuriositätenkram ü la Ebers, Hamerling und Konsorten, und das Traum- und Märchenstück L la Hauptmann, Rostand rc. Aber er erfordert, wenn er ge- geschmackvoll wirken will und nicht als Farce, ein außer­ordentlich graziöses Spiel, ein Schweben in sapphischen Rhythmen während des ganzen Schlafwandels. Traumhaft abgedämpft könnten die fürchterlichen Banalitäten wohl als Karikatur von echter Künstlerschaft gelten.

Ein Gast aus Berlin, Frl. Thea v. Gordon, gab gestern bei uns die Titelrolle. Wir bewunderten die ent­zückende körperliche Plastik, die dieser verwegenen Renaissance antiker Formengebung daS wirkungsvollste Relief gab. Der alte Homer hätte ihr daS schöne schmückende Beiwort ßaWXroc gegeben. Wir wunderten uns ferner über bie vollkommene Unbefangenheit, mit der sie die Situation ge­wissermaßen als etwas Selbstverständliches hinnahm, wir waren erstaunt, mit welcher unvergleichlichen Grazie sich bie 3000 jährige Niobe hineinfand in die moderne Gewandung. Frl. v. GordonS anfänglicher Versuch, das Griechentum mit Ernst zu tragieren, scheiterte leider früh an der mangelnden Glätte deS Zusammenspiels. Den reichen Applaus, den man her schönen Darstellerin spendete, verdoppelte ihr reizendes Lächeln, mit dem sie bie ihr huldigenden Beifallsspender lieblich lohnte.

Herr Helm schaute, um mit unserem feuchtfrohen Freunde Datterich zu reden, mit sehr erheblichgeistmäßige Aage" in die Traumwelt DunnS Man merkte diesem Niobiden leider bufl aus heftigem Trankopferfrohsinn entstandene Albdrücken in weit größerem Maße an, als der schwerste Zechertraum es hätte rechtfertigen können. Gegen diesen Dünn wäre ein Offenbach'scher MenelauS wie ein äschyleischer Prometheus erschienen. Frau Kruse brachte als alte Schraube das englische shoking zu wirkungsvoller Geltung. $err scher hatte nicht daran gedacht, daß dieser Marmorweibe - freund auch parodistisch genommen werden kann.