Ausgabe 
25.9.1901 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 225 Erstes Blatt.

151. Jahrgang.

Mittwoch 25. September 1901

Erscheint täglich mit Ausnahme des

Montags.

Die Siebener Familien, blätter werden dem An­zeiger im Wechsel mit oem .Hess. Landwirt* und den ^Blattern sür hessische Volkskunde* viermal wöchentlich bei­gelegt.

-iedaktron, Expedition und Druckerei:

Schulstraße 7.

Adreffe für Depeschen: «u-etger Gießen.

FernsprechanschlußNr.bl.

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger v '**

Amts- und Anzeigeblatt für den ttreis Gießen

Annahme von Anzeige» zu der für den folgenden. Lag erscheinenden Nr. bis vormittags 10 Uhr. Alle Anzeigen-Vermitt- lungsstellen des In-und Auslandes nehmen An­zeigen entgegen.

Zeilenpreis: lokal 12 Pf» auswärts 20 Pfg.

Rotationsdruck u. Ver­lag der Brüh l'schen Unioersitäts - Druckerei (Pietsch Erben).

Verantwortlich für den allgemeinen Teil: P. Wittko; sür den An­zeigenteil: Hans Beck.

Nach der Zareureise.

Ter Zarenbesuch in Frankreich ist nun auch ein Stück Vergangenheit, wie die Monarchen-Entrevue aus der Dan­ziger Rhede. Nicht nur in Frankreich, sondern auch in Deutschland darf man auch heute noch mit Befriedigung auf bett Besuch des mächtigen nordischen Herrschers zurück- blicken, dem wir Hessen unsere besondere Sympathie ent­gegenbringen, weil er der Schwager unseres verehrten Landesfürsten ist. Es erfüllt uns mit besonderer Freude, wenn wir hören, daß der junge russische Kaiser sich durch seine persönliche Liebenswürdigkeit bie Herzen aller derer zu erobern vermochte, die jetzt seiner Gesellschaft teilhaftig wurden, sei es jenseits der Vogesen oder oberhalb der Weichselmündung. Wir haben erfahren, daß er an Statt­lichkeit und blühenden: Aeußeren zugenommen hat, und namentlich erfreulich für uns Hessen ist es, daß er auch auf dieser strapaziösen Reise mit rührender Hingebung sich so viel als möglich seiner Gemahlin widmete und es sich, wie verschiedene Berichte versichern, nicht nehmen ließ, ihr unausgesetzt die mannigfaltigsten kleinen Dienste zu er­weisen, ja daß er mit schier eifersüchtiger Umsicht es nicht zuließ, daß andere, und wenn es auch noch so hochstehende Würdenträger waren, ihr diese oder jene kleinen Hilfe­leistungen zu teil werden ließen. Bedauern aber müssen wir, daß das hohe Paar auf seiner diesjährigen Reise die Hcruptstabt unseres Gvoßherzogtums nicht berührt hat; aus welchem Grunde dieser Besuch unterblieb, ist nicht bekannt geworden.

Doch persönliche Empfindungen treten in den Hinter­grund gegenüber den großen politischen Gesichtspunkten. Die Vermehrung und Festigung der Friedensgarantien, die ausdrückliche Versicherung der friedlichen Absichten der ver­bündeten Länder, ist, wie der Zar sehr richtig sagte, ein wertvolles Element der Beruhigung für die gesamte Menschf- heit. Freilich gerade in Frankreich giebt es nicht wenig Leute, die sich zu der vom Zaren erwähntengesamten Menschheit" nicht rechnen dürfen. Die revanchelüsternen Nationalisten und Chauvinisten werden nicht besonders er­baut sein von manchen Worten des Abschied nehmenden Zaren. Und obendrein ist den Parisern durch das Fern­bleiben des Zaren von ihrer Hauptstadt ein Wermuts­tropfen in den Freudenbecher gefallen; die Franzosen im allgemeinen aber können sich mit dem Bewußtsein trösten, daß auch die Provinz einen würdigen Rahmen sür die Zarenfeste geboten bat, und daß in Dünkirchen, Compiegne und Reims die mise-en-scene, in der sie ja Meister sind, immerhin noch um ein gutes Teil glänzender und reiz­voller war, als auf der Danziger Rhede, wo statt der schwungvollen Ansprachen, der Huldigunasdeputationen, und statt des Jubels enthusiasmierter Volksmassen nur das knappe Kommando unserer Seeoffiziere und das martia­lische Hurra unserer Matrosen dem hohen Gaste entgegen­scholl, und tvo statt der Ehrenpforten und Triumph­bogen die eisernen Leiber unserer Panzer und die schwarzen Schlote unserer Torpedoboote emporragten. Den Ruhm, in dieser Hinsicht die Palme errungen und den Ruf edler, herzerfreuender Gastlichkeit, auf den la belle France so lange schon stolz sein darf, auch diesmal wieder behauptet zu haben, wollen wir unseren westlichen Nachbarn um so bereitwilliger gönnen, je weniger es dem objektiven Beurteiler zweifelhaft sein kann, daß an politischer Be­deutung die Entrevue von Danzig, bei der die festlichen Arrangements im knappsten Rahmen gehalten waren, und von deren Einzelheiten die Welt so gut wie nichts erfahren hat, das Beisammensein des Zaren mit dem Präsidenten Loubet und der ganzen Schar hoher und höchster Tig- nitäre der französischen Revublik doch überragt.

In Compiegne fanden die leitenden Männer des Zwei­bundes Gelegenheit, in vertraulicher, mündlicher Aus­sprache über die Weltlage sich zu unterhalten; innerhalb der west-östlichen Allianz aber ist, wie selbst von franzö­sischer Seite wohl oder übel anerkannt und zugestanden wird, in allen hochpolitischen Fragen Rußland der willens­kräftigere und, daher auch der führende Teil. Es konnte daher niemand darüber im Unklaren sein, daß in Compiegne bei der Aussprache der beiden Verbündeten, des gekrönten und des ungekrönten Staatsoberhauptes, und bei den Verhandlungen ihrer obersten Berater, über die Fragen der hohen Politik, d:e Direktiven von russischer Seite ge­geben werden würden. Kam Nikolaus II. von Danzig mit andauernd friedlichen Dispositionen nach Compiegne, hatte er sich zuvor mit seinen: kaiserlichen Verwandten über die schwebenden Fragen verständigt, so durfte die Geneigtheit ber französischen Machthaber, die politischen Resultate der Danziger Revue zu acceptieren und ihr Verhalten mit demjenigen Rußlands in Einklang zu bringen, von vorn­herein als gesichert gelten. Tie politischen Konzessionen, die der Zar dem französischen Freunde und Verbündeten etwa gemacht haben mag, um ihn in guter Stimmung, vor allem aber den Anleihewünschen des Herrn v. Witte gegen­über die Gebelaune zu erhalten, konnten offenbar nur Nebendinge betreffen, an eine Aenderung der Grundlinien der russischen Politik war nimmermehr zu denken.

Wesentlich anders lagen die Dinge in Danzig. Auf der dortigen Rhede trafen nicht zwei Alliierte, sondern die Re­präsentanten zweier verschieoener Staatengruppen, die ge­krönten Oberhäupter der leitenden Mächte des Zwei- und des Dreibundes, zusammen, denn wenn Deutschland in der Tripelallianz auch nicht eine so dominierende Stellung einnimmt, wie Rußland in der west-östlichen Kombination, so wird man doch selbst in Wien und in Rom kaum Be- benken tragen, ihm in den Dreibundsangelegenheiten eine Art Führerrolle zu vindizieren. Barg also dte nächste und nähere Zukunft Fragen, die den kontinentalen Großmächten zu einer gegensätzlichen Stellungnahme Anlaß geben konnten, in ihrem Schpße, so war mit der Gefahr, daß diese Interessengegensätze bei den Danziger Besprechungen:

bereits in die Erscheinung traten, daß im Laufe derselben Meinungsverschiedenheiten sich geltend machten, die den vorausschjauenden Staatslenker und den friedliebenden Di­plomaten mit banger Sorge erfüllen mußten, immerhin zu rechnen. Mit Spannung harrte denn cnuh ganz Europa irgend einer Meldung über den Verlauf ber Entrevue, der eine symptomatische Bedeutung beizumessen war. Allein Toaste unb Anspracljen, aus denen der Konjekturalpolitiker irgend welche Schliesse hätte ziehen können, wurden an Bord der beiden kaiserlichen Yachten nicht gehalten, und der offiziöse Telegraph beschränkte sich streng auf die bloße Registrierung minder belangreicher Äußerlichkeiten. Um so größer war allerwarts die Genugtuung, als am Tage nach der Abreise des hohen Gastes unser Kaiser selbst das Schweigen brach und bei seinem Einzuge in Danzig laut und öffennich die deutsch-russische Waffenbrüderschaft verkündete.

Wenn zwei Monarchen, die über so gewaltige Macht­mittel verfügen, wie der deutsche Kaiser und der russische Zar, für bie Ruhe des Weltteils sich verbürgen, und wer den Trinkspruch, ben Nikolaus II. zum Abschied Frankreich widmete, recht zu deuten weiß, w:rd dem letzten Phrasen­schwall nicht besondere Bedeutung beimessen, so über­schwänglich er auch klingt. So ganz ernsthaft zu nehmen ist er wohl doch nutzt. Jedenfalls aber machen selbst die französischen Chauvinisten kein Hehl daraus, daß auf Ver­wicklungen, die zu einer Umgestaltung des territorialen Status quo führen könnten, auf Jahre hinaus nich^ zu rechnen sei, daß Frankreich, durch das Friebensgebot seines mächtigen Alliierten im Schach gehalten werde und mit dieser Sachlage unbedingt zu rechnen habe. Sie sind viel­leicht die Einzigen, denen die Friedenskunde nicht will­kommen ist.

Der sozialdemokratische Parteitag hat, wie wir bereits in unserer gestrigen Nummer kurz meldeten, seinen Anfang genommen. Er findet diesmal bekanntlich in Lübeck statt. Die ersten Verhanblungen gingen ja, nach den vorlregenden Berichten, ziemlich glatt von statten, vielleicht aber wird es noch zu sehr heftigen prin­zipiellen Auseinandersetzungen bei der vielleicht nicht un- ntöglichen großen Debatte über die Parteitaktik und die Bernsteinerei" komme::. Man rechnet diesmal auch auf eine dreitägige Gewerkschaftsdevatte, die ihren Ausgangs­punkt in der Erörterung des Streitpunktes über die Ham­burger Akkordmaurer nehmen wird. Der Kampf zwischen den Gewerkschaftlern, deren Führer namentlich die Ham- burger v. Elm und Legien sind, und der rein politischen Richtung ist sehr alt. Die Gewerkschaften wurden früher von der Parteileitung sehr stiefmüttcrltch behandelt. So lange der Lasallesche Glaubenssatz von demehernen Lohn­gesetz" iw der Partei Geltung hatte, bezeichnete man bie Bestrebungen, mit Hilfe der Gewerflchaftsorganisation auf die Lebenshaltung der Arbeiter einzuwirken, geringschätzig alsPalliativmittelchen", die nur geeignet wären, dieEnt­wicklung" aufzuhalten. Neuerdings hat nun aber bekannt­lich die Gewerkschaftsbewegung eine wesentliche Unter­stützung erhalten ourch Eduard Bernstein, der an Stelle des Wirkens für den utopischen Zukunftsstaat, oder wie Auer in Hannover höhnte, an die Stelle des an der Fahnenstange gleich einer Leberwurst; bammelndenziel­bewußten Endziels" die Gegenwartsarbeit setzen will. Ter Parteitag erhält seine Bedeutung dadurch, daß diesmal Eduard Bernstein persönlich eingreifen wird. Er hat sich in Karlsruhe ein Mandat verschafft und gedenkt aus ber Verteidigungsstellung zum Angriff überzugehen. Dadurch wird die diesmalige Debatte einen mehr als theoretischen Wert erhalten und gewissermaßen eine Kraftvrobe zwischen den beiden Richtungen sein: den sog.Intellektuellen" unter Führung von Cduarb Bernstein, Wolfgang Heine und Schippel und denen, die sich um Stadthagen, Zubeil, Lede- bour und Hoffmann scharen. Zur letzteren Gruppe zählen auch die Damen der Partei, die Genossin Dr. Rosa Luxem­burg und Frau Klara Zetkin.

Eine ganze Reihe von Anträgen fordert ziemlich un­zweideutig, den Genossen Bernstein mit seinem Anhang hinaussliegen" zu lassen. Die Genossen des Ledebourjchen Wahlkreises (Berlin 6) beantragen:Ter Parteitag miß^- billigt die Art der Agitation, wie dieselbe von Seiten des Genossen Bernstein betrieben wird, da dadurch unsere Ziele vollständig unklar werden." Noch schärfer aber ist die Resolution der Genossen von Berlin©üboft", wo Adolf Hoffmann die Führung hat. Sie besagt:Tie Parteigenossen des 4. Berliner Wahlkreises (Südost) sprechen die bestimmte Erwartung aus, daß der Parteitag zu Lübeck den neuesten Bestrebungen des Genossen Bernstein, den im Erfurter Pro­gramm der Partei festgelegten Grundsätzen die wissenschaft­liche Basis zu entziehen, entschieden und unzweideutig gegen­über Stellung nimmt und die Art, wie derselbe Verwirrung und Uneinigkeit in die Reihen des kämpfenden Proletariats hineinträgt, mißbilligt. Tie Versammlung ist ber Ansicht, daß die wirtschaftliche und politische Lage schwere Kämpfe heraufbeschwören, die alle Kräfte der Sozialdemokratie zum geeinten Vorgehen gegen die Mächte der Reaktion erfordern, und verlangt von allen Parteigenossen, daß sie s:ch bei: nach eingehender Diskussion auf den seftgelegten Grund­sätzen süaen, Revisionsbestrebungen in der Partei selbst und auf den Parteitagen anregen, nicht aber in das Lager der Gegner tragen und so den thätigen Genossen die Agi­tationsarbeit erschweren und die Partei schädigen." Auch der Thüringer Parteitag wünscht eine Zurückweisung der Revisionsbestrebungen Bernstems. Dazu kommt noch ein Antrag der Genossin Dr. Luxemburg, welche verlangt, daß die sozialdemokratischen Abgeordneten in den deutschen Landtagen verpflichtet werden solle'- in der Gesamtab­stimmung gegen das Budget zu sti en.

Von den weiteren 90 Anträge der der Genossen von Halberstadt unb Kalbe-Aschersleben zu nennen, welche

erwarten, daß die Reichstagsftaktion unter Hinweis auf das Gumbinner Urteil die Abschaffung der Todesstrafe, und die Beseitigung der Militärjustiz, außer für Disziplinar- fälle, fordern werde.

Gegen die Gewerkschaftsverbände richtet sich folgender Resolutionsantrag der Genossen von Berlin 4:Der Partei­tag hat die gewerkschaftlichen Zentralverbände zu ver­pflichten, die Beihilfe des Parteitages verwirklichen zu helfen, damit nicht, tote es in letzter Zeit teilweise geschehen ist, die Institutionen der Partei bekämpft werben und in den gewerkschaftlichen Organen die noch nicht aufgeklärten Arbetter der Partei entftemdet werden."

Lübeck, 22. September.

Um sieben Uhr abends war die weite Halle des Lübecker Vereinshauses so ziemlich bis auf den letzten Platz gefüllt. Etwa 23000 Personen mögen anwesend sein. Neben Bebel, Auer, Singer, Stadthagen u. s. w. sind Bernstein und sein Antipode Kautsky erschienen.

Schwarz-Lübeck begrüßt die Delegierten.

Bebel dankt für die Begrüßung. Lübeck sei zwar kein parteihistorischer, aber doch eminent historischer Boden. Hier in Lübeck hat das Bürgertum zum ersten Mal das; Fürstenjoch abgeschüttelt, ohne freilich die Klassenherrschaft der Patrizier ab werfen zu könnet:. Dieses Patriziat blieb auch in der Reformation katholisch gegenüber bem pro­testantischen Volke, es hat seine Macht bis heute erholtem Es ist den Lübecker Genossen noch heute nicht gelungen, in der BürgerscArft der Stadt Fuiß zu fassen, und für die Gesinnung der Lübecker Patrizier zeugt ja schon das eine Wort: Streikpoftenverbot. Dennoch ist Lübeck eine Hochburg der Sozialdemokratie geworden. Es entsandte schon 1891 Schwarz in den Reichstag, ging 1893 freilich noch einmal verloren, wurde aber 1898 wieder gewonnen und wird nicht mehr verloren gehen. Leise stzreist Bebel die Zwistigkeitet: in der Partei. Es gebe einige Fragen von heikler Natur zu verhandeln. Aber es möge jeder nur nach bestem Ge­wissen reden, so würde der Parteitag doch ersprießlich ver­lausen.

Auf Noltens Antrag beschließt man durch Akklamation, Singer und Schwarz das Präsidium zu übertragen. Singer dankt für sich und Schwarz und läßt ein Hoch auf die Sozialdemokratie ausbringen.

Zur gedruckten Tagesordnung fügt Singer einen neunten Punkt hinzu, den der Vorstand inzwischen beschlossen hat, einzuschieben: Zolltarif und Handelsverträge, Referent Bebel. Dann erklärt Singer weiter: der Antrag, über die Parteipresse in geschlossener Sitzung zu ver­handeln, solle sich nur auf die finanzielle Seite beziehen, keineswegs aber auf die Erörterung über Haltung und Lei­tung der Presse. Das letztere solle vielmehr wie immer öffentlich verhandelt werden.

Dr. Quark-Frankfurt bekämpft die Ansetzung ge­schlossener Sitzuqjgen überhaupt, solange der Fraktionsvor- stand deren Notwendigkeit nicht begründe. Jr: jedem Falle werde dadurch ein Präjudiz geschaffen. Schwere Kämpfe hätten in der Partei schon früher stattgesunden und könnten wieder stattfinden, deren Vorkommen aber könne sehr wohl einmal verleiten, dieses Präjudiz einmal zu mißbrauchen. Man solle sich doch an die wenig schönen Streitigkeiten z. B. zwischen. Lassalleanern und Gothaern erinnern. An gewissen idealistischen Grundforderungen dürfe nun einmal nicht gerüttelt werden.

Bebel: Dr. Ouarck habe an ben Idealismus dev Partei appelliert, der in Gefahr sei, untergraben zu werden. Dann hätte die Partei früher unter dem Sozialistengesetz also keinen Jdealtsmus gehabt, denn damals mußte sie geheim verhandeln. Ein Präjudiz sei nie gefährlich, denn jeder Parteitag könne in jedem Augenblicke beschließen, was er wolle.

Frau Dr. Luxemburg hat mit Ueberraschung ge­lesen, wie der Parteivorstano in jugendlichem Uebermute ein neues Verfahren oktroyieren (Oho!) wolle. Bebel habe sie nicht überzeugt. Der schönste Augenblick jedes Partei­tages sei, wenn Singer am Schlüsse sage: Man zeige mir die Partei, die solche heftigen Kämpfe tote wir öffentlich ausftcht! Um diesen Genuß solle man doch Singer und den Parteitag nicht bringen!

Nach übermäßig ausgedehnter Diskussion nimmt die Majorität den Antrag auf teilweisen Ausschluß der Oeffent- lichkeit, nämlich für die finanzielle Seite der Preßfrage, an.

Auf Antrag bes Vorstandes soll die Hamburger Akkord'm aurerfraae als besonderer Punkt der Tages­ordnung behandelt werden, mit Auer und Bömelburg als Referenten. , ,

Die Debatte darüber verschärft sich durch Ausfälle von Silberschmidt, den der Vorsitzende ermaffnen muß, nicht in die materielle Debatte der Frage einzutreten. Nach fast einstündiger Debatte über die Frage, ob Auer Referent ober Korreferent sein sott, beschließt der Parteitag das letztere, Bömelburg soll Referent sein.

Tie Krise will Südekum nicht mit dem Zolltarif zusan:men, sondern als besonderen Punkt behandelt wissen. Bebel bekämpft das. Der Parteitag schließt sich Bevels, Meinung an und geht dann endlich zum letzteren Teile des heutigen Programms über.

Am Nachmittag entspann sich eine lange Polen - debatte, die schließlich durch Uebergehen zur Tages­ordnung unter den Tisch siel. Sodann begannen die Ver­handlungen über die Par Leip resse.

Der Redakteur desVorwärts", Dr. Gradnauer, antwortete zuerst Bebel auf dessen gestrige Angriffe gegen das Organ.

Bebel nahm den Kampf sofort auf. Mit dem ganzen Sturme seines Temperaments geht er mit dem Zentral­organ ins Gericht. Was er der Redaktion am meisten vor­wirft, ist ihre Laschheit gegenüber Bernstein. Da diese Frage