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25/01/1901 Erstes Blatt
 
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Nr 21 ArRes Blatt. Freitag den 25. Januar 1S1. Jahraang 1901

Gießener Anzeige r

General-Anzeiger

Annahme von Anzeigen zu der nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis vorm. 10 Uhr. Abbestellungen spätestens abends vorher.

ZZepigsprcis viertclMrl. Mk. 2.30 monatlich 75 Pfg. mit Bringerlohn; durch die Lbholestelle» vicrteljährl. Mk. 1.9Q monatlich 65 Pfg.

Bei Postbezug Mk. 2. vicrteljährl. ohne Bestellgeld.

Erscheint tügNch mit Ausnahme de-

MontagS.

Die Gießener -MamtkienvrLtter werden dem Anzeiger im Wechsel mitHess. Landwirt" u.Blätter für Hess. Volkskunde" pvöchtl. 4 mal beigelegt.

Alle Anzeigen-Vermittlungsstellen des In- und Aus­landes nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgegen. Zeilenprets: lokal 12 Pf., auswärts 20 PL.

Amts- und Anzeigeblatt sirr den Nreis Gieszen.

Redaktion, Expedition und Druckerei:

Zchlllstrahe Er. 7.

Gratisbeilagen: Gießener Familienblätter, Der hessische Landwirt, Mütter für hessische Uotkskunde.

Adresse für Depeschen: Anzeiger Sietze».

Fernsprecher Nr. 51.

heißen will, die leitenden Männer des KabinetS, Salis­bury und selbst Chamberlain, davon zu überzeugen, daß es nur zum Vorteile des Jnselreichs sei, Deutschlands Freund­schaft zu pflegen. Das kann freilich nur auf dem Boden gegenseitiger Rücksichtnahme auf die berechtigten Interessen geschehen, wie dies ja auch Graf Bülow im Reichstag dargelegt hat und immer wieder auch im diploma­tischen Verkehr hervorhebt. Der Umstand, daß der Kaiser bei der Nachricht von der schweren Erkrankung seiner Groß­mutter unverzüglich an das Sterbelager der Königin eilte, unmittelbar nach den Strapazen des Krönungsjubiläums, hat in der englischen Bevölkerung, nach allen Berichten, tiefen Eindruck gemacht. Nach alledem besteht Wahrscheinlichkeit genug, um anzunehmen, daß das Verhältnis zwischen Eng­land und Deutschland durch den Thronwechsel keineswegs ungünstig beeinflußt wird.

Als Mann von noblen Passionen ist allerdings der Prinz von Wales auch nach außen hin schon in manche sehr peinliche Situationen gekommen. Es sei nur an den Spiel­prozeß vom Jahre 1891 erinnert, der zur Folge hatte, daß der dem Prinzen befreundete Oberst Gordon-Cumming wegen Falschspieles aus den Listen der Armee gestrichen wurde; und ferner an die empörenden Enthüllungen derPall Mall Gazette", in denen auch auf Hn in nicht mißzuverstehender Weise hingewiesen wurde. In frischer Erinnerung ist noch das angebliche Attentat, das im vergangenen Jahre der hinterher sreigesprochene Sipido in Brüssel gegen den Prinzen unternahm.

Dem neuen englischen Herrscher werden wenig freund­liche Gesinnungen gegen Deutschland nachgesagt. Wir haben uns auch über diesen Punkt an einer Stelle er­kundigt, die wir für gut unterrichtet halten können, un folgende Antwort erhalten: Es mag richtig sein, daß der Prinz in früherer Zeit nicht von allzugroßer, man kann sogar sagen: von ziemlich geringer Deutschfreundlichkeit beseelt ge­wesen ist, und diesen Empfindungen mitunter, freiwillig oder geflissentlich provoziert von anderer Seite, drastischen Aus­druck verliehen hat. Man hatte es eben verstanden, den Thronfolger was bei seiner, äußerem Einfluß zugänglichen Natur nicht schwer fiel gegen Deutschland einzunehmen, indem man bei jeder Gelegenheit darauf hinwies, Deutschland bemühe sich unablässig, England wirtschaftlich wie politisch in den Schatten zu stellen, weil es Englandnichts gönne". Vor dem südafrikanischen Kriege wurde dann der Prinz weiter aufgeftachelt: Nun werde es sich bald zeigen, daß Deutschland alles Mögliche unternehme, den Engländern in den Rücken zu fallen, durch Jntriguen bei fremden Regier­ungen usw. Als nichts von alledem geschah, als die deutsch-? Regierung absolut strikt und nach jeder Richtung hin die zugesicherte Neutralität wahrte, war der natürliche Effekt, ) der Prinz ein anderes Bild gewann. Er soll in der Folge mehrfach geäußert haben, man thue Deutschland Un recht mit einem feindseligen Mißtrauen; die deutsche Politik ;andle doch, genau betrachtet, am aufrichtigsten an Eng and. Die früher sehr weitgehenden Sympathieen des Thron- olgers für Frankreich Sympathieen übrigens, die weit mehr auf gesellschaftlichen und anderen Beziehungen, als auf politischen Neigungen beruhten, haben sich merk- 1

lich abgekühlt. Es hat den Prinzen insbesondere empört, daß seine Person sowohl wie diejenige der Königin häufig zum Gegenstände der Satire in der fran­zösischen Presse gemacht worden ist, und daß die offiziellen Kreise Frankreichs sich dagegen völlig passiv verhielten, trotz wiederholter diplomatischer Vorstellungen. Die Besuche des eutschen Kaisers in England, offene Aussprachen mit dem Prinzen haben dazu beigetragen, die letzten Spuren des Arg wohns zu zerstreuen und nicht nur ihn, sondern, was mehr

Bekanntmachung.

Der Ortsvorstand zu Friedberg beabsichtigt, mit dem am 20. Februar d. IS. zu Friedberg stattfindenden Frühjahrs Pferdemarkt eine Verlosung von Pferden, Fohlen u. s. w. zu verbinden.

Großherzogliches Ministerium des Innern hat die Er­laubnis zur Veranstaltung dieser Verlosung unter der Be­dingung erteilt, daß nicht mehr als 12,000 Lose, zu 1 Mk. das Stück, ausgegeben werden dürfen, und mindestens 60 Prozent des Bruttoerlöses aus dem Verkaufe der Lose zum Ankauf von Gewinngegenständen zu verwenden sind.

Zugleich ist der Vertrieb der Lose im Großherzogtum gestattet worden.

Gießen, den 22. Januar 1901.

Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Bechtold.

Bekanntmachung,

betreffend: Bezug von künstlichen Düngemitteln.

Auch in diesem Frühjahre wird der Verein einen gemein­schaftlichen Bezug von ThomasPhoSphatmehl und Kaiuit übernehmen unter folgenden Bedingungen:

1. für Mitglieder des Vereins übernimmt dieser die Transportkosten bis zur Ablieferungsstatiou bei Be stellungen, die und soweit sie den Betrag von 40 Mk, nicht übersteigen;

2. auch für Nichtmitglieder werden Bestellungen auS- geführt; dieselben haben aber keinen Anspruch auf freien Transport der Ware;

3. bei Ankunft der Ware in Gießen wird eine Analyse durch die landwirtschaftliche Versuchsstation Darmstadt veranlaßt;

4. die Zahlung des Düngers hat bei Empfang alsbald zu erfolgen;

5. Bestellungen find bis spätestens 10. Februar dS. Js. bei dem Unterzeichneten einzureichen.

Die Herren Bürgermeister werden ersucht, die vorstehende Sekanntmachung in ihren Gemeinden zu veröffentlichen, Be- Münzen entgegenzunehmen und bis zum 10. Februar d. IS. riAzusenden.

Gießen, den 23. Januar 1901.

Der Direktor des landwirtschaftlichen Bezirksvereins.

v. Bechtold.

Bekanntmachung.

Das Komitee des Alzeyer Zucht- und Fettviehmarktes beabsichtigt, mit dem am 8. Mai l. Js. zu Alzey stattfindenden Zucht- und Fettviehmarkte eine Verlosung von Zuchttieren, laudwirtschastlichen Maschinen, Geräten und Gebrauchs­gegenständen zu verbinden, um die Mittel zur Prämiierung des zu Markt gebrachten Viehes zu gewinnen.

Großherzogliches Ministerium des Innern hat die nach­gesuchte Erlaubnis zur Veranstaltung dieser Verlosung unter der Bedingung erteilt, daß nicht mehr als 10,000 Lose, zu 1 Mk. daS Stück, ausgegeben werden dürfen, und mindestens 55 Prozent des Bruttoerlöses aus dem Verkaufe der Lose zum Ankauf von Gewinngegenständen zu verwenden sind.

ZugleVH ist der Vertrieb der Lose im Großherzogtum gestattet worden.

Gießen, den 23. Januar 1901.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. B echtold.

Scheunen und selbst Ställe zu Arbeiterwohnungen benutzt wurden. Die Gefahr von Erkrankungen wird durch solche Verhältnisse natürlich sehr gesteigert. In vielen Wohnungen chlafen die Einwohner in der Küche. Freiherr v. d. Goltz in Straßburg hat in seiner Schrift zur Reichswohnungs­reform nachgewiesen, daß nur in ganz wenigen Bundes- taaten bis jetzt bestimmte Gesetze bezüglich der Wohn­ungsinspektion bestehen, namentlich in

Hamburg. Keine derartigen Gesetze haben Preußen, Bay , Württemberg, Baden. Die Höchster Farbwerke wetseneme ungeheuren Gewinn auf, entlohnen aber ihre Arbeiter nicht

König Edward VII.

Gießen, 24. Januar 1901.

Die Augen der Welt sind jetzt unausgesetzt auf England und seinen neuen König gerichtet. Edward VII. steht nicht nur als Schwiegervater des Herzogs von Fife, eines der Direktoren der Charteret» Company, sondern auch durch eigene Geschäftsinteressen in den intimsten Beziehungen zu Rhodes und Chamberlain. Es ist daher nicht anzu­nehmen, daß er seine Stimme zugunsten eines für die Buren annehmbaren Friedensschlusses in die Wagschale werfen wird. Kenner der englischen Gesellschaft wissen aber auch, daß er auSgeftattet ist mit gesundem Menschenverstände, daß taktvolle Zurückhaltung in politischen Dingen eine seiner Haupteigen­schaften ist. Sie wissen ferner, daß er keineswegs nur ga­lanten Abenteuern nachzugeheü versteht, die man ja in Hom­burg über Genüge kennt, sondern daß er ein sparsamer und überlegter Rechner ist und ein vortrefflicher Landwirt und Pferdezüchter, der mit seinen Rassehengsten Hunderttausende zu verdienen verstanden hat. Seine Finanzverhältnisse unter­liegen einer musterhaften Ordnung. In England ist man immer der Ueberzeugung gewesen, daß der Prinz von Wales nur einmal in seinem Leben eine Unbesonnenheit begangen hat, gelegentlich eines Festes, die aber so unbedeutend ist, daß sie kaum Erwähnung verdient. Man weiß dort, daß er zwar langsam in seinen Entschlüssen, und Neuerungen wenig zugänglich ist, daß er aber, sobald er etwas als erstrebens­wert erkannt hat, sein Ziel stets mit zäher Ausdauer ver­folgt. Man glaubt in Deutschland vielfach, er besitze nur geringe Energie. Das strikte Gegenteil ist der Fall. Das weiß jeder, der sich je in der englischen Gesellschaft bewegt hat. Er weiß auch, daß die englische Gesellschaft groß^ Stücke auf den Sohn der weltklugen Königin Viktoria hält. Er versteht sich wie nur irgend einer als echter Engländer auf dasBusiness.

Amtlicher Heil'.

Bekanntmachung.

Betr.: Die Mathildenstiftung für Oberhefsen.

Nach dem Voranschlag der Mathildenstiftung für Ober- Hessen find für das Jahr 1901 etwa 1200 Mk. vorhanden, welche zu wohlthätigen Zwecken verwendet und womit in erster Linie die in der Provinz bestehenden Kleinkinderschulen bedacht werden sollen.

Ts werden hiernach die Vorstände solcher Schulen, für welche eine Subvention gewünscht wird, aufgefordert, ihre deSfallfigen Gesuche, mit welchen eine möglichst ausführliche Mitteilung über Ausdehnung, Mittel und Bedürfnisse der betreffenden Anstalt zu verbinden ist, bis zum 20. Februar l. IS. an den unterzeichneten Vorstand der Stiftung gelangen zu lassen.

Gießen, den 23. Januar 1901.

Der Vorstand der Mathildenstiftung für Oberhessen.

v. Bechtold, _________________Großh. Provinzialdirektor.

Deutscher Reichstag.

Berlin, 23. Januar.

Zu Beginn der Sitzung hält

Reichskanzler Graf Bülow folgende Ansprache, bei der die Mitglieder des Hauses sich erheben:Nach 63 jähriger Regierung ist Ihre Majestät die Königin von England im 82. Lebensjahre zur ewigen Ruhe eingegangeu. Während ihrer langen Regierungszeit ist Königin Viktoria bestrebt gewesen, ein friedliches und freundschaftliches Ver­hältnis zwischen Deutschland und England zu pflegen, Nicht nur die nahen verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen unserem Kaiserhause und dem englischen Königshause, son­dern auch die mannigfachen wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Interessen, die Deutschland und England ver­binden, lassen uns aufrichtigen Anteil nehmen an der Trauer des britischen Volkes um seine ehrwürdige Herrscherin. Ich bin gewiß, daß ich mich mit den Empfindungen dieses Hauses begegne, wenn ich dieser An­teilnahme hier Ausdruck verleihe.

Präsident Graf Ballestrem:Im Anschluß an die Trauerbotschaft, welche uns soeben der Herr Reichskanzler mitgeteilt hat, nehmen auch wir vollen Anteil an dieser tief erschütternden Trauerkunde. Ich konstatiere, daß der Reichstag das Gedächtnis der hohen Fürstin stets in hohen Ehren halten wird, und an der Trauer herzlichen Anteil nimmt. Ich bitte, mich zu ermächtigen, diese Kundgebung Sr. Majestät dem Kaiser und Ihrer Majestät der Kaiserin Friedrich Namens des Reichstags mitzuteilen. Ich stelle das als Beschluß des Reichstags fest."

Es werden dann die Anträge über die Wohnungs­frage beraten.

Abg. Dr. Hieb er (nl.) begründet seinen Antrag auf Einberufung einer Kommission zur Untersuchung der Wohn­ungsverhältnisse und zur Prüfung und Ausarbeitung, von Vorschlägen über die Wohnungsfürsorge. Er schildert aus­führlich das bisher auf diesem Gebiete Geschehene und mahnt, endlich zu Thaten zu kommen. Tie Freizügigkeit dürfe nicht beschränkt werden. In Frankfurt a. M. hat der dortige Wohnungsverein eine Auskunftstelle gegründet, und auch bereits eine mustergiltige Wohnungsstatistik aus­genommen. Der hessische Städtetag hat sich eben­falls in eingehender Weise mit der Wohnungsfrage befaßt. Gesunde Wohnungen sind die Grundlage der nationalen Wohlfahrt, und indem von Reichswegen auch das Gebiet der Wohnungsfrage in Angriff genommen wird, werden wir in der Sozialreform einen neuen ersprießlichen Fort­schritt thun. (Beifall.)

Abg. Schmidt- Frankfurt (Soz.) spricht für den sozial­demokratischen Antrag auf Vorlegung eines Gesetzentwurfes über die Regelung des Wohnungswesens und Schaffung von Normativbesttmmungen über Wohnungsbefchaffenheit und Wohnungsinspektion, sowie eines Kreiswohnungsamtes.- 1887 hat der Frankfurter Mieterverein eine Enquete über 217 Wohnungen veranstaltet. Das Ergebnis war, daß in fast der Hälfte derselben der Luftraum pro Kopf 10 Kubik­meter, ja in 9 Wohnungen unter 5 Kubikmeter betrug! Einige Wohnungen wurden als frühere Schweineställe be­zeichnet. Man hat in Frankfurt große Straßen-Durchbrüche gemacht, aber nicht für einen entsprechenden Wohnungsersatz gesorgt. Nicht nur in Frankfurt und überhaupt in den großen Städten, sondern hauptsächlich auf dem Lande sind die Wohnungsverhältnisse außerordentlich traurig. Das Be­dürfnis nach Wohnungen hat vielfach dazu geführt, daß