(Stürmischer Beifall.) Wen dies das wäre das deutsche Volk
Die Wahrung des Amtsgeheimnisses der Redakteure.
Gegen den Redakteur der „Kemptener Allgäuer Ztg.", Siebcrtz, ist zurzeit ein Verfahren wegen Zeugnis Verweigerung anhängig. Da er den Namen des Verfassers eines in der ,Allg. Ztg." erschienenen inkriminierten Artikels nicht angeben wollte, wurde er im Zeugniszwangsversahren verhaftet. Im Interesse der Aufgaben der Presse, die durch keine andere Einrichtung erfüllt werden können, ist die Wahrung des Amtsgeheimnisses ebenso für den Redakteur zu verlangen, wie er für den Arzt, Notar oder Pfarrer besteht. Die Anonymität ist für die Zeitungen aus technischen und inneren Ursachen eine Grundlage, die sie niemals verlassen können. Thäten sie's auch, so würden dieselben Aufgaben der Hervorziehung öffentlicher Uebelstände doch von anonymen Pamphletisten erfüllt werden, die dann in derselben Lage wären wie heute die Zeitungen. Die Gerichte haben eine ausreichende Handhabe, wenn ste für ein Preßvergehen den verantwortlichen Redakteur zur Rechenschaft ziehen. Das sonst durchaus gestmde Bestreben unserer Rechtsprechung, stets den Thäter selbst zu fassen, statt halbschuldiger oder halbunschuldiger Mitthäter, ist hier nicht am Platze, da in jedem geordneten Betriebe entweder der Redakteur den Artikel so genau kennt oder kennen muß, daß er als verantwortlicher
Thäter gelten kann oder, wo das nicht der Fall ist, dev Thäter selbst für ihn eintreten wird. Tas ganze deutsche Zeitungswesen ist heute zu einem großen Teil auf der Anonymität aufgebaut und wird cs bleiben. Deshalb liegt die einzige Lösung der heute noch der Presse von den Gerichten bereiteten Schwierigkeiten in der Verleihung des Rechts der Zcugnisocrweigcrung an die Redakteure, sobald er selbst für den Artikel eintreten und die Wahrung des Amtsgeheimnisses im Interesse des Verfassers für nötig halten.
Aus Mül>t und Lund.
(Ter Abdruck der unter dieser Rubrik befindlichen Ottginal-Nachrichten tsi nur unter genauer Quellenangabe: „Gieß. Auz." gegattet.)
Gießen, den 23. Dezember 1901.
** Personal-Nachrichten. Ter Gerichtsassessor Brehm in Alzey wurde mit Wahrnehmung der Dienstverrlchtungen eines Amtsrichters am Amtsgericht Pfeddersheim, der Gerichts- asscssor Dr. Krug in Worms mit Wahrnehmung solcher in Alzey und der Gcrichtsasscssor Winckler in Ober-Flörsheim mit Wahrnehmung der Dieltstverrichtungcn eines Amtsanwalts in Worms beauftragt. Ernannt wurde der Militäranwärter Wilhelm Güßefeld aus Kalbe a. d. M. mit Wirkung vom 1. Januar 1902 an zum Hauswärter im nördlichen Kollegien- gebäude, der Heizer bei der Main-Neckar-Lisenbahn Emil Arheilger zum Lokomotivführer und der Hilfsheizer bei der Main-Neckar-Eisenbahn Rudolf Müller aus Darmstadt zum Heizer, beide mit Wirkung vom 1. Januar 1902 an.
** Errichtung einer kaufmännischen Krankenkasse. Auf den eitens der Grogh. Handelskammer an die Bürgermeisterei gerichteten Antrag, eine besondere Ortskrankenkasse für alle im kaufmännischen Gewerbe beschäftigten Personen einzurichten, hat die Bürgermeisterei Anfragen an die organisierten Handlungsgehilfen gerichtet, um deren Ansicht in dieser Sache zu erfahren. Diese sollen sich, wie wir hören, gegen eine olche Sonderkasse ausgesprochen haben.
♦* Das (Safe Leib geht am 1. April k. I. in andere Hände über. Der ven seiner Thätigkeit im Caf<r Hettler bekannte jetzige Inhaber des Brauerei-Ausschanks von Friedel L Asprion am Seltersweg Jakob Noll hat das Cafe Leib von den Besitzern Gebrüder Schwan auf 5 Jahre gepachtet.
*» Hundesteuer. Für die Regelung von Hundesteuer- angelegenhesten ist nicht das sonst übliche Rechnungsjahr, sondern das Kalenderjahr maßgebend. Wer daher seither einen Hund besessen, diesen aber abgeschafft hat, verfehle nicht, die Abmeldung längstens bis Ende Dezember bei der Bürgermeisterei seines Wohnortes zu bewirken, da er sonst auch für das Jahr 1902 zur Hundesteuer herangezogen wird. Gleichzeitig sei darauf hingewiesen, daß alle diejenigen Personen, die in den Besitz eines Hundes gelangen, dies vor Ablauf von 14 Tagen bei der Bürgermeisterei mündlich oder schriftlich zur Anzeige zu bringen haben, ausgenommen die von eigenen Hündinnen geworfenen und zur eigenen Aufzucht bestimmten jungen Hunde, für die eine Anmeldefrist von drei Monaten, von der Geburt an gerechnet, zugestanden ist.
h. Steinbach, 21. Dez. Bei der heutigen Generalversammlung der Unterschäferei-Gesellschaft wurde der seitherige Schäfer Paulus Schneider zum 36. Male als Schäfer für das Jahr 1902 angenommen. Es wurde ihm in Anerkennung seiner langen, treuen Dienstzeit eine entsprechende Remuneration überwiesen.
iL Treis a. L., £1. Dez. Zwischen der hiesigen Gemeinde und dem Großherzoglichen Fiskus kam es dieser Tage zu einer erfreulichen Regelung der hiesigen Jagd. In unserer Gemarkung hat der hessische Staat größere Waldungen mit Jagdberechtigung, die sich auch auf die Gemeindewaldungen als Koppeljagd erstrecken. Dadurch kam es oft zu Mißhelligkeiten zwischen den Beteiligten; denn die Pächter mußten sich nach der Verpachtung einigen, was meist sehr unangenehm war. Tie Scheide bildet jetzt die Lumda. Die Gemeinde verpachtet den auf dem linken Lumdaufer gelegenen Teil mit den weit und breit bekannten guten Rehjagden Niederseilbach, Oberseilbach und Wpenstrauch, während der Staat die Jagd auf dem rechten Lumdausep erhält.
§ Butzbach, 22. Dez. In unserer Turnhalle fand heute nachmittag die Weihnachtsbescherung der Kleinkinderschule statt. Zu der hübschen und ergreifenden Feier hatten sich außer Angehörigen auch viele Freunde der Anstalt eingefunden. Dank der zahlreichen Spenden; konnte der großen Linderschar eine reichliche Beschenkung zu Teil werden. — Infolge der kürzlichen nassen Witterung : ist hier und in einigen Nachbarorten die Mumps, von
Die Abg. Horn und Genossen stellen folgenden dringlichen Antrag: Die Kammer wolle die Regierung ersuchen, die Forstmeister und Oberförster anzuweisen, für das laufende Jahr, sowohl in Gemeinde- als StaaLswaidungen hinreichend Streu zur Verfügung zu stellen, um den herrschenden S t r o h m a n g e l zu lindern; ferner die Regierung bitten, ähnlich wie 1893 jedem sich darum melden- oen Landwirte 2—3 Haufen Waldstreu aus Staalswald- ungen zu ermäßigtem Preise, etwa 3—4 Mark pro Haufen, aus der Hand abzugeben.
Der Abg. Molthan beantragt ein paar Aenderungen des Handelskammer-Gesetzentwurfs: Danach sollen die Ersatzwahlen mindestens vier Wochen vor Ablauf jeder Wahlperiode stattfinden, die Mitglieder der Handelskammer auf drei Jahre gewählt werden, und am Schlüsse jedes Jahres von den Mitgliedern so viele ausscheiden, daß einschließlich der inzwischen durch den Tod oder sonstiges Ausscheiden erledigten der dritte Teil sämtlicher Stellen zur Wiederbesetzung gelangt
gendes: .
„Zeitungsmeldungen zufolge soll die hohe Klerisei die Absicht haben, in Salzburg eure katholische Universität zu gründen; es ist bekannt, wie ungeheuer die Macht des Ultramontanismus ist, und mit welcher Beharrlichkeit er seine Pläne verfolgt. Es ist daher diese Nachricht sehr ernst zu nehmen. Diese Aktion der Klerisei ist eine Aggression gegen uns, und alle,diewirfreiheitlichdenken, müssen uns einer solchen entgegen st eilen. Wir müssen der Organisation des Klerus eine Gegenorgani- tion entgegensetzen, und Aufgabe des Vereins muy es sein, sich mit dieser hochwichtigen Frage in erster Linie zu beschäftigen. Ich will Ihnen ein Zukunftsbild aus- malen, das Form uttb Gestalt annehmen würde, wenn die Gründung einer katholischen Universität in Salzburg that- sächlich erfolgen sollte. Die nächste Kvnsequenz wäre die, daß aus den Alpenländern, aus den katholischen Studentenverbindungen, aus den feudalen Kreisen eine große Anzahl Studierender der katholischen Universität zuströmen würde. Diesen Elementen würde dann die Verwaltung und die Justizpflege des Staates überantwortet werden. Ohnedies hat heute schon der Feudalismus einen großen Einfluß in der Staatsverwaltung. Es würde außerdem eine Reihe von Mittelschul-Profejsoren aus der katholischen Universität hervorgehen, die bestrebt wären, ihre Schüler mit jenem Geist zu erfüllen, von dem sie selbst erfüllt sind; dann würden aus den Mittelschulen Schüler hervorgeben, die ihr ganzes Leben lang klerikal wären. Ueberoies würde durch die Gründung dieser katholischen Universität ein Prinzip geschaffen werden, welches vorbildend wäre bei anderen Anstalten. Wenn es aber dazu kommen sollte, daß an den Universitäten mit der römischen Elle gemessen würde, dann hätte für Oesterreich ^die^letzte Stunde geschlagen.
aber dann treffen würde, . ,
in Oesterreich, und dadurch würde desselbe den nationalen Gegnern gegenüber die Widerstandskraft verlieren. Im Jnertesse Der Entwickelung des deutschen Volkes in Oesterreich wurde ich daher wünschen, daß die Gründung einer katholischen Universität in Salzburg unterbleibe. Damit sie aber unterbleibe, muß sie dadurch hintertrieben werden, daß sich das Volk dagegen wehre."
da der Ruf: „Gesindel!" gefallen war. Auf der Trevpe sammelte sich die Menge an, als neue Scharen mit der Meldung zurückkamen: eine zweite, vorsichtshalber schon einberufene Versammlung werde sogleich beginnen. Dies erwies sich als unwahr; denn die Polizei räumte nun die Aufgänge mit großer Energie, wobei schließlich doch ein Beteiligter auf die Wache spazieren sollte.
Von anderer Seite wird gemeldet, daß dennoch eine zweite Versammlung von etwa 50 Personen startgesunden habe. George hat darin ausgeführt, daß er den Lehrer W e i ch e l und den S ch n e i d e r m e i st e r P l a t h in Könitz ür die Mörder Winters halte. Sein Material ei derart, daß ein höherer Beamter ihm gesagt habe, jetzt würde die Mordsache gewiß aufgeklärt werden. — Ernstliche Bedeutung wird man diesen Auslassungen nicht beilegen können.
lieber die geplante Universität in Salzburg prach in der konstituierenden Versammlung des neuen österreichischen Vereins für politische Aufklä ung Universitäts- iroftjsor Hosrat Toldt den Wiener Blättern zufolge fol-
Politische Tagesschau.
Die Ausstreuungen gegen das hollimdssche Kouigspaar.
Aus dem Haag wird gemeldet: Der holländischen Polizei ist es jetzt gelungen, den Urheber aller unwahren Ausstreuungen festzustellen. Es ist dies dieselbe Persönlichkeit, welche vor zwei Jahren vorübergehend in der Brüsseler Transvaal-Gesandtschaft als HÜfsschreiber beschäftigt war und sich schon damals als Spion Englands verdächtig gemacht hatte. Nach seiner Entlassung aus dieser Stelle war jener Mensch als Lieferant unwahrer Meldungen aus dem Burenlager für englische Blätter thätig und verübte später den bekannten Streich auf dem Brüsseler Nordbahnhof, wo er während der Durchfahrt des Dr. Ley d s dessen Akten - koffer entwendete. Bald darauf wußte sich dieser selbe Mensch einen angeblich von der Transvaal-Regierung ausgestellten gefälschten Paß zu verschaffen, lautend auf den Namen eines österreichischen Freiherrn, der als Freiwilliger in Südafrika mitgekämpst hatte. Mit diesem Paß hatte der Genannte auch in Holland in vielen Kreisen Eingang gefunden und dort seine angeblichen Kenntnisse über das Privatleben des Prinzgemahls gesammelt. Mit Hilfe eines englischen Journalisten brachte er dann seine erfundenen Berichte planmäßig in Brüsseler, Pariser,Wiener und Londoner Blätter hinein, wobei er augenscheinlich im Auftrag gewisser Londoner Kreise handelte. Auch ist festgestellt, daß er sofort nach London abreiste, als die holländischen Behörden nach dem Verbreiter dieser Lügen fahndeten. Der Zweck dieses ganzen Vorgehens kann demnach nur gewesen sein, einerseits an der Königin Wilhelmina sowie an der niederländischen Regierung wegen deren burenfreundlicher Haltung einen Racheakt zu begehen, andererseits das niederländische Volk gegen Deutschland aufzuhetzen. ,
Euthüllungeu über deu Kouitzer Mord.
Ein sich „Rechercheur" nennender Mann, so betitelte, wie wir bereits kurz berichteten, ein Herr George seine Rede, die er am Freitag in Berlin halten wollte, lieber diese Versammlung teilt ein Berichterstatter folgendes mit:
Etwa 250 Personen waren erschienen, vielleicht zur Hälfte Antisemiten. Auch jüdische Herren hatten sich sehr zahlreich eingestellt Schon vor Beginn, der auf 9 Uhr festgesetzt war, zeigte sich die Versammlung ungeduldig. Man trampelte und verlangte Anfang. Als Herr George erschien, erscholl allgemeines Aaah! es wurde gepfiffen. Er hatte kaum „Verehrte Herren!" gesagt als von den Antisemiten Bureauwahl verlangt wurde. Da auch nicht die Zusicherung einer Diskussion gegeben wurde, versuchte Verleger Bruhn eine Erklärung zu verlesen: „Da Juden und Judengenossen . . ." Das übrige war in dem Toben der aufspringendeu Herren nicht mehr zu verstehen. Unter großer Heiterkeit wurde ein mächtiger Knüppel gezeigt. Man antwortete mit dem Liede: „Schmeißtsie raus, dieganzeJudenbande!" Inzwischen versuchte einer der überioachenden Beamten vergeblich Ruhe zu stiften. Di-e Antisemiten sangen jetzt „Deutschland, Deutschland über alles", indessen die Gegner ununterbrochen „Raus!" schrien. Verleger Bruhn und andere mußten den Saal verlassen. Inzwischen gelang es Herrn G., mit der Einleitung seiner Enthüllungen zu beginnen. Bald wurde er aber wieder von der Frage unterbrochen, ob Besprechung ftattfinde. Als dies kurzweg verneint wurde, erhoben die Antisemiten einen Sturm der Entrüstung, daß der Polizeiwachtmeister die Versammlung kurzerhand auflöste. Sehr langsam zogen sie unter erneutem Gesänge hinaus. An der Thür hatten die Schutzleute die größte Mühe, ein Handgemenge zu verhindern,
meisten schauspielerischen Leistungen, gehören dieser allgemeinen Volkskunst an, die schließlich nahezu jedem Menschen gegeben ist, und von jedem ausgeübt werden kann. Und darum haben wir uns auch gar nicht so sehr zu wundern, daß die intelligenteren unter den ober- bayrischen Bauersleuten unter tüchtiger fachmännischer Anleitung so wacker spielen können. Die Anna Zoller bietet mehr als der Durchschnitt, andere von ihnen, wie oben schon begründet, weniger. Die Regie ist weitaus die Hauptsache. Sie versteht auch die szenische Kunst in nicht gewöhnlicher Weise. Die Spinnftube des zweiten Aktes am Samstagabend z. B- trug ein mit den einfachsten Mitteln geschaffenes außerordentlich stimmungsvolles Kolorit, echte Heimatfärbung.
Höhenkunst liefern die Tegernseer nicht. Daran bindern sie schon ihre „Dolks"-Stücke, denen man zu sehr Die falsche „Kunst" anmerlt, mit der jeder Vorgang so zugeschnitten ist, daß sich immer alles zum besten kehre.
Man wird sich vielleicht noch erinnern, daß vvr ein paar Jahren, es war wohl 1898, der Kaiser die Tegernseer zu sich nach Potsdam lud. und seine Freude hatte an diesen Natur-Komödienspielern, die so vortreffliche Guitarre-Virtuosen und so urwüchsige Schuhplattler sind. Damals soll die Hauptsängerin der Gesellschaft das treuherzige Liederi gesungen haben „Grüaß Gott, Herr Kaiser, gieb mir d' Hand". Entspricht die Kunst der Tegernseer und ihrer Dramatiker den Geschmacksgewöhnungen und den Begriffen des Kaisers vom Idealen in der Kunst und wäre das Kunsturteil des Kaisers für die Entwickelung der deutschen Shmft irgendwie maßgebend, bann könnte man heute unter unsere ganze Kunst- und Literaturgeschichte einen dicken Strich machen und in Demut harren, bis ein neuer Kaiser kommt, der, um auf ein anderes künstlerisches Gebiet hinüber zu greifen, das heute in Deutschland aJk übrigen Künste weit üderst^atzlt, zu Böckttn,
Thoma, Klinger, zu Uhde und Liebermann und ihrem schaffenssvohen und einbildungskräftigen Nachwuchs sich anders stellen als Wilhelm II. P. Wittcko.
— Rudolf von Gottschall und Björnsous „lieber unsere Kraft". Der greife Leipziger Litteraturpapst Rudolf v. Gottschall, der vor 20 Jahren noch in „Kleinparis" etwa dieselbe Rolle spielte, wie vor 150 Jahren Gottsched, ein Mann, der in feinem im Vorjahre erschienenen Buche ,3ur Kritik des modernen Dramas" bewiesen hat, daß an ihm, wie an manchem anderen Greise, die letzten dreißig Jahren deutscher Kunst und deutscher Politik spurlos vorübergegangenfind, urteilte jüngst über das grandiose Drama des Norwegers Björnson, der, obwohl auch schon nahezu 70jährig, im Strome der Zeit mit einer Kraft, die über die gewöhnliche geht, mit- gefchwommen ist, also:
Man hat das verunglückte Experiment gemacht, Björn- sons Schauspiel „lieber unsere Kraft" mit seinen endlosen Szenen und Debatten zur Aufführung zu bringen. Der erste Akt hatte noch einen leidlichen Erfolg; der zweite fiel gänzlich ab und am Schluß kämpft Beifall und Opposttion. Da§ Stück ist in jeder Hinsicht ein Lesedrama; al? solches hat eS ja kritische Bewunderer gefunden, doch auch die Mehrzahl der Leser wird ihm keinen Geschmack abgewirmen können. Wozu sich unser Publiknm immer mit diesen Norwegern herumquälen muß, die ihm von den fanatisierten Anhängern der Nordlandsdramatik oktroyiert werden, ist wirklich nicht abzusehen. Viele Kritiker zeigen allerdings einen wunderbaren Scharfsinn, wenn sie das verbohrteste Zeug dieser skandinavischen Genies als den Inbegriff tieffinniger Orakelweisheit analysieren.
ES ist immerhin nicht ohne Wert, weiteren Kreisen ein solches Banausen-Urteil eines Schriftstellers bekannt zu geben, dessen glänzender Name heute nichts als Schall und Rauch P, em zugkräftiges Blendwerk für UttollSlojL. ES verdient
auch erwähnt zu werden, daß Gottschall als Schauspiel- Rezensent des „Leipziger Tageblattes" mitunter in die für ihn recht mißliche Lage gerät, über Operetten-, Gesangspossen- und Volksstück-Musik zu urteilen, obwohl er selber mehrfach, u. a. auch in feinen dreibändigen „WelkenBlättern", offen zugestanden hat, daß ihm jede Musik ein „unangenehmes Geräusch" fei. Dabei fällt mir ein kleiner litteraturhistorischer Scherz ein. In den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts traf einmal auf einer Gesellschaft in Königsberg der damalige Dramaturg des Königsberger Stadttheaters Dr. jur. Gottschall mit Ludwig Walesrode zusammen, einem damals weit bekannten geistreichen Publizisten, dessen vortteffliche Novelle „Der Storch von Nordenthal" heute leider fast ganz vergessen ist. Die beiden Schriftsteller waren einander nicht besonders wohl gesinnt. Ihre Charaktereigenschaften waren zu verschieden, Gottschall ein leicht entflammter Mensch, der es mit der Wahrheit niemals so sehr genau nahm, Walesrode ein schwerfälligerer, ernsthafter Mensch, dessen hervorstechendste Eigenschaft eine fast plumpe Offenheit und Ehrlichkeit war. Man forderte die beiden Litteraten auf, einander in ein paar Versen kurz zu charakterisieren. Sofort erhob sich Gottschall und dichtete:
„Walesrode eine Episode nur
in der Litteratur."
Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als auch schon Wales» rode sein Gegenüber treffend also zeichnete:
„Gottschall nur Wortschwall, viel Phantasie, Poesie nie."


