Erstes Blatt
Nr. »50
Donnerstag »4. Oktober 1901
Keuilketon
151. Jahrgang
„Roten" wild gemacht. Sie scheinen sich darauf verlassen zu haben, daß die Negierung sich auf ihre Seite stellen oder ihnen wenigstens nicht entgegentreten werde, und nun erfahren sie, daß sie von dieser Seite nichts zu erwarten, ja, die Wegnahme ihrer Gewehre zu gewärtigen haben werden. Der Bürgermeister Bouveri, der seit dem letzten Streik in die Kammer gewählt wurde, und sein Adjutant Gonjon sind beide Sozialisten. Der letztere thut sich jetzt durch seine Heftigkeit hervor und scheut sich nicht, den Maire als einen Reaktionär und Klerikalen zu verunglimpfen, weil er weniger revolutionär auftritt und die Aufgeregten zu beschwichtigen sucht. Mau verdächtigt ihn schon einer ausgesprochenen Sympathie für die „Gelben" und singt vor seiner Thür das Spottlied auf die „Gelbsucht" (la Jaunisse), wie die Masse der „Gelben" genannt wird: Jl saudrait tvus les pendre — Moins y en aura — Mieux ca vaudra — A bas les Jaunes! (Man sollte sie alle hängen — Je weniger ihrer sind — Desto besser wird es sein — Nieder mit den Gelben!)
Politische Tagesschau.
lieber die Ermordung eines Deutschen in der Nähe von Peking liegt in der neuesten dllrmmer des „Ostasiatischen Lloyd" der folgende Bericht vor: „Mitte August tauchte in Peking, das Gerücht aus, ein Deutscher sei auf der etwa 30 Kilometer, westlich von Peking bei dein Dorfe San-chia-tien gelegenen, kaiserlich chinesischen Ziegelei Liu-li-yao ermordet worden. Die auf Drängen der deutschen Gesandtschaft von den chinesischen Behörden sofort eingeleitele Untersuchung hat bis jetzt folgendes ergeben: Auf der Ziegelei lebte seit Ende vorigen Jahres ein Deutscher Naniens Fritz Lahr. 'Der chinesische Verwalter der Ziegelei hatte ihn bei sich ausgenommen, und als Gegendienst hatte Lahr ehre mit modernen Waffen versehene, kleine Schutzwache gegen die vielen Räuberbanden in der dortigen Gegend eingerichtet. Lahr war wegen seines freundlichen Wesens bei der Dorfbevölkerung allgemein beliebt, während natürlich die Räuber viel weniger freundliche Gefühle für ihn hegten. Letzteres sollte ihm verhängnisvoll werden. Lahr war am 8. August nach Peking geritten und kehrte am 9. zurück. In der Nähe von San-chia--tien traf er mit einer Anzahl dieser^ Wegelagerer zusammen, die ihn bis zum Hua-Ho, einem reißenden Gebirgsbach, aus dessen jenseitigem User die kaiserliche Ziegelei liegt, verfolgten. Sein Versuch, in ein Boot zu steigen, mißglückte, da ihm seine Verfolger den Weg' versperrten; er lies deshalb in das Dors und suchte Schutzj in einem lleinen Kupsergeschirrladen. Die Räuber uxn».
und namentlich bei weniger guter Darstellung ebenso wie sein „Primaner Kurt" durchgefallen sein. Auch trugen zu günstiger Aufnahme ein paar leidlich gut gezeichnete Figuren bei, die das Interesse eines freundlichen Publikums wach zu halten vermögen. Vor allem fesselte der prächtige Christian Hummel des Herrn Woisch die Aufmerksamkeit der Zuschauer. Das war eine Charakterzeichnung, die uneinge- schränkteAnerkennung verdient und auch vomPublikum mit freundlichstem Danke entgegengenommenwurde. Das „verkannteGenie" dieses über die Maßen beschränkten und über die Maßen gutmütigen Kunstphotographen, der da stolz und glücklich ist im Gedanken an sein großes malerisches Werk vom die' Philister mit einem ganzen Ochsen-, Pardon, Eselskopfe erschlagenden Simson ist zweifellos eine originelle Figur in unserer Bühnen- litteratur, und Herr Woisch machte aus ihr einen lieben alten Herrn, dem man wider Willen gut sein muß, trotz all der Dummheiten, die er unaufhörlich anrichtet. Herr Ramsey er war ein kerniger und tüchtiger Kommerzienrat, nur vielleicht von allzu rauher Schale, hinter der er die Tiefen seines Gemütes mehr als wünschenswert barg. Die Loney- schen Kinder stellten Frl. Brand au und Herr Z oder dar, und zwar mit recht gutem Gelingen. Namentlich freute es uns, Herrn Zoder einmal eine Aufgabe aufs beste lösen zu sehen, die nicht ganz leicht war. Er hatte ihr seine ganze Kraft und Energie gewidmet und vor allem seinen ganzen Ernst. Wir werden ihm fortan unsere Achtung nicht versagen. Besondere Wirkung übte natürlich der' Schluß des 2. Aktes aus, als die Geschwister so begeistert als sinnlos den Hamlet deklamierten. Herr Schneider als Rechtsanwalt v. Seewald und Herr Gerlach als Schauspieler Reinhard machten, wie gewöhnlich, ihre Sache gut. Herr Gerlach hatte in anerkennenswerter Selbstüberwindung seinen flotten Schnurrbart feiner gestrigen Rolle zum Opfer gebracht. Aus eine Eigentümlichlett möchten wir
Theater, Kunst und Wissenschaft.
P- W. Im Stadttheater führte gestern unser Ensemble das „Haus Lonei" von Adolf L'Arronge auf, einen alten Schmarrn, der in ferner Vorzeit unsere Väter belusttgte und rührte und uns jenes gut- und wehmütige Lächeln auf die Lippen lockt, das uns immer begleitet, wenn wir an die „gute alte Zett" erinnert werden mit ihrer ganzen biederen Hausbackenheit und heiligen Simplizität. In das Haus Lonei gehören eigentlich auf alle Sessel graue Ueberzüge, in die Ecken des Familienriesensophas sogen. Schoner, an die Wände goldumrahmte bunte Oeldrucke — kurz die gute Stube eines besseren Bürgerhauses vor 30 Jahren mit ihrem altmodischen Krimskrams und ihrer ganzen Steifleinenheit |teigt vor unserem inneren Auge auf, wenn wir die braven Leute da oben reden hören. Selbstverständlich fehlt in dieser Antike aus dem vorigen Jahrhundert auch nicht die ftanzösisch konversierende Frau Baronin mit dem ellenlangen Namen, der ebenso ellenlangen Schleppe und den ge- und verschrobenen Manieren und Vorurteilen aus einer vergessenen Zeit. Der gute alte L'Arronge hat sein Stück „Lustspiel" genannt, das ist es nun nicht, es ist, wenn man's wohlmeint, eine achtbare Sentimentalität mit spärlichem humoristischem Lichteraufsatz in 4 Akten, gar breit ausgesponnener ziemlich dürftiger Handlung und recht alltäglicher, banaler Konversation. Es mangelt dem Stücke ja nicht an Naturwahrhett und man kann es wohl ein „Lebensbild" nennen aus einer Zeit biederer Philistro- sität. „Haus Lonei" errang hier gestern den wohl verdienten Achtungserfolg, der ihm vor 30 Jahren wohl allenthalben zu Teil wurde. Es würde aber vielleicht, bei einer weniger wohlwollenden und liebenswürdigen Zuhörerschaft
r a t u n g der Frage der Altersversorgung und des achtstündigen Arbeitstages einzutreten. In derartige Fragen müsse man mit großer Vorsicht eintreten. Die Regierung sei geneigt, die Reformen fortKusühren, welche sie begonnen habe; er wolle aber kerne Versprechungen! machen, welche er nicht halten könnte. Redner nimmt die Dringlichkeit an, lehnt aber die sofortige Beratung ab. Viviane (Soz.) und Bonory bestehen auf sofortige Besprechung. Schließlich nimmt das Haus die Dringlichkeit an und lehnt mit 329 gegen 254 Stimmen die sofortige Beratung ab.
Saint Etienne, 22. Oft. Die heutige Sitzung des Bundesausschusses der Bergarbeiter wurde mittags unterbrochen. Die Beschlüsse werden geheim gehalten. Der Bundesausschuß richtete an Lamendin, den Sekretär der Bergarbeiter des Departements Pas de Calais ein Schreiben, in dem er diesem nahelegt, im Falle der Proklamierung des allgemeinen Ausstandes eine Versammlung des internationalen Ausschusses ettlzuberufen, damit man sich auf die ausländischen Verbände stützen könne. In der Stadt und Umgebung herrscht vollständige Ruhe.
Paris, 23. Okt. Der Ausschuß des Bergarbeiter-, Verbandes in St. Etienne hat sich, nachdem ihm die Resultate der heutigen Kammersitzung telegraphiert worden waren, bis zum nächsten Februar vertagt. Heber seine Beschlüsse bezüglich des Generalstreiks hat er nichts veröffentlicht, doch es scheint, daß er überhaupt keinen Beschluß hierüber gefaßt hat.
M o n t c e a u - l e s - M i n e s, 22. Okt. Eine Verfügung des Präfekten des Departements Saone-et-Loire untersagt provisorisch den Verkauf und Transport umgeänderter Mi- kitärgewehre und die dazu gehörige Munition. Die Besitzer solcher Gewehre werden angewiesen, dieselben innerhalb dreier Tage aus der Maire oder dem Polizetkom- missariat abzuliefern. Nach Ablauf dieser Frist werden die nicht abgelieferten Waffen beschlagnahmt, und wird gegen die Schuldigen gerichtlich vorgegangen.
den geschätzten Darsteller aufmerksam machen, die ihm nicht zum Vorteil gereicht, die sich aber wohl bei einigem Bemühen unterdrücken und vertreiben läßt. Herr G. überhastet sich manchmal im Sprechen derartig, daß er schlechterdings unverstanden bleibt. So fiel z. B. seine große Erzählung seinem Freunde Bruno, wie später den beiden Damen gegenüber unter den Tisch. Erfreulich aber war seine liebenswürdige und muntere Ungezwungenheit den ganzen Abend über. Herr Sandor hatte als der Exhaushofmeister derer v. Seewald- Drosselheim eine vortreffliche Maske gemacht und war in Haltung und Gebühren tadellos. Und schließlich haben auch die Damen v. Heilbronn, Feist-Schaub und Hohenfels durchaus befriedigt und das ihre dazu beigetragen, um das alte verstaubte Stück über Wasser zu hatten.
In der Oktober-Ausstellung des Hermes'schen Kunstsalons in Frankfurt
finden wir eine Menge bedeutender Namen, wenn auch nicht lauter bedeutende Werke namhafter Künstler. Ein großer Name bürgt ja noch nicht für ein großes Werk, und es bleibt dem Beschauer immer selbst überlassen, unter einer Reihe von Kunstwerken das ihn besonders Erfreuende zu suchen, das Gefundene ganz für sich zu genießen und in ungetrübtem Genuß auf sich wirken zu lassen. — Als eins. der bedeutendsten Werke der gegenwärtigen Ausstellung möchten wir Professor Trübners Stück „Park", das in seiner frischen, kräftigen Art erquickend wirkt, erwähnen: ferner einige uns schon von früher her bekannte und be^ liebte Thom a's, von denen wir das „Abendlied" in seiner schlichten, einfachen Linienführung für das wertvollste halten. Von Böcklin sehen wir ein wohl aus früherer Periode stammendes, für seine Art sehr charakteristisches Bild, „Dryaden" benannt. Eine außerordentlich farbenfreudige, lebendig wirkende Landschaft, „Une belle Matinee de Novembre", bringt Franz Courtens. Leider wird die feine Stimmung des Bildes durch einen ganz unkünst-
Der französtsche Keneralstreik.
Man schreibt aus Paris unterm 21. ds.:
In Saint-Etienne wurde am 20. der Beschluß wegen des Generalstreiks der französischen Grubenleute noch nicht gefaßt. Das Kvnritee der Föderation nationale, das darüber zu entscheiden hat, ob 162000 Grubenleute die Arbeit umstellen sollen, besteht aus sieben Delegierten, eigentlich aus acht, aber einer, Buissonnier, Delegierter des Zentrums, meldete sich krank. Lotte, der Generalsekretär, der das größte Wort führt, ist nicht stimmberechtigt, aber sein Einfluß ist maßgebend. Er versicherte denn auch wieder, der Generalstreik müsse und werde Anfang November ausbrechen' es habe nichts auf sich, wenn nur 50 000 Grubenleute sich am Referendum beteiligten, 40 000 für den Ausstand und 10000 dagegen — die anderen werden wie eine Herde Schafe mitgehen.
In dem einen Punkte stimmen alle Berichterstatter der Pariser Blätter überein, daß die Lage in Montceau- les-Mines am bedenklichsten sei, und dies hauptsächlich wegen der 1200 Arbeiter, die nach dem langen Streik vom letzten Frühjahr nicht wieder ausgenommen wurden. Es soll dies nicht eine Strafe für die Ausschreitungen, sondern, wie der Direktor Cvste beteuerte, eine Notwendigkeit gewesen sein, weil keine Verwendung für sie da war. Man hatte Schritte gethan, um die Leute anderswo unter- Hubringen, aber ohne großen Erfolg, da die Bestellungen überall inmitten der Krise der Metallindustrie nachgelassen hatten, besonders jedoch, weil die Leute ihren kleinen Besitz, Haus und Garten oder Acker nicht verlassen wollten, um in die Ferne zu ziehen. Einige junge Burschen, die sich hatten bereden las) en, im Pas-de-Calais zu arbeiten, kamen entsetzt wieder beim wegen des ungewohnt rauhen Klimas, wegen des Dünnbiers, das sie statt des Weines hätten trinken sollen, und weil in vielen Gruben nicht stehend, sondern liegend gearbeitet wird, eine wahre Hölle, sagten sie. Die Arbeitslosen bilden nun in Montceau den Kern des Heeres der Unzufriedenen, denen man versprochen hat, der Widerstand werde die Bewilligung besseren Lohns, einer kürzeren Arbeitszeit und eine reichliche Alterspension bringen. Ein sozialistisches Blatt der Gegend, „Le Petit Chalonnais", schrieb kürzlich:
Die Grubengesellschaften und die Militärbehörden vereint wollen die Grubenleute zu einer That der Verzweiflung treiben. Die Dinge werden diesmal so ablaufen, daß zahlreiche Leichen, den Boden bedecken und Blut das Straßenpflaster röten wird. Die Gesellschaft hat die Arbeiter vor die schmerzliche Wahl gestellt, vor Hunger zu krepieren oder sich zu unterwerfen. Da ist eine tragische Lösung vorauszusehen. Wenn die Regierung nicht Rat schafft, so bricht in Montceau bald eine blutige Revolution aus. Schon hört mau Todesdrohungen, wenn Herr Loste seine Wohnung, von Gendarmen geleitet, verläßt. Was wird es erst diesen Winter sein, wenn 1800 Arbeiter, Frauen und Kinder, hungern, frieren, obdachlos sind; denn die Gesellschaft wirft unbarmherzig die hinaus, die sie nicht mehr beschäftigt? Wenn doch gestorben sein muß, so werden die Opfer zuerst von ihren Henkern Rechenschaft fordern. Montceau steht auf einem Vulkan, ein Funke kann alles in die £uft sprengen. In dem neuen Kampfe, der sich furchtbar und erbarmungslos gestalten dürfte, werden die Grubenleute wohl daran thun, ihr kaltes Blut zu wahren. Ruhe und Würde sind die wahren Zeichen der Stärke und des Rechts.
Die Antwort des Ministerpräsidenten auf die Frage des Generalsekretärs der Föderation, was die Regierung zu thun gedenke, hat, wie aus Montceau telegraphiert wird, die
In den Kreisen des deutschen Bergarbeiterverbandes verfolgt man selbstverständlich die Bewegungen der französischen Bergarbeiter und die Anstrengungen gewisser Heißsporne, den Generalstreik zu inszenieren, mit dem allerlebhastesten Interesse. Zunächst kann als ganz sicher gelten, daß die Befürchtungen, die deutschen Bergarbeiter könnten in die Bewegung mit hineingerissen werden, vollkommen grundlos sind. Im Gegenteil, die Leiter des deutschen Verbandes, Schröder, Sachse usw., haben es nicht an Warnungen nach Frankreich fehlen lassen, von jenem thörichten unüberlegten Schritt Abstand zu nehmen. Mau weiß hier ganz gut, daß die französischen Bergleute ohne jegliche Geldmittel sind; der letzte Streik in Montceau les Mines hat alle Kassen erschöpft. Nennenswerte pekuniäre Unterstützung konnte aus Deutschland nicht zugesichert werden; der deutsche sozialdemokratische Verband hat sich zwar in der letzten Zeit etwas gekräftigt, aber ist pekuniär doch noch unendlich schwach In den leitenden Kreisen des deutschen Bergarbeiterverbandes ist man auch dafür, daß die Urab- sttmrnung in keiner Weise dahin gedeutet werden könne, als seien die französischen Bergleute Feuer und Flamme für den Generalstreik, man verhehlt sich hier nicht, daß die 77 000 französischen Beral-mte, welche sich an der Urabstimmung nicht beteiligten, als Befürworter des Generalstreiks nicht angesehen werden könnten; im Gegenteil, diese Indifferenten werden, wenn es auch gelänge, sie in die Bewegung zu ziehen, nach wenigen Tagen die Arbeit wieder aufnehmen, falls, was ganz sicher ist, sie pekuniär nicht unterstützt werden. So ist also der Generalstreik der Bergleute in Frankreich ganz aussichtslos, an Mahnungen und Warnungen aus Deutschland seitens der kompetentesten Kreise hat es nicht gefehlt, und wir glauben, daß erstere auch in den französischen Kohlenrevieren nicht ungehört verhallen werden.
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Paris, 22. Okt. Die Kammer ist wieder zusammengetreten. Der Deputierte Basly, beantragte die Einführung des gesetzlichen Mindestlohnes in den Bergwerken. Basly forderte die Dringlichkeit und sofortige Beratung. In dem Anträge verlangt Basly auch den Achtstundentag und ein Ruh e g eh a lt von täglich 2 Francs nach 25jähriger Dienstzeit. Ministerpräsident Waldeck-Rousseau erklärt, die Regierung äußerte bereits ihre Ansicht über den Minimallohn; ihre Ansicht sei unverändert, aber er sei geneigt, in die Be-
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