Nr. 224
Erstes Blatt.
LSI. Jahrgang.
Dienstag 24. September 1901
Erscheint täglich mit Ausnahme des MonlagS.
Die «lehener Somtlien- blätter werden dem Anzeiger im Wechsel mit dem .Hess. Landwirt' und den .Blättern sür hessische Volkskunde' viermal wöchentlich bei- gelcgt.
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GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger v
Amts- und Anzeigeblatt sür den Kreis Gießen
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Verantwortlich für den allgemeinen Teil: P. Wittko; für den Anzeigenteil: Hans Beck.
Amtlicher Teil.
Bekanntmachung.
Seit.: Den Beginn deS Unterrichts an der landw. Winterschule Alsfeld.
Auf die nachstehende Bekanntmachung weise ich die Landwirte deS Bezirks mit der Empfehlung hin, diese Gelegenheit zur Ausbildung ihrer Söhne nicht zu versäumen. Der Verein giebt denjenigen, die zwei Winterkurse durchgemacht haben zur Anerkennung je zwei gute Bücher im Werte von mindestens 15 Mk. und leistet in geeigneten Fällen außerdem noch eine bare Beihilfe zu den Ausbildungskosten in Höhe von mindestens 26 Mk., soweit die Mittel reichen. Für diejenigen Landwirte, welche lieber in Friedberg oder Büdingen die Schule besuchen wollen, bemerke ich, daß demnächst auch bezüglich dieser noch Bekanntmachung ergehen wird.
Gießen, den 16. September 1901.
Der Direktor des landw. Bezirksvereins.
v. Bechtold.
Bekanntmachung.
Betr.: Wie oben.
Die landwirtschaftliche Winterschule zu Alsfeld beginnt shren 29. Winterkursus Montag den 4. November d. Js., vormittags 11 Uhr.
Indem wir zum Besuche der Schule einladen, bemerken wir, daß die Schule das Ziel verfolgt, jungen Landwirten diejenigen Fachkenntnisse, welche heute zur rationellen Bewirtschaftung bäuerlicher Güter notwendig sind, in zwei fünfmonatlichen Winterkursen zu vermitteln. Zur Erreichung LieseS Zieles lehren an der Schule drei Landwirtschaftslehrer und vier Hilfslehrer. Die Schule ist mit einer reichen Lehr- rnittelsammlung zweckentsprechend ausgerüstet.
Ausgenommen werden junge Leute im Alter von 14 HiS 20 Jahren, welche das Unterrichtsziel der Volksschule erreicht haben; in den oberen Kursus nur solche, welche schon den unteren Kursus mit Erfolg besucht haben, oder welche nachweisen, daß sie die Kenntnisse, welche der untere Kursus vermitteln soll, bereits besitzen. Aeltere Landwirte können ailS Hospitanten ausgenommen werden.
Die jungen Leute stehen während ihres Hierseins unter Aufsicht der Lehrer und müssen sich der Schulordnung unbedingt unterwerfen. Sie nehmen Wohnung in bürgerlichen Familien und können Wohnungen zu 30 bis 40 Mk. per' Monat von dem Vorsteher der Schule, Herrn Oekonomierat Lerthiger, nachgewiesen werden. Das Schulgeld beträgt für frag Wintersemester 25 Mk.
Anmeldungen sind an den Aufsichtsrat oder an Herrn Oekonomierat Leithiger zu richten, welcher auch bereit ist, sfpeziellere Anftagen zu beantworten.
Alsfeld, den 1. September 1901.
Der Aufsichtsrat der landwirtschaftlichen Winterschule Alsfeld. Dr. Melior.
Politische Tagesschau.
Mac Kinleys Mörder
ist der amerikanischen Polizei kein Fremder. In der amerikanischen Verbrechergalerie findet sich bereits folgendes Signalement des Präsidentenmörders eingetragen: Leon F.
Czolgosz alias Frank Niemann. Verbrechen; — — — —, Alter 28 Jahre, Größe 5 Fuß 57/8 Zoll, Gewicht 138 Pfund, Gestalt schlank, Augen blau, Haare braun, Teint mittel, Gesicht glatt, geboren in Detroit, Michigan. Gewerbe Drahtarbeiter. Der Vater des Verbrechers ist kurz vor dessen Geburt aus Ostpreußen eingewandert und ist polnischer Na- tionalttät. Er lebt jetzt als Farmer bei Cleveland. — In der dortigen, vom Anarchismus besonders stark infizierten Atmosphäre wuchs der Mordbube heran, der als Drahtarbeiter das Leben zu beschwerlich fand, und sich deshalb auf andere Weise durchzuschlagen wußte. Er übernahm eine Kneipe, in der sich ein anarchistischer Klub bildete. Dieser soll den Namen „Gewalt" geführt und aus 22 Mitgliedern bestanden haben, als der Attentäter die Stadt verließ. Er hat sich dann in vielen Städten herumgetricben und war namentlich
Czolgosz.
auch in Chicago. Hier fiel sein Verkehr mit anderen Anarchisten auf, besonders mit der schon früher vielfach in den Vordergrund getretenen Emma Goldmann, die einen tiefen Eindruck auf den Burschen gemacht zu haben scheint. Bei seiner Verhaftung hatte er entschieden geleugnet, Mitschuldige zu haben, aber ausdrücklich erklärt, daß er durch die Reden und Briefe dieses Weibes zu seiner That angespornt wurde. Da in Paterson bekannllich die Ermordung des Königs von Italien ausgehcckt wurde, so scheint die — in Cleveland oder Chicago vorbereitete — Ermordung des Präsidenten nur ein weiteres Glied in einer ganzen Kette von Verbrechen zu sein, welche die amerikanischen Anarchisten, begünstigt von der bestehenden schrankenlosen Freiheit planen und in aller Gemütsruhe vorbereiten.
Wie bekannt, ist Czolgosz, nachdem das Attentat den Tod Mae Kinleys zur Folge gehabt hat, des Mordes unter erschwerenden Umständen angeklagt worden. Hiergegen wendet sich die anarchistische Presse mit einer stechen Begründung. Es wird das Ergebnis der an der Leiche Mac Kinleys vorgenommenen Sektion benutzt, um darzutun, daß der Präsident nicht an der Wunde, sondern an Nikotin-Vergiftung gestorben sei, daß der Schuß den sicheren Tod nur beschleunigt habe. Es ist wohl ausgeschlossen, daß die amerikanischen Gerichte sich auf einen solchen Schwindel einlassen, und etiva, wie diese Gesellschaft fordert, den Mörder nur der schweren Körperverletzung schuldig finden könnten; immerhin ist schon der Versuch charakteristisch für das, was in dieser
Richtung auch heute noch, Angesichts der erschütternden Kata- sttophe, geschrieben und gesagt werden kann.
Wie verlautet, wird Czolgosz schon heute (am 23. September) vor Gericht gestellt, und wenn er, wie sicher zu erwarten steht, zum Tode verurteilt wird, durch Elektrizität hingerichtet werden.
Zur Beurteilung des gegenwärtigen Standes der Wohnungsfrage ist der vor einiger Zeit von dem Verein für Sozialpolitik herausgegebene Schlußband seiner Neuen Untersuchungen über die Wohnungsstage in Deutschland und Oesterreich sehr schätzbar. Es ist darin zusammengcfaßt, welche Maßnahmen zur Herstellung und zur Förderung des Baues gesunder und billiger kleiner Wohnungen einerseits durch Arbeitgeber und gemeinnützige Gesellschaften, andererseits durch Gemeinden und Staaten getroffen und welche positiven Ergebnisse bis jetzt auf diesem Gebiet erzielt worden sind. Die Gesamtzahl der in Deutschland von industriellen Ar b eit - gebern erbauten Arbeiterwohnungen betrug am 1. Oktober 1898: 143 049. Das würde, wenn wir die gesamte industrielle Bevölkerung Deutschlands gemäß der letzten Berufsstatistik auf rd. 8 Millionen veranschlagen, rd. 18 Wohnungen auf 1000 Arbeiter ergeben. Selbstverständlich kann dieses Verhältnis nicht als allgemein giltig angenommen werden, sondern wird sich in reinen Jndustriebezirken günstiger, in Großstädten erheblich ungünstiger gestalten. Die Bemühungen des preußischen Bergfiskus zur Ansiedelung der Arbeiter gehen bis in den Anfang der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts zurück. Bis Ende 1899 waren von der Bergwerks- venvaltung rd. 5 056 000 Mk. zu Baugründen und rund 7 300 000 Mk. zu unverzinslichen Darlehen im Interesse der Arbeiteransiedelung verwandt. So sind im Saarbrücker Revier nicht weniger als 42 pCt., im Hallischen Revier 27 pCt., im Revier Stolberg-Eisleben 25 pCt. der Arbeiter Haüsbesitzer geworden. Im Bereich der seit 1897 zu einer Eisenbahngemeinschaft vereinigten preußischen und hessischen Staatsbahnverwaltung waren im April 1899 rd. 30 840 aus Staatsmitteln erbaute Wohnungen vorhanden. Der zu diesem Zweck vom Landtag bewilligte Kredit beziffert sich auf 20 Millionen. Im Bereich der bayerischen Staatsbahnen waren Ende 1899 teils aus gesetzlichen Krediten, teils aus Etatsmitteln für rund 39 900 Bedienstete rd. 8000 Wohnungen vorhanden. Die sächsische Staatseisenbahnverwaltung hat bis dahin 4130 Wohnungen hergestellt. Für die Unterbediensteten bei den württembergischen Verkehrsanstalten waren Ende Mai 1899 590 Wohnungen vorhanden; doch steht dort ebenso rote bei der Reichspostverroaltung, die siber rd. 600 Wohnungen verfügt, die Förderung der Wohnungsstage noch in den ersten Anfängen. Für die verhältnismäßig geringe Zahl der Arbeiter in militärfiskalischen Werkstätten Preußens stehen rd. 500, für die dem Ressort des Reichsmarineamts unterstehende Torpedoroerkstatt in Friedrichsort und die Werft in Wilhelmshaven stehen über 1100 Wohnungen zur Verfügung. Auch das preußische Landwirtschaftsministerium hat zur Vermehrung und Verbesserung der Arbeiterroohnungen in den letzten sieben Jahren über 2 Millionen Mark verwendet.
Polnische Deutsche.
Wie die Polonisierung deutscher Nstmen in den preußischen Ostprovinzen zustande kommt, zeigt recht drastisch folgende Mitteilung: In dem Kalkbruch Hans- dorf bei Pakosch wohnt ein Arbeiter, der bisher unter dem Namen Szalkowski bekannt war; er schickte vier Kinder,
Feuilleton.
Theater, Kunst und Wissenschaft.
KlareBestimmungenüberdieVorlesungs- honorare, die von der Buntscheckigkeit der auf den Universitäten üblichen Honorare vorteilhaft abstechen, scheinen die Technischen Hochschulen zu haben. Auf der Charlottenburger Technischen Hochschule ä. B. herrschen ganz bestimmte Normen. Tas Honorar wird halbjährlich entrichtet und richtet sich nach der Zahl der Stunden, die das Kolleg wöchentlich hat. Tie Stunde Vortrag ist mit 4 Mk., für Hebungen mit 3 Mk. zu berechnen; Hospitanten zahlen je eine Mark mehr. Hat ein Kolleg wöchentlich 5 Vortrags- Mnden und 5 Uebungsstunden, so zahlt der Student ein Semester-Honorar von 5 mal 4 und 5 mal 3 Mk. also zusammen 35 Mk.; beim Hospitanten stellt sich das Honorar <nuf 45 Mk. Ebenso sind die Honorare für die Arbeiten in den Laboratorien präzisiert. Alles in allem teilt der Senat der Hochschule in seinem jetzt ausgegebenen neuen Programm mit, daß bei Bemessung der Kosten ein Honorar-Betrag von ettoa 150 Mk. im Semester zu rechnen sei, die dann noch eventuell gestundet werden können.
Ein Gedicht des Prinzen Tschun wurde einem Berliner Blatte zur Verfügung gestellt. Ter Inhalt des Poems stellt außer Zweifel, daß es seine Entstehung oer unfreiwilligen Muße verdankt, zu der Tschun in Basel verurteilt war. Während das Gedicht ein Hauch der Romantik durchweht, schildert es zugleich ganz realistisch die örtliche Situation, in der es entstanden ist. Ter Prinz hat mit geradezu photograpischer Treue diese Oertlichkeit geschildert. Im „Hotel zu den drei Königen" lagen seine Zimmer nach dem Rhein hinaus, der an der Hinterfront d>es Hauses vorbeiströmt. Längs der von ihm bewohnt gewesenen Gemächer zieht sich ein Balkon, von dem aus man
einen günstigen Blick über den Strom und hinüber zu den in blauer Ferne schimmernden Bergen hat. Wenn die Abendschatten ihn vor der neugierigen Menge verbargen, die von der dicht benachbarten Rheinbrücke aus den Balkon beobachsstete, trat der Prinz hinaus und betrachtete lange das Panorama, das ihm zu Füßen und rings um ihn ausgebreitet lag. So wird die Stimmung verständlich, der der poetische Erguß entflossen ist, und dec in wortgetreuer Uebersetzung also lautet:
Am schönsten ist es, wenn die Abendsonne Hernieder auf die Erde sinkt.
Von ferne sehe ich das Gebirge
Und blicke hinab in das Wasser, Tas hinter dem Hanse dahinströmt.
Ich sitze hier an dem Geländer
Und betrachte dies Schauspiel.
Tie Blumen, der Duft, die Schatten, Sie sind mir auch hier geblieben. Mitten in diesem Stück Erde, Tas die Schweiz sie nennen, Und über 40 Grad entfernt vom Aequator liegt, So dichtend, gehe ich meinen Gedanken nach Und wenn ich nachsinne,
Tann kommt die Ruhe über mich
Trum habe ich von Jugend an bis zum heutigen Tag Mich als Tichter versucbt.
Tas sind die Blätter und Blumen,
Tie in den Schoß mir fallen.
Beim Weine empfinde ich keine Müdigkeit.
Toch wenn ich jetzt mich erhebe,
Ist mir's, als ginge ich mit trunkenen Schritten Um einen Bach herum,
In dem das Licht des Mondes sich spiegelt.
Schon sind die Vöglein im Nest, Und menschenleer ist es geworben.
Helgoland, 22. Sept. Heute wurde die hiesige Station für drahtlose Telegraphie nach Prof. Braun und Siemens & Halske von dem Geh. Posttat Strecker- Berlin, Postrat Fritzsche-Hamburg und Prof. Kübler-Tresden besichtigt. Tie zwischen hier und Cuxhaven gewechselten längeren Tepeschen kamen bei 32 Meter Trahthöhe fehlerlos an. Tie genannten Herren gaben ihrer vollen Zufriedenheit rückhaltlos Ausdruck.
„Mir auch!" Im Stuttgarter Theater ereignete sich bei der Wiederholung des Björnsonschen „Laboremus", das unser Berliner xy-Mitarbeiter dieser Tage ausführlich behandelte, ein heiterer Zwischenfall. Als Dr. Kann seinem Neffen Langfred das vernichtende Urteil der jungen Dorgnh über dessen „Undine" mit den Worten kund gab: „Mir scheint das recht eintönig", da erscholl von der zweiten ober dritten Gallerie des Hauses ein überlautes: „Mir auch!" Es entstand eine allgemeine Heiterkeit, der sich sogar die Darsteller nicht erwehren konnten. Es dauerte lange, bis die Wirkung des vielsagenden Zurufes einigermaßen abgeschwächt wurde. Um die Illusion und den Ernst des Abends war es aber geschehen.
Max Halbes neues Drama „Haus Rosenhagen" (Verlag von Georg Bondi in Berlin) ist am 21. b. M. zum ersten Male gleichzeitig im Berliner Lessingtheater unb im Stuttgarter Hoftheater zur Aufführung gekommen und fand an beiden Orten ein dankbares Publikum, das allerdings dem letzten Akte gegenüber sich ziemlich kühl verhielt.
Ter ehemalige Professor Leopold Schenk in Wien, der bekanntlich eine Theorie der Geschlechtsbesttmmung auf- gestellt hat, hat gegen die Wiener antisemitischen Blätter „Deutsches Volksblatt" und „Teutsche Zeitung", die ihn anläßlich der Besprechung des jüngsten medizinischen Kongresses angegriffen hatten, Ehrenbeleidigungsklage erhoben.


