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Nr. 120 Erstes Blatt.
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Freitag 24. Mai 1001
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General-Anzeiger v
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
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«Amtlicher Heil.
Gießen, den 21. Mai 1901. Bet*.: Förderung der Fischzucht.
Das Großherzogliche Kreisaml Gießen
a« die Großh. Bürgermeistereien des Kreises.
Unter Bezugnahme auf die Verhandlungen der gestrigen Generalversammlung des landwirtschaftlichen Bezirksvereins Gießen und den Vortrag des Herrn Schulrats Dosch geben »vir Ihnen auf, une Bericht zu erstatten über folgende Fragen, welche Sie genau beantworten wollen.
1. Welche Fischteiche befinden sich dermalen in der Gemarkung die von der Gemeinde oder Privaten betrieben werden, und wie ist ihre Anlage beschaffen;
2. wie groß sind die einzelnen Teiche;
3. mit welchen Fischarten find sie besetzt;
4. welchen Ertrag haben sie jährlich etwa geliefert und welche Kosten verursacht;
5. welche Teiche waren etwa früher im Betrieb und sind sind jetzt außer Betrieb;
6. warum find sie aufgegeben worden;
7. ist der Ortsteich oder find die OrtSteiche seither mit Fischen besetzt worden;
8. hat die Gemeinde zur Anlage von Teichen geeigneten Besitz, und will der Ortsvorstand der Teichwirtschaft sein Zntereffe zuwendeu?
Wir werden später die Berhältniffe im Kreise von sachverständiger Seite untersuchen und Ihnen in Ihren Bestrebungen alle Hilfe, die in unseren Kräften steht, angedeihen lassen. _____v. Bechtold.______________
Bekonntmacknng.
Betr.. Umbau der Ziegelsteige; hier Gelände-Erwerb im Wege des Enteignungsverfahrens.
Der Ortsvorstand der Gemeinde Grünberg hat gemäß Art. 22 des Enteignungsgesetzes vom 26. Juli 1884 in der Fassung vom 30. September 1899 Antrag auf Einleitung des Enteignungsverfahrens hinsichtlich der folgenden in der Gemarkung Grünberg belegenen Grundstücke gestellt. Flur II Nr. 495; 496, 2 ; 496, 5; Flur III Nr. 134; Nr. 135; Nr. 1.36; Nr. 7; Nr. 8.
Es wird dies mit dem Anfügen zur öffentlichen Kenntnis gebracht, daß der Antrag mit den erforderlichen Anlagen in der Zeit vom 28. Mai bis einschließlich den 10. Juni 1901 auf dem Amtszimmer der Großh. Bürgermeisterei Grünberg zu jedermanns Einsicht offen liegt.
Zugleich wird zur Verhandlung über den Plan und die Entschädigung Tagfahrt vor der Lokalkommission auf Freitag, den 14. Juni 1901, vormittags 9 Uhr, im Gemeindehause zu Grünberg anberaumt.
Tie Eigentümer, Pächter, Mieter und sonstige an den abzutretenden Grundstücken persönlich Berechtigte, sowie alle übrigen an der beantragten Enteignung Beteiligten werden aufgefvrdert:
1. Einwendungen gegen den Plan bei Meidung des Ausschlusses und Annahme der Einwilligung in die beanspruchte Abtretung oder Beschränkung,
2. Erklärung auf die angebotene Entschädigungssumme bei Meidung der Unterstellung der Annahme des Angebotes,
3. Anträge auf Ausdehnung der Enteignung bei Mei düng des Ausschlusses mit solchen,
4. Anträge auf Aufrechterhaltung bestehender Lasten bei Meidung des Ausschlusses mit solchen,
5. Anträge auf Einrichtung und Unterhaltung von Anlagen, welche für die benachbarten Grundstücke zur Sicherung gegen Gefahren und Nachteile notwendig sind oder notwendig werden, bei Meidung des Ausschlusses mit solchen,
6. etwaige noch unbekannte Rechte oder Ansprüche an die zu enteignenden Grundstücke bei Meidung des Ausschlusses mit solchen,
in dem obenerwähnten Termine vorzubringen.
Wenn dritte Personen als dinglich berechtigte oder wegen sonstiger Rechtsverhältnisse bei der Enteignung beteiligt sind, so muß der Eigentümer solche sofort nach Zustellung der Bekanntmachung uns bezeichnen, andernfalls bleibt er für diese Ansprüche verantwortlich.
Tie Eigentümer der abzutretenden Grundstücke müssen von der Zustellung dieser Bekanntmachung an zu neuen Anlagen oder zu einer von der bisherigen bezw. der gewöhnlichen abweichenden Art der Bewirtschaftung die Genehmigung des Unternehmers einholen, widrigenfalls eine Entschädigung demnächst nur insoweit verlangt werden kann, als durch die Veränderung auch für den öffentHdjen Zweck, für welchen die Enteignung geschieht, der Wert des Geländes erhöht worden ist.
>Hmimt der Eigentümer einem anderen von dem Zeitpunkt der Zustellung an ein dingliches Recht an dem zu enteignenden Grundstücke oder ein persönliches Recht auf dessen Benutzung ohne Genehmigung des Unternehmers ein, so steht jenem anderen eine besondere Entschädigung nicht zu.
Tie Lokalkommission besteht außer dem Unterzeichneten als Vorsitzenden aus den Herren Großh. Baurat Stahl zu Gießen und Oekouom Theodor Stein zu Grünberg.
Gießen, den 22. Mai 1901.
Ter Vorsitzende der Lokalkommission.
_________________Tr. Heinrichs._________________
Bekanntmachung.
Betr.: Feldbereiuigung in der Gemarkung Ringelshausen.
In der Zeit vom 28. Mai l. IS. bis einschließlich 10. Juni l. IS. liegen auf dem Amtszimmer der Großh. Bürgermeisterei Rabertshausen folgende Akten zur Einsicht der Beteiligten offen:
1. das topographische Güterverzeichnis des Feld- bereinigungsbezirks. In dem topographischen Güterverzeichnis ist die Wahrung der Rechtsverhältniffe zur Darstellung gebracht. (Art. 25 des Feld- bereinigungSgesetzeS) ;
2. das Verzeichnis derjenigen Grundstücke, welche in- folge oer Felüberetuiguag an Stelle der verpfändeten alten Grundstücke getreten find.
Einwendungen hiergegen find bei Meidung des Aus« chluffeS innerhalb der oben angegebenen OffeulegungSfrtst schriftlich oder zu Protokoll bei Großherzogl. Bürgermeisterei Rabertshausen anzubringe».
Friedberg, den 17. Mai 1901.
Der Großh. BereinigungSkommiffär: Spanier, KreiSamtmann.
Vom wissenschaftlichen Sozialismus.
Wenn die Sozialdemokraten ihre Ideen utopistisch, ifcre Lehren Phantasiegebilde nennen hörten, wenn ihr ZukunstS- ftaat als unerreichbar hingestellt wurde, bann haben sie immer behauptet, der Sozialismus beruhe auf ftreng wissenschaftlicher Grundlage, er sei als Wahrheit erwiesen und werde daher die Welt erobern mit der unabwendbaren. Wirkung eines Naturgesetzes. Tiesen sozialdemokratischen Einwendungen gegenüber hat sich Genosse Eduard Bernstein stets recht skeptisch verhalten. Er hat das als wissen- schaftlhch' ausgegebene $ebäubc des Sozialismus bewußt erschüttert. Er gab sogar den Zukunftsstaat preis und erklärte, das „Ziel", das sonst als das heiligste gilt, sei ihm „nichts", die „Bewegung", die im Grunde mit einer immer umfassenderen und tiefer greifenden staatlichen Sozial- refvrm identisch ist, „alles". Sein Gegner Kautsky, dec hartnäckige Verteidiger des Marxismus, hat es nicht zu verhindern vermocht, daß Bernstein eine starkö Anhänger^ schäft in Deutschland fand. Wenn die Partei noch die alte wäre, wie sie der alte Gießener Liebknecht und mit ihm Bebel einst beherrscht haben, sie hätte längst den thätigsten, einsichtigsten und erfolgreichsten Teil der Genossen aus stoßen müssen als Un- und Irrgläubige. Aber es geht nicht mehr. Man hat in der Presse und auf den Parteitagen lange und erbitterte Kämpfe geführt, sich schließlich aber vertragen, den Riß notdürftig verkleistert und dann standhaftes Schweigen eintreten lassen. Bernstein saß. zudem jenseits des Kanals, von luo aus er die von den alten Führern der deutschen Sozialdemokratie geübte Taktik wenig stören konnte.
Vor kurzem aber ist er aus seiner Verbannung zurück^ gekehrt und scheint den Hecht im Karpfenteiche spielen zu wollen. Er kann sich darauf berufen, daß ja gerade die Sozialdemokraten volle Freiheit der Meinungsäußerung und der Wissenschaft proklamieren, also ihm nad) den eigene« Grundsätzen gar nicht Schweigen gebieten dürfen. Alk überzeugter Manu ist er sich schließlich selbst schuldig, das auszusprechen, was er als richtig erkannt hat, selbst
Kunst und -Festen in Uompeji.
'Nach einem Vortrag des Professors Dr. Dieterich, in der Aula der Universität.
I.
Lange vor Menschengedenken war bei einem Befuvaus- druch in Mittel-Italien, in der Nähe der Mündung des Sarno in den Golf vonNeapel, ein gewaltiger Lavastrom in südöstlicher Richtung dem Sarno zugeflossen. Kurz bevor die alles vernichtende, glühende, flüssige Masse den Fluß erreicht^, erstarrte sie, es bildete sich im Laufe der Zeit eine hügelartige Erhebung, die wegen ihrer günstigen Lage, dicht am herrlichen Meerbusen, schon früh zu Ansiedelungen besonders geeignet war. Die alten oskischen Bewohner, die bermutlfcL zuerst sich dort niederließen, bauten die Stadt Pompeji (die Stebeutuncj des Namens Pompeji ist nodj streitig). Den ersten Ansiedlern folgten ihre kriegerischen Stammesgenossen, die S a m n i t e n, die sich schon früh der Küstenstädte bemächtigten. Im 4. Jahrhundert wurde Pompeji gleich ihren Nachbar- ftobten in die Kämpfe zwischen Samnitem und Römern verwickelt, ulnd infolge dieser der römischen Herrschaft unterworfen. Die bann folgende lange Friedenszeit bis 90 v. Ehr.) muß für die Entwickelung der Stadt besonders glücklich gewesen sein.
Neben einer großen Anzahl öffentlicher Bauten, wie Tempel, 'Basilika," Tribunal, Theater, Badeanlage und Stadtthore entstand eine Reihe weiträumiger, prächtig ausgestatteter Privathäuser, die von dem damals herrschenden Wohlstand und zugleich von der wachsenden Macht griechischen Einflusses auf die Bewohner ein glänzendes Z eugnis ablegten.
Da kam der Bundesgenossenkrieg. Im Jahre 89, wo die Nachbarstädte Hereulanum und Stabia fielen, gingen die Schrecken der Belagerung und Zerstörung glücklich an Pompeji vorüber, jedosv nach Niederwerfung des Aufstandes sandte Sulla viele Kolonisten nach Pompeji, viele Bürger verloren ihren Besitz. Für die Kultur- und Bau-, -Schichte der Stadt aber bezeichnete das Eindringen rö- ,Mischer Elemente einen entscheidenden Wendepunkt. An die Stelle des behaglichen, Ruhe und ruhigen Genuß lieben- den, mit griechischer Bildung gesättigten Geschlechts, trat
ein anderes. Ein derberer Geschmack, ein nüchterner, praktischer Sinn kam zur Geltung.
Die Einwohnerzahl wird auf rund 20000 geschätzt. Pompeji muß bei seiner schönen, gesunden Lage damals einen großen Reiz selbst auf die verwöhnten Römer aus- geübt haben, besaß doch sogar Kaiser Claudius dort eine Villa. Die wünschenswertesten Bequemlichkeiten fehlten nicht. Handel und Verkehr blühten und brachten der am Ausgang des herrlichen Sarnothals gelegene Stadt Vorteil und Reichtum.
In jeder Hinsicht war die Stadt in erfieulicher Entwickelung, da ereignete sich ein furchtbares Unglück. Am 5. Februar 63 (n. Ehr.) wurde Pompeji von einem Erdbeben heimgesucht, das um so oerljeerenber wirkte, je unerwarteter es tarn. Viele (Gebäude stürzten zusammen, taum eines der öffentlichen Gebäude wird verschont geblieben sein. Natürlich wird man die Schäden an den Häusern, soweit es sich nicht um völlige Neubauten handelte, möglichst rasch ausgebesfert haben. Freilich? die geschmackvollen Formen des oskischen Baues kehrten nicht wieder. Ein Haschen nach äußerem Schein, nach blendender Wirkung ist ein wesentlicher Zug dieser Periode Pompejis.
Tas Vertrauen auf eine ungestörte glückliche Fortentwickelung ward bald wieder gewonnen. Tie Schrecken ioaren vergessen, die Schäden geheilt.
Tie Stadt erfreute sich augenscheinlich eines neuen wachsenden Wohlstandes. Er sollte nicht lange dauern.
Tas Erdbeben hatte das Erwachen der seit undenklichen Zeiten schlummernden Zerstörungskräfte im Innern des Vesuvs angekündigt' Am 24. August 79 erfolgte der Ausbruch, der Pompeji sowie Hereulanum und einige kleinere Orte der Umgegend anderthalb Tage lang mit einem Regen von Asche und Bimssteinbrocken überschüttete. Ein Lavastrom ist über Pompeji zwar nicht wie über Hereulanum geflossen. Sicherlich kam diese furchtbare Katastrophe, bei der nach Inhalt der ausführlichen Briefe des jüngeren Plinius wohl 2000 Personen umkamen, wohl ebensv überraschend wie das Erdbeben 16 Jahre vorher. Mehrfache Versuche zur Wiederbesiedelung wurden gemacht, aber eine dauernde Niederlassung bildete sich an der Stelle Pompejis nicht wieder. Mehr als andert
halb Jahrtausend .lag die Stadt unter der 6 Meter Ijofyeii vulkanischen Decke begraben und vergessen. Aber so schlimm und bedauernswert das Schicksal der Stadt war, von stx großem Nutzen war die Art und Weise ihres Unterganges für die Nachwelt. Goethe sagt selbst:
„Kein Unglück war der Menschheit von so großem Nutzen, als der Untergang Pompejis."
Keine Fundstelle der alten Welt ist für unsere Kennt» nis des Privatlebens des Altertums von solcher Wichtigkeit wie Pompeji. Was wir aus den alten Schriftstelleru^ aus Inschriften, aus anderen Fundorten nur bruchstückweise und lückenhaft erfahren können, das tritt hier bemt überraschten Blick in seiner Gesamtheit und handgreiflich vor Augen.
Zufällige Funde veranlaßten 1748 genauere Nachforschungen, die seitdem, wenn auch mit Unterbrechung, bis zur heutigen Zeit fortgeführt worden sind. Dm Deutschen gebührt hauptsächlich das Verdienst, die Aufklärung der Funde vollbracht zu haben.
Durch die Ausgrabungen gewann man eine deutliche Vorstellung vom Aussehen und von der Einrichtung der Häuser, Straßen und Plätze, einen sicheren Einblick in das Leben und Treiben der Bewohner. Besonders erfolgreich waren die Ausgrabungen von 1763 bis 1775, die die beiden Theater, mehrere Tempel, die Gräberstraße nebst mehreren anliegenden Villen zu tage förderten Bedeutendes schaffte die Regierung Murats (1808—1815), der die Aufdeckung des Forums, der Basilika, der Stadtmauer in ihrem ganzen Umfange und anderes verdankt wird. Nach der Rückkehr der Bourbonen wurden die Ausgrabungen zwar fortgesetzt, aber mit immer abnehmendem Eifer. Mit dem Anschlüsse Neapels an das Königreich Italien 1870, beginnt die neueste Periode der Ausgrabungen Pompejis, die für die Wissenschaft die ertragreichste wurde. Unter der Leitung Fiorellis begann, im Gegensatz, zu dem früheren Raubbau, eine planmäßige und sorgfältige Aufdeckung des Verfchütteten, bie, möglichste Erhaltung und genaue Aufnahme des Gefundenen. Auf-^ gedeckt ist etwa die Hälfte der Stadt. (Forts, folgt.) ,


