Ausgabe 
24.3.1901 Zweites Blatt
 
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Irr. 71 Zweites Blatt.

151. Jahrgang.

Sonntag 24 März 1901

Erscheint täglich mit Un»nahmk des MsnragS. M< Gießener Zamilten- »lütter werben dem Än» ^er m> Wechiel mitHess. 4n»irt" undvläner Nk Hess. BolkSkunde" vier« »«l wöchentlich beigdegt.

»«nabet Den Cnitieen M »er ne*ortttaflB für Den W*ttnben Zag crfifcttntnbeu mcimt btt Denn 10 Ubr K» b 11111 u q t n IpditflenB abeaM »orher.

Ekbeftiee, Expedition und nzdrrei tchulpraße 7.

GietzenerAnzeiger

T<r General-Anzeiger w

Amis- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

vezogspreiL vierteljäh^. Mk. 2.20, monatl. 7b Pt«, mit Vrmgerlohn; durch Mt Abholkftellen eirrtfljä^eL Mk. 1.90, monatl. 66 Vfe

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a*6eärt, K Pf,.

Adresse für DeveschEl Anzeiger Gletze».

Frrnsprechanschluß sttr.DE.

für fremdenfeindlicl>e Gesellschaften), nmrde an allen Mauer- ecken der 'Stadt angeschlagen. Bolkshaufen drängen sich vor den Anschlägen, um sie zu lesen.

lieber eine angebliche Krisis imFlottenverein" er- fährt dieWat. Ztg.", daß u. a.in weiten Kreisen ber1 Mitglieder die sehr kostspielige, aber wenig erfolgreiche China-Expedition des Vereins keinen Anklang gefunden fyat". Tas ist kein Wunder. Tiefe Nachrichten-Expedition, die mit allem nur denkbaren Material ausgerüstet wurde, um ihre journalistische Aufgabe zu erfüllen, die die feinsten Empfehlungen an die maßgebenden Personen mit auf den Weg bekam, bat lediglich dadurch von sich reden gemacht, daß sie sich in ein trapistenmäßiges Schweigen hüllte. So­lange diese Expedition schwieg, hatte sie sogar das besser« Teil erwählt. Ein paar Mal brach sie das stille Gelübde, ihre bescheidenen Wahrnehmungen für sich zu behalten, und die Folge war, daß einer Berliner Zeitung, die sich anscheinend das Vorzugsrecht der Publikation gesichert hatte, eine Ente comme il faut serviert wurde, lieber diesen unerwarteten Erfolg bestürzt zog sich die famose- Expedition auf den früheren Standpunkt vornehmer Reserve zurück. Tie Bezeichnungwenig erfolgreich" ist für die Thätigkeit" der Expedition ausgesucht mild und delikat.

Amtlicher Feil.

Bekanntmachung.

In der Zeit vom 16 bis 23. März 1901 wurden in hiesiger Stadt

gefttttbcn: 1 Geldstück, 1 Taschenmesser, 1 Schere, 1 Boa und l Packet mit Chokolade;

verloren: 1 Portemonnaie mit Inhalt und 1 Packet mit schwarzer Seide.

Die Empfangsberechtigten der gefundenen Gegenstände beliebe» ihre Ansprüche alsbald bei uns geltend zu machen.

Gießen, den 23. März 1901.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

Hechler.

Bckanntmaibung.

Zur Verhütung der Verschleppung der Maul- und Klauenseuche wird die Abhaltung des auf den 27. März ds. IS. in Wetzlar anstehenden BiehmarkteS an die Beding­ungen geknüpft, welche durch meine, den Markt in Leun betreffende Bekanntmachung in Nr. 42 des Kreisblattes von 1901 veröffentlicht worden find.

Der Auftrieb beginnt um 9 Uhr vormittags.

Aus der Provinz Oberheffen des GroßherzogtumS Hessen dürfen Rindvieh, Schweine und Schafe nicht aufgetrieben werden.

Wetzlar, den 18. März 1901.

Der Königliche Landrat.

Politische Tagesschau.

Die übertriebenem Selbftbewußtsein entspringende Er­wartung der New-Aorker Finanziers, Deutschland werde auch bei der Begebung fernerer Anleihen den amerika­nischen Geldmarkt in Anspruch nehmen, ist gründlich ge­täuscht worden. Ein deutsches Konsortium, aus den Bank- häusern bestehend, mit denen die Reichs- und die preu­ßische Finanzverwaltung von jeher derartige Transaktionen »nachten, hat die neue 300 Millionen-Reichs-An- leihe übernommen und wird sie anfangs April zur Zeichnung stellen Es ist sicher, daß der Betrag über­zeichnet werden wird. Denn nach den bitteren Erfahrungen der letzten Zeit ist die Beliebtheit der Staatspapiere, auch der niedrig verzinslichen, erheblich gewachsen. Die Meldung »om Abschluß' der Anleihe hat an der Börse eine Be­festigung der Stimmung hervorgerufen. Das Gegenteil wäre eingetreten, wenn man an der glatten Unterbringung der Anleihe im Inland zu zweifeln Anlaß hätte .Es geht auch ohne die New-?)orker Hochfinanz.

DieNordd. Allg. Ztg." teilt mit, daß der E m i s s i o n s- kurs auf 8 7 ein halb festgesetzt worden ist. Tie An­kündigung der Begebung wird in der kommenden Woche, die Zeichnung noch vor Ostern erfolgen. Tie Einzahlungs- iermine werden sich bis tief in den Sommer hinein ver­seilen. Wie derB.-E." hört, findet die Emission cm 3. April statt.

Der geprellte Friede.

TemenglischenParlamentsinddieSchrift- itücf e ü 6er d ie Friedensverhandlungen mit t>en Buren nunmehr ergangen. Rach diesen Be­richten sind die Bedingungen, die den Buren angeboten wurden, von Botha aber abgelehnt wurden, folgende: Sobald sich alle Burenstreitkräfte ergeben, gewährt die eng- lifdje Regierung in den Kolonien Transvaal und Oranje Amnestie. Gegen die Engländer indessen, die aus Natal oder der Kapkolonie ftafnmen, soll nach dem in diesen Kolonien während des Krieges zur Anwendung gelangten Ausnahmegesetz verfahren werden. Die auf Helena, Ceylon und anderswo in Kriegsgefangenschaft befindlichen Buren sollen in die Heimat zurückgefördert werden. Die jetzige, Militärverwaltung soll durch eine Verwaltung als Kron­kolonie ersetzt werden. Es soll ferner in weitestem Maße Selbstregierung zugestanden werden. Tas Kircheneigentum, der Besitz öffentlicher Gesellschaften, die Fonds für die Waisen sollen respektiert werden. Die englische und hollän­dische Sprache sollen gleicher Weise zur Anwendung ge­langen. Tie englische Regierung kann nicht verantwortlich gemacht werden für die Schulden, welche die letzten re­publikanischen Verwaltungen gemacht haben, _ift aber be­reit, eine Summe von nicht über eine Million Pfund Sterling zur Deckung von Schadenersatzansprüchen von den Buren zu bewilligen. Den Farmern soll für ihre Verluste im Kriege Beistand durch eine Anleihe gewährt werden. Kriegs- {"teuer sollen die Farmer nicht bezahlen. Diejenigen Burghers, iie des Schutzes von Feuerwaffen bedürfen, sollen die Er­laubnis erhalten, Waffen zu tragen, wenn sie sich einen Erlaubnisschein geben und in die Liste eintragen lassen Den Kaffem soll in beschränktem Maße das Stimmrecht gewährt werden. Wenn eine das Volk vertretende Re- jaierung eingerichtet ist, soll die gesetzliche Stellung der farbigen in ähnlicher Weise geregelt werden wie in der 'Kapkolonie.

Unter den dem Parlamente vorgelegten Schriftstücken Gesindel sich auch ein Telegramm Kitcheners, in dem

dieser über seine Unterredung mit Botha in Middel­burg am 28. Februar berichtet: Ich lehnte es ab, mit Botha über die Frage der Unabhängigkeit zu sprechen. Botha hätte es gern gesehen, wenn gleich eine repräsentative Verwaltung eingerichtet worden wäre, er schien aber auch befriedigt zu sein über den Vorschlag der Einrichtung einer Kronkolonie Botha fragte, ob den Buren erlaubt wer­den würde, ihre Gewehre zum Schutz gegen die Eingeborenen zu behalten, und legte namentlich Gewicht auf die Frage, ob Großbritannien die legalen Schulden der Republiken mit Einschluß der während des Krieges gemachten Schulden übernehmen würde. Botha schien nichts dagegen zu haben, daß den Aufständischen aus den Kolonien das Wahl­recht entzogen werde.

Im englischen Unterhause fragte Redmond an, o b von den Führern der Buren kürzlich die Bedingungen mitgeteilt worden seien, unter denen diese bereit seien, dem Krieg ein Ende zu machen. Kolonialminister Chamberlain erklärt, es sei dies, abgesehen von der Besprechung, die Botha mit Kitchener gehabt, nicht der Fall.

Aus S e n e k a l ist ein Mann eingetroffen, der glaub­würdig meldet. De Wet, Botha und zwei andere Buren­kommandanten hätten am 17. einen Kriegsrat ab ge­halten und den Bürgern die gefaßten Beschlüsse mitgeteilt. Sie hatten erklärt, die Buren seien noch gut aus- gerüstet mit Lebensmitteln und Munition, doch wären sie geneigt, unter folgenden Beding­ungen in eine Angliederung an England zu willigen. 1. Unterricht in holländischer und englischer Sprache nach freier Wahl der Eltern; 2. das Recht, gegen Erlaubnisschein ein Jagdgewehr zu führen; 3. 3 Mill. L. Entschädigung für die durch Feuer zerstörten Farmen; 4. keine Freiheiten für die Eingeborenen; 5. Amnestie für die noch im Felde stehenden Kämpfer.

Nach alledem steht fest, daß, wenn auch diese Ver­handlungen gescheitert sind, doch eine recht weit­gehende Annäherung stattgefunden hat, die an­nehmen läßt, daß das Ende des Krieges nicht mehr fern ist. Die Verhandlungen scheinen vornehmlich daran gescheitert zu sein, daß Botha auf das Entschiedenste for­derte, den Kaprebellen müsse Amnestie 'erteilt werden. Diese Forderung macht dem Charakter des Generalkommandanten alle Ehre, der in seiner Rechtlichkeit nicht zulassen will, daß die Leute, die nicht nur ihr Leben, sondern ihre ganze Existenz für die Blutsbrüder jenseits der Grenze in die Schanze geschlagen haben, schlechter behandelt merben als die eigenen Landsleute.

Laut hervorgehoben verdient: Nicht Botha war es, der um Frieden bat, nicht die kriegsharten Gesellen Steijns sehnen sich nach Ruhe, sondern England braucht den Frieden, England hatte die Initiative ergriffen zu diesem mißlichen Pakt. Das Volk von armen Bauern, das in der Not des Kampfes um das Heim und die Freiheit der Menschheit die eindringliche Lehre giebt, zeigt aufs neue, daß das Heldentum nicht ausgestorben ist auf Erden! Blut ist auch stärker als Gold.

China.

DaS Oberkommando meldet aus Peking:Der eng; lisch-russische Streitfall zu Tientsin ist heute in gemeinsamer Besprechung mit General Wogak und General Narrow vom militärischen Standpunkte in einer beide Teile befriedigenden Weise beigelegt worden. Beide Wachen und Posten werden eingezogen unter gegenseitigem Salutieren; Engländer erklären, daß Verletzung russischer Flagge nicht beabsichtigt gewesen und daß angebliche Entfernung russischer Grenzzeichen weder auf Be­fehl noch mit Wissen der Militärbehörde geschehen ist. Arbeit auf fraglichem Gelände wird nicht fortgesetzt, bis die Regie rungen fich über den Besitz geeinigt haben oder besondere Verständigung darüber erreicht ist."

Der englische Krieg in Südafrika rächt fich also in China. England muß vor Rußland demütig zurückweichen. Das ist der obigen Waldersee'schen Rede kurzer Sinn.

Eine Meldung desReuter'ichen Bureaus" vom Freitag besagt: Die beiderseitigen Schildwachen wurden heute morgen von dem strittigen Landstriche bei Tientfin zurü ckgezogen.

Im englischen Unterhause fragte Redmond an. ob mit Rücksicht auf den Abschnitt des englisch-deutscher. Abkommens, der für Aufrechterhaltung der Integrität des chenesischen Reiches Eintritt, die englische Regierung bei der deutschen Regierung befragen werde, ob in Bezug auf Rußlands Vorgehen in der Mandschurei irgend ein Schritt beabsichtig' sei. Der Staatssekretär des Aeußeren, Cranbome, ant roortete, die russische Regierung habe wiederholt er klärt, es sei ihre Absicht, die Integrität Chinas zu achten, und die englische Regierung habe keine Kenntnis davon, daß Rußland dieselbe verletzt hätte.

Dieses lächerliche englische Geflunker ändert natürlich an der T hatfache nichts, daß Rußland in Ostasien seine eigenen unantastbaren Wege wandelt.

TerKöln. Ztg." wird aus Peking vom 21. März ge­meldet: Ein gelber kaiserlicher Erlaß, wie er im Art. 10 der Friedensbedingungen vorgesehen ist (Strafandrohung

Deutsches Keich.

Berlin, 22. März. Heute, als am Geburtstag Kaiser Wilhelms I. war das Mausoleum mit blühenden Azaleen, Flieder, Schneebällen und anderen Pflanzen prächtig geschmückt. Die Generaladjutanten des alten Kaisers, die Lechregimenter, militärischen Vereine hatten Kranzspenden niedergelegt. Nach­mittags um 23/4 Uhr erschienen der Kaiser und die Kaiserin. Geh. Rat Mießner war vorher mit einem Kranz eingetroffen. Das Kaiserpaar verweilte kurze Zeit im Mausoleum. Der Kaiser, der heute zum ersten Male feit längerer Zeit das Kgl. Schloß verlassen hatte, war mit der Kaiserin ohne wei­tere Begleitung im geschlossenen Wagen gekommen und kehrte ebenso nach dem Kgl. Schlosse zurück.

Das Präsidium des Reichstages wurde heute mittag von Sr. Majestät in Audienz empfangen. Das­selbe gab zuerst den Gefühlen der fentrüflung des Reichs tage« über den Anschlag in Bremen Ausdruck und sprach alsdann die Glückwünsche des Hauses zur Genesung Sr. Majestät aus. Der Kaiser, der sehr wohl aussieht, nahm die Glück­wünsche huldvollst auf und unterhielt sich bann längere Zeit mit den drei Präsidenten. Um 1 Uhr empfing Se. Majestät das Präsidium des Abgeordnetenhauses. Der Präsident v. Kröcher richtete an Se. Majestät eine Ansprache, worin er an die Anschläge auf Kaiser Wilhelm I. in den beiden Frühlingstagen 1878 erinnerte, Gott dankt, daß er Schlimmeres jetzt von Sr. Majestät abgewendet habe, und Gott bittet, den Kaiser auch ferner zu schützen. Der Kaiser entgegnete auf diese Ansprache und sprach seine Freude darüber aus, daß das Abgeordnetenhaus den Wunsch gehegt habe, seine Empfindungen chm persönlich zum Ausdruck zu geben. Er beklagte das schmerzliche Ereignis, das ihm zu- gestoßen fei. Mit sichtlicher Bewegung hob er die Zeichen der Zeit hervor, die Jugend sei demoralisiert, alle Stände ohne Unterschied trügen bie Schulb an den Zuständen, bie Maßnahmen bet Staatsregierung würben einer scharfen Kritik unterzogen, feit dem Tode Kaiser Wilhelms I. habe die Autorität der Krone stark gelitten. Hierauf erreichte die Audienz ihr Ende, indem der Monarch sich leutselig verabschiedete.

Kiel, 22. März. Die städtischen Kollegien beschlossen heute abend den Bau eines Handelshafens in der Wieker Bucht und bewilligten hierfür 1 100000 Mark.

Ausland.

Rom, 22. März. Teputiertenkammer. Zu dem Antrag Bertesi und Genossen, die Regierung auf­zufordern, baldigst einen Gesetzentwurf vorzulegen, durch den der Zoll auf Getreide und Mehl aufgehoben: wird, ergriff heute der Finanzminister Wollemborg das Wort und führte aus, er sei mit einer allmählichen Herabsetzung des Getreidezolles durchaus einverstanden, jedoch würde eine solche, wenn sie gegen­wärtig vorgenommen werde, den künftigen Abschluß von Handelsverträgen erschweren. Man müsse es

verhindern, daß eine solche Reform in den fast ausschließ­lich agrarischen Bezirken eine Krisis herbeiführe; das Par­lament und die Regierung müßten das Land darauf vor­bereiten, daß es im stände fei, eine derartige Reform zu ertragen und aus derselben Nutzen zu ziehen. Auch könne man wegen anderer dringenderer Reformen zur Zeit nicht auf die Einnahmen aus den Getreidezö11 en verzichten. Der Minister erklärte weiter, er sei bemüht, den Getreidezoll mit dem Mehlzoll in Einklang zu bringen und iverde eine dahingehende Vorlage noch vor den Oster­ferien einbringen. Den Antrag Bertesi müsse er ablehnen. Der Antrag Bertesi wird hierauf abge lehnt. Die Kammer lehnte gleichfalls den von der Regierung be­kämpften Antrag Alberton i auf innige v » bringung einer Vorlage betreffend Herabsetzung o . Getreidezolls aus 5 Lire pro Toppelzentner ab.