Ausgabe 
24.2.1901 Erstes Blatt
 
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uns auf hie Dauer ermüden, trotz aller dichterischen Genialität in Einzelheiten. Nicht aber auf die Größe des Problems, sondern auf die Größe des Charakters des dra­matischen Helden kommt es an. Nicht ein Mensch, der als Sprelball bcm Schicksal blindlings unterliegt, sondern einer, der dem Schicksal gewachsen ist, der ihm mit Größe trotzt, vermag uns dauernd zu fesseln. Und auch Hauptmann wird erst dann den Gipfelpunkt des dichterischen Propheten erreicht haben, wenn er uns den Menschen zu zeigen vermag. An­fänge dazu sind in seinemMichael Kramer- vorhanden.

Daß für ein solches Werk aus niederer Kultur, wenn es eindringlich wirken soll, die Darstellung viel, sehr viel be deutet, ist selbstverständlich. Jede Darstellung desFuhr mann Henschel" hat von vornherein mit einer Schwierigkeit zu kämpfen: der Beherrschung des schlesischen Dialekts. Mit diesem Dialekt gab sich unser Gast, Herr Dietzsch, alle Mühe. Er führte seinen Versuch mit größter Konsequenz durch, und daS ist der Anerkennung wert. Sonst wurde Herr D. dem Fuhrmann in Gestalt, MaSke, Kleidung, Gang und Bewegung allen an die Äußerlichkeiten der Rolle zu stellenden Anforderungen fast völlig gerecht. Ich gebe aller bingS zu bedenken, daß der Fuhrmann des, im Grunde cigcnt- Itd) ziemlich überflüssigen und leicht mit ein paar Worten zu ersetzenden ersten Akte« ein anderer ist als später. Im Vor­spiel ist er nichts als der, wenn auch plumpe, so doch von voller ManneSkraft strotzende biedere Fuhrmann, und später der seelisch gebrochene, von den Lebues,chicksalcn erschöpfte Mensch. Dieser WesenSunierschied hätte vielleicht deutlicher in die Erscheinung treten können. Wie tief sonst Herr D. in die Innerlichkeit dieser einfachen Natur gedrungen war, daS bewies er namentlich in der großen Szene des 4. Aktes, in der er in namenloser Wut jähzornig ausbraust und seinen Schwager mit eiserner Kraft festhä't. Ec machte es begreif, lich, daß ein ganzes Zimmer voll Menschen vor diesem einen

Mann zittert und sich nicht an ihn heranwagt. Und auch sonst noch hatte Herr D. viele vortreffliche Momente. Wenn er aber schon vorher bisweilen in verschiedenen Situationen die wünschenswerte Lebenswahrheit nicht erreicht hatte, so zeigte sich daS besonders im letzten Akt, der freilich auch manches Gute brachte, z. B. den sichtlichen Versuch des Vlsionären, daneben aber Momente, in denen die rücksichtslose Wahrheit Hauptmanns in die Theatralik Wildenbruchs übertragen schien. Zugegeben sei, daß diese Szenen, in denen sich «eine Sinne verwirren und Wahnvorstellungen ihm das Gespenst seiner ersten Frau vorzaubcrn, außer ordentlich schwierig sind für den Darsteller, und etwas Vollkommen-s gibt eS nicht. Im Ganzen hat Herr D. den Dichter wohl verstanden, und dem entsprach im wesentlichen sein Spiel. DaS ist schon etwas, was man nicht von jedem jagen kann. Wie ich höre, ist Herr D. für die nächste Spielzeit an das kgl. Hoftheater zu Kaffel engagiert. Es ist wohl anzunchmen, daß er uns von dort aus bisweilen besuchen wird, und eS wird uns eine Freude sein, sein fünft lerischeS Wachstum zu verfolgen. Sein Wille ift gewiß der größte und damit läßt sich vieles erreichen.

Mit großer Sorgfalt war auch Frl. Schoelermann auf die Absichten des Dichters eingegangen und hatte sich der Aufgabe einer ernsten Charakterschilderung mit mancherlei dem Leben abgelauschten Details gewidmet. Wenn sie auch mit dem Dialekt nicht sehr zurcchtkam, so charakterisierte fv doch die harte, empfindungslose Bauern Messalina recht gut übertrieb nur ein wenig die Tonart und gab manches zu absichtlich. Schlechtigkeit hört immer mehr auf, unsympathisch zu sein, wenn sic als etwas Selbstverständliches, in der innersten Natur Begründetes erscheint. Ihre Kraftäußerungen, die f>eche Drohung am Schluß des zweiten Aktes verfehlten ihre Wirkung nicht, noch weniger ihre am besten gelungenen Lamentationen im letzten Akte. Ein ganz gutes Charakier

Zentner. In Seck«heirn kostet der Morgen 1900 Mk. Der Durchschnittspreis ist daselbst seit drei Jahren 22 Mt." Obgleich in diesen Orten, so bemerkt das genannte Blatt dazu, noch weiter Tabak gepflanzt luirb lind zwar sehr viel weil die Pflanzer auch die Kräfte ihrer Jamilienglieder gut veriverten können, die zum richtigen Arbeiten zu jung oder zu alt sind, was nicht der Fall wäre, wenn sie keinen Tabak mehr bauen würden so kann doch nur gewünscht werden, da st in solchen Orten der Tabakbau aufhöre, ivo nur der geringste Pfeifeutabal erzeugt lverdeu kann, der die stärkste Konkurrenz in den Rippen, den Abfallstengeln der Zigarrentabake, hat. Da Jnlandsrippcn pro Zentner für kaum 2 Mk. zu haben siltd, hilft keiu Herrgott dem Pfeifen tabal. Austerdem geht bekanntlich der Pfeifentonsum bei uns in Dentschlaud seit Jahren beträchtlich zurück.

Ein anderes Bild bietet W i in p f e n , das im hessischen Reichstagswahlkreise des Frhrn. v. Heyl liegt nnd 6000 Ztr. Tabak produziert:

Bei uns betrage» die Produttionskosteu mit Ackern,- Pflanzen, Hacken, Cinsädeln, Hängen (welches pro Ztr. 3 Mk. kostet) pro Ztr. 9 10 Mk. Der Morgen Acker (25 Ar) kostet hier für Tabakbau geeignet 500 bis 600 Mk., wovon die Zinsen den Kosten zuzurechnen sind. Die letzten drei Jahre haben einen Durchschnittspreis von gut 30 Mk. für den Zentner ergeben, womit alle Tabakpflanzer vollauf zufrieden find. Es werde» in Wimpfen pro Morgen 9 bis io Ztr. Tabak gerechnet."

Roch befriedigender lauten die Berichte aus dem badi fchen Oberlande. Aus dem geringeren Distrikt des Breis­gaus, luo dagegen die Zigarreniudustrie ani ausgedehntesten von ganz Deutschland ist, schreibt ein Interessent, kein Pflanzer:

Herbolzheim, 16. Febr. Hier ist der Wert eines Grundstückes von einviertel Morgen (100 Ruthen gleich 9 Ar) durchschnittlich 300 Mk.

Zinsen hiervon 5 Proz. 15 Mk.

Dung 3 Jahre 36 Mk. 12 Herrichtung des Feldes 6

Pflanzen 2000 St. zu je l5Pfg. 3 ,, Arbeitslohn n. AblieferungS scheine 30

66 Ml.

1890er Ertrag 4 Zentner 28 Mk

Von einer Seite wurde mir der Arbeitslohn auf 35 Mk., von anderer auf-27 Mk. normiert. Man müßte natürlich noch etwas für Benutznng des TabakfchopfeS, Versicher­ung ?c. nehmen, aber dagegen sind die Zinsen und Löhne zu hoch angenommen. Die Einzelansstellung der Löhne war ans einer Seite: Setzenlohn 2 Mk., Hacken 1.50 Mk., Hänseln 2 Mk., Köpfen 2 Mk., Geizen 4.50 Mk., Abblatten 3 Mk., Anlassen und Anfhängen 8 Mk., Abhängen nnd Binden 3 Mk., Schnüre 1.50 Mk. Ich bezahle für An­fassen, Aufhängen, Binden, Abhängen, Abliefern und SchopfmiiUe.in einem benachbarten Orte, in dem ich jedes Jahr grünen Tabak kaufe, pr. Zentner 3.15 Mk. Wie ich höre, rechnet die agrarische Landauer Genossenschaft Pro dnktionSkosten pr. Ztr. 18 und 20 Mk. Bemerken möchte ich noch, dast die Behandlung, Düngung re. des Tabaks in hiesiger Gegend recht mangelhaft geworden ist und daher nur in guten Jahrgängen Preise wie Heuer erzielt werden können. Im benachbarten Ried ist das Resultat ein viel günstigeres, dann da sind nur die Zinsen, refp. Pachtgelder höher zn veranschlagen, während die Löhne, Düngung ic. sich gleich bleiben nnd der Erlös ist selten unter 30 Mk. pr. Zentner.

Politische Tagesschau.

In einer Festrede zu Kaisers Geburtstag pries kürzlich der Leipziger Professor Otto Kämmel die weltpolitische Initiative Wilhelms II. (Eift durch den Chinakrcuzzvg fei die deutsche Nation eigentlich in die Reihe der wirklichen Kulturnationen aufgerückt.

Unser jetziger Kaiser habe mit klarem Blick daS Ziel erkannt, auf da« die Nation hinstreben müsse, wenn sie nicht verkümmern wolle: den Anteil an der Weltherrschaft der weißen Rasse. Die Zukunft werde dereinst alS eine weltgeschichtliche Fügung erkennen, daß in dem Augen­blick, wo die Notwendigkeit einer deutschen Weltpolitik unabweiülich her. vortrat, ein junger Herrscher da« Szepter führte, der, nicht befangen in den Traditionen kontinentaler Politik, mit freiem Blick die neue Lage er­faßte und trotz der verständnislosen oder ablehnenden Haltung weiter Bolkükreise, unbeirrt durch alle« Gerede vonuferlosen" Plänen und phantastischerRomantik", danach handelte. Da« Ruhmesjahr 1870/71

[ei nicht nur der Abschluß einer kampferfüllten »ergangenheil gewesen, sondern es habe uns auch do« Thor geöffnet, nnll'S Gott, zu einer qroßen Zukunft. Unvergeßlich werde und solle unS die mob'nu Hero-mzeit unseres Volks bleiben, ab--r wir sollen uns mcht selbstgefällig in ihrem Glanze spiegeln) sondern uns klar machen, daß wir damals nut das Selbstverständliche nnd Unentbehrliche, was ein Volk erst wirklich zur Nation macht, sehr spät, vielleicht zu spät errungen haben: ein naiionalev Staatswesen; daß wir seit dreißig Jahren erst in eine wirklich deutsche Politik emgetreten seien und unter den Weltmächten noch keineswegs in orr ersten Reihe ständen.

Aus Stadt und Land.

Gießen, 23. Februar 1901.

Gedenket der hungernden Vögel!

» Finanzexamen 2. Kategorie. Auf mehr­fache» Wunsch hatte» zwei hiesige Fachleute im September vor. Jahres einen Vorbereitungskursus für Teilnehmer an dem ans den 15. November 1900 anberaumten Examen errichtet. Von den 27 Teilnehmern haben 25 die Prüfung bestanden.

Alice Schule Man schreibt uns: Aus eine An­kündigung btr Alice Schule in dem Inseratenteile Bezug nehmend, möchte» wir die Aufmerksamkeit lveiterer Kreise darauf lenken, daß neben den seitherigen Lehrkursen der Anstalt mit Beginn des Sommersemesters ein neuer Kursus in den Lehrplan eingefügt werden soll. Dem Beispiele a». derer Städte folgend, wird vom 15. April ab eine H a n d e l s schule errichtet. Unter Leitung einer bewährten Kraft soll Unterricht in einfacher, doppelter und amerikanischer Buch­führung erteilt, kaufmännisches Rechne», Haudelsgeographie, Schönschreiben, Stenographie und Gebrauch der Schreib maschiue gelehrt lverdeu. Es ist somit jungen Mädchen Ge­legenheit geboten, sich, außer in allen Arten weiblicher Handarbeit, Bügeln, Kochen u. s. w., auch noch während ihres Besuches der Alice-Schule in kaufmännischer Richtung ßin auszubilden. Von ganz besonderem Wert wird diese Einrichtung für solche sein, die in Geschäfte ein treten wollen. Sicherlich wird ihnen durch gründliche Kenntnisse in den genannten kaufmännischen Fächern der Eintritt in bessere Stellungen ermöglicht und eine bedeutsame Quelle höheren Erwerbes erschlossen. Hoffentlich wird von der neuen Ein­richtung eifrig Gebrauch gemacht werden; ganz besou ders Eltern und Vormünder solcher Mädchen, die darauf angelvieseu sind, aus eigner Kraft und auf eignen Füßen stehend, ihren Lebensunterhalt zu verdienen,' mögen die sich hier bietende Gelegenheit zu lveiterer Ausbildung sich nicht entgehen lassen. Eine bemerkenswerte Konzession, die den Wünschen und Bedürfnissen des interessierten Publi­kums gemacht wurde, ist die, daß die Klassen des Hand arbeitskurses geteilt werden, und zwar für solche Schüler­innen, die sich ausbilden zum Erwerb und solche nur für eigenen Gebrauch. Erstere müssen selbstverständlich sich einem gründlichen, systematischen Unterricht unterziehen, denn die häufigen Klagen der Arbeitgeber über mangelhafte Arbeit sind in der kurzen, nicht ausreichenden Lehrzeit begründet. Könnte man erreichen, daß die dabei gefertigten Arbeiten verkauft würden, so wäre viele» ermöglicht, in mannigfacher Art und Richtung sich auszubilden, denen der Kostenpunkt des betreffende» Materials unter den ob­waltenden Verhältnissen es verbietet. Junge Mädchen, denen es darum zu thun ist, nur in der einen oder anderen Art von Handarbeiten etwas zu lernen, könnten sich, getrennt von erstere», ganz »ach Wunsch beschäftigen.

E. H. Viktoria-Mclita-Berein. Wie seiner Zeit mitgeteilt wurde, wurden in den Vorstand des Viktoria- Melita-Vereins, hessischen Zentralvereins für Errichtung billiger Wohnungen, zwei Herren aus Gießen, Justizrat Dr. Gut fleisch und Kommerzienrat Em melius, ge­wählt. Der Vorstand hat sich inzwischen durch Zuwahl ergänzt und u. a. auch Lackierer Jakob Ritsprt von hier, z. Z. 2. Vorsitzender des evangel. Arbeiter-Vereins, berufen.

** Platzkarten für D-Züge. Reisende, die auf Zugkreuzungsstatiouen mit direkten Fahrtausweisen aus dem einen D-Zug in den nächsten anschließenden D-Zug um­steigen, erhalten von jetzt ab, ivie dieNordd. Allg. Ztg." feststellt, gegen Abgabe der bisherigen Platzkarte für ihre Weiterreise eine gebührenfreie Platzkarte. Nur auf den Stationen, wo die D-Züge fahrplanmäßig enden oder beginnen, ivie Berlin, Hamburg oder Altona, sind bei der Weiterfahrt neue, gebührenpflichtige Platzkarten zu lösen.

§ Butzbach, 22. F-ebr Am 14. März wirb hier ein* außerordentlicher Rindvieh- und Sch w ein e m ar ft, verbunden mit Prämiierung von Faseln und Rindern, a6^ gehalten; gleichzeitig findet eine Verlosung von Vieh, Oekio- nowie und Haushaltungsgeräten rc. statt, wofür 350 Ge Winne vorgesehen sind.

'? Grebenhain, 22. Febr. Ein hiesiger Geschäfts­mann, der mit seinem Geschirr von Hartmaiinshain kam, fand oberhalb unseres Ortes einen Menschen halb erstarrt an der Hauptstraße bei grimmiger Kälte im Schnee liegen. Rur mit aller Mühe brachte er ihn auf seinen Schlitten, transportierte ihn hierher und brachte ihn durch Reibung wieder zum Leben zurück. Der Verunglückte ist mutmaßlich von seinem Schlitten heruntergefallen und liegen gebliebe». Sei» Geschirr ist ganz allein nach Gedern gekommen, (hr ist der Knecht eines Fuhrmannes aus Gedern.

i. La u b ach, 22. Febr. In der verflossenen Wock-e fand im hiesigen Schlosse in Gegenwart des Kreisamtmanns Bohn eine schöne Feier statt. Unter entsprechender Anspruch überreichte derselbe im Namen des Großherzogs dem Forst- wart i. P. W a gner vom Jägerhause, der 57 Jahre in Diensten des im vorigen Jahr verstorbenen Grafen Friedrich gestanden hatte, das Verdienstkreuz Philipps des Groß mütigen, ferner dem Kammerdiener i. P. Rehberger, der 44 Dienstjahre hat, und dem Haushofmeister i. P. B ö h m nach 30 Tienstjahreu das Allgemeine Ehrenzeichen Für Verdienste." Wie sehr bei dem langanhaltendeu Schnee nnd der großen Kälte das Wild zu leiden hat, beiveist ein Vorkommnis von gestern Als Dr. Dietz aus seinem Wartezimmer trat, fand er vor der Thür ein dem Verenden nahes Reh. Soweit hatte der Hunger das Wild Retyieben Heute fand, unter größter Beteiligung, die Beerdigung des um seine Vaterstadt verdienten und allseits beliebte» Rentners A. Klip stein statt. Sehr nach- ahmensivert ist der Wunsch, den feine Hinterbliebenen be­stimmt aussprachen, man möge von Kranzspenden absehen und lieber eine» Betrag an die hiesige Geistlichkeit ab­liefern zur Vergrößerung des etwa 1000 Mk. betragenden Stiftungskapitals aus früheren Zeiten zur Erbauung einer Friedhofskapelle. Wie wir hören, hat dieser Wunsch auch bereits einigen Erfolg gehabt.

)( Aus b e in oberen Vogelsbe r g, 22. Febr. Der Landivirt Heinrich Jockel III. zu Bermuthshain fand ein junges Reh, das sich vor den Unbilden der Witterung unter einen im Hofe stehenden Wagen geflüchtet hatte, noch lebend vor. Ebenfo fand der Großh. Forstwart Dillrnuth gestern einen noch lebenden Hasen, der jedoch bald verendete.

Vermischtes.

Bingerbrück, 22. Febr. Der um 3 Uhr 31 Min. heute nachmittag hier abgegangene D-Zug 109 Basel Köln ist bei St. Goar kurz vor dem Tunnel infolge Bandagen- bruckeS mit einem Wagen entgleist. Der Unfall verursachte nur Materialschaden, Personen wurden nicht verlctzt. Außer» dem entstand eine größere Betriebsstörung, die bis 8 Uhr abends wieder behoben war.

* Aus Könitz wird geschrieben: In dem Plaidoyer des Ersten Staatsanwalts im Prozeß gegen Moritz Lewy war sehr der Passus bemerkt worden,daß zur Zeit keine genügenden Verdachtsmomente vorliegen, um gegen die Familie Lewy wegen Teilnahme am Morde vorzugehen." Es ist daraus vielfach der Schluß gezogen worden, als ob solche Verdachtsmomente, wenn auch noch nicht in genügender Zahl, vorlägen und demnächst gegen die Familie Lewy vorgegangen werden würde. Die Verteidiger des verurteilten Moritz Lewy haben daher beim Staatsanwalt angefragt, ob der Entfernung der Familie Lewy aus Könitz mit Bezug auf seine obige Aeußerung irgend welche Bedenken entgegenftänden. Darauf st eine amtliche Mitteilung vom 18. Februar 1901 erfolgt, des Inhalts, daß der Erste Staatsanwaltkeine Bedenken gegen die Entfernung der Familie Lewy aus Könitz geltend zu machen habe."

* Den ersten Motorschlitten Deutschlands kann man seit einigen Tagen in Nürnberg beobachten. Das Gefährt gleitet mit großer Schnelligkeit und völlig ruhigen Lauf dahin.

* Aus Leo Tolstoi's Familie. In Moskau hat am verstossenen Donnerstag die Trauung des Grafen Michall

bild des Hotelbesitzers Siebenhaar, zu dem des Dichter- Vater Modell gestanden hat, gab Herr Reinhardt, diskret, zahm und milde in der Tonart, wie e- dem vom Schicksal Verfolgten entsprach. Freiere Bewegungen lernt Herr R. wohl noch mit der Zeit. Die Malchcn des Frl. Korn lieh der anteilheischenden Schwerkranken, die von der Eifer­sucht aufgezehrt wird, ergreifende Töne. Den WermelS* kirch sah man feiner Zeit in Frankfurt fast als Operettenfigur. Herr Liebscher trug sichtlich größte- Maß zur Schau; meines Erachtens hätte er dem alte» Komödianten mehr Komödienh ifteS geben können. De» koketten Tänzelbackfifch Franzi-ka, ein Persönchen, daS der Dichter mit wenigen Strichen köstlich geschildert hat, gab Frl. Wohl brück ganz niedlich. Ein ganz famoser, redegewandter und zudringlicher Hausierer war Herr Lach mann. Die übrigen Mnwirkenden, die Herren bi Balthyni, Ram- ieyer, Marlitz, Kirchner, Heuser rc. gaben tm Ganzen eine zweckentsprechende Staffage.

Lobenswert war die Sorgfalt der Regie. Vielleicht hätte man, ohne der Stimmung Eintrag zu thun, in den erste« Akten etwas weniger schleppen dürfen. Alles in allem war eine gewiffe Einheitlichkeit vorhanden, abgesehen vom Dialekt. Der Naturalismus wurde nicht übertrieben. Man kann do« einer recht befriedigenden Gesamtaufführung auch dieser Hauptmann'schen Dichtung sprechen, die von den Einen über Gebühr gepriesen wird alsdas Meisterwerk jedes Naturalist muü", von den Andern über Gebühr verurteilt wird als eiu trauriges Lebensbild aus der Atmosphäre des Pferdc stalle-.* Beide Parteien werden sich einander nähern, wenn sie sie als ein Stück ansehen, das zur Psychologie unserer heutige« Dichtung einen unentbehrlichen Beitrag liefert. P. W.

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