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24.2.1901 Erstes Blatt
 
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151. Jahrgang

Nr. 47 Erstes Blatt

Sonntag 24. Februar 1901

Amtlicher Heil.

v. Bechtold.

Rebaftion, Expedition und

Druckerei Zchulftrahe 7.

Adresse für Depeschen: Anzeiger Gießen.

Fernsprcchanschlusz Nr. 61.

was ihnen begegnet, auf sie einwirkt, werden Menschen ge­schildert. Wie hat der Dichter dem mütterlichen Boden der Heimat und dessen urwüchsigem Bolle, in dem die starken Wurzeln seiner Kraft liegen, die Wortsparsamkeit abgelauschl Was der Gebildete mit vielen Sätzen sagt, deutet die Schlicht heit des Empfindens nur mit einigen Silben an. Diese seltene Kunst beherrschte, in anderer Art freilich, einst der Dichter oes mhd. Nibelungenliedes; sie ist eS, die die Wirkung so un­endlich erhöht. Auch die Oekonomie der Stoffverteilung ist vortrefflich ausgefallen; die kurze Fabel, deren Inhalt sich mit zwei Sätzen anbeuten läßt, ist auf 5 Akte auSgebreitet, und diese 5 Akte einzeln und zusammengenommen sind so einheitlich, so in sich geschlossen, so konsequent und lückenlos trotz allen retardierenden episodischen Beiwerks, daß diese Bühnendichtung auch heute noch die größte dichterische Leistung Hauptmanns mir zu sein scheint, weil sie ihre Bilder wie auS des Lebens Urkraft herauSgeholt hat.

Diele find heute immer noch der Ansicht, daß die Wahl des Stoffes von wesentlicher Bedeutung für den Kunstwert eines Kunstwerkes ist, daß z. B. die dramatische Litteratur große Probleme nicht entbehren kann. Dem läßt sich leichi widersprechen. Wie z. B. des Malers Max Liebermann wunderbar schlichtes Bild, das nichts als eine Frau und ttoet Ziegen auf weiter nüchterner Heide zeigt, ein Meister­werk ist, oder der Charakterkopf eines simplen Holzknechtes von Wilhelm Leibl, wie das berühmte antike Bildwerk des Apoxeuomenos, so kann es auch die dramatische Leidens­geschichte eines kleinen Mannes sein. Es kommt eben in oer Kunst nie auf dasWaS", sondern stets nur auf das Wie" an. Hauptmann hat mit seinerVersunkenen Glocke" gezetgt, daß er als Schüler Böcklins an seinen großen Meister ntcht im entferntesten heranreicht. Als Jnterieurmaler aber ist er der grüßte Schüler Tolstois und scheint er mir ebenbürtig dem großen französischen Maler Manet. Das zeigt sein

Gegen die Heyl'sche Tabakrechnung richten sich verschiedene Zuschriften aus Pflanzerkreisen, die dieSüdd. Tabakztg." veröffentlicht.

So schreibt man aus der Nachbarschaft von Mannheim, wo alles so teuer ist wie in der Nachbarschaft von Hamburg, erheblich teuerer als in der Umgebung von Berlin:

Ilvesheim, 18. Febr. Die Produktionskosten für einen Zentner Tabak hier und in Seckenheim betragen 16 Mk. Der Morgen kostet hier 1800 Mk. Der Durch­schnittserlös für Tabak seit drei Jahren 15.50 Mk. pro

Das chinesische Abenteuer.

Man kann nicht behaupten, daß die Expedition, die wir nach China unternommen haben, sich in Deutschland einer besonderen Popularität erfreut. Woche um Woche, Monat um Monat sind nun vergangen, seitdem die ersten Truppenschifse nach Öftersten zogen, um die gebührende

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Die Gießmer Zamilien- »lätter werden dem An- zeiger im Wechsel mitHess, kandwirt" undBlätier Nk Hess Volkskunde" vier« mal wöchentlich beigelegt.

na^me t>on Unietgen jb der nachmiklagi! für den folgenden Tag erlcheinenden Hummer bi6 norm 16 Ubr Addestet l ungen Ipäteften» abends vorher.

Bekanntmachung.

vetr.: Herdbuchführung für Vogelsberger Vieh.

Ich bringe hiermit zur Kenntnis der Züchter des Vogels­berger Viehes, daß vom Präsidium des Verbandes der Herd buchgesellschaflen für daS Vogelsberger Rind der 2. Band des Herdbuches erschienen ist, und daß in demselben ca. 1500 Zuchttiere dieser Rasse aus der Provinz Oberheffen Aufnahme gefunden haben.

DaS fragt Buch dient als Nachschlagewerk, um die Ab ftammung der Zuchttiere dieser Rasse festzustellen. Ich habe daher denjenigen Bürgermeistereren, welche Vogelsberger Vieh züchten, je ein Exemplar dieses 2. Bandes deS fragt Herd bucheS zugehen lassen, und empfehle den Züchtern die Be­nutzung desselben.

Sollten einzelne Landwirte sich daS Werk selbst an­schaffen wollen, so kann dasselbe zum Preise von einer Mark von der Geschäftsstelle unseres Vereins in Alsfeld bezogen werden.

Hardt-Hof, den 12. Februar 1901.

Der Präsident des landwirtschaftl. Vereins für die Provinz Oberheffen.

Schl en ke.

Gießener Stalüthenler.

Au-rmarm Keusch et.

Schauspiel in 6 Akten von Gerhart Hauptmann.

HauptmannsFuhrmann Henschel" erlebte am Freitag in unserem Theater eine Auferstehung. Von dem Stück ist allenthalben schon so oft die Rede gewesen, daß heute ein bloßes Erinnern an seine Vorzüge genügen dürfte, um über seine Wesensart zu orientieren.

Was die Schöpfung bedeutend macht, ist zunächst eine bis zum höchsten Raffinement gesteigerte Virtuosität in der Zustandsschtlderung, die auf der allerintimsten Kenntnis der Verhäl-tnisse und Stimmungen beruht und eine Versatilität des technischen Talentes voraussetzt, die bei Hauptmann immer aufs neue überrascht. Das Milieu ist mit ein paar Strichen verblüffend echt und treffsicher wiedergegeben, wie eS vordem und nachdem niemandem gelungen ist. Wenn der Vorhang aufgeht und man einen Blick auf daS düstere Bild in der Fuhrmannsstube geworfen hat, in der dieser Herkules im Bauernkittel mit dem Herzen eines Kindes mit seiner sterbenden Frau und der kraftstrotzenden Magd haust, dann umfängt uns eine Atmosphäre, deren unerbittliche Lebensechtheit uns mit Krallen festhält, so daß wir dem Dichter willenlos aus seinen in dunkle Tiefen führenden Pfaden folgen. Genial in der Anlage und Durchführung ist dabei die Charakteristik der handelnden Personen, die bei der Dürftigkeit der Fabel doppelt bewundernswert ist und eine fabelhafte Selbstkritik am eignen Schaffen Szene für Szene verrät. Weder vorher roch nachher hat Hauptmann die Kunst derindirekten Charakteristik" mit solcher Sicherheit gehandhabt; keine Ab ^chtlichkeit stört, keine moralisierende, sentimentale These wird Sber die Häupter der Personen hinweg ad spectatores ge- ßagt; nur durch ihr Thun und durch die Art, wie alles,

Fuhrmann Henschel". Das Lebensbild dieses einfältigen großen Dulders ist ein Bild des Lebens schlechthin, nicht etwa nur ein Bild dieses oder jenes Lebens. Daß eS Fuhr­manns-, Kutscher- und Kellner Schicksale sind, mit denen wir da bedacht werden, beeinträchtigt das künstlerische Mit­empfinden nur wenig. Das Allgemein-Menschliche des Stoffes spricht von Herz zu Herz. Und schließlich findet auch der das Seine, der dieKatharsis" des Aristoteles sucht, auf oie Lessing so viel gab und dem heute so viel blindeSchön- deits"-Apostel unselbständig nachbeten. Die Läuterung der Seele durch Mitleid und Furcht vollzieht sich in dieser Dich- tung mit größter Wucht.

Ein österreichisches Preiskollegium hat dem deutschen Dichter jgauptmahp zum zweiten Male den Grillparzerpreis zue. kannt, indem es seinenFuhrmann Henschel" als da« relativ beste dramatische Werk im letzten Triennium" ein­schätzte. Wer weiß ein befferes aus dieser Epoche zu nennen?

Und doch hatten diejenigen recht, die da s. Z. prophe­zeiten, man werde bald Übet dieses Stück zur Tagesordnung übergehen. Vor einigen Jahren, als die Dichtung neu war, ist sie über die Mehrzahl der deutschen Bühnen gegangen; heute erscheint sie kaum je auf dem Repertoire. Trägt daran doch vielleicht die Wahl des Stoffes Schuld, und haben die­jenigen recht, die dagegen die Standard works unserer Litte­ratur, von der Antigone bis zum Hamlet, von dem Cid bis zum Faust, ins Feld führen? Ja und nein! Ganz ab­sehen will ich davon, daß sich die Mehrzahl der Theater­besucher immer noch nuramüsieren" will, daß sie z. B. bei einer Aufführung desWeißen Rößl" sich halbtot lacht, nach dieser Richtung aber jedem Repertoire Vorschriften macht; die Tragödie einer faustischen Natur wird stets ungleich größeres Interesse behalten, als die eines Fuhr­mannes, deffen breit auSgesponnene einfache Lebensschtckscue

nicht an, davonzuschleichen. Aber immer enger wurde der Rahmen des kriegerischen Bildes, und heute sind wir müh­selig dazu gelangt, daß wenigstens formell uns eine Art von Genugthuung zu Teil wird. Hinter den Kriegslasten werden wir freilich noch| eine ganze Weile flöten können. Noch in letzter Stunde, nachdem schon vor Wochen Graf Waldersee in einem Telegramm an seine Gemahlin den Abschluß des Friedens angekündigt hatte, schien plötzlich alles zusammenzubrechen, der Ankündigung einer großen Expedition nach Singanfu folgte die Mitteilung aller mög­lichen Einzelheiten, und man konnte annehmen, daß wir genau auf den Standpunkt gelangt seien, auf dem wir beim Anbeginn standen. Augenscheinlich sollte es sich jedoch nur um einen Druck auf die chinesische Magengegend han­deln, und nach den neuesten Meldungen darf man annehmen, daß die Wirkung, die man erwartete, schon jetzt erreicht ist. Waldersee hat den geplanten Vormarschvertagt", was den Chinesen gegenüber immerhin noch eine Drohung enthält, in Wahrheit wird er wohl auch für die Zukunft nicht ge­plant sein. Und das ist gut so. Denn auch das chinesische Problem darf nicht für sich allein betrachtet werden, man muß es ansehen als einen Faktor innerhalb eines Ganzen, das man Weltpolitik nennt. Die Expedition hätte wahr­scheinlich große strategische Schwierigkeiten, gebracht, sicher­lich aber wäre sie mit großen politischen Gefahren ver­bunden gewesen, zumal in einer Zeit der Gewitterstimm­ung, wie wir sie jetzt durchleben. Die öffentliche Meinung in Deutschland fordert nichts anderes, als daß wir mit An­stand uns aus dem chinesischen Abenteuer wieder heraus­wickeln, und sie ist keineswegs darauf versessen, daß dieser oder jener Mandarin oder Mandschuprinz um eines Hauptes Länge verkürzt wird. Es ist ohnehin schon viel Blut ge­flossen um des Gesandtenmordes willen, und man darf sicher darauf rechnen, daß eine Erneuerung solcher Vor­gänge, wie sie das vorige Jahr gebracht hat, in absehbarer Zeit schwerlich stattfinden wird.

So darf man vielleicht damit rechnen, daß in wenigen Wochen trotz aller hinterhältigen Versuche des chinesischen Hofes, in der Hoffnung auf die Entzweiung der Mächte, die letzte Entscheidung hinauszuschiebeu der Frieden zu slande gekommen sein wird. Freilich dürfte alsdann beine Abschluß der Bücher sich nicht gerade ein glänzender Ge­winn ergeben. Aber so, wie die Dinge liegen, darf man schon mit dem Erreichten zufrieden fein. Unsere Soldaten wer­den heimkehren, und die freundliche Begrüßung durch ihre Landsleute wird ihnen eine Entschädigung dafür bieten, daß der Krieg gegen China von der Geschichte nicht zu jenen Unternehmungen gerechnet werden wird, die des deutschen Namens Glanz und Herrlichkeit um ein Bedeutendes ver­mehrten.

Sühne für den Tod Kettelers zu fordern, und auch Graf Waldersee weilt schon seit Langem im Lande der Mitte, um mit gepanzerter Faust für die Mehrung deutschen Ansehens zu sorgen. Aber man hat das Gefühl, daß ein letztes Ziel, das des Schweißes der Edlen wert wäre, sich nirgend zeigen will, und daß selbst die Ausbeute an kriegerischen Lorbeeren, daß die Vermehrung des Prestige im umgekehrten Verhältnis stehe zu der Größe der dargebrachten Opfer. Als in den letzten Tagen plötzlich gemeldet wurde, Gras Waldersee hege die Absicht, eine auf lange Monate berechnete neue große Expedition in das Innere des Landes zu unternehmen, um den Widerspruch des kaiserlichen Hofes zu brechen, da dürfte diese Nachricht schwerlich besondere Genugthuung her­vorgerufen haben. Der Wunsch ist allgemein, daß wir mög­lichst bald zu Ende kommen und uns mit Ehren von einem Unternehmen trennen möchten, dessen Gewinn unter allen Umständen nur überaus gering sein kann.

Es ist in erster Linie das Verhalten der mit unsver­bündeten" Mächte gewesen, das die Möglichkeit, einen klaren Frieden rasch zu schaffen, ausgeschlossen hat. Schon als die überraschende Kunde kam, daß von unserer Seite in dem Grafen Waldersee der Welt ein Führer präsentiert worden sei, konnte man, auch ohne zu den großen oder kleinen Propheten zu gehören, ein beträchtliches Fiasco dieses Unternehmens Voraussagen. Nicht etwa, daß man an der militärischen Tüchtigkeit des verdienten Offiziers oder an den soldatischen Eigenschaften unserer Truppen gezweifelt hätte aber man konnte es ohne Schwierigkeit voraus­sehen, daß die Diplomatie, die das Wort zu führen hatte, kein Interesse daran haben werde, den Deutschen die Arbeit zu erleichtern, und als mau erfuhr, daß die Initiative zu dem Gedanken eines deutschen Oberbefehls keineswegs von Petersburg ausging, als dann eine beträchtliche Ver­stimmung zwischen den Hofen immer deutlicher sichtbar wurde, da konnte man mit der Gewißheit rechnen, daß Graf Waldersee nicht auf Rosen gebettet sein werde. Und die Schwierigkeiten traten in der That rasch genug zutage. Graf Bülow hat zwar im Reichstage, als es sich um den Empfang des greifen Präsidenten Krüger handelte, mit Nachdruck eine Politik zurückgewiesen, die zur Vereinsamung des allzu idealistischen Jünglings führen muß, er sah schreckensvoll die Möglichkeit, daß schon auf des Weges Mitte die Begleiter sich verlieren, daß sie treulos ihre Schritte wenden und einer nach dem andern weichen möchten; aber auf dem Boden Chinas war er gerade von den Gefahren umlauert, die er vermeiden wollte undImmer fhller ward's und immer verlaßner auf dem rauhen Steg." Die Nankees er­öffneten den Reigen, um ihre Soldaten auf den Philippinen zu verwenden und gleichzeitig für künftige, friedliche Zeiten einen Stein im chinesischen Brett zu gewinnen, die Russen folgten nach, gesättigt durch den Erwerb der Mandschurei, Oesterreich und Italien kommen überhaupt kaum in Frage. Frankreichs Leidenschaft, unter deutschem Kommando zu kämpfen, war niemals groß, und so kamen wir denn sanft und sicher zu der englischen Freundschaft, sintemal John Bull uns dringend nötig hatte, ihm den Rücken zu beeten.

Zähe und getrost aber verhandelten in all den Zeiten die Diplomaten. Während der kretischen Wirren hatten wir still die Flöte niedergelegt und es den Anderen über­lassen, in ihrem eigenen Fette zu schmoren. Jetzt aber spielten wir selbst die erste Violine, und da ging es füglich

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Bei Postbezug vierteljLhtt. Mk. 2.00 ohne BestellgetS.

Mdt «nzefoen-DermirilunOA- fltden deö In und lluClanHS nehmen Anjclorn für de» Siebener Anzeiger tntgegau LrUrnpretS lokal 12 auVwärtS 90 Pfg.

Bekanntmachung.

Betr.: Schafräude.

Wegen Verdachts des Vorhandenseins der Schafräude haben wir über die Schafe in den Gemarkungen Daubriugcn und Mainzlar die Gemarkungssperre verhängt.

Gießen, den 22. Februar 1901.

Großherzogliches Kreis amt Gießen.

v. Bechtold.

Gießen, den 21. Februar 1901.

Betr.: Das Landgestüt, hier: den Abgang der Landgestüts­beschäler nach den Landgestütsstationen.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Vr. Bürgermeistereien deS Kreises.

Wir beauftragen Sie, in Ihren Gemeinoen bekannt machen zu laffeu, daß die LandgestütSbeschäler für die Land- gestütSstakionen Berstadt, Butzbach und Grünberg abge- gaugen sind.

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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

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