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24.1.1901 Zweites Blatt
 
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Nr. 20 Zweites Blatt

Donnerstag den 24. Januar

1901

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151. Jahrgang

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faltung irgendwelcher Aspirationen gegeben. So rohren es wohl hauptsächlich die äußeren Umstände, die den heutigen König in die Reserve zwangen und auf die Rolle des Re­präsentanten der Krone beschränkten.

In dieser Rolle nun, der einzigen, in der die breite Oeffentlichkeit ihn kennt, hat er sich glänzend bewährt. Im Jahre 1849 trat er zum erstenmale an der Hand seines Vaters, des Prinzgemahls, in die Oeffentlichkeit. ES war aus Anlaß der Einweihung eines öffentlichen Gebäudes. Der kleine blonde Junge gefiel allgemein, wenn er auch, wie Glckdfione an seine Frau schrieb,nicht den Eindruck machte, als verstehe er die Ansprüche der Lordmayors, der ihn als Hoffnung auf eine lange Reihe von Königen" begrüßte". Wer wollte zählen, wie viel solchen und ähnlichen Festlich­keiten der jetzige englische König seit jener Zeit bis heute beigewohnt hat? So leicht, wie sich die Sache ansieht, ist sie wahrlich nicht. Es gehört viel Gewandtheit, Takt, Schlag­fertigkeit, Ausdauer und viel, sehr viel gute Laune dazu. Der gewesene Prinz von Wales hat aber die Kunst des Ge­fallens gelernt und nie bei solchen Gelegenheiten durch Wort oder Blick Müdigkeit oder Langeweile verraten. Immer hat er sich voll Enthusiasmus und Interesse, immer freundlich und zuvorkommend gezeigt.

Mit dem Prinzen von Wales hat man bisher ziemlich allgemein den Begriff des Kavaliers und Lebemanns comme il faut verbunden. Er ist unleugbar ein Verehrer der Frauen­welt, dem Klub mit allen seinen Passionen, dem Sport sehr zugethan. Bei uns hatte man zu Studien über den jetzigen König bisher fast alljährlich in Homburg v. d. H. Gelegen­heit. Es war amüsant, zu beobachten, wie der Prinz dort von vornehmen Engländerinnen und Race-Amerikanerinnen förmlich belagert, und die überaus glücklich waren, der Aus­zeichnung eines knappen Grußes und einer ebenso kurzen An- rede gewürdigt zu werden. Bisweilen stattete der Prinz Frankfurt a. M. einen Besuch ab. Sein Erscheinen im Opernhause wurde stets lebhaft bemerkt, namentlich, wenn er sich in schöner Begleitung befand. In früheren Jahren wurde von dem offiziösen Draht über diese Besuche gewissen­haft Bericht erstattet. Auf seinen Wunsch,inkognito" zu bleiben bei solchen Gelegenheiten, soll die Abschaffung des Brauches zurückzuführen sein.

Daß aus einem genußfrohen Thronfolger ein ernster Monarch wird, beweisen viele Blätter der Geschichte. Wie Prinz Heinz bei Shakespeare, König Heinrich geworden, den vertrauten Zechgenossen Falstaff kühl in die Schranken weist, wird wohl auch der jetzige König Eduard VII., den Bruch mit der Vergangenheit vollziehen.

Die neue Königin von England, Alexandra, eine schlanke, dunkeläugige Dänin, hat es früh verstanden, die Sympathien der so kühlen und Fremden gegenüber so mißtrauischen englischen Bevölkerung zu gewinnen. Sie ist eine von den glücklichen Naturen, die ihr offenes gutes Herz auf dem Gesichte tragen. Stets zur Hilfe bereit, stets teil­nehmend in Leid und Freud, besitzt sie die Gabe, sich das kühlste Herz zu erschließen und selbst die Fernstehenden an­zuziehen. Was der Engländer von ihrem Familienleben weiß, trägt noch dazu bei, sie ihm sympathisch zu machen. So sehr die englischen Publizisten es vermieden haben, vom Privatleben des bisherigen Prinzen von Wales Notiz zu nehmen, so gern sprachen sie von dem reizenden Heim in Sandringham, in dessen Mittelpunkt die Prinzessin als Haus­frau stand.

Von der politischen Stellung des neuen Königs zu sprechen, ist fast unmöglich. Ist er ein Liberaler oder ein Tory seiner Gesinnung nach? Wer weiß es? Auf beiden Seiten hat er intime Freunde, und obwohl die Liberalen es häufig ostentativ betonten, er und seine Frau seien die größten Bewunderer Gladstones, den sie höher schätzten, als jeden anderen Staatsmann, hat er nie etwas gethan und geäußert, was eine Parteinahme verraten hätte. Trotzdem er an Staatsgeschäften nie beteiligt war, hat er jedoch stets ein offenes Auge für alle Vorgänge bewiesen, sodaß man er­warten kann, er werde mit genügender Erfahrung, für die ja auch sein Alter spricht, an die Geschäfte herantreten. So viel man bisher von ihm gesehen hat, ist er ein Mann von rascher Auffassungsgabe, ein Mann, der viel erfahren und gelernt hat, ein wunderbares Gedächtnis und ein großes Assimilationsvermögen besitzt.

Sein Sohn, .der seitherige Herzog von York und jetzige Prinz von Wales, hat begreiflicherweise vor der Oeffentlichkeit eine noch weit geringere Rolle gespielt als sein Vater. Der neue Prinz und die neue Prinzessin von Wales haben sich bisher öffentlich wenig blicken lassen. kommt es, daß mau von ihnen auch verhältnismäßig nur wenig weiß.

In England ist es beinahe zur Traktion geworden, dem Thronfolger eine oppositionelle Stellung zur Krone einzu räumen. Die englische Geschichte weist unzählige Beispiele auf, in denen der Kronprinz der Sammelpunkt war, um den sich die Unzufriedenen.des Reiches scharten. Um so auf­fälliger mag es deshalb erscheinen, daß der Mann, der mehr als 40 Jahre in der Oeffentlichkeit die undankbare Stellung eines englischen Thronfolgers bekleidet hat, dieser zur Tra dition gewordenen Gewohnheit nicht entsprochen haben sollte. Und doch war dem so. Der neue König von England hat in seiner Eigenschaft als Prinz von Wales mit großem Takte sich in den engen Grenzen gehalten, die seine prekäre Stellung ihm vorschrieb. Er hat sich stets nur als Repräsentant der Königin, seiner Mutter, gegeben, seine Person stets in den Hintergrund gerückt, sich nie Rechte angemaßt, die ihm nicht zustanden. So schwer ihm diese Aufgabe auch fallen mußte, sie wurde ihm dadurch gewissermaßen erleichtert, daß die moderne englische Verfassung, die der Krone so wenig Rechte einräumt, für den Kronprinzen überhaupt keine übrig hat und den Thronfolger nur als repräsentative Persönlichkeit,

Aufgeben ihres Widerstandes gegen die Eroberungspolitik in Südafrika gezwungen haben. Die wichtigste Frage für England ist jetzt die, wie der neue Herrscher den Krieg Südafrika beenden wird.

letztere auf einer Expedition in Westafrika; auch der älteste Enkel der Königin in der direkten Thronfolge, Herzog Albert Viktor von Clarence, starb plötzlich, und sein jüngerer Bruder, Herzog Georg von York, übernahm die präsumtive künftige Thronfolge. Endlich hat das Leiden der ältesten Tochter, Kaiserin Friedrich, das Gemüt der Königin Vik­toria in den letzten Monaten ihres Lebens stark belastet.

Während der Regierungszeit der- Königin Viktoria hat nur wenige Jahre lang innerhalb der Grenzen des britischen Reiches völliger Friede geherrscht. In Cariada und in Afghanistan, irk China und Egypten wurden Kriege geführt, tief hinein in den Sudan wurde das Schwert getragen, bis Kitchener die letzte Blutarbeit that, die Mahratten und die Sikhs wurden niedergeworfen, vor Sebastopol wehten britische Flaggen, Abyssinien, Jamaika, Neuseeland, und endlich Südafrika überall dehnt sich ein Panorama, das selbst die Kunst Wereschagins nicht umfassen, nicht meistern könnte.

Die Dahingegangene hat die meisten dieser Kriege nicht gewollt, am wenigsten den Bur en krieg. Sie hat sie nur geduldet. Im Britenreiche ist die Macht der Könige ein­geengt durch die Souveränität des Volkes, die letzten Ent­scheidungen werden nicht von ihnen, sondern von den Parlamenten und den Ministern getroffen. Sie können nicht frei ihre Individualitäten entfalten, sie können selbst in kritischen Tagen den persönlichen Willen nicht durchsetzen gegen den Zwang der Verfassung. Königin Viktoria sah auf den südafrikanischen Kriegspsaden ihren Enkel sterben, den Prinzen Christian von Schleswig-Holstein, sie sah, wie die Waffenehre ihres Reiches beeinträchtigt wurde, der Kampf in eine unabsehbare Dauer nutzloser Greuelthaten ausartete. Das war zu viel für dies stolze, alte Herz. Es mußten in ihr auch Besorgnisse aufsteigen hinsichtlich der Zukunft ihres Riesenreiches, ihr mußte vor der Zukunft bangen.

9hm hat die hohe Frau ihren Frieden. Das Viktorianische Zeitalter Englands schließt seine Thore, aus dem Grabe der Königin steigt das neue Jahrhundert für Großbritannien auf, und daß sein Charakter von dem des vorigen verschieden sein wird, das ahnt heute auch mancher von denen, die die Königin leichten Herzens zum

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Sehr lebhaft und unermüdlich war für alle Resorm- chätigkeit der Vetter und Gemahl der Königin interessiert, Prinz Albert von Sachsen-Koburg. Fähigkeit,_ Menschen­freundlichkeit und ein nie versagender Takt ließen ihn von Jahr zu Jahr an Einfluß gewinnen, und bei seinem Tode bezeichnete mau ihn als so etwas, wie den ungekrönten König von England. rr

Die fast 22 Jahre jener am 26. Februar 1840 geschlossenen Ahe waren von ungetrübtem Familienglück beschienen. An Trauer hat es der Königin deshalb in ihrem Hause nicht gefehlt; von ihren vier Söhnen und fünf Töchtern hat sie den zweiten und vierten Sohn und die zweite Tochter vor sich aus dem Leben scheiden sehen müssen, den Herzo g Alfred von Sachsen-Koburg-Gotha, den Vater unserer Großherzogin, und den Prinzen Leopold, Herzog ton Albany, dann unsere allverehrte Großherzogin Alice von Hessen. Von Schwiegersöhneii starben der

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Königin Viktoria

Osborne, 22. Jan. Die Königin Viktoria ist heute abend 63/< Uhr gestorben.

Gestern abend erhielten wir das vorstehende Telegramm, Äas wir heute in früyer Morgenstunde durch Extrablatt bekannt gaben.

Im Alter von beinahe 82 Jahren ist nach kurzem Leiden Königin Viktoria von England verstorben und hat die Krone, die sie 64 Jahre getragen, ihrem Nachfolger über­lassen. Nicht nur innerhalb der Grenzen des weiten Reiches, das sie beherrschte, sondern in ganz Europa wird ihr Heimgang betrauert. Das Blut der Königin Viktoria fließt in den Adern unseres Kaisers wie unseres Groß­herzoglichen Paares. Mit seinen Herrschern trauert das Volk um dieGroßmutter Europas".

Es ist ein reiches Stück der Weltgeschichte, das mit dem Leben der Königin Viktoria sein Ende findet. Damals, als die Achtzehnjährige, im Zauber frischer Jugend erstrahlend, ihrem Oyeim Wilhelm IV. auf dem Königsthron Englands folgte, waren kaum die Wunden geheilt, die Napoleons Schwert den Völkern der Erde schlug; fünf preußische Könige haben das Szepter geführt, während sie, die Tochter des Herzogs von Kent, an der Spitze des Weltreichs stand; Robert Peel, Rüssel, Palmerston, Derby, Disraeli, Gladstone, sie alle, die einst ihre Rat­geber waren, glitten an ihr vorüber, um schattengleich in der Vergangenheit zu versinken. Niemand ist übrig ge­blieben von den Vertrauten ihrer Jugend, und seit vierzig Jahren trug sie den Witwenschleier. Gewaltig aber haben unter ihrem Szepter die Kräfte ihres Landes sich entfaltet, und ein seltsames Geschick hat es bestimmt, daß sie in der Stunde des Scheidens nicht froh zurückblicken darf auf das Vollbrachte, sondern daß an ihr Krankenbett auch die graue Sorge tritt, die Sorge, ob das, was geworden, auch Bestand haben werde. Und vielleicht hallt auch aus weiter, weiter Ferne ein Schrei der Qual und des Entsetzens herüber, in Todesnot ausgestoßen von gemarterten Buren­frauen und ihren Kindern, daß er drang bis in das Königsgemach von Osborne.

Die auswärtige Entwickelung des britischen Reiches in dem fast Zweidritteljahrhundert ihrer Regierung ist geradezu einzig; man muß auf das Reich Alexanders des Großen, aus das alte Nom und auf Palmyra zurückgehen, vielleicht am geeignetsten auf'die halbasiatischen Großreiche der hoch- asiatisch-oftindischen Welt, auf den Großmogul usw., um etwas auch nur annähernd ähnliches zu finden. Die ost- indischen Besitzungen sind unermeßlich erweitert worden, Aegypten ist tatsächlich englischer Vasallenstaat; in der australischen Inselwelt hat sich die englische Fahne mehr und mehr ausgebreitet; auf dem eigentlichen schwarzen Erdteil das Nilland wurde von der Antike zu Asien gerechnet hat man gerade in der jüngsten Zeit an ver­schiedenen Punkten große Territorialerwerbungen gemacht. Ter irische Katholik und Unterhausführer McCarthy ver­öffentlichte vor etwa 20 Jahren eine Geschichte des britischen Reiches unter Königin Viktoria, in der er die Dinge vom reichspatriotischen Gesichtspunkte aus zu schildern unter­nahm; er kommt zu dem Ergebnis, daß eine so glänzende Regierung, wie die der Königin Viktoria, noch niemals in England geführt worden sei. Seitdem sind noch weitere zwei erfolgreiche Jahrzehnte in das Land gegangen.

Die innere Entwickelung des Landes hielt mit der auswärtigen zum Teil gleichen Schritt. Die verschiedenen Reformbillets brachten eine stufenweise Erweiterung des Wahlrechts zuwege, die dieses jetzt nicht mehr wert von dem allgemeinen Stimmrecht angelang't sein läßt; sozialdemo­kratische Wahlen sind trotzdem bisher nur vereinzelt vor­gekommen. Englands Lebensgesetz ist, daß seine Grund- Aristokratie stets durch ihre auswärtige Politik dem m die Städte getriebenen, besitzlos gewordenen Teil des Land­volks gut gelohnte Arbeit in den Fabriken und womöglich eine Gelegenheit zur überseeischen Ansiedelung bietet. Darin, «ie beiläufig in einigen anderen Punkten, gleicht England