Ausgabe 
24.1.1901 Erstes Blatt
 
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Nr 20 Erstes Blatt. Donnerstag den 24. Januar 151. Jahrgang 1901

MeßmerAnzeiger

Heneral-Anzeiger

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Erscheint täglich mit Ausnahme des

Montags.

Die Vießener N««ilie«V lttter werden dem Anzeiger tin Wechsel mitHeff. Landwirt" u.Blätter für heff. Volkskunde" wLchtl. 4 mal beigelegt.

Amts- und Anzeigeblutt für den Nveis Gieren.

nicht geändert haben, daß Sie auf Seite 4 des Protokolls an den dazu vorgedruckten Stellen wörtlich bescheinigen: Pro 1901 wurde die Reklamation von dem Antragsteller erneuert und wird bescheinigt, daß die Verhältnisse desselben ich inzwischen nicht geändert haben."

Ist dagegen in den Verhältnissen eine Aenderung ein­getreten, so ist genau und motiviert auzugeben, worin sie esteht.

Zu diesem Zwecke wollen Sie gefälligst die betreffenden Reklamationen mittelst Bericht einfordern und mir mit mög- ichster Beschleunigung wieder vorlegen.

Boeckmann.

Adresse für Depeschen: Anzeiger Welt«.

Fernsprecher Nr. 5L

Redaktion, Expedition und Druckerei:

Schoiftratze Nr. 7.

Gratisbeilagen: Gießener Familienbtätter, Der hessische Landwirt, Mütter für hessische Volkskunde.__

Gießen, 19. Januar 1901.

Bitr.: Das Militär-Ersatzgeschiist in 1901; hier Gesuche UM Zurückstellung.

Der Cidilvorfitzende der Grotzh. Ersatz-Kommission Gießen an die (6k. Bürgermeistereien deS KreifeS. Unter Bezugnahme auf § 32 der Wehrordnung wache ich Sie darauf aufmerksam, daß wenn Gesuche um Zuruck stellung Militärpflichtiger erhoben werden, dieselben nach dem Reglement vom 12. Mai 1868 (Regierungsblatt Nr. 28) genau zu protokollieren und die Protokolle mit den vorge­schriebenen Beilagen gleichzeitig mit den Stammrollen pro 1901 hierher einzusenden find.

Hinsichtlich der früher (1899 und 1900) erhobenen un als begründet befundenen Reklamationen auf Zurückstellung Militärpflichtiger, welche für 1901 erneuert werden sollen, genügt eS, wenn die Verhältnisse des einzelnen Falles sich

forbtrir Un^ei( vollständig zu machen, hat auch noch der deutsche Reichstag seine Stellung verändert und dem Reichseisenbahnamt den Rückhalt, den es früher an ihm hatte, entzogen. Im Jahre 1897 war em Antrag auf Ver­einfachung und Ermäßigung der Personen- und Gütertarife angenommen worden. Statt die so errungene Positron zu'behaupten, stellte man später im Uebereifer einen neuen Antrag unter Umständen und in Formen, die seine Ab­lehnung von vornherein wahrscheinlich machte. Der Antrag hat denn auch thatsächlich die Mehrheit nicht erhalten, und so gewannen die Gegner freie Bahn. Der preußische Landtag wollte nicht, der Reichstag schien auch nicht mehr zu iDoUcn, also fehlte für die Verwaltung jeder Antrieb zur Reform. Zwar werden voraussichtlich bei dem Etat des Reichseisenbahnamtes wiederum wie alljährlich Rufe nach Besserung ertönen, doch die Rufenden sind in oev Minderheit, und darum bleibt alles einstweilen beim Alten.

Man wird nicht billiger und nicht sicherer reifen,als bisher; aber die Ueberschüsse werdenr^lterwachsen. ^en sich die Bevölkerung, von der etwa sechs.Millionen tag ) die Bahnen benutzen, diesen Zustand gefallen laß, verdient sie ihn.

Amtlicher Heil.

Bekanntmachung.

vetr.: UnfallverficherungSgesetz für Land- und Forst­wirtschaft; hier: Anzeige und Untersuchung der Unfälle.

Die land- und forstwirtschaftliche Berufsgenoffenschaft für das Großherzogtum Hessen beabsichtigt, künftig von der ihr zustehenden Befugnis, das Heilverfahren für die Unfall verletzten schon während der ersten 13 Wochen nach dem Un­fall selbst zu übernehmen, möglichst ausgiebigen Gebrauch zu machen, um durch rechtzeitige Anordnung einer zweckent­sprechenden Behandlung eine bessere und raschere Wieder­herstellung der Verletzen zu erzielen.

Die Durchführung dieser Maßregel ist nur dann mög­lich, wenn die Unfallanzeigen seitens der hierzu verpflichteten BetriebSunternehmer und Betriebsleiter binnen der vorge­schriebenen Frist von drei Tagen bei der Ortspolizeibehörde und dem Vertrauensmann des Bezirks erstattet wird.

Indem wir nachstehend die Vorschriften des § 70 des neuen Unfallversicherungsgesetzes zur Kenntnis bringen, machen wir zugleich darauf aufmerksam, daß jede verspätete Unfall auzeige eine OrdnuygSstrafe bis zu 300 Mark zur Folge haben wird, und daß die Annahme, der Unfall werde eine Erwerbsbeschränkung von länger als 13 Wochen nicht zur Folge haben, die Unterlasiung der Anmeldung nicht zu ent­schuldigen vermag.

Gießen, den 19. Januar 1901.

Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Bechtold.

$ 70 des laud- und forstwirtschaftliche« Uufall- verficheruugsgefetzes vom 30. Juvi 1900.

Von jedem in einem versicherten Betriebe vorkommenden Unfälle, durch welchen eine in demselben beschäftigte Person getötet wird oder eine Körperverletzung erleidet, welche eine völlige oder teilweise Arbeitsunfähigkeit von mehr als drei Tagen oder den Tod zur Folge hat, ist von dem Betriebs Unternehmer bei der Ortspolizeibehörde und dem durch Statut zu bestimmenden Genoffenschaftsorgane schriftlich oder münd­lich Anzeige zu erstatten.

Dieselbe muß binnen drei Tagen nach dem Tage erfolgen, an welchem der Betriebsunternehmer von dem Unfälle Kenntnis erlangt hat.

Für den Betriebsunternehmer kann derjenige, welcher zurzeit deS Unfalles den Betrieb ober den Betriebsteil, in welchem sich der Unfall ereignete, zu leiten hatte, die Anzeige erstatten; im Falle der Abwesenheit oder Verhinderung des Betriebsunternehmers ist er dazu verpflichtet.

Das Formular für die Anzeige wird vom ReichS-Ver- sicherungSamte festgesteüt.

Die Vorstände der unter Reichs- oder Staatsverwaltung stehenden Betriebe haben die im Abs. 1 vorgeschriebene An zeige der vorgesetzten Dienstbehörde nach näherer Anweisury derselben zu erstatten.

Gießen, den 19. Januar 1901.

Betr.: Wie vorher.

Das Grobherzogliche Kreisamt Gießen

an die Grotzh. Bürgermeistereien deS KreifeS.

Unter Hinweis auf vorstehende Bekanntmachung em­pfehlen wir Ihnen, dieselbe ortsüblich zu veröffentlichen.

v. Bechtold. _______

löre ihre Bedeutung als Sicherheitsmoment. Die Messrng- tange, die früher das Profil der Fensteröffnung verengte, existiert nicht mehr; es befinden sich Stangen nur noch in der Höhe des Fensterrandes, wo sie einen Handgriff owohl für die Reisenden bilden, die den Gang des Wagens durchschreiten, als auch für die, welche sich durch das Fenster retten wollen. In Bezug auf die Beleuchtung widerstrebt Herr v. Thielen, wenigstens bei dem jetzigen Stande der Technik, der Benutzung der Elektrizität und halt das Mischgas, das bei einem Viertel Acetylen und drei Vierteln gewöhnlichem Fettgas nicht explodiert und an* geblich heller leuchtet als elektrisches Licht, für besser. Nach einer Angabe rollen gegenwärtig auf der Erde 105 000 Wagen mit Mischgas, 8000 mit elektrischer Beleuchtung. Die Gasbehälter endlich will er auch künftig nicht über, ondern unter den Wagen anbringen, weil die letzteren onst zu kopfschwer und schwankend würden.

So überzeugt aber auch Herr v. Thielen von den Vor­zügen der Durchgangswagen sein mag, ihre Mängel haben ie doch und verbesserungsbedürftig sind sie in mehrfacher Beziehung. In der am 15. Dezember vorigen Jahres unter Heranziehung von Sachverständigen abgehaltenen Konferenz hat man dies auch amtlicherseits anerkannt und besckstossen, die als zweckmäßig befundenen Aenderungen zunächst an einem einzelnen Zuge ausführen zu lassen, um auch dem Publikum Gelegenheit zu bieten, sich über ine neuen Ein­richtungen ein Urteil zu bilden. Weitere Ergebnisse er­warten wir von den Verhandlungen, die auf die Initiative des Reichseisenbahnamts gepflogen werden und demnächst bei 'dem entsprechenden Teil der Etatsberatung zur Kennt­nis des Reichstages gelangen sollen.

Die reichlichen Erträge des Staatsbahnbetriebes wurden an sich auch zu einer Reform der Personentarife Mut machen. Die Einnahmen aus der Personenbeförderung be­liefen sich im Berichtsjahr 1899 auf 345 Millionen gegen 330 Millionen im Vorjahr, das ist eine Steigerung um 4.64 Prozent. Sollte also wirklich die eine oder die andere Ermäßigung von Tarifsätzen vorübergehend einen AusfaU an Einnahmen verursachen, so würde derselbe schon durch die natürliche Verkehrszunahme sehr bald wieder aus­geglichen sein. Es ist indes ein Erfahrungssatz, daß eine Verbilligung des Verkehrs eine Vermehrung desselben nach sich zieht. Der Fiskus könnte also ruhig sein: die Zahl der beförderten Personen wächst erstens im allgemeinen durch die Zunahme der Bevölkerung und ihrer Beweglich­keit und zweitens im besonderen durch ermäßigte Tarife. Gleichwohl sind die Chancen einer Tarifherabsetzung heute geringer denn jemals. Was Herr v. Thielen jetzt noch zugestehen würde, ist eine Vereinfachung im Tarifwesen, und auch mit ihr hat er's nicht eilig. Was er dagegen so gut wie ganz ablehnt, ist eine irgendwie wesentliche Er­mäßigung der Tarife.

Eine Zeit lang durfte man noch die Hoffnung hegen, daß durch den Anstoß der übrigen Einzelstaaten der Stern in's Rollen käme. Eine süddeutsche Eisenbahn - g e m e i u s ch a f t schien in der Bildung begriffen nut dem Ziele, Reformen zunächst ohne Preußen vorzunehmen. Aber man kam über etliche Pourparlers und Leitartikel nicht hinaus. Württemberg konnte sich nicht mit Baden, und Bayern nicht mit Württemberg einigen. Der bayerstche Verkehrsminister legte das Bekenntnis ab, daß er der Her­absetzung der Personentarife um einige TemperaturgraDe kühler gegenüberstehe als vor einigen Jahren, daß er oder trotz seiner fiskalischen Bedenken wegen des Ausfalls, immer noch fein prinzipieller Gegner der Ermäßigung sei. Das klang nicht ermutigend. Es liegt etwas von^Passivität, möglicher Weise sogar von stumpfem Widerstand darin, während gerade die tarifpolitischen Aufgaben wegen der großen Schwierigkeiten, die ihrer Losung im Wege stehen, besondere Entschlossenheit und Hoffmingsfreudigkeit er-

Gießen, 19. Januar 1901.

Betr.: Die Einsendung der für die Landeswaisenanstalt zu erhebenden Kollekten und Büchsengelder.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen au die Grotzh. Bürgermeistereien des KreifeS.

Unter Hinweis auf unser Ausschreiben vom 10. Februar 1877 (Amtsblatt Nr. 3) empfehlen wir Ihnen am 31. ds. Mts. die unter Ihrem und eines GemeinderatsmitgliedS Verschluß stehenden Waisenbüchsen zu öffnen und deren In­halt bis längstens zum 31. März ds. IS. durch eine Kosten nicht verursachende Gelegenheit an uns abzuliefern.

v. Bechtold.

Cisenbahupolitik.

Die preußische Eisenbahn-Verwaltung und nicht diese allein empfindet offenbar mehr Freude an Überschüssen als an Reformen. Etwa 30 000 Züge sind nach einer von Herrn v. Thielen mitgeteilten Statistik binnen 24 Stunden in Bewegung und er trägt dafür, daß sie richtig an ihr Ziel gelangen, dem Lande gegenüber die Verantwortung. Daß er die ganze Schwere der Pflicht, die auf ihm ruht, lebendig fühlt, hat er versichert und erscheint glaubhaft. Ob aber alles stets geschehen ist, und noch geschieht, was zur Erfüllung dieser gewaltigen Aufgabe erforderlich wäre, bleibt zweifelhaft.

Das Geschäft, das der preußische Fiskus mit der Ver­staatlichung der Eisenbahnen gemacht hat, ist glänzend. Von 504 Millionen im Jahre 1896/97 stieg der Betriebs-Ueber- schuß auf 563 Millionen im Jahre 1899 und wird auf mindestens 571 Millionen für das laufende Etatsjahr geschätzt. Dabei wuchsen die Betriebsausgaben in noch stärkerem Maße, nämlich von 596 Millionen 1896/97 auf 776 Millionen in 1899 und auf 858 Millionen pro 1091.. Die Rente betrug bei der preußischen Staatsbahn 7.16 in 1896/97 und 7.30 in 1899, während die entsprechenden Ziffern in der gleichen Zeit für die bayerische Staatsbahn 4.17 und 3.70, für die sächsische 5.22 und 3.92, für die badische 4.38 und 4.85 betrugen. Aus den Überschüssen wurden tu Preußen zur Deckung anderweitiger etatsmäßiger Aus- gaben im Jahre 1896/97 185 Millionen, nach dem Etat 1901 sogar 384 Millionen verwandt. Auch im Nettoetat ist der nach anderen Grundsätzen berechnete Beitrag der Staatsbahnverwaltung zu anderen Staatsbedürfnissen von 171 Millionen in 1900 auf 186 Millionen in 1901 gestiegen. So ergießt sich aus den Kassen der Eisenbahnen ein be­fruchtender Strom auf alle Gebiete deS staatlichen Lebens.

Die Unterlassung einer für die Betriebssicherheit nötigen Ausgabe läßt sich bei solchem Stande der Finanzen um so weniger rechtfertigen. Daß zur Abwendung von Ge­fahren noch mancherlei geschehen muß, beweist allein die Ziffer der thatsächlich vorgekommenen Unfälle. Im Jahre 1899 ereigneten sich auf dem preußischen Eisenbahngebiet 470 Entgleisungen und Zusammenstöße gegen 433 und 426 in den beiden Vorjahren. 56 Reisende' wurden bei Zug- und Betriebsunfällen getötet, ungerechnet diejenigen, welche nach Ansicht der Verwaltung ein eigenes Verschulden trifft. Ilm hier Besserung zu schaffen, wird man sowohl das Ma- : teriaf in möglichst vollkommenen Zustand setzen als auch das Personal vor jeder Ueberbürdung schützen müssen. Nach beiden Richtungen ist, wie das Publikum anerkennen muß, manches geschehen; aber es bleibt gleichwohl, wie die Verwaltung zugeben muß, noch recht viel zu thun.

Wiederholte Unglücksfälle lenkten die öffentliche Auf­merksamkeit auf die Durchgangswageu. Der Eisenbahn­minister, der kürzlich im Reichstag ein Eifenbahnunglucks- : Minister mit Uebertreibung genannt worden ist, halt die Konstruktion dieser Wagen im allgemeinen für zweckmäßig, i Sie seien, so argumentierte er im preußischen Abgeordneten- , Hause, derart stark gebaut, daß sie die Stoßkraft eines auf­fahrenden Zuges bald paralysieren. In Offenbach hatte man nur vier Coupees zertrümmert vorgefunden, 1 während die Insassen der beiden letzten Coupees noch im stände gewesen seien, den Wagen zu verlassen, und der 1 darauf folgende Wagen überhaupt intakt geblieben sei. I Seitenthüren hält er trotz aller üblen Erfahrungen auch , jetzt noch nicht für nötig; denn dadurch würde dieLüngs- i Verbindung des ganzen Wagens durchschnitten und ver-