Mittwoch den 23. Januar
Nr. 19 Zweites Blatt
151+ Jahrgang
1901
Gießener Anzeiger
Heneral-Anzeiger
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Aints- und Anzeigeblatt für den Kreis Gietzen
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Die Gießener Jiamtliendtätter werben dem Anzeiger ta Wechsel mit „Heff. Landwirt" u. „Blätter für heff. Volkskunde" wöchtl. 4 mal beigelegt.
8 Holh.
I lieder 3rn> op.
verwenden sind.
Der Vertrieb der Lose ist im Großherzogtum gestattet.
Gießen, den 22. Januar 1901.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
I. V.: Dr. Wagner.
Redaktion, Expedition und Druckerei:
Schulstrahe Nr. 7.
' Schubert, ; LtanBeelhoTci. Schumi Brahms,
Gratisbeilagen: Gießener Familienblätter, Der hessische Kandwirt, Klätter für hessische Uolsiskunbe.
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Fernsprecher Nr. 51.
Amtlicher Feil.
Bekanntmachung.
Betr.: Die Veranstaltung von Verlosungen innerhalb des Großherzogtums.
Die Pfervemarkt Kommifion zu Gießen beabsichtigt mit dem am 20. März d. IS. daselbst stattfiudenden Pferdemarkt eine Verlosung von Pferden, LuxuS>, Gebrauchs- und HauS- haltungSgegenständeu zu verbinden.
Großh. Ministerium des Innern hat die nachgesuchte Erlaubnis zur Veranstaltung dieser Verlosung unter der Bedingung erteilt, daß bis zu 30 000 Losen zu 1 Mk. das Stück ausgegeben werden dürfen und mindestens 60 Prozent des Bruttoerlöses aus dem Verkaufe der Lose nach Abzug
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Engländer und Buren.
Der Vertreter der Friedens-Kommission der Buren, der am 18. ds. nach Belanges Drift (genau südlich von Standerton am Vaal, an der Straße Standerton Vrede) abgegangen war, um mit den Buren aus dem Oranjefreistaat zusammenzutreffen, ist wieder zurückgekehrt. Er meldet, die Buren sagten, sie hätten reichlich Nahrungsmittel und Munition, für die Frauen und Kinder werde von den Briten Sorge getragen. Sie hätten daher nicht die Absicht, den Frieden unter den von den Briten gestellten Bedingungen anzunehmen. Stejin halte sich, wie er fest glaube, im Lager der Buren auf.
T Ein gleiches Urteil über die Beringung der Suren mit Nahrungsmitteln und Munition fällt Hauptmann O Fla- herty von Kitcheners Leibgarde, der tu der Nahe von Lindley bei der Farm Piet De W-tS gefangen genommen, durch di- Bezirke von Reitz. Bethlehem, Harrtfmuh und Vrede als Gefangener von einem Kommando zum andern qefchleppt und schließlich in der Nähe von Standerton wieder sreigelassen wurde. Er zählt- insgesamt fünf verschiedene Kommandos von zusammen nur 1500 Mann. Nach seinen Mitteilungen sind die Buren gutes Muts, hoffen den Krieg noch jahrelang so weitersühren zu können und erwarten, daß die Engländer deS Kampfes schuetz- lich müde werden, da er ihnen unverhältnismäßig schwere Kosten auferlegt. Sie sollen ihre Kinder als Kundschafter und Wachposten auf Kopfes benutzen und ihre Patrouillen vollständig nach dem Muster der berittenen Infanterie der Briten gekleidet haben. Ein anderer Gefangener von Lindley behauptet, De WetS Leute beständen meistens aus Fremden; das dürfte kaum zutreffen. Man ersieht auS diesen Schilderungen von Engländern, daß der ganze Norv- osten des Freistaates unbestritten in den Händen der Burin ist, obgleich ihre Kommandos nur gering an Zahl sind. Im südwestlichen Transvaal ist Zeerust noch immer blockiert uno wartet sehnsüchtig auf Entsatz. Unter der Besatzung wütet eine schwere Lungenkrankheit; auch di Pf
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zu sehen. Der Kaiser wurde nach dem Krankenzimmer Berufen. Mit schwacher Stimme richtete die Königin einige Worte an ihn. Die Unterredung dauerte nur wenige Minuten, worauf der Kaiser tief bewegt das Krankenzimmer verließ. Es verlautet, daß sich das Befinden der Königin nicht verschlimmert habe. Es verursacht die größte Besorgnis, daß die Blutzirkulation int Gehirn gehemmt ist. Man hält die Krankheit der Königin für Verstopfung der Vehnen durch ein Blutgerinsel. Eine Genesung von dieser Krankheit kommt zwar vor, aber selten bei Patienten in dem hohen Alter der Königin Viktoria,. — Ein Telegramm aus Portsmouth besagt, daß die Lähmung des Blutumlaufs im Gehirn nicht behoben ist. Vor dem Schloß in Osborne harrt eine zahlreiche Menschenmenge voller Teilnahme auf die Nachrichten vom Krankenlager. Die Pflege der Patientin ruht allein in den Händen der Damen der eigenen Familie. Es heißt, daß keine berufsmäßigen Schwestern in Dienst genommen seien. Die Verschlimmerung am Sonntag kam so plötzlich, daß die Aerzte fürchteten, die Königin würde nicht mehr int stände fein, Kaiser Wilhelm zu sehen und das Ende für unmittelbar bevorstehend hielten. Trotz dev gestrigen Besserung ist keine Hoffnung, daß sie sich wieder erholen könne. Sie entschlummert langsam, wenn auch das Ende erst nach einem oder zwei Tagen eintreten kann. Nur chirurgische Geschicklichkeit hält die Königin noch am Leben.
London, 23. Jan. Der Prinz von Wales wird als Edward VII. den englischen Thron besteigen.
London, 22. Jan. Aus Cowes wird von 2 Uhr 40 Min. nachts gemeldet: Die Besorgnis hat etwas ab- genommen. Das Herzogspaar von Connaught hat das Schloß von Cowes verlassen und ist nach Osborne zurückgekehrt. — Die heutigen Morgenblätter haben nur geringe# Vertrauen zu der Besserung im Befinden der Königin und
tVerlängerung der unaus- Die Besorgnis des Volkes sei durch diese Verlängerung Todeskampfes nur noch größer geworden. „Morning Post drückt sich sehr pessimistisch aus und stellt fest, daß die That- fache der Ankunft des Ministers des Innern in Osborne zur Genüge beweise, daß der Tod der Königin nahe bevorstehe. „Daily News" bemerken, das Gerücht, wonach Präsident Krüger ein Sympathie-Telegramm der Königin übersandt habe, bestätige sich. Eine solche Haltung stimme mit dem Charakter des Präsidenten überetn. Sämtliche Nationen hätten ihre Sympathie für die Kontgtn zum Ausdruck gebracht.
OSborne, 22. Jan. Bts um Mitternacht war feine besondere Aenderung in dem Zustande der Königin eingetreten. Die leichte Besserung dauert fort. Die Kranke konnte etwas Nahrung zu sich nehmen. Sie genoß wahrend einer kurzen Zeit einen ruhigen Schlaf.
Zar neuen Brief-Affaire.
wird uns aus Berlin, 21. Jan., geschrieben:
Ter verblüffende Eindruck der neuesten vom „Vorwärts" bewirkten Enthüllung über die Beziehungen des „Zentral- berbanoes deutscher Industrieller" zur Regierung spiegelt sich in der Presse wieder. Daß man es mit keiner Erfindung zu thun hat, daß der von dem fu^tulbcmofrnfifrf^n £ptifrnfnrcinrr hprnffpttflichte Brief wirklich aus der Briefmappe Buecks, Generalsekretärs Verbandes, stammt, wird von keiner Seite in Zweifel gestellt. Buecks Briefmappe scheint beiläufig dem berühmten Portefeuille des einstigen Chefredakteurs der „Kreuzztg.", Frhrn. v. Hammer stein, das vor Jahren ebenfalls Männern der äußersten Linken in die Hände fiel, aber „unbenutzt" blieb, weder an Reichhaltigkeit, noch an explosiver Kraft des Inhalts nachzustehen. Nach der 12 000 Mk.- Sensation nun ist diese vielleicht noch stärker und nachhaltiger wirkende Preisgabe eines zweiten Bueckschen Schreibens, das an den verstorbenen „Spinnerkönig" Reichsrat v. Haßler gerichtet ist. Nicht ohne Erstaunen erhält man den Aufschluß darüber, daß die Ablehnung des, wie Bueck sagt, „im übrigen ganz vernünftigen preußischen Handelskammergesetzes hauptsächlich gegen die weiteren Pläne des (vorigen Handelsministers) Frhrn. von Berlepsch gerichtet gewesen ist, und zwar hauptsächlich gegen die von ihm geplante Organisation der Arbeiter." Nicht lange darauf trat Herr v. Berlepsch zurück, der bekanntlich die kaiserlichen Erlasse vom Februar 1890 über Arbeitsschutzgesetzgebung — Fürst Bismarck verweigerte ihnen die Gegenzeichnung — hatte ausführen helfen. Bueck ist in feinem Bries „mit Befriedigung erfüllt", „daß wir endlich Herrn v. Berlepsch klein bekannten haben". Herr v. Berlepsch kann seinerseits mit Befriedigung erfüllt fein, daß der Brief die Taktik seiner damaligen Gegner erläutert. Wichtiger aber als die Klärung von Vorgängen aus der Parlamentsgeschichte — daß ein „im übrigen ganz vernünftiges Gesetz", nach Bueck, wegen Mtß- liebigkeit eines Ministers fällt, ist nebenbei interessant — erscheint die Beleuchtung des Verhältnisses des „Zentralverbands" zu dem gegenwärtigen preußischen Handels- niinifter Brefeld. Brefeld hat Bueck „sehr freundlich empfangen", die „Gefährlichkeit der extremen Maßregel" des Berlepschschen Arbeiterorganisativnsplanes anerkennt, die L a g e der Arbeiter als eine „v o ll k o m m e n b e - friedigende" bezeichnet, „mehr Ruhe" in der sozialpolitischen Gesetzgebung empfohlen, um „Rat und That" des Zentralverbandes gebeten und endlich ersucht, „stets zu ihm zu kommen", wenn der Zentralverband „irgend etwas habe". Alles in allem, da auch der „von weitgehenden sozialistischen Ideen befangene" Hohmann im Handelsministerium feinem Chef schließlich „doch uach- gie b t", erklärt sich Bueck mit dem Tausch „wohl zufrieden.
Eine andere Frage ist, ob die O e f s e n t l i ch k e 11 mit alledem zufrieden fein kann? Und diese Frage wird man, , trenn man der Meinung ist, daß eine Regierung absolut über den Parteien stehen, niemanden zu Liehe und zu Leide ihre Entschließungen treffen, in feder Hinsicht ihre Unbefangenheit und Objektivität wahren soll, verneinen müssen. Die „Nationalztg." bemerkt un Anschluß an die Aeußerung von dem „Kleinbekommeir des Derrn v. Berlepsch, der ganze Ton des Bueck'schen Schreibens ttoerfe immerhin ein interessantes Licht auf die Art, tme oer im Zentralverband organisierte Teil der Großindustrie f i ch Einfluß zu verschaffen wisse. Die konservative ,,Kreuzztg." mißbilligt den Ausdruck „Kleinbekommen" ganz entschieden, will auch Bueck, der im Schreiben politischer Briefe keine sehr glückliche Hand zu haben scheine, nicht in Schutz nehmen, fordert aber die Abwehr sozialdemokratischen
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Mißbrauchs von Privatbriefen. Geradezu von ge- toh lenen" Privatbriefen sprechen die Bueck und dem Zentralverband nahestehenden Berliner „Neuesten Nachr." Im übrigen bezeichnet das Blatt die etwaige Mitwirkung des Zentralverbandes zum Rücktritt des Herrn v. Berlepsch als ein „nicht genug anzuerkennendes Verdienst", wegen der ozialpolitischen Anschauungen dieses Ministers. Gar keine Notiz nimmt einstweilen die offiziöse „Nordd. Allaem. Ztg." von dem Briefe. Die freisinnige „Voss. Ztg." hält diesen von weitaus größerer Bedeutung als den 12 000 Mk.-Brief Buecks. Das neue Schreiben sei in einem Ton gehalten, als habe der Zentralverband über die Regierung die Vormund- chaft zu führen. Als Haupt einer „wirtschaftlichen Kame- :illa", einer „Nebenregierung", glaubt das ebenfalls frei- innige „Berl. Tagbl." Herrn Bueck ansehen zu müssen.
Damit wird Bueck doch wohl auf ein zu stolzes Piedestal gehoben.
Die Krankheit der Königin von England.
Die letzten Telegramme aus Osborne lauten befriedigender. Es ist aber ausgeschlossen, daß die Königin, wenn sie sich erholt, sich jemals wieder an Regierungs- geschäften betätigen kann, da sich eine Gehirnlähmung eingestellt hat. Der hinzugezogene Irrenarzt Professor Dr. Barlow scheint wenig Hoffnung für die Genesung der Kranken zu haben. Dr, Thomas Barlow ist Profefsov an dem Univerfity College Hospital und Mitglied der Kgl. Medico- chirurgischen Gesellschaft.
Ein Berichterstatter der Preß-Assoziation erfuhr von einem der Aerzte, daß die Ursache der Erkrankung Ihrer Majestät Altersschwäche sei, kompliziert durch Schlaflosigkeit und Tagesmattigkeit. Derselbe Gewährsmann, erklärte, die Aerzte wendeten in der vergangenen Nacht gewisse lebens- änÄte bie übliK.seien^wenn es sich um mög-
Vor dem Portal des Schlosses zu Osborne standen die ganze Nacht hindurch zahlreiche Radfahrer, um die befürchtete Entscheidungskunde sofort zum Telegraphenamt zu k^LUber das Befinden der Königin Viktoria will man der „Kreuzztg." zufolge an unterrichteter Stelle wissen, daß die körperlichen Kräfte wohl ausreichen würden, um den Krankheitsanfall zu überwinden. Es find vielmehr seelische Aufregungen, die ihr Leben jetzt in Frage stellen. Der tiefe Schmerz vor allem über das Hinscheiden des zweiten Sohnes des Herzogs Alfred von Sachfen-Coburg-Gotha und des Enkels des Prinzen Christian Victor zu Schleswig- Holstein. , , ,c
Kaiser Wilhelm ist in Osborne eingetroffen.
Ein Telegramm aus Cowes von 11 Uhr 15 Min. hesagt, daß die Königin immer schwächer wird und der Geistliche zu ihr berufen wurde.
Wahre Bestürzung hat die Nachricht hervorgerufen, wie die Kaiserin Friedrich die Mitteilung von dem Zustande der Mutter entgegengenommen hat. Am liebsten wäre sie selbst nach Osborne geeilt, wenn nicht eigene Krankheit sie ans Zimmer fesselte. Um sie zu trösten und damit sie nicht allein sei in diesen schweren Tagen, sind PrinzHeinrich und Prinz und P r i n z e s s i n F r i e d- rich Karl von Hessen in Cronberg eingetroffen.
Es bestätigt sich, daß der Direktor der Privataugenklinik in Wiesbaden Professor Dr. Hermann P a g e n st e ch e r vor einigen Tagen telegraphisch zur Königin Viktoria von England nach Osborne zur Konsultation berufen ist. Professor Pagenstecher wird jedoch in den nächsten Tagen zuruck- erwartet; vermutlich wird dessen Rückkehr am Mittwoch stattfinden. x c „ , ...
Man meldet aus Paris: Die Londoner Nachrichten werden hier verschlungen; auf den bei dem schönen Wetter sehr belebten Boulevards werden den Verkäufern dieZeitungs- blätter aus den Händen gerissen. Die Blätter enthalten sich fast aller politischen Kommentare; nur Rochefort, der während feiner Verbannung in London gelebt hat, erklärt, die Popularität der Königin fei immer etwas künstlich gewesen ; das neue Königspaa r werde weit beliebter sein. Dagegen läßt die „Patrie" sich aus London melden, in den mittleren Kreisen und im Arbeiterstande äußere sich lebhaftes Mißtrauen gegen den Prinzenvon Wales, hauptsächlich betreffs seiner künftigen Haltung gegenüber Deutschland. Das soll offenbar heißen, der Prinz sei nicht deutschfreundlich.
$elegta«twe btG Wetter Anzeigers.
London, 22. Jan. Aus Osborne hegen heute beruhigende Nachrichten vor. Zum ersten Male feit mehreren Stunden war die Königin wieder bei Bewußtsein. Um 4 Uhr erwachte-sie aus einem erquickenden Schlummer, trank ein wenig Champagner, nahm etwas feste Nahrung zu sich und eine Stunde später schlief sie in den Armen der Prinzessin von Wales wieder em. Vorher drückte sie den Wunsch aus, den deutschen Kaiser zu sprechen. Wie sich jetzt herausstellt, verlangte sie ausdrücklich nach dem Kaiser, als die Symptome ihrer Krankheit sich ernst gestalteten, um ihn vor ihrem Ende noch einmal
besohlt die
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