Ausgabe 
22.11.1901 Drittes Blatt
 
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emen Abriß chinesischen Wesens und der hervorstechendsten chinesischen Sitten. So zeigte er an einer Karte, die mit chinesischen Schriftzeichen angefüllt war, deren es bekannt­lich mehrere tausend gießt, wie unendlich schwer das Erlernen der chinesischen Sprache ist, wie aber andererseits die Schrift­zeichen mit dem feinsten Verständnis den Gegenständen und Begriffen, die sie ausdrüeken sollen, abgelauscht sind. Je mehr aber europäische Kultur eindringe, desto mehr würden diese schwierigen Zeichen zurüekgedrängt werden und die römischen an ihre Stelle treten. Auf einem anderen Bilde war sym­bolisch in drei männlichen Figuren der dreifache Glückstern des Chinesen dargestellt. Dieses Bild fehlt fast in keinem Hause. Alles Glüek sieht der Chinese in mühelos erworbenem Reichtum und im Zusammenhang damit in einem hohen Rang, in hohem Alter und zahlreicher Nachkommenschaft. Auf einem dritten Bilde sah man einen Mandarinen mit den Insignien seiner Würde, dem roten Knopf, der Pfauen­feder, dem Perlenschmuck, dem Amtsschild und den eigen­artigen Schuhen. Wieder ein anderes Bild zeigte einen alten Mann, vor dem ein junger Verwandter kniet. Tarin soll die göttliche Verehrung ausgedrückt sein, die die Kinder in China dem Alter zollen, denn in China gießt es nicht Eltern- Verehrung, sondern Elternvergötterung.

-i- Wetterfeld, 19. Nov. Hier ist folgende Petition an den Reichstag abgesandt worden:In Anbetracht der wüsten Agitation, wie sie gegen die Erhöhung der Zölle in Stadt und Land gegenwärtig in Wort und Schrift getrieben wird, sehen auch die unterzeichneten Landwirte und Freunde der Landwirtschaft sich genötigt, dem hohen Reichstag Fol­gendes vorzustellen: Die landläufige Erwägung, daß nur der Großbesitz von einer Erhöhung der Getreidezölle Vorteil haben werde, ftcht uns deshalb nicht an, weil selbstverständlich den größeren Kosten eines größeren Betriebes auch größere Ein­nahmen entsprechen müssen. Obwohl meist kleine Leute, haben wir doch unter der Differenz zwischen den hohen Pro­duktionskosten und den niedrigen Verkaufspreisen des Getreides so zu leiden, daß wir die Ueberzeugung gewonnen haben: Die vorgeschlagenen Tarifsätze reichen nicht aus, um unfern Stand dauernd vor dem Untergang zu bewahren. Hat der Arbeiter ein Recht auf Arbeit und auskömmlichen Verdienst, den ihm niemand schmälern möchte, so haben auch wohl wir ein Recht darauf, zu fordern, daß, was geschehen fann, ge- than werde, damit der Ackerbau so ertragreich wird, daß wir uns von unsrer Hände Arbeit nähren können. Daß dies zur Zeit nicht der Fall ist, geht unbestreitbar aus der Abnahme der landwirtschafllichen Betriebe hervor. Während der Ar­beiter bei Arbeitswilligkeit seine regelmäßige, bestimmte Ein­nahme hat, ist der Ertrag unsrer Arbeit von so vielen außer Menschenmacht liegenden Einwirkimgen abhängig, daß jeder mögliche Schutz notwendig ist, um sie zu erhalten. Das kann nur so geschehen, daß die heimische Produktion gegen die -übermächtige Konkurrenz des erheblich billiger produzierenden Auslandes wirksam geschützt wird. Solchen Schutz sehen wir in einer ausreichenden Erhöhung unserer Schutzzölle, um die ;roir um so mehr den hohen Reichstag bitten dürfen, als ein gesunder, kräftiger Bauernstand die sicherste Gewähr bietet tfur die Erhaltung der Wohlfahrt und Wehrkraft unseres ganzen Volkes. Den hohen Reichstag bitten wir deshalb:

Er wolle 1. anstelle des seitens der Regierung vorgesehenen Zolltarifs für alle landwirtschaftlichen Erzeugnisse einen wirk­samen Schutzzoll dadurch schaffen, daß der vorgeschlagene Marimalzoll als Minimalzoll für alle Fruchtarten ange- nommen werde, 2. in anbetrachr der durchgängig höheren Zndustriezölle auch der Landwirtschaft gegenüber von dem Grundsätze: Jedem das Seine! Gebraiich machen." Der Krieger verein faßte in seiner Monatsversammlung fol­gende Resolution:Ter Kriegerverein Wetterfeld weist mit Entrüstung die Auslassungen des englischen Staatsministers Chauiberlain als dreiste Unverschämtheit und grobe Lüge zurück."

>< Nieder Lhmcn, 20. Nov. Zwei junge Leute auf der hiesigen Molkerei vergnügten sich mit dem Schießen aus einem Flobert. Tie Kugel traf einen in der Nähe in einem Steinbruch beschäftigten Arbeiter über dem einen 9(ugc. Eine Linie tiefer und der Schuß wäre gerade in das Auge gegangen. So kam der Arbeiter glücklicher Weise mit einer leichteren Verwundung davon. Toch ist polizeiliche Anzeige erstattet ivorden.

Q Hainbach, 20. Nov. Die hiesige Schafherde war unrein geworden oderangegangen", wie der landläufige Ausdruck besagt. Tie Schafbesitzer sahen sich genötigt, ihre Schafe zu verkaiifen. Ta das Fleisch der Tiere ja unbe­denklich genießbar war, stellten sich bald Händler ein, die aber nur 10 Mk. für das Stück bezahlen wollten. In den benachbarten Ortschaften merkte man aber, auf welche Weise man gutes Schaf- und Hammelfleisch recht billig erwerben konnte. Tie Nachfrage nach den feilgebotenen Schafen ward so stark, daß bis jetzt sämtliches Angebot abgesetzt wurde. Die Schafbesitzer erzielten nun 15 bis 18 All. für das Stück, und die Käufer stand das Pfund Fleisch 33 big 35 Pfennig gegen einen sonst üblichen Ladenpreis von 60 Pfg.

Ulrichstein, 20. Nov. Von einem schweren Geschick wurde die Familie des hiesigen früheren Bürgermeisters heim- gesucht. Die erwachsene Tochter wurde von schwerer psychischer Krankheit befallen, sieht aber jetzt ihrer Heilung entgegen. Ihr Bruder mußte in diesem Herbste zum Militär einrücken. Vor kurzem erkrankte er schwer an einem Gehirnleiden, dem er nach wenigen Tagen erlag. Sein Leichnahm wurde auf dem hiesigen Friedhöfe beerdigt.

Gerichtssaal.

Soh. Gießen, 15. Nov. (Schiedsgericht für Arbeiter- v ersicherung). In der heutigen Sitzung führte Regicrungsrat B o e ck m a n n den Vorsitz. Die dem Valentin Roth zu Zell- Romrod als Unfallentschädiguiig gewährte Rente von 30 Prozent hatte die Tiesbauberufsgcnofscnschaft auf 20 Prozent herabgesetzt. Ter eingelegten Berufung gab das Gericht statt und verurteilte die Genossenschaft zur weiteren Zahlung der 30prozentigen Rente, da eine wesentliche Besserung im Zustand des verletzten Beins seit der letzten maßgebenden Untersuchung nicht eingetreten sei. Mit Be­scheid vom 14. August 1901 setzte die Fleischereiberufsgenossenschaft die dem Reinh. D r e y l i n g zu Grünberg bewilligte Schonungs rentc für Verletzung des vcd)ten Daumens von 30 auf 15 Prozent herab. Tie hiergegen eingelegte Berufung wurde von dem Gericht verworfen, da nach Ansicht des ärztlichen Sachverständigen eine höhere Crwerbsbcschränlung als 15 Prozent nicht besteht. Die Steinbruchsberufsgenossenschaft reduzierte die lOOprozcntige Rente des Eberhardt Hardt zu Albach auf 40 Prozent. Auf eingelegte

Berufung setzte da? Gericht nach Augenscheinnahme der schwer ver­letzten hnfen Hand und Anhörung des ärztl. Sachverständiaen und des Zeugen Nickel die Rente auf 60 Prozent feit. In der > oalidenversicherungssache Heinrich Al aus- Teckenbacb erklärte sich der Vertreter der ZnvaliDcnversicherungsastatt bereit, die diente statt vom 1. 9. 00 vom 1. 6. 00 zu gewähren. Tie weiter von dem Gericht wegen Nachverwendung von Beitragsmarken ange- stellten Ermittelungen waren resultatlos. Tie Verhandluiig wurde zur außergerichtlichen Erledigimg ausgesetzt. Tie Berwung der Sufanne K n i s; Wittwe in Bruchenbrücken gegen den ablehnenden Altersrentenbcscheid der Versicherungsanstalt mußte als verspätet erhoben vom Gericht zuriickgewiesen werden. Mit der Einstel­lung der von Der Hess. Nassauischen Baugewerksberufsgenossenschast bewilligten Rente von 33* 3 Prozent gab sich der Fnhrknecht An­dreas Schmidt zu Friedberg nicht zufrieden. Seine Berufung wurde von dem Gerick)t venvorfen, da nach zwei übereinstimmenden ärztl. Gutachten keine Unfallfolge mehr besteht. Die Süüwest- dentsche Holzberussgenossenfchaft hatte die dem Karl Häuser be­leidigte Rente von 15 Prozent eingestellt. Der eingelegten Be­rufung» gab das Gericht statt und verurteilte tue Genossenschaft zur Weiterzahlung der Reine. Taglöhner Michael Hab eis zu Als­feld war mit seinem Antrag auf Invalidenrente von der Versiche­rungsanstalt Großh. dessen abgewieseri worden, weil bezüglich der Marken in Quittungslarte I die Anwartschaft auf Rente erloschen sei lind die Nachvciwcndung von Marken für blos 2 Jahre zu­lässig, und darnach die Wartezeit von 200 Beitragswochen nicht erfüllt sei. Tas Gericht erachtete zwar die NachverwenDung von Marken für 4 Iahte als zulässig, Da das Bersicherungsverhältnis zwischen dem Hebeis und der Stadt Alsfeld streitig im Sinne des § 146 Ges. gewesen sei, tonnte aber unter weitgehendster Berück- stchtigung Der gelieferten Arbeitsnachweise und ärztlicher Beschemig- ungen doch nicht soviel Beitragswochen annehmen, als zur Er­füllung der Wartezeit notwendig ivaren. Die Berufung mutzte des­halb abgetuiejen werden.

SchiffsuachUchtell.

Norddeutscher Lloyd.

In Gießen vertreten durch Carl Loos, Kirchenplatz.

Bremen, 19. November. (Per transatlantischen Telegraph.) Ter Toppelfchrauben - PostdanipferKönigin Luise", Kapitän H. Prager, vom Norddeutschen Sloyd in Bremen, ist heute 1 Ubr morgens wohlbehalten in Newyork angekommen.

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Gießen, den 16. November 1901. ~ _ 7568

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Konkursverfahren.

In dem Konkursverfahren über das Vermögen des Land­wirtes Christian Rebe in Gießen ist zur Abnahme der Schlußrechnung des Verwalters, flur Erhebung von Einwend­ungen gegen das Schlußver­zeichnis der bei der Verteilung zu berücksichtigenden Forderun­gen und zur Beschlußfassung der Gläubiger über die nicht ver­wertbaren Vermögensstücke der Schlußtermin auf Freitag den 20. Dezember 1901, vormittags 10 Uhr, vor dem Großh. Amtsgericht hier- selbst bestimmt.

Gießen, den 20. Nov. 1901.

Da hm er, 7623 Gerichtsschreiber des Großh.

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