Ausgabe 
22.2.1901 Erstes Blatt
 
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Nr. 45 Erstes Blatt.

151. Jahrgang.

Freitag 22. " ebrnar 11)01

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Die Gießener ZamillkN- blätter werden dem Än, zeiger im Wechsel mitHeff. Landwirt" undBlätier für Hess. Volkskunde" vier, mal wöchentlich beigclegt.

Annahme oon Mnieigen

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Redaktion, Expedition und

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GietzenerAnzeiger

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Amts- und Anzeigeblatt für den Meis Gießen

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Amtlicher Fell.

Bekanntmachung.

Bon dem zur Deckung der Geländeerwerbskosten für den Bahnbau GrünbergLondorf durch den Kreis Gießen in 1895 aufgenommenen Anlehen von 80 0O0Mark find die Obligationen Lit. A Nr. 33 zu 1000 Mk. und Lit D Nr. 14 und 99 zu je 100 Mk. durch das LoS zur Rück zahlung per 1. März d. I. bestimmt worden.

Gießen, den 15. Februar 1901.

Großherzogliches Kreis amt Gießen, v. Bechtold.

Bekanntmachung.

Betreffend: Feldbereinigung in der Gemarkung Berstadt.

Es wird hierdurch zur öffentlichen Kenntnis gebracht, daß 97 Grundeigentümer, die mit 543,86 Hektar Land in der Gemarkung Berstadt begütert sind, unterschriftlich die Feldbereinigung in der Gemarkung Berstadt und die An­lage von Wegen in den Obstbaumstücken beantragt haben. Da an diesem Unternehmen im ganzen 403 Grundeigen­tümer mit 993 Hektar Land beteiligt sind, so ist für das Zustandekommen des beantragten Unternehmens die gesetz­lich vorgeschriebene Mehrheit (mehr wie ein Fünfteil der beteiligten Grundeigentümer, welche mehr als die Hälfte der beteiligten Fläche besitzen) vorhanden.

Das Unternehmen ist von der Landeskommission für zulässig erachtet und der Unterzeichnete zum Kommissär nach Art. 11 des Gesetzes vom 28. September 1887 bestellt worden. Die obenerwähnten Anträge nebst einer Zusammenstellung ihres Ergebnisses liegen bei Großh. Bürgermeisterei Ber­stadt vom 20, l. Mts. bis 27. l. Mts. zur Einsicht offen. Ein­wendungen gegen die Zulässigkeit oder Rechtsbeständigkeit des Ergebnisses sind binnen 14 Tagen von oer ersten Ver­öffentlichung dieser Bekanntmachung im Kreisblatt an ge­rechnet, mittels schriftlicher Beschwerde bei Großh. Mini» sterium des Innern, Abteilung für Landwirtschaft, Handel und Gewerbe in Darmstadt geltend zu machen.

Zugleich fordere ich die außerhalb der Gemarkung Ber­stadt wohnenden Ausmärker auf, zur Wahrung ihrer Inter­essen einen in der Gemarkung Berstadt wohnenden Bevoll­mächtigten zu bestellen, 6a eine weitere besondere Zuschrift im Laufe des Bereinigungsversahrens an sie nicht mehr erfolgt.

Friedberg, den 11. Februar 1901.

Der Großh. Feldbereinigungskommissär: Sandmann.

Auf fremder Scholle.

Der Jahresbericht der Reichskommission für das Aus- wanderungswesen, der in nächster Zeit dem Reichstag zugeht, pflegt diese wichtige Frage der Nationalwirtschaft in den Bereich der öffentlichen Erörterung zu stellen. Auch in diesen auf Grund eingehender Ermittelungen verfaßten Be­richten spiegelt sich die wirtschaftliche Entwickelung Deutsch­lands während des verflossenen Jahres wieder. Da diese

Drutscher Reichstag.

Berlin, 20. Febr.

Bei der fortgesetzten Beratung der Anträge betreffend die Aufhebung der Theaterzensur führt

Abg. Träger (fr. Vp.) aus, der Reichstag sei in dieser Frage zuständig. Nicht der Inhalt eines Stückes, sondern die vorauszusehendr Wirkung desselben auf das Publikum soll die Zensur bei ihrer Thätigkeit leiten. Hierbei seien natürlich grobe Fehler unvermeiolich, denen auch ein Sach- verständigen-Beirat preisgegeben sei. Die Freigabe ver­botener Stücke sei die größte Reklame für diese. Seine Partei wolle nichts anderes als Preßfreiheit für die Bühne. Hintertreppenromane schlimmster Sorte gestatte man, ernsthafte Dramen würden dagegen verboten. Jene schaden der Volksseele gewiß unendlich mehr als diese. Wenn einem Dichter eine Anzahl gefährlicher Stellen auL einem Stück gestrichen würden, so könne er es doch mit allen diesen Stellen drucken lassen. Wer ihm, dem Redner, hier eine Spur von Logik Nachweisen könne, dem sei er bereit, eine seinen Vermögensverhältnissen entsprechend« Belohnung zukommen zu lassen. Es werde nie möglich sein, daß jedes junge Mädchen in jedes Theater aehen kann; die Eltern müssen eben über den Charakter der Theater unterrichtet sein. Durch die Zensur würde auch der Ge­werbe-Betrieb schwer beeinträchtigt. Es liege im Belieben der Polizei, welche Entscheidungen sie fälle. Wir haben ein­dramatische Litteratur und eine Darstellung, die auf de» Höhe stehen. Der Kunst, die in so.hoher Blüte steht, darf?lichß eine unwürdige Beschränkung auferlegt werden.

Abg. Stockmann (Rp.) verteidigt sich gegen den Vor­wurf, daß der Goethebund unter falscher Flagge segle. Redner erkennt die Fehler der Zensur an und hält es Hi» wünschenswert, daß eine Zentralbehörde geschaffen weroe, sodaß nicht mehr Stücke in der einen Stadt aufgeführt, in der anderen verboten werden.

Hierauf wird ein Antrag auf Schluß der Erörterung angenommen. In seinem Sck)lußwort hebt

Abg. Tr. Müller-Meinigen (fr. Vp.) die Lebhaftig­keit der dreitägigen Debatte und die erfreuliche Haltung der Presse hervor. Er wundert sich über die Kampfesweiss des Ministers v. Rheinbaben, sowie daß dieser im Reichs­tage nicht anwesend sei; ihm fehle wohl hier der Resonnanz^- boden, oen der Minister im Abgeordnetenhause habe. De» Redner wendet sich gegen einzelne Ausführungen der Abgg. Bassermann, Stockmann und v. Kardorff, welch letzterem er nicht in demselben Tone erwidern wolle, den dieses Redner im Abyeordnetenhause angeschlagen habe. Wen« ihn (Müller) nicht die Achtung vor dem Alter des Herr« v. Kardorff und dessen lange Zugehörigkeit zum Hause hindern würde, möchte er seine Redeweise als salopp be­zeichnen. (Präsident Graf B a l l e st r e m macht den Redner» Darauf aufmerksam, daß selbst verklausulierte Beleidigungen nicht zulässig seien.) Herr v..Kardorff habe jedenfalls seine Unfähigkeit zu einer sachlichen Debatte bewiesen. Abg. Roeren, der sich auf Prof. Mommsen berufen habe, sei damit gründlich hereingefallen; Mommsen habe, was Roeren von ihm behauptete, bestritten. Wir werden nicht ehe» ruhen, bis Abhilfe vom Reichstage kommt.

Damit schließt die erste Beratung; die Abstimmung über den Antrag auf Ueberweisung an eine 14gliedrige Kommission findet durch Auszählung statt. Es ergiebt sich

Entwickelung eine ungünstigere Wendung genommen hat, ist anzunehmen, daß ein Steigen der Auswanderungs­ziffer konstatiert werden wird. In den an der Auswander­ung interessierten Kreisen rechnet man dem Anschein nach damit, daß auch im laufenden Jahre zahlreiche Deutsche jenseits des Ozeans ihr Heil versuchen werden. So beabsich­tigt der Deutsch-brasilische Verein eine Reihe von Vorträgen über Wirtschafts- und Kolonisationsvcrhältnisse in Brasilien zu veranstalten. Ferner soll durch Herausgabe einer Monatsschrift und Auskunftserteilung die Aufmerk­samkeit der Europamüden auf Brasilien gelenkt werden.

Grundsätzlich läßt sich gegen die Wahl des hier in Be­tracht kommenden südlichen Brasilien, wo bereits blühende deutsche Kolonien sich befinden, nichts einwenden. Es wäre falsch, auf Grund von Privatbriefen dorthin ausgewanderter Landsleute, wie sie -ab und zu von Zeitungen veröffentlicht werden, ein absprechendes Urteil au fällen. Es ist dort, wie überall: dem Einen glückt es, oem Andern nicht. Fest steht aber, daß nur der Aussicht hat, vorwärts zu kommen, der ein wenn auch bescheidenes Kapital sein eigen nennt und körperliche Arbeit nicht scheut. Die meisten Auswanderer treten erfahrungsgemäß mit ganz unklaren Vorstellungen die Reise an. Vielfach ist es Abenteuerlust und die alte deutsche Wanderleidenschaft, die sie in die Ferne treibt. Deshalb erwächst der Presse die Pflicht, immer wieder darauf hinzuweisen, daß in der Mehrzahl der. Fälle die Heimat ungleich größere Garantien für eine auskömmliche Existenz bietet, als die Fremde. Das mögen sich besonders die Ackerbauer gesagt sein lassen. Eine aller Sorgen enthebende Unterstützung können auch Kolonisationsgesell­schaften dem Ackerbauer beim besten Willen nicht bieten, weder in Brasilien noch irgendwo sonst.

Der Verein für Auswandererwohlfahrt hat sich die dankenswerte Aufgabe gestellt, die Auswanderung in nationale Bahnen au lenken. Die Möglichkeit, heim­müde Landsleute für Die deutschen Schutzgebie te au interessieren uno so unmittelbare Beziehungen zwischen den ausgewanderten Volksgenossen und dem Mutterlande aufrecht zu erhalten, ist in der im Mai Vorigen Jahres zu Hannover stattgehabten Konferenz für Auswanderungs­fragen eingehend erörtert worden. Die Versammlung war der Auffassung, daß von den deutschen Kolonien zur Zeit nur Südwestafrika zur Besiedelung geeignet sei. Die Auswanderung namentlich Unbemittelter dorthin verspreche jedoch nur dann Erfolg, wenn sie im Anschluß an eine solide Siedelungsgesellschaft geschehe. Diesen Gesellschaften müsse aber die Regierung ein größeres Entgegenkommen bezeigen, wenn sie zum Träger der Auswanderung nach dem Schutzgebiet werden sollen. Zur Zeit kann also von einer Organisation der Auswanderung nach Deutsch-Afrika noch nicht die Rede sein.

Die Wenigsten von denen, die in diesem Jahre, und in den Frühlingsmonaten besonders zahlreich, zum Wanderstab greifen, werden der deutschen Volksgemeinschaft erhalten bleioen. Möchten sie nur dem Deutschtum nicht verloren gehen! Sie werden es nicht, wenn sie den Rat der sich mit Auswanderungsfragen beschäftigenden deutschen Ver­eine und Gesellschaften einholen und mit diesen in Fühlung bleiben. Tie Zeit ist hoffentlich nicht mehr fern, wo auch in Deutschland ein staatliches Auskunftswesen für Auswanderer errichtet wird, wie es in England, Belgien und der Schweiz bereits besteht.

Gießener Stndtthealer.

Augeudfreuvde.

Lustspiel in 4 Akten von Ludwig Fulda.

In der I. G. Cotta'schen Buchhdlg. Nachf. in Stuft gart erschien kürzlich ein vortreffliches Buch unter dem Titel: Die deutsche Lyrik des 19. Jahrhunderts. Eine poetische Revue, zusammengestellt von Theodor v. Sos «osky." Dieser 464 Seiten zählende Band will ein Spiegel­bild der gesamten deutschen Lyrik des verflossenen Jahr Hunderts geben, und erfüllt diese Aufgabe fast lückenlos. Von Ernst Moritz Arndt, Chamiffo und Schenkendorf bis auf den jungen Wiener Hugo v. HofmannSthal, Georg Busse Palina und Max Dauthendey ziehen die deutschen Lyriker in langer Reihe vor uns auf mit ihren besten und charakte­ristischsten Gedichten. Auch Ludwig Fulda ist in der umfäng­lichen Quartierliste der deutschen Lyriker aufgeführt mit einem Gedichte. Es heißtHoffnung", und ich möchte ein paar Berfe daraus um so lieber zitteren, als dadurch wieder ein­mal der Beweis geliefert wird, wie fich das liebenswürdige und anmutige Talent dieses Dichters, sein feiner Witz und seine ernste Betrachtung der Dinge in einem kleinen Gedichte vollkommener offenbaren kann, als in einem langen Theater stück. Ein paar einfache Bcrse vermögen unter Umstanden die Anteilnahme des LcserS eher zu wecken, als ein abend­füllendes Stück. Man denke sich einmal hinein in Fuldas Serse:

Hoffen, hoffen, ewig Hessin!

Wie das Trugbild lockt und zerrt! Immerdar der Himmel offen Bub der Weg dahin versperrt.

Unbelehrbar, weit und weiter, Non der Hoffnung überhitzt,

Steigt man auf der Himmelsleiter, Bis man in den Wolken fitzt.

Und er fährt fort:

Tief im Nebel, in der Näffe

Hält man triefend, keuchend Schau

und gelangt zu der Einsicht, daß allePüffe nach der Klar­heit, nach dem Blau" verrammelt find. Anfangs war er darüberarg verschnupft", nun aber hat er fich philosophisch beschieden:

Druiden hofft es sich am besten, Und wer stcigt, der zweifelt schon/

Er hat empfunden, daß er einst mit seinem f. Z. sehr günstig aufgenommenenVerlorenen Paradies", einem recht tüchtigen Schauspiel, und dem sehr hübschen, aber doch über Gebühr bestauntenTalisman" höher gestiegen war als er es Der diente und als er für feine Zukunft gehofft hatte. Er hat eingesehen, daß er nur nochdrunten" auf Lohn zu hoffen hat, daß feine Sphäre von den Höhen der Dichtkunst himmel­weit entfernt ist. Sein enormes formalistisches Talent hatte ihn weit über seine Kraft hinaus geführt auf ein Ge filde, auf dem er unsicher tastete und experimentierte. Und als man da Bestimmtes und Sicheres von ihm verlangte, da gab er unsfeine Zwillingsschwester", die, nach allem, waS man von ihr hört, hübsch, recht amüsant, nett re. ist eine niedliche Nichtigkeit.

Auch mit feinenJugendfreunden" ist seine Kunst nach Brot gegangen, das er, der reiche Frankfurter Kaufmannssohn, Gott sei Dank wahrlich nicht nötig hat. Stofflich hat diese? Stück einige Ähnlichkeit mit einem alten Beneoix'schen Stücke, das Bcnedix selbst wohl für ein Mufterlustspiel hielt, denn er gab ihm den Titel:Ein Lustspiel", wohl weil alle sich kriegen. Allerdings zeigt gerade die stoffliche Verwandtschafi )en Unterschied zwischen Fulda und Benedix. Dieser führt in philisterhafter und unkontrollierbarer Weise die Ehescheu

eingefleischter Junggesellen ad absurdum, indem er jeden eine Frau finden läßt und mit den vier Verlobungen den Schluß macht. Von FuldaS vier Jugendfreunden sind drei schon im ersten Akte für den Ehepantoffel reif vom BuUM der 20jährige» Freundschaft gefallen, und nur bet vierte bewahrt feine Ehe­scheu bis zum letzten Akt, wo auch er sich bencdixisch verlobt. Das Wichtigste aber für Fulda sind die beiden müderen Akte, in denen auf ergötzliche Art und lebensecht dargestellt ist, wie alte treue Kameraden auseinanderkommen könne» wegen lächerlicher Nichtigkeiten, wenn es den bösen Frauen so gefällt. Wie das geschieht, wie ein hingeworfeneS Wort verletzt und erbittert und von Mund zu Mund sich verschlimmert, wie sich die Frauen gegenseitig in die ge­färbten Haare geraten, das ist wirklich höchst amüsant ge­macht. Ein ernstes Lebensding wird mit heiterer Satire umspielt. Geschmack und Grazie, Witz und Laune sind die vier Trauzeugen der vier Pärchen. Aber Fulda hält sich nicht auf diesem litterarischen Niveau, das ihn von Moser und Schönthau scheidet; anstatt höher zu klimmen, fällt er hoffnungslos in einen Poffenton, dem künstlerischer Ernst und sogar Vornehmheit des Denkens fehlen, weil so etwas manchmal Kassenerfolg hat und populär ist, vielleicht auch macht. Auch wie trotz der trüben Eheerlebniffe der Kame­raden gerade der Ehefeindlichste von allen veranlaßt wird, eine Eye zu schließen, das hat der Dichter mit einer Flach­heit behaud.lt, die au Benedix grenzt. In der humoristische» Verinnerlichung dieses Gemüts. Motivs hätten Dichter anderen Schlages, hätten Hauptmann oder Wolzogen gerade ihre eigensten Kräfte bewährt. Fulda versagt eben hier und kann auch hier nur leichthin scherzen. Doch das ginge noch; was aber find das für Scherze wie z. B. der mit der Zigarren­kiste. Bisweilen ist ihm der satirische Stachelgürtel ganz entfallen und er trägt das Hanswurstgewand eines Mannftüdt.

Fulda soll feinen eigenen Jugendfreundeskreis in dem