welcher
Schönheit,
diese
sich nicht mehr zertreten lassen wird/
Wollens gewiß
-gestellt haben, nicht mehr aus.
Was man wünschen muß, ist, daß beide Richtungen, die aristokratische und demokratische — wenn man so sagen form — gepflegt werden. Schönheit und Wahrheit, Ernst und Heiterkeit, Erhabenes und Mitleidvolles, Idealistisches und Realistisches.
Bedauerlich bleibt in der Kunst immer jede ausgesprochene Apologie, die sich entweder byzantinisch, liebedienerisch, speichel- leckerisch zeigt, andererseits dem Ordinären, Perversen dient. Der französische Novellist Guy de Maupasiant ist gewiß ein großer Künstler, trotz seiner häßlichen Neigung zurLote,ebenso war es Pietro Aretino, dieser Erzlump, ebenso der lüsterii lockere Boccaccio. Es wäre erfreulich, wenn die Kunst, unentweiht, stets in der Zucht sittlichen und ernsten Denkens bliebe; doch der göttliche Funke liegt bisweilen auch in einem Erdensohne von niedrigster, charakterlosester Denkart. Nimmermehr aber kann die Kunst im Sinne der AnMa»die schöne Form über alles stellen.
Als Protest gegen Uebertrewungen wird die Kaiserrede sehr willkommen sein.
Der Kaiser hat auch mit dieser seiner Auslassung bewiesen, daß er als Mann der heutigen Zeit die öffentliche Aussprache über wichtige, das Volk bewegende Kräfte liebt. So trägt er auf allen Gebieten dazu bei, die Diskussion m Fluß zu hallen. Das hat ganz gewiß auch sein Gutes.
die Sklaverei
sein.
Vollständig wird man dem Kai,er beistimmen müssen, wenn er die Kunst für das Volk verlangt, wobei immer wieder zu bemerken ist, daß die Antike — und auch die .gtenaiifcmce — die Kunst n icht für das V'ol k schuf, sondern für die Privilegierten und Uebermenschien.
Dü moderne Kunst hat eben das ganze Volk zum Objekt künstlerischer Darstellung gemacht, weil heute das ganze Volk etwas zu bedeuten hat; das muß sich auf allen Kunstgebieten ausdrücken; darum fommen wir zur Armeleutmalerei, zur Armeleutlitteratur u. s. rv. Und die künstlerische Darstellung aus diesen Regionen erhebt, befriedigt, läutert genau so, wie die dichterische, dramatische, stülp- turelle, malerische Verherrlichirng griechischer Könige und römls^r Jnrperatoren, der Iphigenie oder der Niobe. Gehen nicht z. B. von Schauspielen moderner Dichter Anregungen an gutem Sinne aus; wecken die Ereignisse der Bühne nicht in manches Menschen Brust weiche und mitleidige Empsin- -dungen mit dem Schicksal der Aermsten? Bestärken sie nicht die Ueberzeugung von den Pflichten, die die menschliche Gesellschaft den „Enterbten des Glücke?" gegenüber hat? Lehren diese Darstellungen nicht milder, nachsichtiger über Vieles denken, dadurch, daß der Dichter durch die Kraft seiner Ge- .staltung einen Charakter begreiflich macht? Auch das Mitgefühl, auch die werkthätige Liebe sind wert der Pflege; auch an Schilderungen, die solche Empsindiingen auslösen, kann man sich aufrichten. Immer vorausgesetzt natürlich, daß es sich um das Werk eines echten Poeten handelt, nicht um ein niederes, auf den groben Instinkt berechnetes Tendenzstück. In diesem Falle steigt allerdings die Kunst in den Rinnstein hinab — um des Schmutzes willen.
Dann giebt es bei der Kunst allch kein „Soll". Die Kunst ist- und bleibt stets Selbstzweck, sie ist um ihrer selbst' willen da. Man kann ihr also keine Pflichten, keinen Zwang auflegen, will man sie nicht ihrer selbst, ihres eigensten Wesens berauben. Echte Kunst wird in den meisten Fällen .„helfen erzieherisch auf das Volk einzuwirten", sie wird auch ost „die Möglichkeit geben, sich an den Idealen wieder aus- zurichlen" — aber wenn sie das thut, so ist das nur eine Begleiterscheinung ihres mnersten Wesens, ist das nicht ihre Aufgabe, sondern — in vielen Fällen — ihre Wirkung.
Durch in ganz bestinnnten Grenzen gehaltene Aufgaben^ wird die Individualität jedes Künstlers stets beeinträchtigt, zumal wenn das Schaffen des Künstlers durch ein festes Schema bestimmt und eingeengt, eingezwängt wird. Aus sich heraus kann dann ein Künstler doch nur „ein Körnlein" geben. Das lehrt uns die Kunstgeschichte an allen Ecken und Enden. -Die großen Künstler der italienischen Renaissance gaben stets ihr Bestes, wenn sie ganz nur an§ Eigenem schafften, nich fest begrenzte „2lusträge" von Mäcencn ausführten, sondern wenn diese Mäoene jeden Künstler ganz frei schalten ließen. Der große Spanier Velazguez zeigt das zur Evidenz. Seine im Auftrage des Königs Philipp IV. geschaffenen Portraits find gewiß große Kunstwerke, aber die paar großen Gemälde, die er gewisserinaßen für sich schuf, die Schmiede des Vulkan, die zechenden Bauern, die Spinnerinnen rc. überragen die auf allerhöchsten Befehl geschaffenen um ein Unendliches.
Die Gesetze der Schönheit, der Äesthetik sind wandelbar, wie alle- auf Erden. Andere Zeiten haben andere Ideale, eine andere Kunst. Sie sind, wie alles in der Well, dem ewigen Wechsel unterworfen; „alle? fließt" versichert schon die Philosophie des alten Thales. Ein Gesetz der Schönheit und der Äesthetik für alle Zeiten giebt es nicht, wenn auch qewisse, sagen wir Gesetzes-Paragraphen ewig sind.
Auf falschem Wege sind die modernen Künstler sofern
können ,
von nenn Zehntel des Volkes zur Folie diente, nicht als erhebend betrachten. Was für die Griechen schön war, braucht es für uns noch lange nicht zu
Die Rede des Kaisers wird nicht verfehlen, in^werten Kreisen Aufmerksamkeit und Aufsehen zu erregen, so weit sick, die kaiserlichen Ausführungen auf die künstlerische Sur* diquua und Bedeutung der Siegesallee, beziehen, werden sie wohl sehr zahlreichem Widerspruch begegnen; denn es giebt viele ästhetisch durchgebildete Leute, denen das gleichmäßige und monotone „Weiß" dieser iUlce durchaus nicht zusagt und die in der ganzen Allee dem großen künstlerischen Zug vermis, en Auch über Reinhold Begas und seine Mitarbeiter sind die Urteile recht verschieden; es giebt viele Künstler und Kritiker, die Begas durchaus den großen Styl künstlerischer Schöpferkraft ab-
sie überhaupt das Recht haben, Künstler genannt zu werden, ganz gewiß nicht. Viele verwechseln aber immer noch geschickte Macher, Leute, die mit dem jeweiligen Geschmack der großen Masse im großen und ganzen mitgehen, eine gewisse Technik besitzen, einiges Raffinement, ctivas mehr verstehen als die Masse, etwas mehr Geschmack haben als sie, und diesem oder jenem Großen der Kunst mancherlei Aeußerliches abgegiickt haben, mit den) echten Künstlern, die, wie der aiser sagt, „wirten, wie Gott es ihnen emgab", die intuchv aus sich heraus ihr Bestes geben, ob eS nun der Menge gefällt oder nicht, ob es von maßgebender Seite für „ideal" angesehen ivird oder nicht. Was dem Einen für „ideal" gilt, gilt dem anderen oft für verwerflich. Seinem Ideal aber strebt jeder echte Künstler nach.
Darum ist der echte Mäcen der, der, wie unser Großherzog, jeden Künstler seinen Idealen nachstrcben läßt und ihm im übrigen nur materiell zur Seite steht.
Was der Kaiser von der Reklame sagt, ist ganz gewiß richtig: Wahre Kunst braucht keine Reklame, keine Markt- schrcierci, keine Konnexion — wohl aber die Kunst, der Berliner Siegesallee, die Kunst der vom Kaiser so gerühmten „Berliner Bildhauerschule". Ein Künstler, der auS seinem Herzen herausschafsen will, muß sich in einer materiell unabhängigen Lage befinden, oder er ist ungewöhnlich anspruchslos. Aber vermag der Künstler wirklich in unserer Zeit der Presse zu entraten? Die Künstler, die in voller Aufrichtigkeit diese Frage bejahen, werden äußerst gering an Zahl sein. Oder es müssen Leute sein, die mch der 'Presse schlechte Erfahrungen gemacht haben und die Kritik deshalb hassen, weil sie nicht den Gefallen thut, zu loben. Ohne Kritik würde ein reges Kunstleb.'u, würde die Beteiligung der Oefsentlichkett daran heutzutage nicht denkbar sein. Die Presse, die den Wert der künstlerischen Leistungen auf den verschiedenen Gebieten abwägt, die das Talent der Nichtbeachtung entreißt — die Presse hat auch eine schöne und bedeutende Ausgabe. Auch sie hilft die Ideale pflegen, auch sie verrichtet Kulturarbeit, auch sie trägt die großen Ideen der Kunst in das Volt hinein.
Jedenfalls kommen wir heute mit dem einseitigen Schönheitsmaß, das die Griechen unter ihrem „ewig blauen Himmel" für verliebte Götter, Göttinnen, Uebermenschen und Hetären zum ästhetischen Genuß privilegierter Kasten auf-
Nachrichteu von allgemeinem Interesse sind uns stets willkommev und werden angemessen honoriert.
Gießen, 20. Dezember 1901.
Gedenket der hungernden Vögel!
** Die Vorschriften für den Kleinhandel mit Kerzen, welche jüngst vom Bundesrat erlassen toor den sind, waren bei der Vorlage des Entwurfs dieser Vor- schriften an den Bundesrat mit einer erläuternden Denkschrift versehen, der wir nach dem „Reiiysanzeiger" ent. nehmen, daß der Verkauf von Kerzen an gewisse Gewichts, einheiten gebunden werden soll, um Täuschungen des Publikums hinsichtlich des Inhaltes von Paketen mit Kerzen zv verhindern. „Das Publikum vermutet in den seilgehaltenen Packungen ein bestimmtes Gewicht, ohne jedoch dessen Inne Haltung zu prüfen. Diese Gepflogenheit wird von unredlichen Gewerbetreibenden sowohl, zur Unterbietung der Kon kurrenten als auch in der Absicht, die Käufer zu Übervorteilen, in mehrfacher Beziehung ausgenutzt; das Rohgewicht der einzelnen Packung wird vermindert, indem aus einem Zentner Kerzen an Stelle der üblichen und vorausgesetzten Menge von 150 Packungen deren 160 oder mehr hergestellt, oder indem in einem Pakete statt 8 nur 6 Lichte von demselben Einzelgewichte vereinigt werden. Sodann wird nicht selten die Tara über das durch den Zweck der Verpackung erforderte Maß erhöht." Altarkerzen unterliegen nicht den neuen Vorschriften, wenn sie ausschließlich nach Stückzahl gehandelt werden. Das Gleiche gilt zum erheblichen Teil von Luxuskerzen (sogenannten verzierten Kerzen und Renaissancekerzen): soweit sie aber in Packungen verkauft werden, wird ihnen eine Sonderstellung nicht ein- geräumt. Die neuen Vorschriften behalten die üblichen Packungen zu einhalb, eindrittel und einv^rrel Kilogramm bei. Tie einhalb-Kilogramm-Packung ist sür alle drei in Betracht kommenden Kerzenarten eingeführt. In einviertel-Kilo- - gramm-Packungen werden nur die Christbaum- und die kleinen Laternen- und Lampionkerzen gehandelt, deren Einzelgewicht 25 Gramm oder weniger beträgt. Tie Packung zu eindrittel Kilogramm ist ausswüeßlicb bei Paraffinterzen üblich, wie sie von minder wohlhabenden Verbrauchern besonders in den gebirgigen Gegenden gern gekauft werden. Mit Rücksicht auf diese Kreise muß b-e Packung zu eindrittel Kilogramm beibehalten werden. Wenn man demgegenüber auf die Gefahr der Verwechselung hingewiesen hat, so ist zu bemerken, daß der Unterschied zwischen der eindrittet Kilogramm- und der einhalb Kilogrammpackung immerhin erheblich und sinnfällig ist, während die Beschränkung der einviertel Kilograrnrnpackungen auf Christbaum rc.-Kerzen die Täuschungsgefahr wesentlich abschwächt. Ta sich eindrittel Kilogramm mit den durch die Maß- und Gewichtsordnung im öffentlichen Handelsverkehr zugelassenen Gewichtsgrößen nicht zusammensetzen läßt, schlägt der Entwurf vor, die Größe der bisher als eindrittel Kilogrammpackung bezeichneten Einheit auf 330 Gramm festzusetzen.
x Rudingshain, 19. Dez. In einem Nachbardorfe wurde vor einigen Tagen eine ruchlose Thal verübt, indem eine Person am Abend einen faustdicken Stein durch das Fenster in die Wohnung des Lehrers schleuderte. Glücklicherweise verfehlte der Stein sein Ziel. Die Gendarmerie von Schotten stellte sofort Recherchen an, jedoch fehlt bis jetzt noch jede Spur von dem rohen Menschen.
-I, HartmannShain, 19. Dez. Durch den dichten Nebel werden die Vermessungsarbeiten an der Nebenbahnstrecke Grebenhain — Gedern sehr gehemmt, jedoch hofft man sie in etwa 7—8 Wochen beendigen zu können. Der Bahnhof wird in unmittelbarer Nähe des Gasthauses zum „Darmstädter Hof" errichtet werden.
fixtedjen. . , ., . <,
Daß Kommissionen und Konkurrenzausjchreiben nicht unmer zum Ziele führen, ist bekannt und ebeiiio ist richtig, daß Auftraggeber und Künstler allein oft Tüchtiges zu sttmde bringen. Im allgemeinen liegt die Sache aber doch io, daß sechs Leute von Geschmack und Bildung e in besseres ästhetisch es Urteil extrahie ren, als der Einzelne. ,. . .
Die Bedeutung der kaiserlichen Rede liegt in ihrem Widerspruch zu den m odernen Richtungen. Tiefer Passus wird starken Widerspruch Hervorrufen. Und sicherlich mitRechl. M a n f a n n b i e K u n ft n t ch t auf ewige Gesetze festlegen. Tie Kunst kann auch; nicht universal, sondern nur national fein. Wenn die Kunst wirklich der feinste Extrakt aus dem feinsten individuellen Seelenleben eines Volkes ist, so kann sie nur national fein; denn je höher sich die Nationen entwickeln, desto bisse- rentierter ist ihr Gefühlsleben, sind ihre Empfindungen, ihre Anschauungen. Die Kunst der Antike ist das Produkt der klimatischen und sozialen Verhältnisse Griechenlands. Danach richtet sich die griechische Architektur und Skulptur mit ihrer Betonung des Nackten; darum ist das griechische und römische Drama Königs- und Heroendrama, weil das Volk als solches keine Rolle spiett. Die griechische Kultur rannte kein Mitleid und kein Erbarmen, darum gab es weder Armeleutdramen, noch Armeleutmalerei; die Kunst war äschetische Religion einer herrschenden und bevorzugten Kaste. Weil es heute — Gott sei Dank! — anders ist, ist auch d tc Ku «l't e i n e andere! Es geht also nicht an, die Ku n ftp rinzi p i e n, die eine Nation vor 20 00 Jah-ren unter ganz anderen klimatischen, -sozialen, philosophischen, religiösen und damit auch ästhetischen Voraussetzungen geschahen hat, als „ewig giltig" den Deutschen vorzuführcu. Ein Volk ist nur in dem Maße wirklich geistig selbständig, den Kinderschuhen ent- wachsen, als es sich seine eigene Litteralur, eine eigene Kunst schafft, die das Substrat seines individuellen " " und Könnens ist. Tie Griechen hatten Schönheit in der Kunst, aber wir
als den „Großen Kurfürsten" in den Mittelpunkt einer deutschen Geschichte jenes Jahrhunderts stellen. . . . Was die Hohenzollern mit Hilfe ihrer Beamten und ähnliche bie Wettiner in der Erziehung, der „Einschulung" der Massen zu kultureller Thätigkeit geleistet haben, gehört zu den größten staatlichen Erfolgen. . . . Man ist heute so fleißig daran, die „preußische Legende" zu „zerstören", das Bild' des gewaltigsten Hohenzollern im Dienste der „Vorau§s^- ungslosigkeit" zu zerzerren. Ganz gewiß: das Menschliche von ihm ioll in seiner Charakteristik zum Ausdruck gebracht werden; aber der Grund, der dazu berechtigt, kann allem der sein, seiner geschichtlichen Erscheinung das volle allsettige „Leben" zurückzugeben, ihn uns in einer Ganzheit zu zeigen. Wenn einer unter den Großen der Geschichte einen Anspruch darauf hat, als Eii'.heii begriffen zu werden, so ist es der Kurfürst bei der Wirrsal der Verhältnisse, aus der er sich emporarbeiten mußte, und bei der Sittlichkeit und dem Ernst, die die Wurzel seines Daseins bildeten. . . . Unsere als deutsche von Naiur christlich-gläubigen Gelehrten, Leibniz an der Spitze, mehrten sich 40 Jahre lang gegen die knüvfnng der Wissenschaft mir dem Nationalismus, aber nicht mir Crjolg — mit Dhor.'a gelangte die .tufklärung auch bei uns zum Siege —-, und iie ist es nun gewesen, die eigentlich erst das ichus, was wir heute unter Prio-- t e st a n t i s m u s verstehen, erst sie hat das P r i n z i p der Duldung, der Freiheit, der Kritik und Forschung als dem P rötest an tismus eigentümlich verkündet. Merkwüroig ist, wie teilnahmslos der süd deutsche Katholizrsmus all diesen großen Bewegungev gegenüberstand, seine geisttge und religiöse ^riebivast ver ,agte fast ganz, obwohl ihm die allgemeine Stimmung Deutschlands günstig war und reiche äußere Mtttel (die meisten süddeutschen Universitäten ihm zur Verfügung standen. Vielleicht roeun ^Ojei 1. von Oesterreich nicht gar io srüh gestorben wäre, wäre es anders geworden; eine besondere und sehr gestaltungsfähige .^twreichische Kultur (man betrachte die Blüte des Barocks dorr) schien m vollem Anzuge, und sie hätte ja einen katholischen Grimdcharakter. getragen. Es sollte indessen nich. sein, und die neue preiK zische Universität Halle, die erste deutsche Universität, ,wv wir sie heute kennen, und die Berliner Akademie der Wissen- schäften finden keinen katholischen Wettbewerb im Süden des Reichs.' Brandenburg ward kutturel» der Mittelpunkt, wie es auch potitisch die Führung.erhalten sollte. Freuen wir uns aber als Preußen der Erfolge der >7ohenzollern, so dürfen wir nicht vergessen, daß, wenn das .Haus vabsburg nicht ebenfalls Dauerndes im 17. Jahv hundert schuf, dies mehr ein Schicksal als eigenes Vev schulden war: geleistet und ersttebr hat es von 1617 biä 1711 wahrhaft Großes — und hoffen wir daraufhin, daß, wo so treulich deutsch dereinst gewirkt worden ist, Sette an Seite mit Brandenburg, das Deutschtum auch in Zukunft
Professor Martin Spayn
verössentlicht in der „Köln. Ata " eine Selbstanzeige seines soeben erschienenen, von der Krittk ziemlich zurückhaltend aufgenommenen Buches „Deutschland im 17. Jahrhundert und der große Kurfürst. Diese Anzeige ist nicht ohne eigenen Reiz; sie ist frisch, anregend, temperamentvoll geschrieben und sie zeigt, wie stark der blutjunge Ordinarius der Straßburger Hochschule in der Auffassung der brandenburgisch-preußisch-deutschen Entwickelung von Forschern wie Kvser, Lenz, Delbrück, Sck;mvller u. a- beeinflußt wurde. Ein paar Beispiele werden das besser erhärten. Spahn schreibt:
„Stellen wir den Verlaus der politischen Bewegungen in den Mittelpunkt der Forschung, so müssen wir die Jahre 1231 bis 1617 als Verfallszeit, die Jahre 1617 bis 1871 als Zeit der Wiedererhebung und Wiederyrganisat on betrachten. Nur scheinbar ist jener Verfallsprozeß schon vor 1617 einmal unterbrochen worden durch das nur in seinem Streben, nicht im Erreichen hinreißend große Jahrhundert von 1450 bis 1555 — das Jahrhundert Bertholds von Henneberg, Erasmus, Dürers und Luthers; denn je Ernsteres und Höheres die Nation im ganzen wie ihre zahlreichen staatsmännischen Leiter und geistigen Führer im einzelnen damals gewollt haben, desto deutlicher wird uns gleich hinterher, wie unüberwindlich die Auflösung im Innern des nationalen Körpers bereits fortgeschritten war. . . . . Sollte es heutzutage nötig geworden sein, ausdrücklich darau hinzuweisen, daß nicht die Reformation es war, die, wie Johannes Janssen es mit einem methodisch so unerklärlich weit zurückgebliebenenRüstzeug darzuthun versucht hat, diesen Verfall der Nation entschied? Aber beeinflußt wurde doch auch sie von ihm, da sie sich nicht jenseits der Wolken in idealen Höhen hat entfalten können. So trägt sie genau das Gesicht, das alle Entwickelungen in dem Deutschland jener Jahrzehnte zeigen; sie findet tausend überzeugte, warmherzige Vorkämpfer und einen in feiner Volkstümlichkeit und seelischen Glut einzigen Führer, sie sindet in der ganzen Nation sofort 1517 einen lauten Widerhall, es wirten in ihrem Grunde tief religiöse, uralte deutsch-christliche Ideen, ihr ursprüngliches Wollen ist von hoher sittlicher Reinheit — aber auch auf diefem Gebiete mangelt die Kraft zur Durchbildung, zum Maßhalten, zur Organisation, zur dauernden Umschließung der ganzen Nation."
Dann heißt es mit Bezug auf die innere Reorganiscttion der deutschen Staatswesen, die S<l)öpfung des deutschen Musterslaats durch die Hohenzollern:
„Sie haben, wie verschwindend ihre Machtstellung in der auswärtigen Politik auch noch sein mochte, aus dem mittelalterlichen, leistungsunsähigen Brandenburg damals das moderne, den höchsten Ausgaben gewachsene Preußen geschossen, und von dem Augenblicke an erlangten sie das innere Recht und die Führung unter den deutschen Stämmen, und darum dürsen wir heute sehr wohl Friedrich Wilhelm


