Gesuch erhielt er aus Wiesbaden mehrere Schreiben und später ein Telegramm aus Weisenau, die sämtlich mit dem Namen „Manuel Kerveza" bezeichnet waren. Ter angebliche Spanier engagierle den Arbeiter als Werkmeister und empfahl ihm in der Tepejchc sofortige Kündigung bei dem seitherigen Prinzipal. Ter Arbeiter kam diesem Verlangen nach, es stellte sich aber später heraus, daß sein bisheriger Prinzipal Wolff selbst der angebliche „Kcrveza" war. Der Arbeiter drehte nun den Spieß um und verklagte seinen Prinzipal wegen Nicbtansiellung als Werkmeister beim Gewerbegericht. Es kam damals ein Vergleich auf 75 Mk. zustande. Außerdem zog sich Wolff eine Anklage wegen Urkundenfälschung zu. Ter Angeklagte erklärte, daß er mit dem Inserat seine Arbeiter auf ihre Beständigkeit habe prüfen wollen, da sie mehr oder minder Vorschuß von ihm gehabt hätten. Tas Gericht erkannte ihn der Urkundenfälschung für schuldig, weil er durch die gefälschten Briefe und das Telegramm den Arbeiter getäuscht habe. Er'wurde zu 3 Tagen Gefängnis verurteil!.
Gncscu, 19. Nov. In der heutigen Verhandlung des Schulaufruhrs zu Wreschen beantragte der erste Staatsanwalt nach scharfer Verurteilung der Vorgänge gegen Piasecka 2*,? Jahre Gc- fÖHgniß, Franz Korzeniemski, der gegenwärtig eine Zuchthausstrafe verbüßt, eine Zusatzstrafe von 6 Atonalen Zuchthaus. Gegen 21 Angeklagte werden l14 Jahre Gefängnis bis 4 Wochen Hast beantragt. Einen Angeklagten beantragte der Staatsamvalt sreizu- sprechen.
Augöburg, 19. Nov. (Prozeß Kneißl.) Ter Staatsanwalt nahm in zwcsiiündiger Rede dem Angeklagten Kneißl noch den letzten Rest von Nimbus, der den Kneißl etwa noch in gewissen -^len der Bevölkerung umgiebt. Kneißl sei kein muthiger romantischer Räuber, sondern ein feiger Meuchelmörder. Ter Staats- anwalt ging alle einzelnen Verbrechen durch, verwies insbesondere mrs die Gendarmen-Ermordung m Irchenbrunn und wies auch nach, daß es sich hierbei um einen voroereiteten Mord handele. Knechl sei als der Mörder, Rieger als der Mithelfer beim Morde zu verurteilen. Tas Land, für das Kneißl eine wahre Landplage war, müsse dauernd von ihm befreit werden. Nach der Rede des Staatsanwalts sprach Rechtsanwalt Tr. v. Pannwitz in dreistündigen Ausführungen. Er konzentriert seine Verteidiguiig auf das Vorkommen bei der Gefangennahme Kneißl's und plaidiert auf ToL- fchlag bexro. Körperverletzung mit Totfolqe an den beiden Gendarmen Brandmeyer und Scheidler. Redner bestreitet, daß die Absicht zur Tötung der beiden Gendarmen erwiesen worden sei. Aus dem Benehmen Kneißl's bei seiner Gefangennahme gehe das Gegenteil einer solchen Absicht hervor. Er beleuchtet das Vorleben Kneißl's und die steigende Erbitterung gegen die Gendarmen als eine notwendige Folge seiner Erlebnisse. Die Nachmittags- sttzung wurde ausgefüllt durch das Plaidoyer des Verteidigers für den Flecklbauer Rieger, Rechtsanwalt Brest!. Dieser bestritt jedes Einverständnis zwischen Rieger und Kneißl vor der Tötung des Gendarmen und verlangte Freisprechung Riegers von der Anklage auf Beihülse zum Mord bezw. Totschlag. Rach kurzer Replik des Staatsanwalts und nach Erwiderungen der beiden Verteidiger zogen sich die Geschworenen zur Beratung zurück. Die Geschworenen sprachen Kneißl des Mordes, der Körperverletzung mit nachfolgendem Tot, des Raubes, der räuberischen Erpressung schuldig, verneinten aber die Teilnahme des Flecklbauer am Morde. Der Flecklbauer wurde daraus sreigesprochen und Kneißl zum Tode und 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Nachdem das Urteil verkündet worden war, schrie die Mutter Kneißl's laut: Juftizmörder! Als sie weiter großen Lärm machte, wurde sie verhaftet.
Handel und Verkehr. Volkswirtschaft.
Köln, 19. Nov. Wie die „K. Z." erfährt, wird der Betrieb aller Abteilungen der Gesellschaft „Fabrik feuerfester und s ä_u refester Produkte" in Vallendar nach der Konkurseröffnung im vollen Umfang weitergesührt. Die hierzu erforderlichen Nlittel seien bereits zur Verfügung gestellt worden.
Limburg a. d. L., 19. Nov. Fruchtmarkt. Durchschnittspreise pr. Malter. Roter Weizen 13.83—00.00 Mk., Weißer Weizen 00.00—00.00 Alk., Korn 10.10—00.00 ML, Gerste 9.00 bis 0.00 ML, Hafer 7.22—0.00 ML, Erbsen 00.00—00.00 Mk., Kartoffeln 0.00—0.00 Mk.
Familien Nachrichten.
Gestorben: Großh. Gerichtsschreiber Heinrich Schmecken- becher in Groß-Umstadt.
Neueste Meldungen.
OriginaldrahLmetdungen des Gießener Anzeigers.
ff. Darmstadt, 20. Nov. Die Zweite Kammer setzte heute morgen y210 Uhr ihre Beratungen fort unb lehnte die Borstellung der Hilssgerich 18 schreib er und der Staats- auwaltschaftsgehilseu die Regelung ihrer Gehaltsverhält- niffe betr.nach dem Ausschußantrag ab, ebenso den Antrag des Abg. Leun, die Abänderung der Ziffer 32 des Urkuudenstempels. Die Vorstellung der Gerichtsvollzieher des Großherzogtums die Verstaatlichung des Gcrichtsvollzieherinstituts betreffend und die Vorstellung der hesfischeu Juden um Gleichberechtigung mit den Bekeuncrn anderer Glaubensbekcuntniffe sanden nach dem Ausschußantrag Erledigung. Die Regierungsvorlage, den Denkmalsschutz im Großherzogtum Heffeu betr., fand den Beifall der gesamten Kammer und wurde nach den Regierungs-
Vorschlägen au genommen. Schluß der Sitzung ytl Uhr. Fortsetzung morgen früh 9 Uhr.
Berlin, 20. Nov. Tie Ausschüsse der Kommission für Arbeiterstatistik werden am 29. November hier zusammentreten, um über die Verhältniffe im Fleischerei- und Transportgcwerbe zu beraten.
Stiel, 20. Nov. Tie große Tampfpinaffe des Linienschiffes „Weißenburg" überrannte im Kriegshafen ein Segelfahrzeug, das sofort sank. Tie Jnsaffen wurden durch die Piuaffe gerettet.
London, 20. Nov. Campbell Bannermann hielt gestern in Plymouth eine Rede, in der er ausführte, der Einfall Jam eso ns würde nicht vorgelommcn sein, wenn eine liberale Regierung am Ruder gewesen wäre. Er glaube nicht an eine Verschwörung zu dem Zweck, die Engländer aus Südafrika zu vertreiben. Er glaube, diese Behauptung sei lediglich ein nachträglicher Gedanke, erfunden zu dem Zweck, Härten zu beruhigen und das öffentliche Cewiffen in England zum Schweigen zu bringen. Ter Rcduer bestritt, jemals ein Wort geäußert zu haben, das von irgend einem noch so feinen Kopfe als Ermutigung der Buren gedeutet werden könnte. Er habe einzig und allein auf die Thorheit der Art und Weise hmgewiesen, wie die Regierung die Burenaugelegenheit betreibe. Banncrmann erklärte ferner, es sei keine Hoffnung vorhanden, daß die Gefahr, der England jetzt gegenüberstehe, beschworen werde, so lauge Chamberlain im Kolonialministerium wird Milncr in Pretoria verbleibe. Schließlich gab er der Ansicht Ausdruck, daß England die Verpflichtung gehabt habe, trotz eifrigster Fortsetzung des Kampfes die militärischen Aktionen zu begleiten mit der Veröffentlichung annehmbarer, bestimmler Friedensbedingungen.
London, 20. Nov. Die „Times" melden aus Valparaiso: Amtlich werden die Meldungen von neuen Verwicklungen mit Argentinien infolge von Grenzübertritten für grundlos erklärt.
Wien, 20. Nov. Bei der Beratung, des Kapitels „Hofstaat" im Budgetausschuß beantragte Abg. Wolff, von der Civilliste des Kaisers 2 Millionen zu streichen, mit der Begründung, der Kaiser sei reich genug. Zu diesem Antrag ergriff niemand das Wort. Bei der Abstimmung wurde der Antrag mit allen Stimmen gegen die Wolffs und des Soz. Pernersdorfer ab gelehnt.
Rcw-Vork, 20. Nov. lieber den weiteren Inhalt des englisch-amerikanischea Kanalvertrags verlautet, Amerika kou- frottiere ausschließlich den neutralen Kanal und sei berechtigt, dort Befestigungen anzulegeu und Schiffen im Kriege die Durchfahrt zu verweigern. Alles übrige bleibe den Verträgen mit Nicaragua und Columbia Vorbehalten.
Offenbach, 20. Nov- Der unter Mitnahme von 12 000 Mark Kassengeldern am 7. Oktober von hier geflüchtete Sparkassenrechner Maier wurde -in Antwerpen verhaftet.
Berlin, 20. Nov. Ter preußische Eisenbahnminister v. Thielen muß seit einigen Tagen wegen eines Zahn- geschwürs das Zimmer hüten.
G r a u d e n z, 20. Nov- Major Homann vom Jnf.- Regt Nr- 141 wurde auf der Entenjagd infolge Ent-' ladens des Gewehrs die Armschlagader zerrissen. Der Verunglückte erlitt den Tod durch Verblutung.
Kiel, 20. Nov. Durch Anschlag am schmarzen Brett der hiesigen Universität ist aus morgen eine allgemeine Studenten-Versammlung zum Zwecke einer Protest- Kundgebung gegen die Rede Chamberlains einbe- rusen. Mehrere Professoren haben Ansprachen zugesagt.
Hamburg, 20. Nov. Aus der Fahrt nach Malmoe unweit Landskrone ist das Briggschiff Primus mit einer Ladung Zuckerrüben gekentert. Sämtliche an Bord befindliche Personen, darunter auch die Kapitänsfrau mit zwei Kindern fanden den Tod in den Wellen.
Paris, 20. 9Lov. Tie Erklärung des Sozialisten Sembat in der gestrigen Ehina -Debatte in der Kammer, im Marine-Ministerium befände sich seit drei Tagen ein Rapport des Generals Voyron, worin der General bestätigt, daß Plünderungen vorgekommen seien und sagt, daß diese von Missionaren angeftiftet wurden, erregt großes Aufsehen. Tie Angelegenheit wird mit der kurz: Antwort des Ministerpräsidenten Waldeck-Rousseau ter. erledigt sein, kann vielmehr in der Donnerstags-Sitzu. no'ch ein Nachspiel haben.
Dena in (Dep. Nord), 20. 9iov. Eine Versammln: der Grubenarbeiter beschloß, in den Aus stand treten.
Madrid, 20. Nov. Tie Studenren-unruyeir wiederholten sich heute, wobei mehr als 20 Studenten verletzt wurden, darunter der Sohn eines höheren Beamten im Ministerium des Innern. Tie Studenten zündeten mehrere Straßenbahnwagen an.
Genua, 20. Nov. Die große lombardisch-ligurische Raffinerie ist n i e d e r g e b r a n n t. Eine Person kam dabei ums Leben.
Wien, 20. Nov. In der gestrigen Sitzung des Reicbs- rates hielt der böhmische Radikale Klofae eine Rede, die er böhmisch ansing und deutsch beendete. Tas tschechische Voll, so sagte er, hätte keinen Grund, Rom zu Hilfe zu kommen. Ter Held der böhmischen Nation sei Huß. Tas böhmische Volk muß und wird an seine Hussitin scheu Angelegenheiten anknüpsen. Das „Los von Rom" werde auch in Böhmen erschallen, aber ein tschechisches „Los von Rom."
Wien, 20. Nov- Wie die tschechischen Blätter melden, wird der T s ch e ch e n k l u b in seiner heutigen Mnferenz beschließen, die Arbeiten des Budget-Ausschusses nidjit zu stören, aber darauf zu bestehen, daß die in Aussicht genommene Ausgleichs-Konferenz mit den Deutschen, in der die Frage der nationalen Abgrenzung in Böhmen zur Sprache kommen soll, nicht erst na<dji der Budgetberatung stattzufinden habe.
Lemberg, 20. Nov- Die Gerüchte, daß in Podwo» loczyska aus Rußland eingeschleppte Pestfälle vorye- kommen seien, bestätigen sich nicht. Dagegen wird privatim aus Odessa gemeldet, daß in dem dortigen Kaufmanns- Viertel bereits über 20 Pest-Erkrankungen vorgekommen sind.
Washington, 20. Nov. Gestern wurde der Konvent zur Beratung der Fragen des Neziprozitätsverhält- n i s s e s zum Auslande eröffnet. Etwa 200 Delegierte aus allen Fabrikationszweigen nahmen daran teil, 100 derselben sind Mitglieder der amerikanischen Schutzzolb-Liga. Präsident Seaveh-Philadechhia erklärte, sein Vertrauen in den Schutzzoll sei unerschüttert. Das Ziel des Konvents gehe dahin, seine Wünsche vor der geplanten Tarifrevision auszusprechen. Wirkliche Reziprozität müsse nicht nur Zugeständnisse bei Artikeln betreffen, welche die Vereinigten Staaten nicht produzierten. Viele Industriezweige bedürften nicht länger mehr des Schutzes, den ihnen der bestehende Tarif gewähre, sondern bedürften der Erweiterung der auswärtigen Märkte, da der heimische Markt nicht im stände sei, alle ihre Fabrikate aufzunehmen. Tie Reziprozität auf diesen Gebieten würde alle amerikanischen Interessen fördern.________________________________________________
Meteorologische Beobachtungen
der Station Gießen.
November
Barometer aus 0° reduziert
Temperatur der Lust
Absolute Feuchtigkeit
Relative Feuchtigkeit
Windrichtung
Windstärke
Wetter
19.
2“
749,5
+
6,8
6,0
87
W.
4
bed. Himmeh
19.
Regen
20.
925
748,7
+
7,4
6,6
86
W.
4
bed. Himmel
7 24
745,3
6,7
6,7
91
W.
4
Regen
Höchste Temperatur
Niedrigste „
am 18. bis , 18. ,
19. Nov. 4-
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Treis a. d. Lda., den 20. November 1901.
Großh. Bürgermeisterei Treis a. d. Lda.
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