Ausgabe 
21.7.1901 Viertes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 169

ß eil mm gen fHuRen«

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Giessen

iäft

anesHeeker.

auser

Ä. Rl

Kognak, agier K.'

besohll die

Htt-

°S> dass

weiter vollzieht sich ein ähnliches Spiel; aber hier ist'S keine höhere Tochter, sondern ein hübsches Kindermädchen, und der liebeglühende Seladon ist ein strammer Garde- füsilier, der statt des Taschentuches das Kerlchen aufhebt, baS seiner Schönen in Obhut gegeben und soeben den Sandberg hinabgekegelt ist. Hier vollzieht sich die Anknüpfung schneller!

mo zu. im

Adresse für Depeschen: Anzeiger Sichen.

FrrnsprcchanschNißNr.bl.

Rebofrton, Expedition und ©ruderet: Schulßttatze 7.

***, hier) w ®it jeiW1 Mi gete Be-

5094

teilt.

ohlt schnell ohlt gut ohlt billig.

in* 20

und E

Vermischtes.

»Die Anfänge des Hauses Rothschild. Die nach dem Tode des Barons Willy v. Rothschild vielerörterte rMrge, ob es zur Auflösung des verwaisten Frankfurter

ktfdfthrt täglich Lusuapm« de« Montags.

Die Gikßco« Lamiliew blätter »erden dem An- zeiger im Nechsel mit .Hess. Landwirt" nnd ffir Hess, D»Urkunde" vier- mal wöchmlUich beigelegt.

ie' Kaution kav

M «K mA l$uft äsrtrtttl6! iDtnt. oud) J OfliQuifitt beT^Än8 en)u2>#9BeBlaL

HBH

SZW

Stammsitzes kommen werde, hat erneut die Aufmerksamkeit weiter Kreise der Geschichte des Hauses zugewandt. Den erestn Versuch einer aus zuverlässige Quellen gestützten Dar­stellung der Entstehung und Entwickelung dieses Welt- Hauses hat neuerdings Professor Dr. Richard Ehrenberg- Rostock unternommen. Der zweite Abschnitt eines von ihm in der Deutschen Rundschau veröffentlichten Aussatzes be­faßt sich mit dem Hause Rothschild. Der Verfasser unter­scheidet-in der Entwickelung des Hauses Rothschild drei Hauptperioden: 1. die Zeit der hessischen Beziehungen Meyer Amschel Rochschilds, etwa von 1775 bis 1812 reichend; 2. die Zeit der englischen Subsidien, eingeleitet durch Nathan Mayer Rothschild in Ämdon, 1813 bis 1815; 3. die Zeit nach dem Pariser Frieden, wo die europäische Bedeu­tung des Hauses beginnt. Der zweite Teil, die Zeit der englischen Subsidien umfassend, zeigt, daß der Grund zu dem Reichtum der Familie weit mehr in dieser Zeit gelegt wurde, als in der der hessischen Beziehungen. Bekannt ist, wie Meyer Amschel Rothschild etwa um das Jahr 1785 durch Vermittlung des hannöverschen Generals v. Estorfs mit dem damaligen Erbprinzen, dem späteren Kurfürsten Wilhelm von Hessen, bekannt wurde. Die Beziehungen zwischen beiden blieben aber geraume Zeit hindurch sehr unbedeutend. Rothschild lieferte dem Erbprinzen Medaillen für sein Münzkabinett und war ihm dienlich bei der Ver­wertung der Wechsel auf London, die der Prinz für seine Soldatenlieferungen an England empfing. Mittlerweile hatte Rothschild, der nur simplerHofagent" war und erst 1801 oder 1802 zumOberhofagenten" avancierte, an den Finanzgeschäften des Landgrafen mehr Anteil erlangt. Das erste eigentlich^ Finanzgeschäft, das er für den Kurfürsten abschloß, scheint ein Posten von 120 OOO Gulden viereinhalb­prozentiger Obligationen der Pfalzbayerischen Landstände gewesen zu sein, das größte bis 1806 ein Anleiheabschuß nrit Dänemark im Betrage von 1300000 Thalern. Als im Jahre 1806 der Kurfürst das war er seit 1803 sein Land verlassen mußte, vertraute er, wie man toeifo den Staats­schatz seinem Ober-Hofagenten Rothschild an, der ihn an seinen Sohn Nathan Mayer nach London schickte.Es war keine Zeit zu verlieren" so erzählt diesermein Vater sandte mir das Geld nach England. Ich erhielt plötzlich 600000 Lstrl. mit der Post und verwaltete die Summen so gut, daß der Kurfürst mir später seine sämtlichen Vor­räte an Wein und Leinen schenkte. " Vermutlich i m Jahre 1806 siedelte Nathan Mayer von Manchester nach London über. Tas erste größere Geschäft, das er hier vornahm, war der Erwerb von 800 000 Lstrl. Gold von der Ostindischen Kompagnie. Er selbst erzählt darüber:Ich kaufte alles; denn ich wußte, daß der Herzog von Wellington es haben mußte; ich hatte eine große Menge seiner Wtchsel billig gekauft. Tie Regierung ließ mich holen und erÜärte, sie müsse das Gold haben. Als sie es hatte, wußte sie nicht, wie sie es nach Portugal senden sollte. Ich unternahm auch das und sandte es durch Frankreich "-Welche Mtttel Nathan Mayer bei der Versendung anwandte, das läßt sich schließen aus seinem Verfahren bei der Uebermittlung der englischen Subsidien an die Festlandsstaaten in den Befreiungskriegen. Gegen Ende 1813 wurde der englischen Regierung ein neuer Plan vorgeschlagen, um die fest­ländischen Geldbedürfnisse zu beftiedigen. Der Plan rührte von Nathan Mayer Rothschild her, der damals in den englischen Regierungskreisen so unbekannt war, daß das Schatzamt seinen Namen stets falsch schrieb. Rothschild reiste mit speziellen Instruktionen im geheimen nach Holland und Deutschland, um durch seine Agenten überall, selbst in Paris, französische Münzen in zahlreichen kleinen Be-

Einen wahren Heroismus zeigten die Tausende, die dem Rad-Rennen um die Weltmeisterschaften in Friedenau beiwohnten. In drückender Schwüle, nachher unter heftigen Gewitterentladungen, hielten sie aus. Stunde um Stunde, bis es entschieden war, daß der Sieger von Paris,unser Arendt", wie die Tollsten sagen, diesmal von dem Dänen Ellegaard geschlagen wurde. Merkwürdige Entdeckungen machte ich in den großen Warenhäusern, die mit vielem Tamtam seinerzeit eröffnet und vom Publikum geradezu gestürmt wurden. Liegt es mit an der Hitze, daß der Besuch so unheimlich nachgelassen? Bei Tietz, der alle Pleite-- gerüchte als böswillige Erfindungen bezeichnet und gericht­lich verfolgen will, war es derartig leer, als sei übei> Haupt noch nicht eröffnet! Es wäre mit Freuden zu be­grüßen, wenn das Publikum sich endlich wieder den gute» Spezialgeschäften zuwendete und die Bazare mit ihren oft mehr als mittelmäßigen Erzeugnissen links liegen ließe. Daheim sitzen Heuer in Berlin eine ganze Menge Schwer­bedrängter, die sonst an der Ostsee und im Engadin das große Wort führten. Die armen Reick>en, die keinen Ge- chmack an sicheren Staatspapieren finden konnten und sich >en Bankiers verschrieben, die trotz der 45tägigen Giltig­keit aller Rückfahrkarten auf ein einfaches Billet davon­gefahren sind, solange es noch Zeit war. Traurig starren die unvorsichjtigen Opfer ihrer Habgier auf die Straße hinab, die Droschken vorbeirasen, kofferbepactt, den Bahnhöfen Ob es auch schwüler und schwüler wird: das Quecksilber Thermometer der Börse sinkt vorläufig immer tiefer!

i6n 1189

trägen sammeln ünd nach dem Hauptquartier Wellingtons Ä. Mj. Dies geschah so rasch, daß der eng­lische Feldherr siegreich vorrücken und alle seine Bedürf­nisse bar bezahlen konnte, während die von Osten heran­ruckenden Alliierten fortgesetzt mit der bittersten Geldver­legenheit zu kämpfen hatten. An der Londoner Börse er- kannte man jetzt, wie gut Nathan Mayer Rothschild ftetg unterrichtet war, und es bildeten sich Legenden über die Quellen seines Wissens. Sicher ist: erst in denHundert Tagen" wurde der Name Rothschild in weiten Kreisen da­durch bekannt, bafy man die großen Dienste erfuhr, die das Haus den meisten europäischen Regierungen leistete. In Berlin kam man mit den Rothschilds in unmittelbare Berührung dadurch daß Salomon Mayer, der zweite Sohn des alten Rothschild, 200 000 Lstrl., deren Preußen nach der Rückkehr Napoleons von Elba dringend bedurfte, per­sönlich nach Berlin brachte. Finanzminister v. Bülow sprach sich über das ganze Verfahren des Hauses höchst aner­kennend aus und blieb nunmehr mit Rothschild in direkter geschäftlicher Verbindung. Der Kaiser von Oesterreich be­lohnte im Jahre 1816 die Dienste der Rothschilds in Uebermittelung der englischen Subsidien durch Verleihung des Adels an die Brüder Arnschl, Salomon, Karl und James. Nathan Mayer, der Verdienstvollste, ging damals leer aus, er wurde aber 1822, Zusammen mit seinen Brüdern, österreichischer Freiherr. Das den Rothschilds schließlich verliehene Wappen enthält die Devise:Concordia, Ktte- grttas, Jndustria".

* Ter Earl os Yarmouth erschien in einem Schaden- ersatzprozesse, den er gegen ein New-Yorker Morgenblatt eingeleitet hat er verlangt wegengekränkter Ehre" 100000 Mark Entschädigung in der Supreme Cour i« New-York auf dem Zeugenstande, spielte dort aber eine Rolle, die weder für ihn noch für den englischen Adel sehr schmeichelhaft ist. Der Herr Graf ist, tone demHann. Courier" berichtet wird, einer jener Glücksritter, die sich vom europäischen Boden nach dem amerikanischen ver­pflanzen, hier der Jagd nach den Goldfischen huHigen und dann mit angeheirateten Millionen die wurmstichigen Vermögensverhältnisse jenseits des Ozeans auffrischen, und in Saus und Braus die gewohnten Pfade weiter wandeln. Daß es dem Earl of Yarmouth bisher nicht gelungen is^ eine schwerreiche Tochter Onkel Sams heimzuführen, ist sicherlich nicht seine Schuld; um so mehr hat er es jedoch, verstanden, sich in weiteren Kreisen in einer für manchen sehr kostspieligen Weise bekannt zu machen, wie die nach­folgende Blumenlese aus feinem Verhör beweist: Auf dem Zeugenstande gab der Herr Graf zu, daß er vom Herrn Papa einen jährlichen Zuschuß von 6000 Mark erhalte. Ebenso, daß er in Australien als Schauspieler aufgetreten sei, aber jdamals keine Bezahlung erhalten habe.Dabei sind Sie auch als Tänzerin aufgetreten ?' fragte der Richter, und der Graf mußte die Frage bejahen; er fügte jedoch zu seiner Entschuldigung hinzu, daß er nicht in kurzen Tänzerinnenröckchien, sondern nur als eine Art Serpentin­tänzerin aufgetreten sei. Der Graf beschrieb dann sein Tänzeringewand zum großen Gaudium der Zuhörer, und wie er das lange Kleid mit zwei Stöcken manipulierte. Gr giebt auch zu, sich auf dem Programmdie schöne Rosa" genannt zu haben. Nach den Vereinigten Staaten sei er nicht als Schauspieler gekommen, sondern um Freunde in New-York zu besuchen. Er mußte aber weiter zugeben, daß er in New-York mehrere Male mit dem Gerichtsvoll­zieher Bekanntschaft machte, und daß erverschiedentlich" Sachen verpfändet habe. Man habe ihm ein Piano fort­genommen, da er die Monatsmiete nicht bezahlte, außer-

Kerliner Kries.

(Klaubereien an- ber KaiserstM.)

(Nachdruck verboten.)

H«vd81age in Berlin. Tiergartenbtlder. I« Rennpark in friebenan. In den Warenhäusern. Daheim.

Ach in der Sprache werden Klichees geprägt, wie die Backpulver-Doktors Oetker, die, in jedech ernsten Manner gespr ach, jeder Damenunterhaltung, jedem tief- Ouartanergedanken-Austausch auftauchen. Ein solches Klichee der Hundstage ist diegroße Hitzwelle, die wir von Amerika herüberbekommen haben". Wo ich auch hin hörte, im Restaurant wie im Omnibus, am Wannsee mb in Rüdersdorf, auf den Höhen des Kreuzbergs tote !» den Tiefen des Kaiserkellers: überall plätschere sie sdMN'l undgluhend durch, die Gesprächen Die große ame- nkamsche Hrtzwellc! Und die Geister, die das schöne Wort un. Munde führen, sprechen es aus wie ein wichtiges Geheimnis, eine funkelnagelneue Entdeckung, die den an- dern durch ihre Wucht eigentlich platt drücken inllßte. - Seiber ey*t es boshafte Menschen, die dem Orakler ins Aort fallen und den angefangenen Satz kall lächelnd er- W-~ 9<rr We, die so thun, als ob sie einen Unfall zum Rasen bekamen, und sich mit gut gespielter Ver- jweiflung die Ohren zustopfen. Das sind entschieden min- derwerttge Charaktere. Denn wenn man bei der Glut ?^Euer Asphalt brütet, überhaupt noch M Hemmst dieser Glut festzustellen, so

LeistunD die Dank verdient. Lange wird's, acht dauern, wenn das Quecksilber so unvernünftig weiter- Ileigt^ dann hört man überhaupt nichts mehr als jenes iiitartiFuherte Stöhnen und Schnaufen, das die nutzlosen , des Schweißtrocknens zu begleiten pflegt. Ach

s -der^Dunstz, der an den verkehrsreichen Stellen von lCC Straße aufsheigt! Am Potsdamer Bahnhof, dort wo's

Ringbahn-Perron geht, und die Bahnhofs-Droschken

veznssspreir vierksfl-rL Ml. 2.20, monatl. 75 Pfg. wit Bringrrlolm; durch bu Abholest.Ncn vicrtkljahrl, Mk 1.90, monatl. 65 Pfg.

Bei Postbezug Vierteljahr». Mk. 2.00 ohne BesteSgcL.

Alle --taen-vermtrilung» vrb In-und Auslands

n'b - Anjemrn für den totcfiencr Qliijcigcr entgegen. LrUcnprvtb. total iS Bfn. außwärtS 20 Pfg.

f.

fr MM M

WM

Das Deutschtum in Brasilien.

I» der diesjährigen Hauptversammlung der Deutschen Kokmialgesellschast zu Lübeck wurde u. a. das Thema:Na­tionale Lüiswanderungspvlitik" erörtert und im Besonderen M die Verhältnisse in Brasilien hingewiesen. Der Be­fürchtung, die dorthin ausgewanderten und auswandern- den Landsleute könnten dem Deutschtum verloren gehen, trat der Berichterstatter mit dem Hinweis entgegen, daß eine große Anzahl deutscher Konsulate mit den in Bra­silien ansässigen und einwandernden Deutschen in dau­ernder Fühlung bleiben. Ein Mitglied der Hanseatischen Solonialgesellschaft glaubte auf Grund langjähriger Er­fahrungen an Ort und Stelle versichern zu können, daß in den Bezirken der deutschen Kolonisation alles deutsch werden müsse, welchen Herkommens es auch sei, der Por- tugrefe, wie der Italiener und auch der Neger.

,. Das stellt der Kraft deutschen Volkstums ein erfreu- 11;??. 8eugni§ aus, und es ist nur zu wünschen, daß es f° bleibt. Die hauptsächlichsten Konkurrenten der Deutschen un südlichen Brasilien scheinen die Italiener zu werden. Dorthin und nach den La Plata - Staaten hat ftaä sardische Königreich jahraus, jahrein gewaltige Scharen l^uer Bürger wandern sehen. Da die italienische Regier­ung ftch um die Heimatmüden weiterhin nicht kümmerte, waren diese dem italienischen Volkstum verloren. Zumeist ->gen die Emigranten mittellos, auf die Vorspigelungen ^Kwissenloser Agenten Bin, Über's Meer, wo Not und Elend Arer darrte. Aus solchen Elementen, wenngleich sie den Deuflchen an Zahl weit überlegen waren, konnte sich natur- kbiu Kern bilden, in welchem nationale Eigenart arw Kraft krystallisierten. So ist es nicht verwunderlich, oaß in Sudbrasilien bisher die Italiener von dem Deutsch­tum aufgesaugt wurden.

.Das kann sich in Zukunft leicht ändern. Die italienische Regierung besann sich in der letzten Parlamentssession auf ihre Pflichten den auswandernden Landeskindern aegen- über und erlangte die Zustimmung der Kammer zu einem neuen Auswanderungsgesetz. Die Bestimmungen desselben geben den staatlichen Organen weitere Beftrgnisse, als sie das vor zwei Jahren erlassene deutsche Gesetz vorsieht. Ein dem Ministerium des Auswärtigen unterstelltes Aus- wanderungskommissariat soll mit den in Betracht kom­menden italienischen und ausländischen Behörden ständig verkehren. Das Interesse der Emigranten in der Fremde wird durch staatliche Schutz- und Auskunstsbureaus, die von besonderen Inspektoren revidiert werden, wahrgenom­men usw. Das Gesetz bedeutet also den ersten Schritt auf dem Wege, in den vielen Millionen heimflüchtiger Italiener das Nationalgefühl rege zu erhalten, sie vor dem Untergehen in fremdem Volkstum zu bewahren. Der Romane ist freilich wankelmütiger als der Germane; doch wenn es auch nur gelingt, um einen Teil der ausgewan­derten Italiener das nationale Band zu schlingen, so fällt das bei einer so gewaltigen Menschenmasse ins Gewicht.

Die Zeit ist also wohl nicht mehr ferne, wo das italie­nische Element in den Brasilstaaten dem deutschen den Rang streitig macht. Und diese Möglichkeit wird wohl zu beachten fein, von allen den Stellen, die sich die Pflege des Deutschtums im Auslande angelegen fein lassen.

halten, halten die Passanten sich energisch die Nasen zu. Und an manchen anderen Punkten istss genau ebenso, trotz aller Bemühungen der Verwaltung, Berlin den Ruf als reinlichster Stadt der Welt" zu wahren. Nicht einmal zur Nachtzeit, d. h. kurz vor der Bäckerjungenstunde, was solide Leute voreilig als früh morgens zu bezeichnen ge­wöhnt sind, habe ich die Leipzigerstraße so menschenleer gesehen, als jetzt um die Mittagsstunde auf der Sonnen­seite. Dafür jedoch wimmelt es im Tiergarten, dieser Riesenlunge des staubigen Berlins, auf alten Alleen und Pfaden. Einen Sitzplatz auf den verschwenderisch aufge­stellten Bänken erspäht man vergebens. Ueberall sitzen sie spazieren, die Alten und die Jungen, mit derKreis­säge" dem zickzackrandigen Strohhut nämlich in der einen Hand, das mehr oder minder üppig behaarte Denker­haupt mit der andern trocknend. An manchen Stellen wieder auch Backftschchen mit einem Bändchen Maupassant, (Verlag von F. Fontane u. Co.), das sie demgroßen Bruder" heimlich weggestphlen; in der Nähe irgend ein entflammter Jüngling, der vor Sehnsucht brennt, ein Ge­spräch cknzuknüpsen, zu dem die Hundstage eine so brillante Einleitung geben, indem man über die Unerträglichkeit der Temperatur klagt, und darauf die brillanteamerikanische Hitzwelle" heranfluten läßt! Sie schielt herüber, ganz zu­fällig natürlich, und senkt den Blick wieder auf die Seiten. Aber er hat noch immer keine Courage? Da gleitet ihr plötzlich das Taschentuch in den Kies, ohne daß 'ie es zu bemerken scheint. Und nun natür­lich wird ihm die Kühnheit zur Pflicht. Er

pringt hinzu, stottert sein Sprüchlein her und

reicht ihr das Tuch Wie überrascht sie zu thun versteht, die schlanke, fünfzehnjährige Komödiantin! Und wie nett ie zu danken weiß! Verschämt und überglücklich nimmt er auf der Bank Platz, erst ganz am äußersten Ende, bis er . langsam näher und näher rutsch, und sie mit einem leisen, koketten Lächeln das Buch schließt und interessiert seinen Worten lausch! Adieu, Herr Maupassant, jetzt fangen wir selber ein Roman-Kapitel an! . . . Ein paar Bänke

Drittes Blatt. 151. Jahrgang. Sonntag LI. Juli 1901

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger "

v« \M 9t* MW W 5063 ßbrrhard Mger. M N Bumuarbeilen per LeMtunq aelutbt K. 5-M-edt.

1. ober 15. August chenmädcheu ndermädcheu. Carl flowack essnlrm 85, l. MÄoL-u.rÄn- tu finden bei -ohm rnbe Wftiwb«

±t avif

ScknwegH

für Somit«« W*