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21.4.1901 Erstes Blatt
 
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Nr. 93 Erstes Blatt.

Sonntag 21. April 1901

Expedition und

ni<ferH- tchulftraß« 7.

151. Jahrgang.

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Teil der chinesischen Bevölkerung die Lehre Buddahs an­genommen. So würden auch die Chinesen zur Lehre Christi haben bekehrt werden können, wenn die Christen nicht einigen Anschauungen huldigten in Streit mit Jesu Lehre (?). Der Erlaß des Prinzen Tuan, wodurch den Chinesen be­sohlen wurde, alle Christen zu ermorden, war die natürliche Folge der widerrechtlichen westländischen Taktik. Als eines der ersten Opfer fiel zu Peking der deutsche Gesandte. Die anderen Vertreter der europäischen Mächte -sind alle ge rettet. Wenn es der chinesischen Regierung ernst gewesen wäre, würden alle Verteidigungswerke der britischen Le­gation von den Chinesen ohne Mühe genommen worden sein. Der ganze Vorfall würde sacht im Sande verlaufen fein, wenn Deutschland sich nicht durch seine Erregung hätte leiten lassen

An die Spitze der europäischen Expedition wurde Gras Watdersee gestellt, ein Mann, vollkommen unbekannt mit chinesischen Zuständen. Waldersee hat die kaiserlichen Gräber zerstört, und die Mauern von Peking verziert mit den Köpfen von 13 Boxern. Die Unterhandlungen des Augenblicks werden für China endigen mit einem Schaden­ersatz in Geld und Land. Und die chinesischen Geschichts­schreiber werden dem Volk erzählen, daß die Barbaren besiegt wurden, doch daß der Kaiser in seiner Barmherzig­keit ihnen Geld gab und Land gab, um es zu bebauen und ihren Unterhalt zu erwerben. Man muß dabei nicht ver­gessen, daß in China die westländische Theorie, daß wer verliert die Zeche bezahlt, nicht zutrifft. >

Welche Schuld haben nun die Chinesen, fragt Redner. Sie thun nichts anderes als ihr Vaterland verteidigen. Der transvaaler Bur, der fein Land verteidigt, ist ern Held; den Chinesen, der dasselbe thut, nennt man einen Bar­baren Und wirklich ist eine gewisse Analogie zwischen den Anschuldigungen der Engländer gegen die Buren und denen, die Europa gegen China eingebrockt hat. Dieselbe Anklage: Verweigerung von Rechten an die Ausländer, Bestechlichkeit der Beamten. Und doch, wer sich in China den chinesischen Gesetzen unterwirft, lebt dort so ruhig wie zu Hause. Man denke nur an die sehr vielen Juden in China'

Vor den Zeiten der europäischen Missionare und der europäischen Einfuhr von Opium bestand ein freundlicher Handelsverkehr mit China, welcher blühte durch den echten Kau frnapnsg eist der Chinesen.

Die chinesische Autorität erkannte das Uebel der Opium­einfuhr Sie widersetzte sich derselben mit aller Macht; sie befahl selbffh das Abschneiden der Lippen, um es dein Sklaven des Opiums unmöglich zu machen, die Pfeife an den Mund zu bringen. Aber Äigland läßt sich nicht ab­halten, Opium einzuführen; aber es muß dabei gesagt werden, es legt neben die Opiumballen eine chinesische Uebersetzung der Bibel. In 1839 mußte es dem Verlangen eines chinesischen Vizekönigs nachkommen und 20 293 Kisten Opium zur Vernichtung ausliefern; die 20 293 Kisten Opium wurden durch chemische Mittel unschädlich gemacht und der Strömung des Flusses übergeben. Ein heidnischer Staatsmann, dem das Heil seines Volkes über das eigene Interesse ging! Diese That war für England natürlich ein Grund zum Krieg.

Opium und Missionare, das sind die Ursachen des Grolls von China gegen Europa. Der Chinese sagt: nehmt euern Opium und eure Missionare mit nach Hause und wir werden euch weiter nicht belästigen.

Ter Redner hat vor den Missionaren selbst aus vielen Gründen hohe Achtung. Aber der Fehler stecke im System. Tas Christentum sei von Natur unduldsam. Für den Chi­nesen seien gewisse christliche Auffassungen anstößig.

Bezeuge dem Chinesen Sympathie, erwirb dich mit seiner Sympathie belohnen. Seit der

diesem Abend werde für Berlin eine Björnson-Aera ein- geteitet.

Zweimal weilte seitdem der skandinavische Tächter in der deutschen Reichshauptftadt. Am Dienstagabend wurde ihm zu Ehren vom Berliner Presseklub ein Fest gegeben, an dem sich viele Vertreter der Kunst und Litteratur be­teiligten. Björnson war mit feiner Gattin und feiner Tochter, der Frau des Björnson-Verlegers Albert Langen in München» erschienen. Er hatte an seine Zusage, 'ver­mutlich weil er der Fülle der Huldigungen entgehen wollte, die Bedingung geknüpft, daß er nur eine'kurze Ansprache bei Tische zu hören bekomme und zu halten brauche. Was er aber, von der Herzlichkeit des Empfanges bewegt, nach der üblichen Begrüßungsrede gab, war ein starker Ausbruch der Persönlichkeit des Tächters. Sein Teutsch klingt fremd­artig, sowohl in der Aussprache wie in der Wortstellung, und ringt mit dem Ausdruck. Gerade das verleiht ihm einen eigenen Reiz. Er sucht nach dem paffenden Wort, und greift mit der Hand in die Luft, als ob er es fassen könne. Dann überstürzen sich wieder die Worte, tosen über die natürlid)n Einschnitte der Rede dahin und erwecken eine Vorstellung, welche zwingende Beredsamkeit diesem Mann in seiner Muttersprache zu Gebote stehen mag. Er hat etwas vom Volkstribunen an sich, etwas Fortreißendes und wohl auch Agitatorisches. Wenn man ihn reden hörte, begreift man, wie er das Dynamitattentat beherzt auf die Bühne brachte und nicht vor Gewaltmitteln zurückschreckte. Aber man erkennt doch auch, wie ihm das Trfferenzierte, das liebevolle Versenken in die Einzelnatur abgeht. Die großen Gesichtspunkte, die allgemeinen Fragen der Mensch-

Redner an seinem rechten Auge leidet, erhält er fort­während Briefe von einem Chinesen aus Batavia, einem treuen Anhänger des Confucius, der ihm schreibt, daß er täglich für die Genesung seines Auges betet.

Und doch, b i e durch Euro p a begangenen Fehler sind nicht wieder gut zu machen Was hat also in Zukunft zu geschehen? Die Missionare dürfen nicht durch die Gewalt der Waffen beschützt werden. Ohne Schutz von indischen Fürsten hat seinerzeit der Buddhismus Eingang gesunden bei den Chinesen. Es muß dem Chinesen keine Ursache gegeben werden zu glauben, daß man ihm das Christentum aufdrängen wolle. Wir müssen ihm be­weisen, daß unsere Lehre besser sei als die seine, nicht durch Traktate, sondern durch povulär-wissenschaf t liche Schriften und durch oas Anbieten guter Früchte unserer christlichen Kultur. Das Herz des Chinesen ist so leicht zu gewinnen. Redner erwarb die Freunosck-aft seiner chinesischen Umgebung schon allein dadurch, daß er die chinesische Sprache zu seinem Studium machte; niemals reifte er mit einem Paß, niemals wurde er wegen eines Passes belästigt. Auf Amoy waren sechD Europäer die Ratgeber, Richter und Beschützer der Chinesen gegen Seeraub; sie besaßen das volle Vertrauen der Be­völkerung, und schliefen mit offenen Thüren so sicher, wie vielleicht an keinem andern Ort der Welt. Ein Europäer in China schrieb einmal dem Redner: Ich habe das niedere Volk auch ganz gern, vor allem, wenn es nicht in zu innige Berührung gekommen ift mit Europäern.

Was wird die nächste Zukunft uns zu sehen geben ? Ter chinesische Hof wird sich vielleicht zurückzieheu nach der alten Hauptstadt im Jnlande; diese ist nur auf drei schmalen Wegen, durch enge Bergpässe zu erreichen. Und die Missionare wird man wieder ermorden, b is der letzte vertrieben ist Tas einzige, was Europa erreicht haben wird, ist grenzenloser Haß, der zu allerlei Ausbrüchen führt. Und sobald China sich stark genug gemacht haben wird---wird es endlich

angreifend gegen uns zu Werke gehen.

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Tie katholischeKöln. Volksztg." läßt sich von einem zuverlässigen, ruhig und besonnen urteilenden Gewährs­mann" unterm 3. März 1901 aus China schreiben:

Im allgemeinen hat man stark übertrieben. In Paotingfu z. B. ist nachdem man sich einmal hier ein­gerichtet unnachsichtlich vorgegangen worden. Exzellenz. Lessel hat manche kriegsgerichtlichen Urteile wieder umgestoßen, weil sie ihm zu milde waren. Es herrscht ernstes Bestreben, Manneszucht zu halten und zwar, wie es meine Ueberzeugung ist, mit Erfolg. Andere Sachen geben zu schweren Bedenken Anlaß, so die zahl­reichen geschlechtlichen Ausschweifungen. Die Regelung deL Bordellwesens, ein überaus peinliches Kapitel, hat nickst verhindert, daß die geschlechtlichen Krankheiten sich sehr stark vermehrten. In Peking waren neulich, über 200 Kranke; in Paotingfu find es augenblicklich über 70."

Tann heißt es weiter:

Gewiß, eine Anzahl Rohheiten sind vorgekommen. Unter den 20000 Mann haben sich leider auch Leute gefunden, die aus lieber mut oder auch aus Rohheit und Habgier einen wehrlosen Chinesen erschlu­gen oder sich einer andren That schuldig machten, auf welck^e das deutsche Strafgesetzbuch Zucht­haus setzt. Die verallgemeinernde Entrüstung über deutschen Vandalismus" wäre aber nur dann berechtigt, wenn diese Rohheiten entweder zu den tagtäglichen Erschein­ungen gehörten, oder wenn sie nicht mit aller Strenge geahndet würden. Gott sei Tank gehören aber dieHun -

heil lassen ihn bei dem Nebensächlichen des Einzelschicksals nicht verweilen. Und der große Gesichtspunkt fehlte auch seiner Tischrede nicht. Es war ein schöner Traum vom Weltfrieden. Björnson, der sich einen Pang er manei, einen Teutonen mit Stolz nannte, sprach die Hoffnung aus, daß die Zukunft diesen Gedanken des Weltfriedens in die WirÜichkeit umfetzen werde. So wie von Berlin einst die Einigung der deutschen Stämme aus­gegangen sei, möge auch dereinst die Einigung aller Germanen von hier aus beginnen. Ein starkes Ger­manentum vermöge der ganzen Welt den Frieden zu dik­tieren. T-enn nicht das Männerideal des Krieges sei die Losung der Zukunft, nicht Rücksichtslosigkeit das Ideal der Menschheit, sondern Freiheit mit Ge­rechtigkeit. Die könne sich nur im Weltfrieden realisieren. Tarauf leerte er sein Glas.

Ter unmittelbare Eindruck dieser flammenden Rede war überwältigend. Tie Persönlichkeit des Sprechers und der Inhalt seiner Ausführungen verbanden sich zu un­zertrennlicher Einheit. Alles an der hoch aufgerichtete«. Gestalt des greifen Dichters, der vielleicht ein noch größerer Politiker ist, sprühte förmlich von Leben. Ter Schauspieler Hermann Nissen, in Gießen wohlbekannt, hat Bjömsons Maske für die Darstellung des John Gabriel Borkmann gewählt. Auch Ibsens Bankdirektor erzählt in feinen wirren Phantasien von seinem Traumland und den großen Dampf­schiffen draußen auf dem Fjord, diedas Leben auf den ganzen Erdball öerbrüiern". Ohne es zu wollen, glich dieser vom Weltfrieden schwärmende Biomson ein iventfl dem John Gabriel seines großen Rivalen. xy-

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den 18. April.

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Amtlicher Feil.

Gießen, den 18. April 1901.

Betr.: Darstellung über den Zustand der Volksschulen in dem Streife Gießen.

Die Grotzh. Kreisschulkommisfion Gichen

au die Echulvorstäade des Kreises.

Diejenigen von Ihnen, welche unserer Verfügung vom 15. März 1901 (Gießener Anzeiger Nr. 66) noch nicht nach gekommen sind, wcroen an deren sofortige Erledigung er innert.

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Morrison in Merlin.

(Origtnalartikck desGießener Anzeigers".)

Nachdruck verboten.

Am Nachmittag des 24. Bkärr 1900 fand im Berliner Theater unter Paul Lindaus Leitung die denkwürdige erste Aufführung des ersten Teils vonlieber unsere Kraft" statt. Ta wurde Björnstjerne Björnson für Berlin neu entdeckt. Wenn aber Herr Lindau für sich feie Ehre in Anspruch nahm, als Erster das religiöse Wunder - ferama in Deutschland aufgeführt zu haben, so vergaß er loder wollte vergessen, daß das Werk lange zuvor in Frank­furt a. M. gespielt worden war und sich auf dieser Bühne behauptet hatte. Am 22. Januar dieses Jahres erfolgte feann die erste Aufführung des zweiten Teils vonlieber unferc Kraft" nach langen Schwierigkeiten mit der Zensur, feie von diesem sozialen Kampfdrama aufrührerische Wirk- lungen befürchtete und sich erst dann beruhigte, als das -Stuttgarter Hoftheater dank der Vermittlung des Königs von Württemberg vorausgegangen war. An diesem Abend brausten nach dem dritten Akt, als die Zwingburg der Fabrikanten in die Luft geflogen war, Beifallstürme durch feas Haus, wie sie seit derVersunkenen Glocke" (am 2. De­zember 1896) nicht mehr gehört worden waren. Otto Br ahm, der Direktor des Deutschen Theaters, der Jbsen- «orkämpfer, war nicht zugegen; er hatte Bjömsons Drama «bgelehnt und damit einen Erfolg aus der Hand gegeben, wie er nur denWebern" beschießen war. In richtiger Erkenntnis der Sachlage UM der bekannte Herausgeber Einer sehr bekannten Wochenschrift den Ausspruch, mit

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v. Bechtold.

Sonntag, LI. ds., nachmittags Ubr wird Großh. Direktor Dr. v. Peter von Friedberg in Muschenheim im Lokale von K. Roth einen Vortrag ÜberFeldbe­reinigung und Anwendung künstlicher Dünge mittel" halten, wozu ich jedermann, der sich dafür inte refsiert, freundlichst emlade. Die Herren Bürgermeister von Muschenheim und der Nachbarorte ersuche ich um Bekannt machung tm Orte.

Gießen, den 10. April 1901.

Der Direktor des landwirtschaftlichen BezirkSvereinS. v. Bechtold.

lieber den Fremdenhatz der Chinesen hat jüngst in der königlich Niederländischen Geographischen Gesellschaft zu Amsterdam Prof. Schlegel, der Lehrer feer chinesischen Sprache in Leyden ich und aus eigener langjähriger Anschauung Land und Leute von China kennt, einen bemerkenswerten Vortrag gehalten. Prof. Schlegel, ein Deutscher, führte nach einem Bericht desVieuwe Rot ter - feamer Courant" u. a. das Folgende aus:

Ter Konflikt zwischen Europa und China hätte meinte Pros. Schlegel verhindert werden können. Deutschland sandte ein Kriegsschiff, nicht weil zwei Missionare ermordet waren, sondern auf einen Bericht hin, daß die chinesische Provinz Schantung reich sei an Steinkohlenlagern. Deutsch­land ließ Kiautschou besetzen und nahm zugleich ein Gebiet in Besitz von der Größe des Königreichs Sachsen. Dies gab Rußland Veranlassung zur Besetzung des Hafens Port Arthur. Die Folgen kennt man. Ist es ein Wunder, daß diese Geivaltthaten eine tiefe Mißstimmung erzeugten bei feer chinesischen Regierung und dem chinesischen Volke? Die latente Verachtung früherer Zeiten der westländischen Barbaren schlug um in Haß. Aufs neue siegte die reaktio­näre Partei in China: die geheimen Gesellschaften erhoben Wieder das Haupt. Die Genossenschaftder Schwerter" reformierte sich zuden Fäusten der vereinigten Patrioten" (von den EngländernBoxer" genannt). Obgleich ursprüng­lich gegen die Dynastie der Mandschus gerichtet, erhielt diese Genossenschaft jetzt heimlich die Unterstützung der Re­gierung, denn der gemeinschaftliche Haß gegen die west- ländifck)en Barbaren stand über dem Partxiinteresse. Mord christlick)er Missionare war die Folge. Die Regierung wurde gezwungen, die Mörder zu bestrafen, und dadurch mußte bei den Chinesen wohl der Gedanke entstehen, daß man ihnen das Christentum mit Gewalt aufzwingen wollte. Und gerade gegen Glaubenszwang widersetzt sich der Chinese mit all "seiner Kraft. Ohne Zwang hat der übergroße