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Nr. 93 Drittes Blatt
Sonntag 21. April 1901
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151. Jahrgang
Adreflr für Drpesch», Anzeiger Siebe«.
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vezugrpreir vierteljechtt. Mk 2.20, monatl. 7b Pßa. mit Brmgrrlohn; durch M Abholestellen vierteljLhtt. Mk. 1.90, monatl. 65 Pchg.
Bei Postbezug viertellttzai. Mk. 2.00 ohne Bestell*»
Alle Onectern örrrnttilueele Kesten de« §n> und 81uB(aHMl nehmen Anzeigen ffrr W» »irdener «nzrigrr rntfwe. getlenprtil lokal 11 WW, •u8»drt» 80 Pfg.
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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
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gnülicher Feil.
Bekanntmachung.
Wir bringe« z»r Kenntnis der Inter« ffentrn, daß jeder -eit auf den nachbenannten sechs Zuchtstalionen des Vogel «nd GeflügelzuchtoereinS Gießen frische Eier von rassereinen Hühnern zur Nachzucht leistungsfähigen Geflügels zu beziehen stad. Bezüglich der Zachtstation auf der Hardt wolle man sich an den Vorsitzenden des Vereins, Herrn August Schwan hier, Sellersweg, bezüglich der übrigen an die Besitzer der Zuchtstalionen wenden.
Die Lier kosten für Mitglieder des BereiuS i 15 Pfg., Nichtmitglt der A 20 Pfg.
Zuchtstatton Hardt: rebhuhifarbigeItaliener, schwarze
Mi"vrka;
Hch. Hochreuther hier: gesperberte Plymouth RockS;
Hch. Leib Ww., Philosopheuwald: rebhuhnfarbige Italiener;
Julius Zimmer, Biugmühle: rebhuhnfarbige Italiener;
Ioh. Engel, Birklar: schwarze Minorka, gesperberte Italiener;
H. Döpfer IV., RöthgeS bei Laubach: rebhuhnfarbige Italiener.
Gießen, den 19. April 1901.
Der Direktor des landw. BezirkSvereivS.
v. Bechtold.
Bekanntmachung.
Bett.: Die Ausführung des Reichsgesetzes die Abänderung der Gewerbeordnung vom 30. Juni 1900; hier: die Ausdehnung des LadenschluffeS.
Seitens des hiesigen DetaillisteN'VereinS ist bei Großh. KreiSamt Gießen der Antrag gestellt worden, den Schluß der offenen Verkaufsstellen in der Stadt Gießen mit Ausnahme derjenigen der Uhren-, Gold- und Silberwarenhändler, sowie der Bäcker und Metzger auf Grund des § 139 f Gewerbe Ordnung auch auf die Zeit
von 5—7 vormittags und 8—9 nachmittags während der Monate April—September
und
von 5—8 vormittags während der Mo»ate Oktober bis März
auSzudehnen. Zum Kommissar zwecks Ermittlung der hierzu erforderlichen Zweidrittelmehrheit der beteiligten Geschäftsinhaber mit offenen Verkaufsstellen bestellt, fordere ich die Intereffenten hiermit auf, ihre Stimme hier oder gegen die Ausdehnung des Ladenschluffes schriftlich bis zum 11. Mai d. IS. oder mündlich in der Zeit vom 22. April bis 11. Mai I. IS. bei mir abzugeben. Beteiligt und mithin zur Abstimmung berechtigt sind sämt> liche Geschäftsinhaber mit offenen Verkaufsstellen, ausgenommen die Uhren-, Gold- und Silberwarenhändler, sowie die Bäcker und Metzger.
Die Abgabe der mündlichen Aeußeruvg kann während des angegebenen Zeitraums an Wochentagen von 9—12 Uhr vormittags und 3—6 Uhr nachmittags in den Diensträumen des Großh. Polizeiamts Gießen, Zimmer des Polizeisekretärs, erfolgen.
Nach Ak lauf der gesetzten Frist eingehende Aeußerungen »üffen unberücksichtigt bleiben.
Gießen, den 19. April 1901.
Der Kommiffar.
Hechler, Großh. Polizeiamtmann.
Die Lage in China.
Als die ersten Meldungen über den Tod des Haupt- rnanns Bartsch aus China eintrafen, ging die amtliche Auffassung dahin, es liege ein Unfall vor: die Pekinger Privatdepesche eines Berliner Blattes stellte dagegen von vornherein ein Verbrechen fest, was denn auch durch die Vermittelungen bestätigt wurde. Bei dem Brand im Pekinger Kaiserpalast soll nach den offiziösen Berichten die Veranlassung eine harmlose sein, und den Verdacht der Brandstiftung ausschließen. Auch die „Köln. Ztg." meldet jetzt aus Peking:
Die Ursache des großen Feuers im Winterpalast wird nicht in chinesischer Brandstiftung, sondern in einer Nachlässigkeit in der Küche gesehen. Aus den brennenden Gebäuden war nichts zu bergen; Auch Graf Waldersee rettete nur das nackte Leben. General v. Schwarzhoff war in das Haus zurückgekehrt, um Dokumente zu retten, und wurde von der Hitze und dem Rauch überwältigt. Die Leiche wurde voll- tommen verkohlt, mit dem Gesicht nach unten liegend, nahe dem Ausgang gefunden. Das Feuer verbreitete sich mit unglaublicher Schnelligkeit. Niemandem sind Borwürfe zu machen. Die Baustoffe der Häuser sind Holz «nd Papier.
Kiel, 18. April 1901.
Wilhelm I. R.
An die Pastorin Schultz, Mutter des in Tientsin am Typhus verstorbenen Oberstabsarztes 1. Kl. Professor Dr. Kohlstock, hat der Kaiser folgendes Beileidstelegramm gerichtet:
Ich habe mit tiefem Bedauern die Nachricht vom Hinscheiden Ihres Sohnes, des Oberstabsarztes Professor Dr. Kohlstock erhalten und beklage aufrichttg den Verlust eines Arztes, der als einer der Ersten sich in de« Dienst der großen Aufgaben stellte, welche die Söhne Deutschlands jenseits der Meere zu erfüllen haben, und hingebend wie kein Zweiter sein Leben im Dienste seines Kaisers und seines schönen Berufes zum Opfer brachte. Möge Gott Sie trösten und sein verlassenes Kind in seine gnädige Obhut nehmen.
Tas Schlafzimmer im Asbesthaus des Grafen Waldersee, m dem dieser beinahe den Tod gefunden hatte, wurde
im Auftrage des Preußischen Kriegsministeriums von der Hamburger Firma Alfred Calmon wnstruiert. Die Dimensionen des Baues waren 17 mal 12 mal dreieinhalb resp. 5 Meter. Die Wände und das Dach des Hauses bestanden aus doppelten, 1 Quadratmeter großen und je 5 Millimeter dicken Asbesb-Schieferplatten, die durch Holzleisten miteinander verbunden sind. Bekanntlich galt Asbest als feuer-- und wassersicher, und durch die Luftschicht, die sich zwischen den doppelten Wänden befand, war das Innere des Hauses gegen Temperaturschwankungen geschützt. Das Häuschen enthielt 7 Zimmer, von denen 3 an der Vorderseite und 4 an der Hinterseite lagen. Wenn man das Innere des Hauses betrat, befand man sich zuerst in dem Empfangsraum, an den sich rechts das Zimmer für zwei Ordonnanzen und links das Arbeitszimmer des Feldmarschalls anschlossen. Hinter dem letzteren lag das einfach ausgestattete Schlafzimmer des Grafen, das wir unsere»! Lesern im Bilde vorführen, anschließend Toilette- und Badegemach Bon hier aus gelangte man in das Schlaf- unb Wohnzimmer des persönlichen Adjutanten. Die Einrichtung des Hauses war durchaus einfach und zweckmäßig, die Möblierung im Stile der Kajüten der großen Seedampfer. Alle für den Oberbefehlshaber der verbündeten Truppe« bestimmten Gebrauchsgegenstände waren mit der Grafenkrone und einem W gezeichnet. Das vielgerühmte Asbest- haus hat also merkwürdigerweise der Feuersbrunst, deren ungeheure Stärke daraus hervorgeht, nicht Stand halten können.
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Ein zweites Pekinger Telegramm der „Köln. Ztg." vom 18. April berichtet: Drei Kompagnien des 2. Bataillons des 1. ostasiat. Infanterie-Regiments (Major v. Mühlen- fels) und die ganze Garnison von Paotinyfu mit Ausnahme von 400 Mann sind gestern unter dem Befehl der Generale v. Lessel und v. Kettlernachden Huailu- Pässen abgerückt. Es ist der Befehl erteilt worden, de« General Liu anzugreifen, dessen Stteitkräfte aus de» früheren Nanking-Truppen bestehen. Der Oberquartter- meister Frhr. v. Gayl ist nach Peking zurückberufen worden.
Also der Waffentanz nimmt thatsächlich seinen Fortgang. Nach einer Mc7.'ung der „Agence Havas" hat allerdings auf die der chinesischen Regierung, namentlich von dem französischen Gesandten, gemachten energischen Vorstellungen der chinesische Kaiser unter dem 16. d. M. ei» Dekret erlassen, durch das Die regulären chinesischen Truppen in Huai-lu angewiesen werden, sich sofort bisjenseitsdergroßenMauerzurückzuziehen. Also wollen 2>ie Chinesen die verbündeten Truppen recht tief ins Innere des Landes locken, wie es einst die Russe» mit den Franzosen thaten. Hoffentlich wird man es nicht an dar nötigen Vorsicht fehlen lassen.
Wien, 19. April. Im Abgeordnetenhaus beantwortete der Ministerpräsident Dr. v. Körber mehrere Interpellationen, betreffend dieErwerbungeinesGe- ländes in Tientsin zur Gründung einer österreichischungarischen Niederlassung. Das gewählte Grundstück, das an das von Italien erworbene Territorium grenzt, wurde am 1L Januar d. I. in Besitz genommen. Somit handelt es sich hier nur um die Sicherstellung eines künftiger Bauplatzes für die geplante Errichtung eines Konsulate^ owie um einen Platz für die Wohnhäuser für etwa Pg in Tientsin niederlassende österreichisch-ungarrsche Sta angehörige oder Handelsfirmen.
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In einem Berliner Blatte lesen wir: Bei den Wirre« in China haben schon wiederholt deutsche Soldaten Gelegenheit gehabt, sich in hervorragenderWeise auszeichnen zu können. Wenn auch solche Bravourstücke zumeist später durch den Kaiser durch Verleihung einer Ordensauszeichnung dankbar anerkannt werden, so folgt chnen auf dem Fuße doch immer eine Belobigung vor der Front. Einer Anordnung des Kaisers zufolge werde« diese Belobigungen jetzt dem Truppenteile mitgeteilt, bei dem der also Ausgezeichnete früher gedient hat. Der 6e* treffende Kommandeur hat nun die Verpflichtung, diese Belobigung eines ehemaligen Angehörigen der Truppe vor versammelter Mannschaft ebenfalls bekannt zu geben. Bei der Garde sind solche Fälle schon zu wiederholten Malen zu verzeichnen gewesen.
Generalmajor v. Schwarzhoff hat also, wie auch englische Blätter versichern, in Erfüllung seiner Pflicht den Tod gefunden. Der Mut, der ihn dazu trieb, ein brennendes Gebäude zü betreten, um kaltblütig wichtige Papiere (nicht seinen Hund.') zu retten, ist seltener und glänzender als der, der ihn anspornt, an der Spitze seiner Truppen eine Batterie anzugreifen.
Im übrigen aber begegnet die obige Meldung der „Köln. Ztg." doch erheblichen Zweifeln. Der größere Teil der Presse des In- und Auslandes glaubt an diese Ursache des Brandes nicht. Man nimmt vielmehr voller Besorgnis nach wie vor ziemlich allgemein an, daß auch hier die genaue Untersuchung ein chinesisches Komplott zutage fördert. — Das Blatt des Fürsten Uchtowski befürchtet eine WiederholungderGreuelthaten und neue Wirren. Seit dem Beginn der sogenannten „Friedens- Verhandlungen" mit China hat eine schier unbegreifliche Verttauensseligkeit unter den Mächten platzgegriffen. Die schrecklichen Erfahrungen im vorigen Jahre schienen fast; vor« gessen. Wenn man insbesondere die Stimmen der amerikanischen Staatsmänner hörte, dann mußten die Chinesen in ein paar Monaten eine so gründliche Läuterung des Charakters durchgemacht Haben, daß sie aus Bösewichtern wackere Ehrenmänner voll regsten Eifers, das Unrecht wieder gut zu machen, geworden waren. Nur Deutschland und England haben dem Frieden nicht getraut, und einige Vorsicht walten lassen. Rußland, Frankreich die Vereinigten Staaten, Japan verringerten ihre Truppenkontingente zum Teil sehr erheblich. War das ein „Vertrauensbeweis" für die chinesische Regierung, so ist er sehr schlecht gelohnt worden; denn natürlich stecken hinter den Zettelungen Personen von Einfluß. Bildete man sich ein, dem Chinesen durch die Expeditionen und die Exekutionen von ein paar hoch gestellten Beamten einen heilsamen Schrecken eingejagt zu haben, so muß eine solche Illusion fast noch mehr in Erstaunen setzen So rasch imponiert man einem Riesenreich von 400 Millionen nicht! Dieser Hydra wachsen immer neue Köpfe. Zu alledem die unaufhörlichen Reibungen unter den Mächten, namentlich die Sucht Rußlands und der Vereinigten Staaten, sich separat abfinden zu lassen, um dann zum Dank als Schutzherren Chinas aufzutteten. Die unausbleibliche Folge mußte sein und ist gewesen, daß die Chinesen neuen Mut schöpften und Anstalten trafen, um womöglich die verhaßten Fremdenallesamt loszuwerden. Es kann gar kein Zweifel darüber herrschen, daß in der Stille mit größtem Eifer gerüstet wird, und daß es sich nur darum handelt, den günstigen Zeitpunkt zu neuen Vorstößen abzuwarten. Alle bie von chinesischer Seite schlau in die Länge gezogenem Verhandlungen über die Kostenentschädigung dienen nur der Vorbereitung dieser Aktion. Die „Wjedomostt" halten es für möglich, daß Rußland zu neuer Truppenmobilisation gezwungen werde. Tas Blatt schlägt vor, Peking dem „Bog dochan" zu überlassen und Petschitt zu räumen. Das wäre das kläglichste Eingeständnis der Schwäche. Dann thäten die Mächte schon besser, überhaupt aus China sich zurückzuziehen und die Akten zu schließen. Wir möchten das Letztere fast hoffen.
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