Nr. 221
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
Die Siebener Familien- Glätter werden dem Anzeiger im Wechsel mit dem »Hess. Landwirt' und den .Blättern sür : hessische Volkskunde' viermal wöchentlich beigelegt.
Redaktion, Expedition und Druckerei:
Sch ulst ratze 7.
Adresse für Depeschen: Anzeiger Gieße«.
Fernsprechanschluß Nr.51.
Zweites Blatt. 151. Jahrgang. Freitag 20. Septeurber 1901
Annahme von Anzeigen zu der sür den folgenden Tag eficheinenden Nr. bis vormittags 10 Uhr. Alle Anzeigen-Vermitt- lungsstellen des In-und Auslandes nehmen Anzeigen entgegen.
Zeilenpreis: lokal 12 Pf^ auswärts 20 Psg.
Rotationsdruck u. Verlag der Brühl'schen Universitäts - Druckerei
Amis- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen *ä@s
" zeigenteil: Hans Beck.
GietzeimAnzeiger
Seneral-Anzeiger v
KMicher Ekil.
Gießen, den 18. September 1901.
B etr.: Die Ableistung des Huldigungs- und Verfasiungseides. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Großh. Bürgermeistereien des Zireises.
Die Ableistung des Huldigungs- und Verfassungseides der in Ihren Gemeinden neu aufgenommenen Ortsbürger, sowie derjenigen Großherzoglich Hessischen Unterthanen, welche sich, ohne Ortsbürger zu werden verheiratet haben, soll wie nachstehend angegeben, stattsinden:
1. der Orts- und Staatsbürger aus den in den Amtsgerichtsbezirken Grünberg und Homberg gelegenen Gemeinden des Kreises Gießen sowie der Gemeinde Ettingshausen
Samstag den 5. Oktober d. Js., vormittags 9 Uhr, in dem Rathause zu Grünberg;
2. der Orts- und Staatsbürger aus den in den Amtsgerichtsbezirken Hungen, Laubach und Nidda gelegenen Gemeinden des Kreises Gießen mit Ausnahme der Gemeinde Ettingshausen
Mittwoch den 9. Oktober d. Js., vormittags 9*/< Uhr, in dem Rathause zu Hungen;
3. der Orts- und Staatsbürger aus den in den Amtsgerichtsbezirken Lich und Butzbach gelegenen Gemeinden des Kreises Gießen
Donnerstag den 10. Oktober d. Js., nachmittags 2% Uhr, nr dem Rathause zu Lich;
4. der Orts- und Staatsbürger aus den in dem Amtsgerichtsbezirk Gießen gelegenen Gemeinden
Dienstag den 15. Oktober d. Js., vormittags 11 Uhr,
in dem Saale von Lonys Bierkeller (Schanzenstraße 18) zu Gießen.
Wir beauftragen Sie hierdurch, die betreffenden Personen zu den Terminen vorzuladcn und, wie geschehen, unter Angabe der Namen der Vorgeladenen bis zum 1. k. Mts. anzuzeigen, oder zu berichten, daß niemand vorzuladen war.
Halten sich derartige Personen auswärts auf, so wollen Sie deren Aufenthaltsort angeben.
v. Bechtold.
Dkl Besuch des Zurciipaares in frnnhrtidj.
Das russische Kaiserpaar ist Mittwochmittag auf der Rhede von Dünkirchen ein getroffen. Bereits früh von 6 Uhr ab versammelten sich auf der Landungsstelle die Persönlichkeiten, die mit Präsident Lvubet an Bord des Torpedojägers „Cassini" dem russischen Kaiserpaar entgegenfahren sollten. Es waren dies die Präsidenten des Senats und der Kammer, Fallieres und Deschanel, die Minister, die Botschafter Montebello un Urussow, die Admiräle Gervais, Fournier, Hurnann, Bienaime, General Lucas u. a. Selbst das Wetter schien ein Einsehen zu haben; denn der Regen hörte auf. Freilich wehte ein heftiger Nord- wesh 7.15 Uhr traf Loubet ein und wurde von lebhaften Zurufen begrüßt. Sobald der Präsident das Schiff betrat, wurde die Flagge des Präsidenten gehißt. Ein Schleppdampfer führte den „Cassini" aus dem §afen und unter Hochrufen des Publikums, das sich trotz des frühen Morgens zahlreich eingefunden hatte, und dem Donner der Geschütze trat der „Cassini", zu dessen beiden Seiten je sechs andere Torpedojäger fuhren, die Fahrt an. Der „Cassini" ist weiß getüncht. Auf dem Vorderdeck ist ein Pavillon mit dunkel und hellblauen Sammtbalustraden errichtet; er trägt drei Fauteuils für Loubet und das Zarenpaar, die allerdings nicht in Benutzung kamen.
Gegen 11 Uhr vormittags kamen sich die russische Kaiser- hacht „Standort" und der „Cassini" nahe. Ter „Cassini" hielt, und der „Standart" legte sich ihm zur Seite, tagelang Loubet, trotz der hochgehenden See, mit Delcasse und Waldeck-Rousseau an Bord des „Standart" zu gelangen, wo die Begrüßung des Zarenpaares stattfand. Tie Rückkehr auf den „Cassini" wurde jedoch aufgegeben aus Rücksicht auf die Zarin. Infolgedessen nahm der Zar mit Loubet auf dem „Standart" die Revue des Nordgeschwaders ab. Der „Standart", der neben der Tricolore auch die Kaiserflagge gehißt hatte, nahm die Spitze. Das Schiff fuhr majestätisch durch die Reihen der französischen Schiffe. Die Mannschaften paradierten auf dem Verdeck, Hurras ertönten, und das russische Geschwader feuerte nun seinen Salut. Der „Cassini" und die übrigen Schiffe rangierten sich hinter dem „Standart". Nach der Revue kehrten sie für kurze Zeit nach ihrem Platz zur Seite des Geschwaders zurück. Unterdessen hatten sich bte Molen mit undurchdringlichen Mensch en massen gefüllt. Die Quais 'starrten von Bajonetten, als gelte es, einen Feind abzuwehren. Von allen Seiten erschallten die russische Nationalhymne und die Marseillaise. Loubet kehrte nun auf den '„Cassini" zurück und landete nach 1 Uhr im Hafen von iTünkirchen. Der „Standart" traf eine halbe Stunde später lein.
Während das Schiff sich näherte, stand das Zaren- aa r lange grüßend an Bord. Dann nahm der Zar Abschied -3ou der Mannschaft. Diese Zeremonie, sowie das imposante Keußere der schwarzen s2) ad) t, im Gegensatz zu der bunten Umgebung der Flaggen, Teppiche und Blumen gab der Amdungsszene einen feierlichen Charakter, der seinen Höhe-
vunkt erreichte, als das Zarenpaar aus einer im Mittelbau des Schiffes sich öffnenden Tbüre trat.
Loubet begrüßte nun an der Brücke die Zarin, die ihm die Hand reichte, während der Zar Loubet schon die Hand entgeaenstteckte. Tie Zarin trug einfache Trauerkleidung. Ter Zar, der in sehr heiterer Stimmung war, trug den Großkordon der Ehrenlegion über der Infanterie-Uniform, während Loubet im blauen Band des Andreasordens erschien. Ter Bürgermeister von Tünkirchen überreichte Brot und Salz auf einer Silberschüssel. Tie Marktfrauen boten nach alter Sitte der Zarin einen Silberfisch dar, den die Zarin annahm
Man begab sich nach der Handelskammer, die mit gelben und grünen Seidendraperien, Pflanzen und Blumen aufs prachtvollste geschmückt, einem Feenpalast gleicht. Hier wurde das Frühstück eingenommen. Präsident Loubet brachte in dessen Verlaufe folgenden Trink sprach aus:
„Sire, im Namen Frankreichs, das bei der Nachricht von Ihrem baldigen Eintreffen durch die Generalräte, die es kurz vorher gewählt, ferner Freude darüber Ausdruck gegeben hat, bitte ich Eure Majestät, unsere herzlichen Willkommensgrüße entgegenzunehmen bei diesem Besuch, dem wie vor fünf Jahren, die huldreiche Gegenwart Ihrer Majestät der Kaiserin besonderen Reiz verliehen hat. Tie französische Republik ist erfreut, einen Beweis für den guten Eindruck zu sehen, den Sie sich von Ihrem ersten Aufenthalt bet uns bewahrt haben. Tas ganze Land empftndet das um so mehr, als dieser neue Besuch vornehmlich seiner Armeeundseiner Ma rine gilt, welche beide Gegenstand seiner unaufhörlichen Fürsorge bilden, und es toeiü, daß, geschützt durch diese beiden, es mit Sicherheit und Würde die zähe und fruchtbringendeArbeit
Bahnhof zum Schiloß passiert, wurden Balkonplätze zu 75 Francs aus geboten. Von der Straße aus den offiziellen Bag zu sehen, ist sogut wie unmöglich. Der Zar wird unter einem Triumphbogen durch eine leergefegte Straße einziehen. Die Umgebung des Schlosses selbst ist vollständig abgespemt. Auch an den wenigen Stellen, wo das Publikum sich gruppieren könnte, sind Polizisten auf- gestellt worden.
Beistehend bringen wir unseren Lesern ein Bild des Schlosses in Eompiegne. Es konnte in der That kein schönerer Platz für den Zarenbesuch gewählt werden als dieser. Im Departement Oise an der Nordbahn gelegen, ist es in fast gleich kurzer Zeit von Paris und der Küste aus, wo der Kaiser landet, zu erreichen. Dabei ist das Schloß Compiegne ein Bau, der allen den für ein kaiserliches Hoflager nötigen Komfort aufweist, war es doch vor der Republik die zeitweilige Resident der französischen Kaiser und Könige bis zurück aus Ludwig XV. Dieser ließ den Bau in seiner heutigen Gestalt durch, den Architekten Gabriel aufführen. Später residierten hier Ludwig XVI. mit der Königin Marie Antoinette, und zu jener Zeit war Compiegne der Platz der größten Prachtentfaltuna des königlich französischen Hofes. Die Räume, die der Zar beziehen wird, dienten einst den beiden Napoleonen zum Aufenthalt, und für die Zarin sind die Gemächer besttmmt, in denen die Kaiserin Marie Luise mit Vorliebe wohnte. Alles was aus der Zeit der französischen Herrscher stammt, hat die republikanische Regierung in den Zimmern der fürstlichen Gäste aufgestellt, sodaß Compiegne in den bevorstehenden Septembertagen in altem Glanze erblichen wird. Auf unserem Bild zeigen wir die Vorderfront des Schlosses mit den beiden Seitenflügeln. An der Nück-
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Lampson trMarhn, Berlin,#. 50.
fortsetzen kann. Tie Zurufe unserer Marinemannschaften auf Ihrer Fahrt sind die gleichen, die in allen Orten Frankreichs das geliebte Herrscherpaar der Nation grüßen würden, die mit der unserigen verbunden ist durch gemeinsame Sympathie, durch übereinftimmenbe Interessen und durch die jeden Tag in innigere Fühlung tretende Politik ihrer Regierungen. Sire, die französische Marine ist Ihnen ganz außerordentlich dankbar für die Ehre, die Sie ihr soeben erwiesen haben. Indem ich diesen Gefühlen Ausdruck gebe, erhebe ich mein Glas auf den Ruhm Der Regierung Euerer Majestät, auf das Wohlergehen Ihrer Majestät der Kaiserin und auf das Ihrer Majestät der Kaiserin Marie und der kaiserlichen Familie, auf das Gedeihen Ihrer Marine, die noch jüngst mit der unserigen in den Meeren des fernen Ostens brüderlich zusammenstand."
Tie Musik spielte die russische Hymne. Ter Präsident hatte feinen Trinkspruch mit bewegter Stimme gesprochen. Gleich darauf erhob sich Kaiser Nikolaus und entgegnete:
„Tie Kaiserin und ich empfinden eine ganz besondere Freude darüber, nach Frankreich zu der befreundeten und verbündeten Natton zu kommen. Wir sind tief gerührt von dem uns bereiteten so sympathischen Empfang. Mit der lebhaftesten Befriedigung habe ich soeben das glänzende Nordgeschwader bewundert und ich spreche Ihnen meinen aufrichtigsten Tank dafür aus, Herr Präsident, daß Sie mir bei meiner Ankunft in den französischen Gewässern dieses eindrucksvolle Schauspiel geboten haben. Ich trinke auf Die Wohlfahrt der französischen Flotte, die vor Kurzem mit der meinigen in den Meeren des fernen Ostens brüderlich zusammen stand, auf die Ihrige, Herr Präsident, und auf diejenige ganz Frankreichs!"
Tie Musik stimmte nunmehr die Marseillaise an. Beide Toaste wurden stehend angehört.
In der Handelskammer empfing das russische Kaiserpaar auch die belgische Mission, die der König der Belgier zur Begrüßung des Kaiserpaares abgesandt hatte.
Tie Frühstückstafel wurde kurz vor 4 Uhr nachmittags ausgehoben. Nach einer kurzen Ruhepause geleitete Loubet die Gäste vor die Thür der Handelskammer zu dem bereit- stehenden Sonderzuge. Nachdem der Zar eingestiegen, nahmen Loubet und die Minister im folgenden Waggon Platz, worauf die Abfahrt nach Compiegne erfolgte.
Im Schloß von Compiegne ist alles ftir den Zarenbesuch borbereitet. Freilich gleicht der Ort mehr einem für den Einzug eines Feldherru geschmückten Kriegslager. Wir haben bereits gestern in einem Artikel die getroffenen Sicherheitsmaßregeln geschildert. Ein ganzes Armeekorps, 10 000 Mann, ist zur Verstärkung der kleinen Garnison auf- geboten worden. In den Straßen sieht man fast nur Uniformen, obwohl von allen Seiten Extrazüge auch neue Zivilmassen bringen. Auf der Straße, die der Zar vom
feite schließt sich der herrliche Park an, in welchem eine Bogenlaube von 1400 Meter Länge führt. Die Architektur des Schlosses weist die graziösen Formen des Rokoko auf, die sich auch in dem Inneren in reicher Mannigfaltigkeit offenbart. Wertvolle Gemälde, Skulpturen und GobolinH verleihen dem Schloß Compiegne auch einen hohen kunsthistorischen Wert. Von den bemerkenswertesten Räumen erwähnen wir das Vestibül, den Saal der Wachen, den Saal der Thürhüter, den Thronsaal, das Kaiserinnenzimmer und den großen Empfangssaal. So birgt denn Compiegne eine Perle unter den französischen Schlössern, nun nach mehr als 30 Jahren zum erstenmal wieder gekrönte Häupter in seinen Mauern.
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Wenn man nun die aus Frankreich kommenden Berichte liest, so erkennt man, daß sie darin übereinftimmen: Ter erste Akt des mit soviel Ungeduld erwarteten Schauspiels „Ter Besuch des Zaren" hat durchaus nicht „elektrisierend" gewirkt. Nicht einmal in der guten Stadt Dünkirchen war von Begeisterung viel zu verspüren, was freilich kein Wunder ist, wenn man hört, daß beinahe sechstausend Sicherheitsbeamte in den Mauern Dünkirchens sich nützlich machten und daß die Quais bei dem Nahen der russischen Kaiseryacht „von Bajonetten starrten, als gälte es, einen Feind abzuwehren". Präsident Loubet und das Zarenpaar vereint an Bord des „Standart"! die harrende Menschenmenge hat aus weiter Entfernung diesen „historischen Moment" an dem Aufhissen der Kaiserflagge und der Trikolore erkennen können, am 5^urra der Mannschaften und dem Geschützdonner. Aber die Schaulust des Volkes verlangt mehr; die Masse hat keine Phantasie, und ihr fehlt jedes Verständnis für das feine Wort Taudet's, daß die Worte schöner find als die Tinge... Es heißt, der Zar werde der Einladung Loubets zu einem Besuch in Paris zustimmen. Wenn es den Parisern nur nicht eracht, wie den Bürgern von Reims, die.ohne alle Umstande dazu gezwungen sind, sich scharfen polizeilichen Beschränkungen zu unterwerfen. So sollen die Bewohner derjenigen Straßen, welche der Festzug passiert, am Donnerstag von 10 Uhr ab ihre Wohnungen nicht mehr verlassen dürfen! Dergleichen kühlt die Begeisterung für den Gast der Republik bedeutend ab. In Paris würden die Sicherheits- Verkehrungen noch energischer fein, die Absperrung der Sttaßen, durch die der Zar fährt, würde derart )treng sein müssen, daß lediglich die Geheimpolizisten und die erprobtesten Beamten Der Regierung für die „Ovationen' der Bevölkerung" zu sorgen hätten. Wird vollends die Pariser Presse nicht genügend berücksichtigt, dann dürfte der Chor der Mißvergnügten, der schon mehrmals aufgetreten ist in diesen Tagen, gar nicht erst den Abschied 5es Gastes abwarten, uni grimmiger Enttäuschung Luft zu machen.


