Nr. 142
Erstes Blatt
151. Jahrgang
Donnerstag 20. Juni 1901
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die für dauernd untauglich befundenen Militär-
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Adresse für Depesche«» Anzeiger Stehe».
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Pflichtigen, soweit denselben zugeht;
die zum Landsturm I in Militärpflichtigen;
die zur Ersatz-Reserve in Militärpflichtigen;
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Kscheditton und towfcwi: tMltagt 7.
die von der Ersatz-Kommission als tauglich und einstellungsfähig erkannten Militärpflichtigen, einschließlich derjenigen aus früheren Jahrgängen;
die von den Truppenteilen zur Disposition der Ersatz-Behörden entlassenen Soldaten;
die von den Truppenteilen abgewiesenen einjährig
und russisch, die erfolgreiche Theaterstücke schreibt und geradezu meisterhaft zu deklamieren versteht. Sie trug zunächst zwei Gedichte vor, von Hugo SaluS und Rudolf EySler. Nament lich „das Gänschen- von EySler, ein sehr lustiges keckes Ding, gab ihr Gelegenheit, die Pikanterie und wirksame Ab tönung ihres Vortrages zu zeigen.
Die dritte der Ueberbrettl-Damen ist eine Soubrettl- Dame von einer Verwegenheit der Bewegungen, von einer Mimik, wie man sie in besseren Varietee Theatern glücklicher weise nur selten sieht. Diese absichtliche Derbheit, diese bewußte Karikatur der Chansonette niederen Ranges mußte im höchsten Grade abstoßend wirken. Alles, was bisher geboten worden war, mit einziger Ausnahme des Petösyschen „Narrn", war mehr oder weniger anstößig gewesen, hatte aber doch Grazie und Chic, war immerhin Kunst gewesen Frl. Bradsky dagegen würde von jeder halbwegs reinlichen Varietee-Bühne mit ihrer bald zotigen, bald unwahr sentimentalen Mimik schleunigst verbannt werden. Die „Madame Adäle" des Herrn v. Wolzogen, die sie u. a. vortrug, ist ein Thema, daS, freilich in nicht ganz so gewandter Form, schon tausendmal in jedem Tingeltangel gesungen worden ist.
Ein paar Liliencron'sche Gedichte brachte dann Herr Robert Koppel, ein blonder junger Mann, der namentlich mit „Die Musik kommt!", dem prächtigen Poem des vor trefflichen holsteinischen Dichters, großen Erfolg errang. Es bringt ja eigentlich nichts Neues, dieses Lied, das die Minen, Trinen, Stinen ans Fenster lockt, wenn die Mufike vorüberzieht; dieses Thema hat jedes Tingeltangel schon knS zum Aeußersten abgehetzt, aber erst durch LiliencronS Dichtung wie Straus' Musik ist es in die echte Kunst eingeführt worden. Dichter und Komponist haben hier wirklich kleine Meisterwerke in ihrer Art geschaffen.
Wolzogen selbst gab u. a. ein „Ballade vom ver kauften Assessor" zum Besten, die den Gipfelpunkt des Las ziven bedeutet, von dem an diesem Abend mit so übervollen Mündern gespendet wurde. Die breite Behaglichkeit, mit der hier ein häßliches Thema in guten Versen auSgesponnen wurde, war so abstoßend, daß wir aufgehört haben, ihm
weiter unsere Sympathien zu schenken. ES ist nichts als ein taktloses Tingeltangelbums-Poem übelster Sorte.
Wir sahen uns dann noch ein Zwischenspiel an von Raoul Auerheimer, betitelt „Der Unverschämte-, das vor einigen Wochen in Georg Hirths „Jugend" veröffentlicht wurde. DaS kleine Dramolet ist sehr geschickt gemacht und wurde von Frau Wohlbrück, die eine sehr kluge, sehr verführerische und sehr leichtsinnige, aber schließlich den Kürzeren ziehende junge Frau darzustellen hatte, und den Herren Koppel und de Louvel ganz vortrefflich verkörpert. Namentlich der zuletzt Genannte war von so echter Natürlichkeit, als erlebe er wahrhaft den ganzen Vorgang.
Es ist noch einn Stunde länger gespielt worden, von 7 bis 10 Uhr immer dasselbe, oder wenigstens annähernd dasselbe, fast unausgesetzt kleine Scherze mit frivolen Pointen — also fast gar keine Abwechslung. Wir meinen, ein leidlicher Magen kann eine solche dekadente Schlemmer-Kost wohl 45 bis höchstens 46 Minuten vertragen. Was darüber ist, das ist vom Uebel. Ein dreistündiges Mahl, bei dem's nur Austern gibt, ist fürchterlich.
Wolzogen hat mit seinem Ueberbrettl bereits Nachahmer gefunden. Einige Darsteller des Deutschen Theaters in Berlin haben sich zu „Schall und Rauch- vereinigt, und in München haben sich die „elf Scharfrichter" etabliert. Nach dem, was wir von den beiden bisher gelesen haben, scheinen sie wegen ihres größeren Ernstes, ihres eifrigeren Bemühens, im Dienste der echten Kunst zu beharren, mehr Existenz-Berechtigung zu besitzen als das Ueberbrettl. Die Versuche Holzamers in Darmstadt, ernsthafte Lyrik im Bühnenbilde darzustellen, gingen auch von demselben Gedanken aus und waren gewiß unterstützungswerter als Wolzogen mit samt seinen beiden Nachahmern. Ihr Erfolg blieb aus, weil unsere Zeit für derartige feine künstlerische Bestrebungen noch nicht reif genug ist. — Der Gedanke der Ueberbrettls ist gut, seine Ausführung aber, zum mindesten nach dem uns am Samstag gebotenen Programm, tadelnswert. Welche Ueberbrettlwut aber z. Z. in gewiffen Kreisen herrscht, zeigt eine Berliner Meldung, derzufolge
welche den betreffenden unverzüglich zuzustellen sind. Der Vollzug der Ladungen ist innerhalb 5 Tagen anzuzeigen. Die Militärpflichtigen find außerdem anzuweiseu, ihre Losungsscheine mit zur Stelle zu bringen.
Die zur Beurteilung von Reklamationen in Betracht kommenden Personen, wie Eltern, Geschwister, haben ebenfalls zu erscheinen, ansonsten auf die betreffenden Reklamationen keine Rückficht genommen werden kann, was die Großh. Bürgermeister den betreffenden Reklamanten noch besonders mitzuteilcu haben.
Sollte eine Ladung nicht vollzogen werden können, so ist der Grund hiervon berichtlich anzuzeigen, und ist, wenu ein Militärpflichtiger von seinem bisherigen Wohnorte weggezogeu ist, zugleich anzugeben, wohin derselbe verzogen ist.
Die Großherzoglichen Bürgermeister haben bei dem Ober- Ersatz^- Geschäfte bis zum Schluß des gesamten Aushebungs- Geschäftes selbst anwesend zu sein, um bei der Untersuchung von Felddienstuutauglichen, sowie Invaliden ev. Auskunft geben zu können, auch haben fich dieselben darum zu bemühen, daß die Militärpflichtigen, den Ladungen entsprechend, eine Stunde vor Beginn des Geschäfts zur Stelle find, nüchtern und reinlich gekleidet erscheinen, und während des Anshebuugs- geschäftes ein anständiges und ruhiges Verhalten beobachten, was denselben vor Abreise nach den einzelnen Aushebungs- Bezirken noch ausdrücklich zu eröffnen ist.
Gießen, am 29. Mai 1901.
Der Zivil-Vorsitzende der Großherzoglichen Ersatz Kommission des Kreises Gießen.
Boeckmann.
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Betreffend: das Ober Ersatzgeschäft sür 1901.
DaS Ober-Ersatzgeschäft für 1901 wird im Kreise Gießen
Montag den 24. Juni im Rathause zu Lich, vormittags 8 Uhr,
DieuStag den 25. Juvi in der Restauration „Zum Lonys Bierkeller", Schanzenstraße Nr. 18, zu Gießen, vormittags 8 Uhr,
Mittwoch den 26. Juni daselbst, vormittags 8 Uhr, Donnerstag den 27. Jnrri daselbst, vormittags 8 Uhr,
Freitag den 28. Juni im Gasthaus „Zum Rappen" zu Grüuberg, vormittags 8 Uhr, stattfinden.
Es haben sich nach Maßgabe der besonders ergehenden Vorladungen an den genannten Tagen vor der Großherzog' lichen Ober-Ersatz-Kommission im ersten Bezirk der 49. Infanterie-Brigade in sämtlichen AnshebnngSorteu zu gestellen:
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Bekanntmachung
Betr.: Den Ausschlag der Staalssteuern für das Steuerjahr 1901/02; hier: Verlängerung der Berufungsfrist.
Großh. Ministerium der Finanzen hat die Frist zur Borbringung von Berufungen gegen die Veranlagung zur Staatssteuer wegen verspäteter Zustellung der Staatssteuerzettel für den Bezirk des Großh. Steuerkommissariats Hungen für dieses Jahr bis zum 15. Juli erstreckt.
Hungen, den 14. Juni 1901.
Großh. Steuerkommiffariat Hungen.
I. V.: Wenzel, Regierungs-Affeffor.
v«zugrprei§ tttrt<W< Mk. 2.20, mojwtl. 75 W. nntBrmgkrlohn; durch«» Abholrft<g«n DürtetyfM, Mk. 1.9G,nwRat(. 65 PU,
Bet Postbezug Diertefjifr* Mk. 1.00 ohne BesteS«M.
Otk Bp|<tacn t<truiltt[iiw«lr stellen bei 5n und KuMhm nehmen Anzeigen für bae Siebener Anzeiger entgeara. Zetlcnprefa lokal 11 W» auSwSrlS 80 Plg.
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Wer wird für den Krieg bezahlen?
Es ist nur ein kurzer Spaziergang nach Pretoria und Transvaal wird ihn bezahlen — mit diesen schönen Hoffnungen gingen die Engländer in den Krieg Tast der Spaziergang recht lang geworden, wissen sie jetzt, und noQ) lieber möchten sie wissen, wann er endlich zu Ende kommen wird. Und daß es mit dem Bezahlen noch länger dauern wird, wissen sie nunmehr auch. Taff England von den 900 Millionen Mark, die es in Steuern für den Krieg aufgebracht hat, nichts Wiedersehen würde, war allerdings schon längst klar. Mer da bleibt ja noch die auch nützt zu verachtende Summe von 2 einhalb Milliarden Mark, die man in Anleihen hat nehmen müssen, und deren Verzinsung allein, ganz abgesehen von einer Tilgung, 75 Millionen Mark das Jahr verschlingt. „Hierbei wenigstens werden die beiden Republiken ordentlich mithelfen", hieff es da, „und Täs von Rechtswegen, denn — sie haben ja den Krieg heraufbeschworen". „Recht hin, Recht her", antworteten darauf kriegsfeindliche Liberale wie Sir William Harcourt; „kann uns die Regierung vielleicht eine Andeutung darüber machen, wo diese verwüsteten Burenstaaten das Geld für Zahlung der Kriegskosten her
nehmen können?" Tie Frage war wie so mancher andere Wissensdrang der „Pro-Buren" der Regierung recht unangenehm, und da sie keine bessere Antwort wußte, schickte sie im vorigen Herbst einen Finanzmann nach Südafrita, der die zukünftige Zahlungsfähigkeit der „eroberten" Republiken einer „fachmännischen Prüfung" unterwerfen sollte.
Sir Tavid Barbour, ein früherer Finanzminister Indiens, hat jetzt seinen Beruht eingereicht, mit) ivenn er auch, als treuer Regierungsmann die Hoffnung auf eine künftige Beisteuer zur Kriegsanleihe nicht ganz zerstört, so bringt er für die nächsten Jahre doch nur die alte Erfahrung in Aussicht, daß, wo nichts ist, auch der König von England sein Recht verloren hat. Tie Budgets, die er für Transvaal und die Oranje „Kolonie" aufstellt, enthalten natürliche nur annähernde Schätzungen, wie sie ja überhaupt etwas vorzeitig erscheinen, da man zu einem Landesetat doch in erster Reihe auch das Land haben muß. Toch wenn auch noch da^ Orchester fehlt, das diese Budget- Zukunftsmusik spielen soll, sehen wir uns einmal die Partitur an. Für den ehemaligen Oranje-Freistaat klingt die Melodie sehr einfach und leicht verständlich, Nachdem ein einigermaßen geordneter Zustand wiederhergestellt ist, werden sich Einnahmen und Ausgaben im besten Falle die Wage halten. Keinesfalls wird das Land vorläusig im stände sein, neue Lasten auf fiefy zu nehmen. Toch vom Freistaat hat England überhaupt nichts erwartet. Transvaal und seine Minenschätze sollten England zahlen, das ja nach, Lord Salisbury weder Gold noch Gebiet erstrebte. Im Jahre 1898, ben letzten nicht durch den Krieg gestörten Jahre, betrugen die Einkünfte Transvaals in runden Zahlen 80 Millionen. Nachdem Sir Tavid Barbour eine Erniedrigung der hohen Zölle auf Nahrungsmittel, dagegen eine Erhöhung der Getränkesteuern und gewisse andere Veränderungen in den Abgaben vorgeschlagen, berechnet er die mutmaßlichen Einnahmen auf 67 Mill. Mark. Tem gegenüber stellt er als ordentliche Ausgaben unter einer „sicheren und ehrlichen" britischen Verwaltung 52 Millionen. Tazu kämen aber noch 5 Millionen als Zinsen einer Anleihe von 100—140 Millionen, welche man auf- nehmen müßte, teils um die Entschädigungsansprüche der Käpkolonie und Natals zu bezahlen, teils um die Verwüstungen in Transvaal wieder gut zu machen, teils nm einen Rückhalt für voraussichtliche Fehlbeträge in der Hand zu haben. Tazu kämen ferner 30 Millionen zur Unterhaltung der in der Einrichtung begriffenen militärischen Polizeitruppe. Insgesamt auf 10 000 Mann angesetzt, will die englische Regierung vorläufig 4000 davon aus eigener Taschje bezahlen, da dieselben ja ebenso viele reguläre Truppen ersetzen würden, die man sonst in Transvaal belassen müffle. 6000 aber zu 5000 Mark pro Kopf jährlicher Kosten sollen von Transvaal unterhalten werden.
Tamit steigen die Ausgaben aber schon auf 87 Millionen, die bei 67 Millionen Einnahmen ein Defizit von 20 Millionen ergeben würden. Tas schaut für die englischen Steuerzahler nicht gar vielversprechend aus. Aber wo bleiben die Goldminen? Sir Tavid macht den
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General-Anzeiger v
Mts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
Jarlen.
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Eintritt 50 Pfg, Tossh. Musikdirektor.
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igen der Wiesbaden stehen unseren Mitgliedern mtsbillets ig verwendbar - gten Preisen zur "Verfügung, ind; Dr. fromme.
Freiwilligen.
Den Großherzoglichen Bürgermeistereien werden besondere Ladungen für die Militärpflichtigen k. H. zugehen, Das Neberdrettl und das §rettl in krantrfurt a. M. (Schaff)
Nach einer Einleitungsrede stellte Herr v. Wolzogen uns Herrn Seiler vor, einen sehr unsympathischen Herrn, der das frische Lied Wolzogens „Den lieben, süßen Mädeln" nach einer sehr charakteristischen Musik von James Rothstein mit ganz unleidlicher Theatralik, mit himmenden Augen und Gebetsgesten vortrug. Wir haben selten etwas Geschmackloseres gesehen. Dieses anmutige, leichte, tändelnde Liedchen wurde ganz und gar zerzaust und verhunzt durch deplazierteste tragödenhafte Mimik.
Dann erschien Herr Karl Kopp, ein nicht mehr ganz junger Herr von sophokleischer Behäbigkeit, der mit gutem Ausdruck und sehr wirkungsvoll ein Gedicht von dem ungarischen Poeten Petöfy vortrug, „Der Narr", ein schwieriges aber glänzend gelöstes Deklamationsstückchen, dem niemand seine Achtung versagt haben wird.
Und nun lernten wir zwei recht intereffante Persönlichkeiten kennen, Frl. Olga d'Esträe, eine junge Dame von liebreizender Anmut und bestrickendem Aeußeren, und Herrn Oskar Straus, den an graziösen musikalischen Einfällen nnerschöpflichen Tondichter, einen echt sezessionistisch langen Herrn mit auffallendem schwarzem Charakterkopf, — einer Hakennase A la Herm. AllmerS, wie man sie sonst alle 10 Jahre höchstens einmal sieht — und einer Riesen- Orchidee im Knopfloch. Frl. d'Eftröe sang u. a. „Das Bettelbubenlied", „Das Laufmädel" und „Kußlehre" von Paul Fleming. Dies letztere gab Herrn v. Wozogen Beranlaffung, das Publikum darüber auszuklären, daß dieses schelmische Lied bereits 1640 gedichtet sei, noch dazu von einem Manne, Ler viele Kirchenlieder verfaßt habe — eine Vielseitigkeit, Seren wir uns zu freuen allen Grund hätten. Ueber diesen Witz waren die meisten Zuhörer so freundlich, zu lachen.
Eine weitere neue Erscheinung war dann die nach M^chners Kalender 34 jährige Frau Olga W oh brück, die Gattin des bekannten Lyrikers Maximilian Bern, eine graziöse kleine Dame von viel Temperament, die in drei Sprachen wit großem Erfolg Komödie gespielt hat, deutsch, französisch
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