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20/02/1901 Zweites Blatt
 
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Nr. 43 Zweites Blatt.

151. Jahrgang.

Mittwoch 20. Februar 1901

Erscheint täglich mit

Ausnahme des Montags.

Die Gießener Familien biStter werden dem An- zeigerim Wechsel milHkss. Landwirt" undBlätter für Hess Volkskunde" vier- mal wöchentlich beigelegt.

Annahme von «nxclgen iu der nachmittag« für den folgenden Tag erscheinenden Hummer bi« oorm. 10 Uhr. Ibbeftellungen spätesten« abend« vorher.

ahion, Expedition und uderei: Schulstratze 7.

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger v '**7

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Das Publikum des Gerichtssaals.

Als der in Könitz wegen Meineids zu. vierjähriger Zuchthausstrafe verurteilte M o r i tz L e w y abgeführt wurde, rref man aus der Menge dem Verurteilten hämische und schadenfrohe Aeußerungen zu, wie:Adieu Moritz!"Viel zu wenig!"Hättest müssen 20 Jahre bekommen!" usw. Auch wenn man die in Könitz seit der Ermordung Winters herrschende Erregung in Betracht zieht, wird man solche Kundgebungen als gemütsroh verurteilen müssen. Es ist genug an der Strafe; darüber hinaus noch die Qualen dessen, der unter dem vollen, niederschmetternden Eindruck des Urteils steht, durch Spott zu verschärfen, ist eine Grau­samkeit, die keineswegs allein in Könitz, sondern auch an anderen Orten, in neueren Sensationsprozessen, sich auf­fällig bemerkbar gemacht hat und eine resolute Abhilfe dringend wünschenswert erscheinen läßt.

Für manchen ist der Gerichtssaal gewissermaßen ein Theater; er besucht die Sitzungen nicht etwa aus einem höheren Interesse an der Rechtspflege, oder weil ihm die Vorgänge psychologisch wertvoll sind, sondern um eine wohl- feile Nervenaufregung zu haben durch die Ereignisse und Ueberraschungen des Prozesses, um einen tüchtigen Ver- tetdiger, einen schneidigen Staatsanwalt sprechen zu hören. Ten Einen und Anderen lockt sogar einzig und allein die brutale Begier, den armen Sünder auf der Anklagebank leiden, zwischen Hoffnung und Verzweiflung schweben zu sehen. Ein beträchtliches Kontingent der Gerichtssaalbesucher stellen dieKriminalstudenten", die mit gespannter Auf­merksamkeit der Verhandlung folgen, um daraus zu lernen, wie sie sich in ähnlichen Fällen als Angeklagte am geschick­testen zu benehmen hätten.

Vor diesem gemischten Publikum muß nicht nur der Be­schuldigteSpießrutben laufen", es ist auch jeder Zeuge einer mehr oder minder animosen Betrachtung und Glossier­ung ausgesetzt. Die Folge ist, wozu weiter noch Fragen beitragen, die mitunter ganz außerhalb der Sache liegen und den Zeugen in Verlegenheit setzen, daß in weiten Kreisen bcr Oeffentlichkeit die Abneigung gegen das Zeug­nis a b l e g e n immer mehr zunimmt. Entweder der Zeuge sagt günstig aus für den Angeklagten, daun kann es ihm der Verteidiger in einer Weise, die keinenfalls angenehm ist. Auf alle Fälle amüsiert oder mokiert sich das liebe Gerichtssaalpublikum. Wie sehr die Verhandlung als eine Sache der Unterhaltung von diesem vielfach aufgefaßt wird, beweisen die öfteren Aeußerungen der Heiterkeit. Der­gleichen entspricht wahrlich nicht dem Ernst der Situation, Ivo es sich um Ehre, Freiheit uno Existenz eines Mitmenschen handelt! Dagegen sollte noch energischer, als es geschieht, Front gemacht und durch angemessene Verteilung von Be­amten im Zuhörerraum dafür gesorgt werden, daß Per­sonen, die nicht den gebührenden Respekt beobachten vor der Würde des Gerichts, schleunige und dauernde Entfernung zu gewärtigen haben. Ebenso wird darauf zu achten sein, daß nicht Zeichner und Photographen meuchlings das Bild deS Zeugen festhalten, was neuerdings in Aufnahme kommt and selbstverständlich bei dem Betroffenen nicht als eine schmeichelhafte Aufmerksamkeit gilt. Vor allem aber berück­sichtige man den Angeklagten und suche innerhalb ver­ständiger Grenzen eine Erschwerung seines Schicksals von ihm fernzuhalten. Man gönne ihm einige Minuten Zeit zur Sammlung nach dem Urteilsspruch und lasse dafür Sorge tragen, daß die Umgebung des Gerichtssaales bei der Ab­führung des Verurteilten von Neugierigen gesäubert ist. Solche Rohheiten wie in Könitz müssen verhütet werden.

Nach dem Gefühl manches Beobachters beginnen Sen­sation und Leidenschaft sich in die Rechtspflege einzudrängen. Es giebt Prozesse wie z. B. der Prozeß Sternberg, in denen die Sensation, das Erstaunliche, die Schlag auf Schlag fol­genden Enthüllungen ungerufen sich einstellten; in andere Prozesse wird die Sensation von außen her künstlich hinein- Hktragen. Als 9Jiufter eines Prozesses, mit dem Bestreben, alles nicht unmitelbar zur Sache gehörende abzuweisen, darf der soeben in Berlin verhandelte Prozeß gegen den Kri­minalkommissar Thiel gelten.

Je sachlicher und kühler der Prozeß ist, umsomehr wird neben dem Recht auch die Humanität im Gerichtssaal zur Geltung kommen und das Publikum, das aus niederen Beweggründen erscheint, wirksam enttäuscht werden.

Politische Tagesschau.

Aus Berlin, 18. Februar, wird uns geschrieben:

Mit den Blättern,die es als ihre Aufgabe erachten, die antienglische Stimmung dauernd in Atem zu halten", setzt sich heute abend dieNordd. Allg. Ztg." aus­einander. Tas Organ der Regierung erhebt- insbesondere gegen die Bestrebungen der Alldeutschen diesen Vor­wurf. Das Verhalten der deutschen Regierung bei der Beschlagnahme deutscher Dampfer durch britische Seebe­hörden habe gezeigt, daß die Regierung ihrer Pflicht gerecht wird, wenn wirklich ein englischer Eingriff in deutsche Rechte festzustellen ist; seitdem sei in den amtlichen Be­ziehungen des Reiches zu England keinerlei Störung vor­gekommen. Gleich nach der Konstatierung des letzteren Um­standes muß sich die,,N. A. Ztg." doch mit einer solchen Störung" beschäftigen: mit der, neutralen Deutschen von den Engländern in Südafrika zugefügten Behandlung. Den amtlichen Verkehr mögen diese Vorgänge nicht beeinflußt haben; jedenfalls ist die Oeffentlichkeit dadurch erregt wor­

den. In allen Ehren die Erklärungen des Staatssekretärs des Auswärtigen vor dem Reichstag, das eifrige Bemühen des kaiserlichen Konsuls Nels in Johannesburg zu Gunsten der Ausgewiesenen aber, wenn die Sache ganz in Ord­nung und jede billige Entschädigung und Genugthuung unseren geschädigten Landsleuten von englischer Seite ge­leistet wäre, bann würden doch wohl die Ausgewiesenen nicht immer wieder Protestversammlungen und Eingaben veranstaltet haben. DieN. A. Ztg." spricht vonmannig fachen Belästigungen, die jeder Krieg auch den Neutralen zufügt." Das Wort Belästigungen ist aber zu milde in Anbetracht der den Ausgewiesenen rücksichtslos zugefügten Beeinträchtigungen ihres Erwerbes und ihres Gesundheits­zustandes.

Die angekündigte Postkonferenz wurde am Montag durch Staatssekretär v. Po d b iels ki im Sitzungs­saale des Reichspostamts zu Berlin eröffnet. Aus dem Reichs­postamte nahmen teil: Unterstaatssekretär Fritsch, die Ministerial-Direktoren Kraetke, Sydow und W i t t k v, die Geheimen Ober-Posträte Bernhardt und Franck! Geheimer Postrat Aschenborn, die Posträte Kvbelt und Köhler. Eine große Anzahl von Handelskammern und anderen kaufmännischen und industriellen Körper­schaften hatte Vertreter gesandt. Auch die Aeltesten der Kaufmannschaft von Berlin und der Verein Berliner Kauf­leute und Industrieller waren vertreten. Die Tagesordnung umfaßt acht Punkte, davon betrafen vier Verbesserungerr und Fragen des Telegraphenbetriebs. In Betreff des Klopferbetriebs stehen die guten Erfahrungen der! Verwaltung mit den Klagen einiger Handelskammern in Widerspruch. Es wird behauptet, daß mit der Ausdehnung des Klopferbetriebes die Telegrammentstellungen zunehmen. Ein neues Telegrammformular ist ferner seit dem vorigen Jahre in Berlin und einer Anzahl von größeren Städten versuchsweise eingeführt. Bei diesem ist der Auf­gabeort auf der Außenseite sichtbar; auch sind bie An­kunftszeit und im allgemeinen auch die Abfertigungszeit nicht mehr angegeben. Es fragt sich, ob das Formular Jt'l^gerun g der tele­graphischen Korrespondenz mit England. Der vierte Punkt betraf die Ausführung des Wörterver­zeichnisses, das das Internationale Tetegraphenbureau in Bern herausgegeben hat als Norm für die Abfassung von Telegraphen-Codices. Ebenfalls vier Punkte be­trafen den Postbetrieb. Bei der Versendung von Druck- achen unter einfachem Streifband oder in offenem Um- chlag verschieben sich häufig Briefe, Postkarten usw. in diese Sendungen und geraten in Verlust oder erleiden Ver­zögerung in der Beförderung. Es fragt sich, ob es sich empfiehlt, die Vorschriften der Postordnung dement prechend abzuändern. Einschreibsendungen, Wertsendungen und Postanweisungen bis 400 Mark können jetzt an ein erwachsenes Familienmitglied bestellt werden. Es fragt sich, ob diese Bestimmung aufzuheben ist. Auch die schwierige Frage der Erzielung eines gleichmäßigen Formats der Briefe wurde behandelt. Den letzten Punkt der Tagesordnung bildete die Einführung des Postscheck­verfahrens, eine Absicht, an der die Postverwaltung festhält. Staatssekretär v. Podbielski entwickelte, unterstützt von den zuständigen Referenten des Reichspostamts, die Absichten der Verwaltung und nahm die Anregungen und Wünsche der anwesenden Vertreter des Handels und der Industrie entgegen.

Ein zurückgetretenes Ministerium hat in Bulgarien immer mehr Feinde als irgend ein anderes, und die Freunde sind eingeschüchtert; die Bulgaren sind eben überzeugte Opportunisten. Es wird sich nun darum han­deln, wie man diese selbstgeschaffene Lage wieder beseitigt. In der englischen Presse ist schon übereilt von einer Thron­bewerbung des Prinzen Franz Joseph von Bat­tenberg, des Bruders des ersten bulgarischen Fürsten, )ie Rede; er bekleidet in dem bulgarischen Heere, an dessen Kämpfen gegen Serbien er als Zuschauer teilnahm, den Rang eines Obersten honoris causa und hat zur Frau eine der montenegrischen Prinzessinnen, deren Anmut mehr als die Poesieen Nikitas und die Hammeldiebstähle der montenegrischen Helden die schwarzen Berge Europa in Erinnerung gebracht hat. In Petersburg ist Franz Joseph gern gesehen, lieber als Fürst Ferdinand, der sich über manches Petersburger Erlebnis zu beklagen Ursache hat. Die Bulgaren haben weder für Den einen noch für den andern Sympathie. Von Bedeutung würde eine Kandidatur des zweiten Battenbergers werden, wenn eine Macht ein Interesse daran hätte, den Fürsten zu beseitigen. Das ist heute ausgeschlossen. Die Gemütsruhe des Fürsten, der durch die Krankheit seines ältesten Sohnes, des kleinen Boris, in Sorge versetzt ist, wird deshalb durch diese Kandidatur nicht sonderlich gestört werden.

Engländer und Buren.

lieber den Uebergang De Weis über den Oranje wird vom 15. Februar noch gemeldet: Nachdem De Wet eine Truppen in Philippolis zusammengezogen hatte, über chritt seine Kolonne die Grenze bei der Zanddrift. Plumer griff seine Nachhut bei Hamelfontein an und trieb sie zurück. Während der folgenden drei Tage waren die Buschmänner des Obersten Plumer beständig in Fühlung mit der Nachhut

De WetS. Indessen hemmte ihren Vormarsch der Regen, der dann eintrat und das Land in einen förmlichen Sumpf verwandelte. Nach der Times ist es De Wet gelungen, die Eisenbahnlinie mit 10 Wagen zu überschreiten. Die Telegraphendrähte sind nördlich von De Aar durchschnitten worden. Die Burenkolonne, die im Westen der Kapkolonie bei Calvinia gestanden hat, maschiert jetzt nach Norden. Sie beabsichtigt augenscheinlich, sich mit De Wet zu vereinigen. Kruitzinger befindet sich mit 100 Mann im Gebiet von Murraysburg, seine Nachhut ist in Woobplaat (?) angegriffen worden. Sine Abteilung seines Kommandos unter Scheeper hat sich in drei Kolonnen von je 200 Mann geteilt und marschiert in der Richtung auf bie Station Prinz Albert Road. Man sagt, daß Kruitzinger und Scheeper durch Berittene direkte Befehle von De Wet erhalten haben.

Wie sich herausstellt, war der dem Gesandten Dr. L eyds gestohlene Koffer von dessen Tochter aus dem Haag abgesandt und enthielt Wäsche, Kleidungsstücke und Schmuck- fachen. Der Koffer ist inzwischen in einem Kanal wieder aufgefischt worden; von dem Inhalte waren nur noch Taschen­tücher und ein Kästchen mit der AufschriftPretoria- vor­handen.

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Telegramme des Gießener Anzeigers.

London, 18. Febr. Chamberlain erklärt in Be­antwortung verschiedener Anfragen Lloyd Georges und anderer Mitglieder des Hauses, die Politik der Regierung bezüglich Südafrikas habe sich nicht geändert. Er wiederholt dann seine früheren Erklärungen bezüglich der zukünftigen Regierung Transvaals und des Oranje-Freistaates.

Kapstadt, 19. Febr. Reuter Meldung. Heute find hier drei neue Pestfälle vorgekommen.

Graf Waldersee will eine neue Expedition zur Säuberung der Provinz Tschili von chinesischen Sol­daten unternehmen, und hat die Befehlshaber der verbün­deten Truppenkontingente ersucht, ihre Streifkorps für Ende dieses Monats in Bereitschaft zu halten. Der Gras bemerkt in dem betreffenden Tagesbefehl ausdrücklich, durch die kriegerische Operation solle ein Druck auf b e fi chinesi - chen Hof ausgeübt werden, sich den Forderungen der Mächte, besonders hinsichtlich der Bestrafung schul­diger Würdenträger, endlich zu fügen. Für den Fall, daß die Kaiserin durch ihre Truppen Widerstand leisten sollte, ist eine FlottenkundgebunginHankauzur gleichen Zeit in Aussicht genommen. Der militärische Erfolg dieser energischen Maßregeln steht wohl außer Frage, obgleich. Die Expedition wegen der Schwierigkeit des Transports auf den jetzt unwegsamen Bergstraßen sich sehr strapaziös gestalten wird. Dennoch sind Zweifel gestattet, daß der Endzweck der Operation, China nach der diplomatischen Seite hinklein zu kriegen", erreicht wird; es müsse Denn sein, daß es den Verbündeten gelingt, die schuldigen Beamten dingfest zu machen und die für angemessen erachtete Strafe selbst zu vollziehen. Andernfalls werden die chinesischen Unter­händler um neue Ausflüchte nicht verlegen sein. Wenn die kriegerischen Erfolge entscheidend wären, wäre der Friede längst geschlossen.

Eine Meldung Waldersees vom 16. aus Peking lautet: General v. Kettler hat von Paotmgfu Expeditionen unter Oberst Hoffmeister auf Taomakuan (85 Kilometer nord­westlich von Paotingfu am Khouho) gesandt.

DieTimes" beunruhigt sich wegen der Meldung ihres Pekinger Berichterstatters, der den Erlaß des Grafen Wal dersee an die ihm unterstellten Truppen mitteilt, sich für das Frühjahr zur Expedition nach Tayuenfu, ober noch weiter bereit zu halten. Tie Timesberichte raten bringend von solcher Expedition ab, die nur das Gegenteil des beabsich­tigten Zwecks erzielen würde. TieTimes" bemerkt in einem Leitartikel, es sei allerdings möglich, daß der neueste Befehl als Truckmittel aufzufassen sei, da die Chinesen augen- cheinlich wieder in ihre gewöhnliche Politik des Feilschens zurückfielen, und es sei vielleicht erwünscht, ihnen einen Wink zu erteilen, baß auf bie Dauer bie Mächte nicht mit sich pielen lassen würben. Wenn aber ber Befehl Walbersees mehr bebeute/ so hätte ber Schritt nicht geschehen dürfen, ohne bie Ansicht unb die Zustimmung der Verbündeten Deutschlands vorher einzuholen.

Der amerikanische General Chaffee ist von seiner Regierung angewiesen worden, sich nicht der neuen vom Grafen Waldersee geplanten großen Expedition anzü­cht i e ß e n, unb der amerikanische Gesanbte (Songer wurde instruiert, bei Walbersee vorstellig zu werben gegen bie neue Expebition, da schlimme Folgen für den Frieden mit China befürchtet werden.

T s ch w a n g hat nach einem kaiserlichen Edikt Selbst­mord zu begehen, 'Nühsien soll Hingerichtet werben Beide Urteile sollen in Gegenwart eines hohen Regierungs beamten vollstreckt werden, um die Fremden zufrieden zu teilen. $)inguten und Tschaotschutschiao werden eingekerkert. Die nach dem Tode an die Familien ber ge torbenen Schuldigen verliehenen Ehren werden ^""AM'gig qemadjt. In einer Konseren; der gesandten wurde d e Frage des Gesandschaftsviertels und ihrer Befestigung, sowie