Ausgabe 
19.12.1901 Zweites Blatt
 
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bessere Kenntnisse in der Buchfüh-vungt nmb der wrchtrgsten Bestimmungen des Genossenschaftsgesetzes.

Tann wurde die Rechnung und Bilanz für 1900 vor­gelegt, und nachdem die Prüfungskommission den ent­sprechenden Antrag gestellt hatte, dem Rechner Entlastung erteilt.

Einen weiteren Gegenstand der Tagesordnung bildete der Vortrag des Prof. Tr. Albert, Direktors des landw. Instituts Gießen, überGenossenschaftliche Milchverwertung im Lichte der heutigen Molterettechnik", der mit großem Beifall ausgenommen wurde. Ter Vortragende erwähnte einleitend, daß die Bildung von Genossenschaften zur ge­meinsamen Verarbeitung von Milch zu einem gewissen Still­stände gekommen sei, da die Landwirte vielfach wegen des großen Risikos, der hohen Arbeitslöhne, hoher Milchvieh­preise und ungenügender Milchpreise sich! von der Milch­produktion abwendeten. Es bestanden in Teutschland etwa 2000 Molkereigenossenschaften, von der überhaupt erzeugten Milch im Reiche wurden etwa 15 Prozent genossenschaftlich verwertet oder bearbeitet. Es komme bei der Rentabilität dieser Molkereien natürlich sehr darauf an, ob sie gut ein­gerichtet, ob sie mit besten Maschinen arbeiten, u. s. f. Tas Kilogramm Milch zu verarbeiten, koste in den besten Molke­reien einen halben Pfennig und steige bis auf 1 Pfennig bis eineinviertel Pfennig. Sobald diese Kosten über andert­halb Pfennig hinausgingen, könne man behaupten, daß der Betrieb nicht gut sei. Es komme natürlich sehr daraus an, der Milch das Butterfett bei der Verarbeitung möglichst voll­ständig zu entziehen. So enthalte die entrahmte Milch vielfach noch 0.25 Prozent Fett, während dieser Fettgehalt aus 0.11 Prozent Fett herunterzudrücken sei. Bei der Ver­arbeitung von täglich. 34000 Liter Milch mache das schon einen Gewinnunterschied von mehreren tausend Mark im ' Jahre. Auch die Buttermilch die bei der Verbutterung des Rahmes zurückbleibe, solle höchstens noch 0.3 Prozent Fett enthalten, doch seien bei schlechter Verbutterung 0.7 bis 1 Prozent Fett nicht selten. Tie Rentabilität hängt natür­lich weiter im hohen Grade von der Qualität der Milch ob. Tiese werde infolgedessen in der Regel nach dem Fett­gehalt bezahlt. Einen Liter Milch zu produzieren erfordere an Fütterungskosten 7 bis 9.2 bis 10.2 Pfg. Dazu kämen noch alle übrigen Kosten: Pflege, Zinsen vom Stallgebäude, Verluste beim Verkauf ab gemolkener Kühe re. Ter Butter­preis von 90 Pfg. bis 1 Mk. für ein halbes Kilogramm Butter fei ungenügend, erst bei einem Butterpreis von 1L20 Mk. beginne die Rentabilität.

Unwersltüts-Nachrichten.

Berlin, 17. Dez. Eine Prote st-Versammlung deutscher Studenten gegen die polnischen Demonstranten in der Vorlesung des Prof. Schiemann findet morgen abenb statt.

Wie' dieNat.°Ztg." erfährt, wird die A u s a e st a l t u n g der Akademie zuMunster zu einer Universität bereits am 1. Oktober 1902 in Kraft treten. Die erforderlichen Positionen werden im nächsten preußischen Etat erscheinen. Die Ausgestaltung wird jedoch nicht, wie es bisher hieß, zunächst durch Angliederung einer nur luristischen Fakultät, sondern einer juristisch-staatswissen­schaftlichen Fakultät erfolgen, eine Neuerung, die an süddeutschen Universitäten schon längere Zeit besteht, für Preußen jedoch hier zum ersten Male eingeführt wird. Es werden für Junsprodenz 5 ordentliche und 2 außerordentliche Professoren berufen werden. Die Staatswissenschaften, welche bisher an der Akademie zu Münster nur durch einen außerordentlichen Professor vertreten waren, werden entsprechend verstärkt werden. Die in letzter Zeit viel erörterte Konfcssionsfrage der Universität wird für Münster eine besondere Form annehmen. Dort bestehen bis jetzt nur zwei Fakultäten, eine

mit etwaigen Reparaturen meist nicht befassen. Manchen anderen Mängeln, auch besonders in Be^ug auf den Preis ier Maschinen, die Bezahlungsweise rc. soll begegnet werden.

Tie Zeit war nun so weit vorgeschritten, daß auf Wunsch der Mehrheit der Versammlung der letzte Gegenstand von der Tagesordnung abgesetzt wurde. Ter Vorsitzende, dankte den Teilnehmern wiederholt für ihr Erscheinen, für das rege Interesse, das sie immer wieder den genossenschaft­lichen Bestrebungen entgegenbrächten, unb mahnte zu fer­nerem treuen Zusammenhalten. Tann würden die Erfolge auch immer größere und bedeutungsvollere werden.

Wir führen für 20 Millionen Mark netto an Butter -jährlich ein. Wieviel Margarine dabei sei, werde in der Folge schärfer konttolliert werben müssen. Die Zufuhr werde immer mehr zunehmen. Die russische Regierung lasse eben dänische Molkerei-Instruktoren nach Sibirien kommen. Tort soltten Molkereien gegründet werden, um große Mengen Milch auf Butter zu verarbeiten in Distrikten, die enorme Milchmengen zu liefern im stände wären. Für den deutschen Landwirt komme es, um der immer zunehmen­den Konkurrenz entgegentreten zu können, darauf an, das tiefte, das vollkommenste zu liefern, die größte Ausbeute in den Molkereien zu gewinnen: In den Stätten das beste !Vieh, die beste Fütterungsweise, die besten Melker und in den Molkereien die besten Maschinen und die sachkundigsten Betriebsleiter zu haben. In Tänemark und Schleswig habe man Milchkontrolleure an gestellt, die die Milchvieb ställe in­spizieren und den Besitzer auf vorkommeude Fehler in der Milchviehhaltung, Fütterung und Pflege aufmerksam zu machen haben. Die sehr sachkundigen Leute hätten sich durch ihre fortgesetzte Thätigkeit in dieser Richtung einen Schars- tittck angeeignet, der sie befähige, alsbald die Fehler heraus- .zufinden, welche im Milchpiehstall Vorkommen. Der Be­sitzer sei durch die guten Ratschläge bann häufig sofort in der Lage, die Fehler abzustellen und seine Viehhaltung rentabler zu gestatten.

Tie Zuhörer folgten dem Vortragenden mit gespanntem Interesse. Tie Anregungen schienen überall auf frucht­barem Boden zu fallen. Als der Vortragende mit der Mahn­ung schloß, angesichts der von allen Seiten dvrhenden Kon- .kurrenz nicht etwa den Mut zu verlieren, sondern derselben mit allen Mitteln zu begegnen, um Sieger zu bleiben, brachen die Versammelten in lebhaften Beifall aus. Der Vorsitzende dantte dem Redner nochmals namens der Versammlung und sprach die Hoffnung aus, Professor Albert noch ost ge­winnen zu können zu ähnlichen anregenden Vorttägen, was von Professor Albert gern zugesagt wurde.

Zu 5 der Tagesordnung: Tie Aufgaben und die Erfolge der landwirtschaftlichen Zentralmaschinenhalle, referierte ausführlich der Geschäftsführer B a u tz - Frankfurt a. M. Darnach begann der Betrieb, der den Verbandsgenossen gute und preiswerte landw. Maschinen zuführen soll, erst im Juni und wird seine Thättgkeit erst voll entfalten im kommenden Frühjahr. Es werden dann in allen Provinzen, wo sie noch nicht bestehen, Zweigniederlassungen errichtet, und der Betrieb wird so gestaltet werden, daß allen billigen Anforderungen Genüge geschieht. Heute sind die Händler mit landwirtschaftlichen Maschinen vielfach eben nur Händ­ler, die selbst die Maschinen nicht eingehend kennen, dem Landwirt keinen sachkundigen Rat geben können und sich

katholisch-theologische und eine philosophische. Mit Rücksicht aus die erstere sind dort die Professuren der Geschichte und der Philosophie längstkonfessionalisiert", und es werde daher wohl notroenöig sein, iosoweil zu entkonfessionalisiereu, daß die künftigen Studierenden der Rechte, der Staatswissenschaften und später der Medizin nicht lediglich darauf angewiesen sind, Geschichte und Philosophie bei Professoren zu hören, welche im Hinblick auf die Studierenden der katholisch-theologischen Fakultät angeslellt sind.

Wie aus Göttingen geschrieben wird, haben 32 Pro» essoren der dortigen Universität vor mehreren Tagen eine Zu- timmungsadresie an den Prof. Mommsen gerichtet.

Gerichlssaal.

D. Gießen, 17. Tez. (Strafkammer.) Die An- geHagten Andreas unb Heinrich Walther von Angersbach waren durch Urteil bes Schöffengerichts Lauterbach vom 4. November von dem ihnen zur LaHff gelegten Vergehen, gegen §§ 288, 289 Str.-G.-B. freigespvochen worden. Gegen das freisprechende Erkenntnis verfolgt die Staatsanwalt- chaft das Rechtsmittel ber Berufung. In der heutigen Ve> Handlung hält die Staatsanwaltschaft den Thatbeftand der Anklage für gegeben und beantragt unter Stattgebung ber Berufung, den Angeklagten Andreas Walther in eine Ge- ängnisstrafe von 2 Monaten, den Angeklagten Heinttch Walther in eine solche von 1 Monat zu verurteilen unter Zurlastsetzung der Kosten des Verfahrens beider Instanzen. Das Urteil lautet auf eine Gefängnisstrafe von 3 bezw. 2 Wochen. Die Kosten beider Instanzen fallen den Ange­klagten zur Last. Ter Weißbindermeister Friedrich Wil­helm Stamm und der Gastwirt Heinrich Philipp Münk von Bad-Nauheim sind beschuldigt, in gemeinschaftlicher Aus- ührung der That am 7. Juli in der Gemarkung Ober-Mörlen ohne behördliche Erlaubnis öffentliche Ausspielungen be­weglicher Sachen veranstaltet und durch dieselbe Handlung ich gegen § 22 des Reichsstempelgesetzes vergangen zu jaben. Die Angeklagten sind geständig. In Anbetracht des eichten Falls beantragt die Staatsanwaltschaft gegen jeden der Angeklagten eine Geldstrafe von 10 Mk.; das Gericht erkennt dem Antrag gemäß. Die vielfach wegen Dieb­stahls vorbestrafte Margarete Möser von Gelnhaar ist an» geklagt, der Mutter des Bäckermeisters Reuß in Friedberg und Frau Dr. Bittelmann von da verschiedene Gegenstände in rechtswidriger Absicht entwendet zu haben. Sie leugnet nicht. In Anbettacht ihrer vielen Borsttafen beantragt die Staatsanwaltschaft gegen sie eine Gesamtzuchthaussttafe von 2 Jahren 6 Monaten, unter Einbeziehung einer durch die Strafkammer in Frankfurt a. M. erkannten Zuchthausstrafe. Das Urteil tautet auf eine solche von 2 Jahren 1 Rlonat. Durch Urteil des Schöffengerichts Laubach vom 24. Oktober war der Karl Diehl von Villingen wegen Körperverletzung in eine Gefängnisstrafe von 3 Wochen verurteilt worden. Gegen dieses Urteil hat der Angellagte das Rechtsmittel der Berufung eingelegt. Die Verhandlung wird nach er­folgter Beweisaufnahme zum Zweck weiterer Zeugenladung au. gesetzt. Wegen Beleidigung be 3 iri der jährigen Sohnes des Privatklägers M. Ewald in Ockstadt war durch Erkennt­nis des Schöffengerichts Friedberg vom 5. )tovember der Angeklagte Philipp Feuerbach von Ockstadt in eine Geldstrafe von 15 Mk. verurteilt worden. Gegen dieses Urteil verfolgt der letztere bas Rechtsmtttel der Berufung. Die Berufung wird nach erfolgter Verhandlung kostenfällig verworfen, je­doch wird von der Publikationsbefugnis abgesehen, die das Urteil erster Instanz verfügt hatte. Außerdem wird ein falsches Einmarkstück unbekannten Autors eingezogen.

Dresden, 16. Dez. Der am vorigen Samstag von der hiesigen Strafkammer wegen Hypotheken-Schwinbelsi und Wuchers zu viereinhalb Jahren Gefängnis und 33 000 Mark Geldstrafe verurteilte Bau-Spekulant Arndt hat sich im hiesigen Gefängnis erhängt.

Leipzig, 17. Tez. Wegen Freiheitsberaub­ung und Nötigung ist am 26. August vom Landgerichte Limburg der Pfarrer Peter Ewald Haubrichzu drei Tagen Gefängnis verurteilt worden. 1 Ter An­geklagte hat zwei Vertreter des Kirchenvorstandes, die bei ihm das Inventar aufnehmen wollten, emgesperrt unb erst, nachdem der Bürgermeister herbeigeholt worden war, wieder freigelassen. Tie Revision des Angeklagten wurde vom Reichsgericht als unbegründet verworfen.

$rtef kalten dec Aeöciklwn.

(Anonyme Anfragen bleiben unberücksichtigt.)

K. B. R. Ihre recht unklaren Anfragen sind so allgemein gehalten, daß sich eine nur Halbwegs treffende Antwort nicht geben läßt. In jedem Einzelfalle ist ein besonderes Verfahren zu em­pfehlen, ein allgemein als dasbeste und billigste" 311 bezeichnendes Verfahren gibt es nicht. Niemand ist bei Eingehung einer Ebe zur Angabe seiner Vermögensverhältnisse verpstichtet, uitd der Ab­schluß von Eheverträgen empsieht sich in ebenso vielen Fällen, als er sich nicht empfiehlt. Wenn Sie eine genaue Auskunft haben wollen, so muffen Sie uns Einzelheiten mitteilen. Das Bürgerliche Gesetzbuch behandelt übrigens das eheliche Güterrecht in den §§ 1363 bis 1431 sehr ausführlich und klar, und in jeder Buch­handlung können Sie für wenige Pfennige eine Ausgabe des B. G.-B. erhallen.

Pf. Eine Maß hatte als Getränkemaß in Hessen-Darmstadt und Nassau einen Inhalt von 2 Liter, in Baden und der Schweiz 1,5 Liter, in Bayern 1,069 Liter. Von diesem Getränkemaß ist die früher als Getreidemaß gebrauchte Maß wohl zu unterscheiden. Die jetzt in Bayern gebräuchliche Maß hat genau 1 Liter Inhalt.

Aus Stadt und Kund.

Nachrichten von allgemeinem Interesse sind un§ stets willkommen und werden angemessen honoriert.

Gießen, 18. Dezember 1901.

** Der landwirtschaftliche Provinzial­verein der Provinz Oberhessen hatte an das Ministerium in einer Eingabe das Ersuchen gerichtet, daß die Ministerialabteilung für die Landwirtschaft, Handel und Gewerbe getrennt werde, und zwar in eine Ab­teilung für Landwirtschaft, und in eine Abteilung für Handel und Gewerbe, und ferner, daß in die Abteilung ür Landwirtschaft zur Vertretung ber landwirtschaftlichen Interessen ein praktischer Landwirt, wenn auch nur in beratenoent Sinne, berufen werde, wie dies dem Handel und Gewerbe eingeräumt sei. Das Ministerium des Innern hat nun vor kurzem dem landwirtschaftlichen Provinzial­verein in Oberhessen die Mitteilung zugehen lassen, daß das Ministerium nicht in ber Lage fei, den geäußerten Wünschen des Lprovmziaiv^r.ins eine Folge geben zu können.

p. Wallenrod, 17. Dezbr. Nach einer uns von unter­richteter Seite zugehenden Mitteilung ist unsere die Felb- bereinigung Wallenrod betreffende Notiz in Nr. 296 dahin richtig zu stellen, daß zwar die Einleitung des Feld­bereinigungsoerfahrens für Wallenrod durch Unterzeichnung eines dahingehenden Antrages mit der erforderlichen Majorität beschlossen ist, daß aber die Kosten des Verfahrens weder be­reits veranschlagt sind, noch zttrzeil auch nur annähernd über- ehen werden können.

4- Ober-Lais, 16. Dez. Am Samstag kam beim Holz- allen im Walde der hiesige Ottsbürger Adolf Emrich beim Immerfen der Stämme so unglücklich zu Fall, daß ihm die Kniescheibe sprang. Er mußte nach Hause gefahren werden und sich sofott in ärztliche Behandlung begeben. Er dürste ein steifes Bein behalten. An demselben Tage wurde ein hiesiger Landwirt beim Füttern von einem Pferde in das Gesicht gebissen. Er mußte ärztliche Hilfe in Llnspruch nehmen.

X Bleichenbach, 16. Dez. Zum Beigeordneten unserer Gemeinde wurde heute Johannes Heinrich Heß V. mit 74 Stimmen gewählt. Ein weiterer Kandidat war nicht auf­gestellt. Die Wahl, bei der etwa nur ein Drittel der Stimm­berechtigten von ihrem Wahlrecht Gebrauch machten, verlief sehr ruhig.

§ Butzbach, 17. Dez. Auf Grund unseres Ottsstatuts werden hier auch die unverheirateten steuerzahlenden Haussöhne und alle bei Dritten zur Miete wohnende Jung­gesellen, insoweck sie steuerpflichtiges Einkommen haben, zur Entrichtung von Wassergeld herangezogen. Sie müssen ohne Rücksicht auf die Höhe des Normatiosteuerkapitals jeder 50 Pfg. monatlich zahlen, wogegen die ohne eigentlichen Lohn zu Hause beschäftigten Söhne für den Wasserkonsum nichts entrichten. Letzterer Umstand gab den unverheirateten Steuerzahlern mit Einkommen unter 2000 Mk. Veranlassung, bei dem Gemeinderat um Befreiung von Wassergeld, event. entsprechende Reduktion nach Verhältnis'ihrer sonstigen Steuer­pflicht vorstellig zu werden, aber ohne Erfolg. Nun werden sie beim Ministerium behufs Erreichung ihres Zweckes vor­stellig werden. Auf das Resuttat dieses Schrittes ist man begreiflicherweise sehr gespannt.

so unbedingt günstigem Sinne zu beantroorten ist. Wer Stil- ttnheit, Originalität, Größe, Tiefe, Klarheit und Knappheit der Form ermattet hatte, kam nicht immer auf seine Kosten. Man traf auch Verschwommenes und Skizzenhaftes an, man begegnete manchen abgebrauchten Mitteln aus einer absterbenden Kunstepoche, und wohl auch einer etwas dürf­tigen Behandlung der Chöre. An manchen Stellen aber zwang dann wieder die Wolfrum'sche Weihnachtsmusik 'ben Hörer in wirklich weihevolle Stimmung, erreichte sie Höhe­punkte von packender Wirkung, übte sie den Eindruck aus, daß man von ihr sagen konnte,sie schallt wie der Quell aus 'verborgenen Tiefen, aus dem Innern und weckt der Gefühle Gewalt, die im Herzen wunderbar schliefen". Neue musika- jlische Formen aber aufzustellen, ist dem Komponisten, der sich an Vorhandenes überall anlehnt, ebensowenig gelungen, wie if. Z. Rubinstein. Freilich mag die aus anderen Rücksichten fehr erwünschte Drapirung des Saales, um ihn dem Charakter ldes musikalischen Wettes anzupassen, die Klangwirkung, die Mittung des Orchesters wie des Gesanges nicht immer günstig beeinflußt haben.

Besonders ergriffen ward das Publikum, soweit ich es beobachten konnte, durch das Mysterium nicht. Das Ganze 'wittte mehr auf die Schaulust, als daß es durch Weihe, Vergeistigung und tiefernste Andacht die Herzen erhob und ^erquickte, obwohl es das Weihevollste, Heiligste wiederzugeben beabsichtigt, das uns die Bibel erzählt. Das Sttlle, Schlichte nnb doch s-r Hehre und Erhabene der Evangelien kommt in

unseren einfachen alten Chorälen doch ergreifender und zum Herzen sprechender zum Ausdruck.

Es ist der Wunsch im Publikum laut geworden, die prächtigen Weihnachtsbilder mögen den Kleinen, als herrliche Festgabe, gesondert vorgeführt werden. Der Gedanke ist gut, und ich glaube und habe auch diese Ansicht von anderer Seite oertreten hören, daß eine Kindervorstellung eine außer­ordentlich tiefe Wirkung auf das kindliche Gemüt ausüben würde, wenn man z. B. statt mit der Wolfrum'schen Ouver­türe mit einer unserer schönen alten schlichten Weihnachts­melodien die Aufführung beginnen und die Bilder dann durch Choräle und Auszüge aus dem Wolfrum'schen Wette, chor- gesanglich unterstützt, verbinden und mit ihnen begleiten wollte.

Der naturalistische Zug unserer Zeit, der ja ihre untilg­bare Begleiterscheinung ist und als solche auch volle, un­tadelige Existenzberechtigung hat, vettrtte sich auch einmal in das Bühnenbild: man sah das Kind in der Krippe. In Bremen hatte Prof. Bulthaupt es, m. E. geschmackvoller, verhindert, daß ein lebendes Kind ober eine Puppe der Maria in den Schooß gelegt wurde. Für eine etwaige Wieder­holung fei empfohlen, dieses Beispiel Bremens nachzuahmen und das Kind nicht zu zeigen, sondern seine Existenz in ver­tiefter Krippe nur anzudeuten. -0.

-w Mangel au ästhetischem Tutt. Der Professor der Kunst­geschichte an oet Universität Dtraßbsi' Ak. Qh Debr 0, hat in

einer Broschüre:Was wird etdem Heidelberger Schloß?" zu der Frage der Restautterung dieses^ Bauwerks Stellung genommen, natürlich in ablehnendem Sinn. Die bedeutsamen Schlußbemerkungen des Schristchens seien hier wieder- gegeben:Man denke fid^', schreibt Prof. Tehio,welchen Ein­oruck der funkelnagelneue Schäfer'sche Ersatz-Otto-Heinrichsbau int Ganzen der Schloßruine machen wird! Er wird als eine schreiende Dissonanz dastehen. Er und die ihn umgebenden Ruinen werden sich wechselseitig unmöglich macheit. Es wäre dasselbe, wie wenn man auf der Akropolis von Athen einen einzelnen Tetnpel wieder­aufbauen und alles übrige liegen lassen wollte wie es ist. Wer hier höhnisch vonSenttmentalität" undRomantik" spricht, be­weist nur seinen gänzlichen Mangel an ästhetischen Takt. Daß Altes auch alt erscheinen soll, mit allen Spuren des Erlebten, und wären es Runzeln, Risse und Wttnden, ist ein psychologisch tief be­gründetes Verlangen. Ter ästhetische Wert des Heidelberger Schlosses liegt nicht in erster Linie in dieser oder jener Einzelheit, er liegt in dem unvergleichlichen, über alles, was man mit blos archittttonischen Mitteln erreichett könnte, weit hinausgehenden Stimmungsakkord des Ganzen. Verlust unb Gewinn im Fall sort- gesetzter Verschäferung des Schlosses lassen sich deutlich übersehen. Verlieren roütbeu wir das Echte und gewinnen die Imitation; verlieren das historisch Gewordene und gereimten das zettlos Will­kürliche; verlieren die Ruine, die altersgraue und doch so lebendig zu uns sprechende, und qeroinnen ein Ding, das reeder alt noch neu, eine tote akademische Abstraktion. Zwischen diesen beiden wird man sich zu entscheiden haben. Wir haben Grund zu hoffen, daß es noch gelingen wird, die Gefahr abzureenden. Wer dies Blatt in die Hand bekommt, soll sich aber klar machen, daß die G e f a h r feine" vereinzelte ist. Möchte doch das vertrauensvolle Publikum es endlich bemerken, daß der Sache nach Aehnliches, mag es auch in kleinerem Maßstab sein, fortwährend bei uns geschieht. Das bedrohte Heidelberg liegt üb erall!