Nr. 298
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Erstes Blatt. 151. Jahrgang.
Donnerstag 19. Dezember 1901
GietzenerAnzeiger
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Englands Kommender Manu.
Tie Hoffnungen, mit denen die englische Regierungspartei der Rede Lord Roseberys in Chesterfield entgegensah, haben sich nicht erfüllt. Der schottische Peer hat nicht die Gelegenheit ergriffen, um das Tafeltuch zwiscljen sich und der liberalen Partei zu durckschneiden, sondern er hat «sine gründliche, umfassende und stellenweise auch recht Marse Abrech-nung mit der Politik des Kabinetts Salisbury gehalten. Ganz besonders enttäuscht von der Chesterfielder Rede müssen aber diejenigen sein, die aus den Worten, die Lord Rosebery am ö. Dezember in der Guildhall in Anwesenheit des Prinzen von Wales über die Kolonien sprach, eine weitreichende Uebereinstimmung Mischen dem liberalen Lord und dem Kolonialsekretär herauslesen zu dürfen glaubten. Denn die schärfsten Wendungen und die absprechendste Kritik, die sich in der Rose- leryschen Rede finden, sind gegen die unbegreiflichen maßlosen Taktlosigkeiten Chamberlains gerichtet, lenen er einen Teil der Schuld daran beimißt, laß England gegenwärtig fast einmütig von den Völkern Europas mit einem in der ganzen Geschichte Englands beispiellosen Groll betrachtet werde.
Lord Rosebery hat auch wieder erklärt, daß der Krieg inSüdafrika mit oller Ouergie fortgeführt werden müsse. Aber auf .diese Ueberzeugung beschränkt sich seine Ueber- tiinstimmung mit der Regierung hinsichtlich der in Süd- e srika zu befolgenden Politik. Nre ist aus den Reihen der liberalen Imperialisten mit so großer Bestimmtheit die Meinung ausgesprochen worden, daß der Krieg gegen die Buren hätte vermieden werden können, wenn die Regierung sich pacht mannigfacher Fehler schuldig gemacht hätte. Mit Hecht gebt Lord Rosebery bei der Aufzählung dieser Fehler tls auf das Verhalten der Regierung bei der Untersuchung tber den Jamesonschen Einfall zurück. Denn die Behandlung dieser ernsten Angelegenheit seitens des Kabinetts mußte in Südafrika den Eindruck Hervorrufen, daß die Legierung für den Vorgang moralische Mitschuld trage.
Auch hinsichtlich, der Voraussetzunaen für die Beilegung lies Streits mit den Buren zeigt sich Lord Rosebery als der weitsichtigere Politiker. An Gewährung von Unabhängigkeit denkt er so wenig wie die Unionisten, aber er ebnet den Weg Mm Frieden durch Verheißung einer Amnestie, und wenn er es auch für unmöglich hält, daß England den Buren reue Frieoensbedingungen mache, so erklärt er es doch jülr erforderlich, daß England Vorschläge von Krüger und dessen Umgebung freundlich entgegennehme. Im gegenwärtigen Augenblick wird diese mildere und friedfertigere Auffassung kaum von Erfolg begleitet sein, denn noch sind d ie Buren — die ausgewanderte Regierung wie die Heer- fiiihrer — fest entschlossen, die Waffen nicht früher aus der Hand zu legen, als bis iljnen vollkommene Unabhängigkeit gesichert ist Vielleicht aber kommt einmal der Augenblick, wo es von Wichtigkeit ist, daß in der Regierung Großbritanniens ein Mann von milderer und menschlicherer Ge- simnung, als die gegenwärtigen Machthaber bekunden, den entscheidenden Einfluß übt.
Lord Rosebery rechnet wohl selbst mit der Wahrschein- Mhkeit, daß dieser Augenblick nicht mehr fern sei. Denn sonst hätte er nicht in so ungewöhnlicher Weise dem Lande öffentlich seine Dienste angeboten. Es fragt sich nur, ob <r dann, wie nach Gladstones Rücktritt, als Führer der liberalen Partei die Geschäfte übernehmen oder ob er dann cm der Spitze einer nengebildeten Partei stehen werde. In England selbst scheint man nach den vorliegenden Telegrammen aus Lord Roseberys Rede die Aufforderung zur Umbildung der Parteien herauszulesen. Man scheint demnach! ttin England vorauszusetzen, daß die Rede die Versöhnung derer um Campbell Bannermann mit dem imperialistischen Flügel der liberalen Partei ausschließe. Auch wir glauben, daß die in den Gladstoneschen Ueberliefer- nngen lebenden Liberalen kein Verständnis entgegenbringen
werden der Mahnung, eine Absonderung von dem die Nation erfüllenden Neichsgedanken zu vermeiden, und ebenso wenig gewlllt sind, den Bruch mit den Iren zu vollziehen. Sie können eben aus ihrer Haut nicht heraus und würden glauben, ihre ganze politische Vergangenheit zu verleugnen, wenn sie der Mahnung Lord Roseberys nachkämen. So wird wohl trotz der freundlichen Worte, welche die liberalen Blätter für dessen Rede haben, der 16. Dezember zu einer neuen Zersplitterung der einst so machtvollen Partei führen.
Du Lord Rosebery mit der neuen Sezession allein nicht regieren kann, so wird abzuwarten sein, ob sich aus den Reihen der liberalen Unionisten hinreichend Zuzug findet, um die neue Parteibildung zu vollziehen. Ten Weg zu der neuen Fahne hat Lord Rosebery den Freunden von ein ft geebnet, indem er den Bruch mit den Iren verkündete. Homerule hat sie einst getrennt, ob der Verzicht darauf die Kluft zu schließen vermag, muß sich erst zeigen, wird vielleicht am letzten Ende von Chamberlain abhängen, der in Lord Rosebery doch nur einen ernsten Mitbewerber um die höchste Macht erblicken kann.
So darf man sagen, daß Lord Rosebery mit seiner Rede zwar seinen Standpunkt in jedem Betracht völlig geflärt hat, daß aber erst die Zukunft zeigen kann, welche Folgen seine Worte für das englische Parteiwesen haben. Jedenfalls ist der Zeitpunkt nicht mehr fern, wo Lord Rosebery wieder zur Leitung der Geschicke Englands berufen fein wird.
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In Berliner politischen Kreisen hält man, dem „B. T." zufolge, mit dem Urteil über Roseberys Rede noch zurück, bis der authentische Wortlaut vorliegt. Jedenfalls verhält man sich einstweilen gegenüber einem Umschwung in der englischen Politik noch einigermaßen skeptisch.
Nach einem Telegramm aus London gilt Lord Rosebery heute allenthalben als der kommende Mann; seine Rede in Chesterfield bildet das Tagesereignis und wird fast allgemein als großer Erfolg bezeichnet. Die „Times" sagt, die Sprache Ärd Roseberys sei eine solche, wie sie führenden Männern zieme. Seine Ratschläge an seine Partei seien männlich und klar. „Daily Telegraph" ruft aus: „Achilles ist aus seinem Zelt getreten!" „Daily Graphic" bezeichnet Lord Rosebery als den Mann des Augenblicks. „Daily Mail" ist ganz begeistert von der Rede und läßt sich dahin aus, daß England, wie in früheren schwierigen Zeiten, wieder einen Staatsmann erzeugt habe. „Daily News" ist mit der Rede nicht zufrieden, auch der „Standard" erklärt sich gründlich enttäusche und stellt Roseberys Rede als tönende Phrasen hin, mit denen er das Land genarrt habe. Schließlich erteilt der „Standard" Roseberry den Rat, zu seiner Ackerfurche zurückzuk'ehren, weil für ihn in der ernsten Politik kein Platz fei. Die „Morning Post" findet in der Rede einen Mangel an Unparteilichkeit.
lieber die Ausführungen Lord Rofeberys, die sich auf den Burenkrieg beziehen, wird noch weiter gemeldet, ILosebery fei dafür eingetreten, daß in Südafrika eine möglichst umfassende und liberale Amnestie erlassen werde, und daß allen Buren volle bürgerliche Rechte verliehen werden sollen, die den Treueid leisten. Je rascher man dieselben in die Position bürgerlicher Verantwortlichkeit bringe, desto besser sei es. Bis das Land beruhigt sei, sollte eine Kommission von vier Administratoren nach indischem Muster eingesetzt werden, welche im Namen der Nation Ruhe und Ordnung im Lande wiederherstellen sollen. Dieser Kommission soll ein Vertretungsausschuß zur Seite stehen, in welchem die Engländer die Mehrheit haben, und der für den Wiederaufbau und die Ausstattung der Farmen Sorge tragen soll. Roseberry will hieran mit sehr großer Liberalität vorgegangen wissen. Schließlich befürwortet er die Zurückziehung der sogenannten Kitchener-Proklamation.
39. Ierbandstag der hessischen landwirtschastl. Genossenschaften.
ch. Darmstadt, 17. Dez.
Gestern fand in Darmstadt, wie bereits kurz berichtet, im großen Saale des Darmstädter Hofes der 39. Verbands- tag der hessischen landwirtschaftlichen Genossenschaften statt. Ter Vorsitzende, Verbandsdirektor Geh. Rat Haas, eröffnete gegen halb 11 Uhr die stattliche Versammlung, begrüßte den Vertreter der Regierung und andere erschienenen Gäste sowie die anwesenden Vertreter von 121 Genossenschaften. Unter, diesen befanden sich die Vertreter von 76 Spar- und Tar- lehnslassen, 32 Bezugsgenossenschaften, 7 Drolkereigenosseu- schäften und viele sonstige.
Nach herzlichen Begrüßungsworten ging der Verbands» direkter zur Erstattung des Jahresberichtes für 1900/01 über. Dieser ist im Druck erschienen und den Verbandsmitgliedern resp. den Vertretern der Genossenschaften eingehändigt worden. Die Hauptaufgabe des Verbandes besteht in er unausgesetzten Beratung der 533 Verbandsgenossen- schasten und in der Vervollkommnung ihrer inneren Einrichtungen und ihrer Geschäftsführung; nicht minder in der Vornahme der gesetzlich vorgeschriebenen Revision und in der Garantieleistung, daß einzelne Genossenschaften, neu- mentlich diejenigen, die sich nicht recht zu helfen wissen, nicht auf Irrwege geraten. Die gesetzliche Verwaltunas- revision wurde bei 239 Genossenschaften von 3 Verbandsrevisoren vorgenommen. Außerdem fanden in 51 Fällen Instruktionen der Verwaltungsorgane an Ort und Stelle statt. Weiterhin ist die Thätigkeit des Verbandes wieder durch neue genossenschaftliche Ausgaben in Anspruch genommen, insbesondere durch die genossenschaftliche Organisation des W ein v er kauf es. Es sind bereits im Berichtsjahre 5 Winzergenossenschäften entstanden und an verschiedenen anderen Orten bereits die vorbereitenden Schritte für deren Errichtung in die Wege geleitet. Tie Gründung von Kornhausgenossenschaften hat leider im vorigen Jahre keine weitere Ausdehnung erfahren, obwohl auch in Bezirksbesprechungen diese hochwichtige genossenschaftliche Zukunftsaufgabe eingehend besprochen wurde. Tie Gründung der im vorjährigen Jahresberichte auf Anregung des Verbandest entstandenen landwirtschaftlichen Zentralmaschinenhalle zum Zweck des Bezugs von landwirtschaftlichen Maschinen und Geräten, sowie von Molkereibedarfsartikeln erfreut sich einer regen Benutzung seitens der Verbandsgenossenschaften. Abzweigungen dieser Zentralstelle sollen in geeigneten Städten der Provinzen im Lause dieses Jahres errichtet werden.
Der Be st andder Verbandsgenossenschaften ist heute folgender: 3 Zentralgenossenschaften, 358 Svar- und Tarlehnskassen, 123 Bezugsgenossenschaften, 28 Molkereigenossenschaften, 21 sonstige Genossenschaften, zusammen 533 Genossenschaften mit 51188 Mitgliedern.
Aus der Statistik der Geschäftsergebnisse der Verbandsgenossenschaften seien als die interessantesten folgende angegeben:
Bei den Spar - und Darlehnskassen ergab sich im Geschäftsjahre 1900 ein Gesamtumsatz von 103630086 Mark, der Gewinn betrug 361526 9)1f., Der Verlust 29 377 Mark, Reservefonds und die Betriebsrücklage 1 437 558 Mk., Geschäftsguthaben der Genossen 2 474 174 Mk., die Verwaltungskosten 257154 Mk. Bei den Bezugsgenossenschaften: Wert des gesamten Warenbezugs 2 777 789 Mk., der Dünge- mittelbezug 180 735 Mk., Futtermittel 264 896 Mk., Sämereien 5086 Mk. 2C. Molkereigenossenschaften: Tie Gesamtmilchlieferung betrug 30 784 511 Kgr. Sonstige Genossenschaften: Gefamtaktiva 2 354959 Mk. — Ter Vorsitzende schloß seinen Bericht mit Hinweisung auf die fortschrettende Entwickelung des Genossenschaftswesens, das sich ohne jede agitatorische Thätigkeit verbreite angesichts der wachsenden Erfolge. Er wies die Genossen darauf hin, innerhalb der Genossenschaft auf den Ausbau bedacht zu fein, durch immer
Aoch einmal Wolfrums Weihnachtsrnysierium.
In der von Joseph Lewinsky (1881) herausgegebenen Sammlung „Vor den Kulissen* befindet sich ein Aufsatz von Iiubinstein, worin der Komponist u. a. sagt:
„Das Oratorium ist eine Kunstgattung, die mich von jeher ^nn Protest stimmte. Die bekanntesten Meisterwerke dieser Gattung haben mich, nicht bei ihrem Studium, sondern beim Hören in den Aufführungen immer kalt gelassen, ja, ost geradezu' mißge- fiimmt. Tie Steifheit der Formen, sowohl der musikalychen, wie tudbefonbere der poetischen, erschien mir stets in völligem Widerspruch zu der hohen Dramatik des Stoffes. Unwillkürlich erfaßte mich der Gedanke, fühlte ich, daß alles, was ich als Konzertora- twrien erlebt, viel großartiger, packender^ richtiger und wahrer auf d»er Bühne in Kostümen und Dekorationen, mit der v-ollen Aktion dargestellt sein muffe."
Rubinslein teilt daraus mit, daß ihn der Gedanke, geistliche Stoffe auf die Bühne zu bringen, ja, sogar ein besonderes „geistliches Theater* zu begründen, unausgesetzt be- sahästige, und daß er in der Hoffnung auf die Verwirklichung twefeS Gedanken eine Reihe von „geistlichen Opern* schreibe, ,«gleichviel ob der Tag der szenischen Darstellung jemals kommen möge oder nicht."
Der geniale Pianist, der auch zuweilen als Tondichter Srsolg hatte, hat sein Versprechen gchallen. Zwei Jahr- zvchnte arbeitete er unverdrossen an dem Repertoire der neuen Kunstgattung, aber erst nach seinem Tode kamen ein paar Aufführungen seines „Christus" zustande, und zwarimFrüh- jcohr 1895 in Bremen. Ich habe einer jener Aufführungen, bue nach der alten Hansastadt die ganze musikalisch mteref- juerte Welt zogen, be.gewohnt. Das Rubinstein'sche Werk ist
damals einerseits überschwänglich gelobt, cmderersetts vernichtend krittsiert worden. Nach meinem Gefühl traten damals den glanzvollen Bühnenvorgängen gegenüber die Schwächen der Musik deutlicher hervor, als das im Konzertsaal oder in der Kirche der Fall gewesen wäre.
Pros. Wolsrum hat wohl aus ähnlichen Erwägungen heraus, wie es die oben mitgeteilten von Rubinstein waren, sein Weihnachtsmysterium mit einem reichen szenischen Apparate umkleidet, von dem wir heute noch ein paar Worte sagen möchten, da sie vielleicht das bedeutungsvollste und wirksamste des Abends waren, und zugleich die eigentliche „Premiere" bildeten. Die einzelnen Bühnenbilder, die wohl wochenlang vorher einstudiert waren, ergaben in ihrer Gesamtwirkung so Farbenprächtiges und (Eigenartiges, daß sie gewiß den allgemeinsten Beifall des ausverkauften Hauses gefunden haben, der sicherlich auch zum Ausdruck gebracht worden wäre, wenn nicht die bestimmte Aufforderung, ihn zu unterlassen, von vornherein an das Publikum ergangen wäre. Das Erscheinen der himmlichen Heerscharen in ihrer Glorie, die sternbeglänzte Hütte und die frei nach Corregio gestellte Anbetung der hell. Famllie durch die heil, drei Könige — als solche läßt im Anschluß an die Sage Wolfrum die drei Weisen aus dem Morgenlande auftreten — die Hirten auf dem Felde mit den wagnerisch harmonisierten Hirtengesängen rc. :c. alle diese Bilder schusen eine wunderbare Stimmung. Und was bezüglich der Kostüme geleistet worden war, dürfte anderwärts kaum überboten werden können. Es waren feine sog. Theaterkostüme, sondern Gewänder, die jede Figur individuell bekleideten und in der Gesamtwirkung charakteristisch das Bild
des Vorganges schufen. Die Bühnenbllder erschienen zuweilen wie lebendig gewordene Werke alter italienischer Meister, und das Auge erfreute sich an den fein berechneten Gruppierungen, an der edlen Bilderpracht. Um die Hörer in weihevolle Stimmung zu versetzen, bekleidete dunkelgrüner Stoff den Hintergrund des Saales. Dahinter, für das Auditorium unsichtbar, hatten Orchester und Sänger ihren Stand. Das trug nicht wenig zur Erhöhung der Illusion, zur Erweckung eines mystischen Eindruckes bei. Der Vorhang der Bühne war durch eine in der Mitte sich tellende lila Gardine ersetzt; den Bühnengrund bildete ein tiefes, schönes Blau, von dem sich das Grün der orientalischen Pflanzen malerisch abhob. Man hat eine Vermählung von religiöser Erbauung und künstlerischem Genüsse Herstellen wollen, und die Summe und das Ergebnis der langen und mühevollen Sorgfalt war ein großer Erfolg.
Die Freude aller Mitwirkenden an ihren eignen Leistungen, des tüchtigen, geduldigen und ausdauernden Chors und der Solisten, sowie der darstellenden Dilettanten, die auf die Intentionen ihrer Führer verständnisvoll eingingen, ja sogar zum Teil mit großem Geschick und viel Intelligenz, zum mindesten aber mit Maß und Würdo den Text pantominisch begleiteten, und das Bewußtsein, das beste gewollt zu haben, muß der höchste Lohn für alle Anstrengungen sein, die gemacht waren, um das Werk zu einem vollen Gelingen zu führen.
Wie aber bei der mit so vielem Gepränge in Szene gesetzten Aufführung des Weihnachtsmysteriums der Komponist „ab- geschnitten" hat, das ist eine Frage, die wohl doch nicht in


