Nr. 246
Samstag IS. Oktober ISOL
151. Jahrgang
Zweites Blatt.
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GietzenerAnzeiger
** General-Anzeiger v '**'
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
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Politische Tagesschau.
Weltpolitik ist Trumpf.
Die Zukunft der Vereinigten (Staaten liegt nach Ansicht des Präsidenten Roosevelt aus dem Wasser. Daran läßt die für die amerikanische Marine im Etatsvoranschlag soeben geforderte, außerordentlich hohe (Summe von annähernd 99 Millionen Dollars gar keinen Zweifel. Ein Flottenprogramm von solcher Kühnheit ist in der Geschichte der Union noch nicht dagewesen. Es spiegelt das großzügige politische Programm Roosevelts treulich wieder. Die neuen Kriegsschiffsgeschwader werden naturgemäß zur Erreichung politischer Zwecke gebaut, und diese Zwecke können auf keinem anderen Gebiete zu suchen sein, als auf dem einer Ausdehnungspolitik, die eventuell mit Waffengewalt durch- geführt werden solb Das Wort eines amerikanischen Politikers, Rvossevelt sei der Mann, den Krieg an die Küste Europas zu tragen, erscheint nicht mehr so ganz unglaubhaft. Immerhin liegen andere, den Amerikanern mehr begehrenswerte Gebiete näher, und die Prophezeiung, so gewagt sie auf den ersten Blick erscheinen mag, hat einigen Grund: daß, wenn das erste Schiff den Nicaragua^Kanal passiert, über den mittelamerikanischen Freistaaten das Sternenbanner wehen wird. 'Die Union will das alleinige Aufsichtsrecht über den zwischenozeanischen Kanal haben — das durch den Burenkrieg geschwächte England mußte auf die von ihm auf Grund von Verträgen geltend gemachten Rechte bereits verzichten —, die Union wird nicht eher ruhen, bis über dem Land zu beiden (Seiten des Kanals die „Sterne und Streifen" flattern. Den Eingriff einer nichtamerikanischen Macht werden dann die „Breitseiten" der großen Ver. Staaten-Flotte zu beantworten haben, zu der Präsident Roosevelt mit der 99. Millionen-Forderung für die Marine den Grund legt.
Deutsches Reich.
Berlin, 17. Okt. Der Kais er hörte heute die Vorträge des Chefs des Militärkabinets, Grafen Hülsen-Häseler, des Kriegsministers v. Goßler und des Chefs des Generalstabes Grafen Schlieffen.
— Die „Königsb. Hart. Zi" schreibt: Nach unfern Informationen hat Minister Dr. Studt ohne Erfolg für Virchow den Titel „Excellenz" beantragt. Man hat an maßgebender Stelle gewiß in Betracht gezogen, daß Virchow aus seiner Gleichgiltigkeit gegen Orden und Titel keinen Hehl gemacht hat. Weiter wird erzählt, daß dieses auch das Motiv gewesen sei, weshalb die Minister bei der Virchow-Feier keinen Orden angelegt haten; der Gegensatz zwischen dem schmucklosen Frack des oppositionellen Gelehrten und den ordenbesäten Ministeruniformen wäre zu augenfällig gewesen.
— In einer Zuschrift an die „Vossische Ztg." stellt der Oberbürgermeister Kirschner fest, daß er in Sachen der Ueberführung der Straßenbahn über die Straße Unter den Linden nur eine Audienz bei dem Kaiser am 6. Juni erbat. Er habe eine zweite Audienz weder vorher noch nachher nachgesucht.
— Der Bundesrat überwies in seiner heutigen Plenarsitzung die Vorlagen betr. den Entwurf von Ausführungs- besümmungen über die Schlachtvieh- und Fleischbeschau sowie betr. den Entwurf einer neuen Vereinbarung erleichternder Vorschriften für den wechselseitigen Verkehr zwischen den Eisenbahnen Deutschlands und der Schweiz, endlich betr. Außerkurssetzung der silbernen Zwanzigpfennigstücke den zuständigen Ausschüssen. Den Ausschußberichten über die Vorlagen vom 7. September 1901 betreffs Aenderung der Satzungen der Preußischen Hypothekenaktienbank in Berlin sowie über die Vorlagen vom 18. September 1901 betreffs Zulassung der Realgymnasialabiturienten zu ärzlichen Prüfungen nach den bisherigen Vorschriften, wurde die Zustimmung erteilt.
— Die Stadtverordneten verhandelten heute über die Märchenbrunnen-Angelegenheit. Singer bedauerte den Beschluß des Magistrats, die Angelegenheit an die Kunstdeputation zurückzuverweisen, statt sie im Plenum der Versammlung zu verhandeln. Die Genehmigung des Kaisers sei nicht erforderlich, sondern nur ein Bauconsens. Es handle sich hier um einen Schritt, die Selbstverwaltung Berlins im Interesse einer Kabinetsjustiz aufzuheben. Ein Nachgeben in diesem Punkte bedeute, dem Absolutismus einen neuen Stein aus dem Wege zu räumen. Preuß beantragt die Einholung der baupolizeilichen Genehmigung zür Errichtung dieser Brunnen und die Einleitung eines Verwaltungsstreitverfahrens, wenn diese verweigert wird. Kämpf betont, Berlin müsse immer berücksichtigen, daß es Residenzstadt sei. Wenn man schon dem Publikum ein Recht der Kritik einräume, dürfe man dieses dem Träger der Krone nicht verweigern. Er beantragt, von dem überreichten Aktenmaterial Kenntnis zu nehmen und den Magistrat zu ersuchen, den Rechtsstandpunkt festzuhalten, aber die kaiserliche Anregung zu prüfen. Der Oberbürgermeister betont unter Beifall, daß nicht zur Aufstellung jedes Denkmals die allerhöchste Genehmigung erforderlich sei, und daß die Stadt diesen Rechtsstandpunkt unter allen Umständen festhalten wolle. Aber de.r Charakter als Residenzstand lege Pflichten auf, namentlich die Pflicht der Rücksichtnahme; man dürfe daher die Anregungen des Kaisers, der für die Schönheit der Stadt Opfer aus eigenen Mitteln bringe, nicht außer Acht laffen. Cs frage sich nur, ob diese Rücksichtnahme angebracht
in dem Augenblicke sei, wo sie als Recht beansprucht wird. Der Redner schildert dann die Audienz in Hubertusstock. Der Kaiser habe ihm gestattet, auch Rechtsbedenken gegen jenes Ministerialreflript vorzutragen. Er, Kirschner, hatte aber den Eindruck, daß der Kaiser die Rechtsfrage nicht in den Vordergrund stelle. Der Kaiser betonte, daß aus Rücksichtnahme auf ihn als Regenten wegen seines Interesses an der Entwickelung der Stadt seine Anregungen zu prüfen seien. Die Resolution Preuß schlage die Thür zu und könnte cd ent eine Wirkung haben, die kein monarchisch gesinntes. Herz wünsche. Der Antrag Kämpf treffe den richtigen Standpunkt. Die Stadt wolle an ihrem Recht festhalten, aber dies mit der schuldigen Ehrfurcht thun. Singer entgegnet, das Recht, das man habe, solle man brauchen. Wenn in Berlin, weil es Residenz sei, alles geschehen müsse, was der Kaisee wolle, würde die Verlegung der Residenz für dieWohl- fahrt der Bürgerschaft besser fein. Die ganze Sache sei nichts weiter als personiftzirtes sic volo sic jubeo, eine Kraftprobe. Die Stadtverordneten und der Magistrat sollten unter kau- dinisches Joch. Nach Singer erklärte Stadtbaurat Hoffmann, man müsse als Künstler auch Kritik vertragen können. In der Stadtverwaltung aber sei ein Künstler, der Starrkopf sei, am wenigsten zu brauchen. Nach längerer Debatte, die persönliche Differenzen zum Gegenstände hat, wurde der Antrag Preuß mit 67 gegen 46 Stimmen abgelehnt, der Antrag Kämpf angenommen. Die Sozialdemokraten rufen: „Am 6. November giebt es die Antwort." (An diesem Tage finden die neuen Stadtverordnetenwahlen für Berlin statt. D. Red.)
— In den „Akademischen Blättern", der Zettschrist des „Kyffhäuser-Verbandes der Vereine Deutscher Studenten", die einer konservativen Richtung huldigen, hat ein „alter Herr" des V. D. St. Königsberg an leitender Stelle einen Aufsatz veröffentlicht, in welchem gegen die geplante Erhöhung der Getreidezölle mit großer Entschiedenheit Stellung genommen wird. Die „Kreuzztg." erklärt daraufhin, daß die hervorragenden konservativen Parlamentarier sowie die hohen Milttärs und Zrvilbeamten von unzweifelhaft konservativer Gesinnung, die bisher die Bestrebungen jener Vereine bei jeder Gelegenheit unterstützt und durch ihre Teilnahme an dessen festlichen Veranstaltungen diesen einen besonderen Glanz gegeben hätten, selbstverständlich zu dem Vereine eine andere Haltung einnehmen müßten, wenn in seinem Organe Artikel Aufnahme fänden, durch welche die Interessen der Demokratie gefördert würden.
— Dsr Kreuzer „Falke" begibt sich nach den zentral- amerikanischen Gewässern.
Wilhelmshafeu, 17. Okt. Das vor einigen Tagen mit dem Dampfer Tucuman zurückgekehrte Marinelazareth hat den Kopf des Mörders Eng Hai, der den Gesandten von Ketteler erschoß, aus China mitgebracht und den Kopf nach Berlin gesandt.
Greiz, 17. Oktober. Der Fürst von Reuß ä. L. hat gestern ein neu errichtetes Testament bei dem Land- ' gerächt hinterlegt und dafür das ältere Testament zurückge- nommen. Er ist sehr bedenklich erkrankt; in dem neuen Testament sind zweifellos neue Bestimmungen wegen der Erbfolge getroffen. Den hiesigen Regierungskreisen wird die Absicht zugeschrieben, eine Abänderung des Hausgesetzes herbeiführen zu wollen. Wie es heißt, soll nach dem Tode des Fürsten der Landtag ersucht werden, sich in diesem Sinne zu bethätigen.
Straßburg, 17. Oktober. Vom Kaiserist dem kaiserlichen Statthalter gestern folgendes Telegramm zugegangen: „Neues Palais. Patent für Dr. Spahn von mir heute vollzogen. Er wird gewiß eine vortreffliche Lehrkraft für die Universität werden. Freue mich, einen lange gehegten Wunsch meiner Elsaß-Lothringer haben erfüllen zu können und ihnen sowohl als meinen katholischen Unterthemen überhaupt bewiesen zu haben, daß anerkannte wissenschaftliche. Tüchtigkeit auf der Basis von Vaterlandsliebe und Treue zum Reich zu Nutz und Frommen des Vaterlandes von mir verwendet wird.
Wilhelm.
Ausland.
London, 17. Okt. Die „Times" melden aus Peking vom 16. ds.: Ueber den neuen Vertrag bezüglich der Mandschurei, der in den Grundlinien dem von Rußland am 5. April zurückgezogenen gleicht, aber in einer die Chinesen mehr schonenden Welse abgefaßt ist, wurde schon vor einiger Zeit, und wird auch jetzt wieder zwischen dem russischen Gesandten und Li-Hung-Tschang verhandelt. Infolge der früheren Enthüllungen wird jetzt strengste Diskretion gewahrt, doch ist bekannt, daß die Verhandlungen Üi-Hung-Tschang übertragen worden sind. Ferner wird gemeldet, daß, der Vertrag bis jetzt nur skizziert, aber noch nicht endgiltig festgestellt ist. Prinz Tsching erklärt, er sei nicht darüber unterrichtet, und giebt deshalb seiner Entrüstung Ausdruck. Die beiden Vize- köuige des Jangtse-Gebietes erhoben schon zweimal gegen die erwähnten Verhandlungen Einspruch, da sie erfuhren, Rußland beabsichtige, China zu gestatten, den Angehörigen anderer Staaten Bergwerksrechte in den Provinzen Mukden und Kirin einzuräumen, wenn sie vorher die Zustimmung Rußlands erhalten hätten. Der Tartarengeneral von Mukden, Tschengschi, richtete sofort eine Denkschrift an den Kaiser, worin er verlangt, daß in seiner Provinz
Bergwerksrechte ausschließlich den Russen eingeräumt werden sollen. Der Tartarengeneral von Kirin sandte eine ähnliche Denkschrift ab.
— Die „Times" meldet aus New-Jork von gestern: Aus guter Quelle verlautet, daß Präsident Roosevelt in seiner Botschaft an den Kongreß die Schaffung eines neuen MinisterPortefeuilles für Handel warm empfehlen wird.
Paris, 17. Okt. Der Herzog von Orleans hat ein Flugblatt gegen das neue Vereinsgesetz verbreiten lassen. Dasselbe ist betitelt: „Eine notwendige Freihett" uno ist ein politisches Manifest. Der Herzog preist darin die Vereinsfreiheit und verlangt dieselbe sowohl für die Arbeiter wie für die Kongregationen. Er polemisiert gegen das Vereinsgesetz und bezeichnet dasselbe nur als eine neue Kundgebung einer Minorität, die durch Kompensationen die Macht an sich gerissen und diese nun ungestört ausnütze.
— ,Attbre Parole" veröffentlicht einen Artikel, worin Trumont seinen Lesern das Märchen auftischt, . die Familienmitglieder und die Freunde des verstorbenen Präsidenten Felix Faure seien immer noch der Ansicht, daß der Tod Faures nicht auf natürlichem Wege erfolgt, sondern ihm auf irgend eine Weise Gift zn- geführt worden sei.
Madrid, 17. Okt. In Sevilla herrscht weiter Ruhe. Die Lokale der Arbeitervereine sind geschlossen. Die Anarchisten werden energisch verfolgt. Die Hanpt- rädelsführer der letzten Unruhen sind verhaftet worden. Tie Mehrzahl der Arbeiter hat die Arbeit wieder ausgenommen.
Wien, 17. Okt. Die heutige erste Sitzung des Abgeordnetenhauses verlief in aller Ruhe. Nach Verlesung einer Zuschrift des Abg. Prade, in der dieser mitteilt, daß er auf das Amt des ersten Vicepräsidenten verzichtet, unterbreitete der Finanzminister v. Kaizl dem Hause das Budget. Dasselbe weift eine Gesamt-Erfordernis von 1685117 944 Kronen und eine Gesamt-Einnahme von 1685 996 357 Kronen, mithin einen Ueverschuß von 878 413 Kronen auf. In seinem sodann gehaltenen Expose betonte der Finanzminister, daß das verflossene Jahr wirtschafte lich äußerst bewegt war, daß aber durch das einmütige Zusammenwirken von Regierung und Parlament endlich wieder eine kräftige Aktive der Volkswirtschaft inauguriert werden konnte. Unter den Eingängen befindet sich auch eine Interpellation wegen der Einwanderung von klerikalen Kongregationen aus Frankreich.
Budapests 18. Okt. Gelegentlich der heutigen Nachwahl in Debreczin kam es zu blutigen Exzessen. Tie Menge bewarf das Militär und die Gendarmen mit Steinen. Das Militär drang in die Menge, wobei etwa 80 Personen durch Säbelhiebe schwer verletzt, drei Offiziere und viele Soldaten verwundet wurden. Tie Menge stürmte das Stadthaus, wurde jedoch vom Militär zurückgedrängt. Mehrere hundert Personen wurden verhaftet. Am Abend dauerte der Kampf in den Straßen noch fort. Der liberale Kandidat wurde gewählt.
Petersburg, 17. Okt. Das Zarenpaar hat seine diesjährige Reise nach der Krim aufgegeben. Ende November kehrt dos Zarenpaar direkt von Spala nach Petersburg zurück. Von angeblich in Aussicht stehenden Besuchen fremder Souveräne in Spala ist nichts bekannt.
— Ueber den Besuch des deutschen Kaisers in Whstytten schreibt der angesehene bekannte „Westnyk Jewropy" unter der Ueberschrist: „Wilhelm II., der Freund Rußlands". Tie an und für sich unbedeutende Episode ist in mancher Hinsicht interessant. Wtthelm erschien in Wystytten gewissermaßen als bevollmächtigter Vertreter des russischen Kaisers den Unterthemen gegenüber. Diese originelle Vertretungsart, die im Völkerrecht nicht vorgesehen zu werden pflegt, ist an und für sich schon ein Zeugnis einer besonderen Intimität, die sich nicht in die gewöhnlichen diplomatischen Formen einzwängen läßt. Kaiser Wilhelm ist nicht nur bemüht, die traditionelle Freunoschaft mit Rußland aufrecht zu erhalten. Er geht auch darauf aus, dieser Freundschaft einen ganz exklusiv familiären Charakter zu geben. So hairdeln, wie Wilhelm that, kann ein Monarch nur bei gegenseitigen Beziehunaen, die weit über den Rahmen der offiziellen diplomatischen Verbindungen Hinausgehen. Dazu genügt es noch nicht, der Freund oder gar der Verbündete des Nachbarstaates zu sein. Dazu bedarf es .jener uralten Traditionen und der Verwandtschaftsbande der Hohenzollern. Indem Kaiser Wilhelm diese Eigentümlichkeit seiner Stellung Rußland gegenüber betont, veranlaßt er unwillkürlich, vielleicht auch absichtlich, das europäische Publikum, diese seine würdige, auf voller Gleichberechtigung beruhende Stellung mit den leidenschaftlichen Ausbrüchen des Entzückens bei unseren jüngsten Bundesge- nossen zu vergleichen.
Vom Vurenkriege.
Im Londoner Kriegsrate herrscht große Unruhe, verursacht durch angeblich nMt befriedigende Nachrichten über die Lage in der Kaptolonie. Angesichts der Tatsache, daß das Kriegsamt jede Auskunft oenveigert, wird vermutet, daß die Lage sehr ernst ist und daß der Aus- stand der Afrilande nun endlich doch ausgebrochen ist.
So wird aus London gemeldet: Dazu kommt dann noch „Standard"-Depesche aus Lourenyo Marques, wonach die Kommandos Botha, Delarcy und Kemp der Ein- fchliößung der englischcn'Truppen entronnen sind. Botha zog sich, so heißt es, nach Wallet iroom zurück, wo er ein«* befestigte Stellung inne hat. — Das wäre wieder einmal eine


