Ausgabe 
19.10.1901 Erstes Blatt
 
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dann einen Zweck hat, in Handwerkerverfammlungen zu reden und Vorträge zu halten, wenn man ohne jeden Vorbehalt für obligatorischen Befähigungsnachweis ein­tritt, denn ohne diesen ist ihm alles nichts. Daß den Handwerkern über solche Agitatoren und falschen Freunde endlich einmal die Augen geöffnet werden, ist wahrlich an der Zeit. Sie haben dem Handwerk nie Nutzen gebracht und werden es auch nimmer thun; das Einzige, was sie mit ihren Mitteln erreichen, ist eine auf unerfüllbare Forderungen verbissene Menge, die kein Verständnis hat für die Aufgaben der Gegenwart und sich von ernfter pofi= tiver Arbeit nur zu leicht entfernt. Hdj

Politische Tagesschau.

Botschafterwechsel in London.

tSin Berliner Mitarbeiter schreibt uns:

Als vor einigen Monaten von einem Wiener Blatte Angriffe gegen den dortigen deutschen Botschafter, Fürsten Eulenburg, gerichtet wurden, weil er sich geraume Zeit hindurch in der Führung der Amtsgeschäfte hatte vertreten lassen, erfuhr die Oeffentlichkeit zum ersten Mal, daß auch der Vertreter Deutschlands in London, Graf Hatzfeldt, wiederholt an der persönlichen Wahrnehmung der Dienst-, geschäste verhindert gewesen ist. In beiden Fällen lag Er­krankung vor, und zufällig laborieren die beiden Diplomaten an denselben Leiden, der Gicht. ^Während der Gebrauch von Badekuren dem Fürsten Eulenburg Linderung gebracht zu haben scheint, hat sich das Befinden des Grafen Hatzfeldt so verschlimmert, daß sein Rücktritt nahe bevorsteht. Mit der Frage, wer an seine Stelle treten wird, soll man sich amtlich noch nicht beschäftigt haben. Vielleicht int offiziellen Jnstanzen- gange nicht, aber daß der Kaiser seine Wahl längst getroffen hat, zumal er über das Befinden des Grafen Hatzfeldt natürlich auf dem Laufenden erhalten wurde, steht fest. Der Londoner Botschafterposten zählt zu den hervor­ragenden und bevorzugten deutschen Auslandsvertretungen. Es ist auch ein offenes Geheimnis, daß Fürst Herbert Bismarck nicht ungern diesen Posten übernehme, da er die diplomatische Tätigkeit der parlamentarischen vorzieht und überdies zahlreichen englischen Notablen befreundet ist. Ein­geweihte wollen heimlich wissen, daß eine Berufung des Fürsten Herbert Bismarck ausgeschlossen ist.

Zum Zolltarisentnmrf.

Unter dem TitelZolltarifentwurf und Wis­senschaft" veröffentlicht Dr. Geiorg v. Mayr, der frühere UnterstMtssekretär von Elsaß-Lothringen eine Schrift. Dr. v. Mayr giebt zunächst einen Ueberblick über die Stellung, die hervorragende Gelehrte dem Zvlltarif- entwurfe gegenüber eingenommen haben. Er spricht sich weiter für einen Doppeltarif aus, ben er unter Umständen als eine angemessene Rüstung für Handelsvertragsverhand­lungen bezeichnet. Auf Grund dieser Anschauung befürwortet er über die Getreidezölle hinaus einen weiteren Ausbau des Doppeltarifsystems. Der einfachen Weiterführung des Meistbegünstigungsgrundsatzes widerspricht er im Interesse der deutschen Volkswirtschaft. Er ist für eine Beschränkung der Meistbegünstigung und für möglichste Individualisierung nicht bloß, nach Waren, sondern auch nach Ländern. Der dritte Teil des Buches ist der Widerlegung Brentanos ge­widmet. Mit großer Entschiedenheit tritt er der Brentano- fchien Meinung entgegen, daß eine Gesundung der deutschen Landwirtschaft von einer durchgreifenden Bodenentwertung zu erwarten sei. Mayrs Ausführungen gipfeln darin, daß nur ein Syshem^rgsam erwogenen urch gegliederten ^Solidar- fchutzes der gesamten schutzbedürftigen deutschen Produktion und insbesondere auch aller wichtigen Zweige der deutschen Landwirtschaft gerechtfertigt sei. Der neue Zolltarif scheint ichm geeignet zu sein, im großen und ganzen dieses'Ziel zu erreichen.

Die Zucker Konfereoz.

Man schreibt uns aus Berlin, 16. Oktober:

Im nächsten Monat soll in Brüssel wieder einmal eine internati onale Zucker-K onferenz abgehalten werden, die so und sovielte im letzten Jahrzent. Ob die Verhandlungen, die bekanntlich eine allgemeine Aufhebung der Ausfuhrprämien auf Zucker zmn Gegenstand haben, diesmal Erfolg haben werden, läßt sich zurzeit nicht absehen. Schon im Winter 1897 glaubte Reichsschatzsekretär Frhr. v. Thielmann erklären zu können, daß der tote Punkt in den Verhandlungen mit den anderen Zuckererzeugenden Ländern überwunden sei. Eine belebende Wirkung versprach sich Frhr. v. Thielmann besonders von dem amerikanischen Zu- fchlagszoll auf Prämienzucker,der die Rolle des Hechts im Karpfenteiche spielen, und die Karpfen lebendiger machen werde." Vielleicht hat sich dieser Aufmunterungsprozeß im Geheimen vollzogen; die Oeffentlichkeit wurde nichts davon gewahr. Immerhin mag unter den Regierungen der in Be­tracht kommenden Länder die Ueberzeugung jetzt allgemein sein, daß eine nochmalige Erhöhung der Ausfuhrprämien nicht statthaben darf. Und wo ein Wille ist, da wird sich auch wohl noch ein Weg finden lasten zur allseitigen Abschaffung, oder zunächst Herabsetzung dieser Prämien, von denen erfahrungsgemäß nur die Zucker -Einfuhrländer Vorteil haben, vor allen England und Amerika. Der französische Finanzminister erklärte dieser Tage, daß ein beträchtlicher Teil der Mindereinnahmen aus den in­direkten Steuern durch die Zuckerprämien hervorgerufen sei, die einen ziemlich hohen Prozentsatz der Zuckersteuererträge aufzehren. Von dem auf 50 Millionen Francs veranschlagten Defizit im französischen Budget für 1902 entfallen volle 20 Millionen auf die Einnahmen aus dem Zucker. Von der bervorstehenden internationalen Konferenz nun verspricht sich Frankreichs Finanzminister eine Abänderung der unhaltbaren Prämienverhältnisse. Es ist also zu erwarten, daß der Ver­treter Frankreichs auf der Beibehaltung derversteckten" Ausfuhrprämien, wie sie in diesem Lande bestehen, nicht mehr beharren wird. Dadurch würden die Verhandlungen von vornherein wesentlich erleichtert. Die letzte Erhöhung der deutschen Ausfichrpramien erfolgte durch das Zuckersteuer- gesetz von 1896, an dessen Zustandekommen der Reichstags­abgeordnete Dr Paasche (n.-l.) hervorragend beteiligt war. Abg. Richter prägte für Prof.Paasche damals die Bezeich­nungAuckeragrarier".

Ter FriedenSschluß mit China.

Das Schlußpvotoboll der Friebensverhandkungen btr Be­vollmächtigten der Mächte mit der chinesischen Regierung ist, toie wir bereits meldeten- amtlich verötzerrtlicht; - trägt

das Datum la und Ib handeln über die Deutschiland besonders zu erteilende Genngthuung und widerlegen alle jene Mut­maßungen, die sich an die Vorgeschichte des Empfanges des Prinzen Tschun hinsichtlich des Wortlautes seiner amt­lichen Mission knüpfen. Die beiden Artikel lauten:

Artikel la.

Durch ein kaiserliches Edikt vom 9. Juni b. I. ist Tschun Tsai-fong, Prinz erster Klasse, zum Botschafter Seiner Majestät bes Kaisers von China ernannt worben, Seiner Majestät bem deutschen Kaiser den Ausdruck des Bedauerns Seiner Majestät des Kaisers von China und der chinesischen Regierung über die Ermordung des deutschen Gesandten Freiherrn v. Ketteler zu überbringen.

Prinz Tschun ist am 12. Juli d. I. von Peking abgereift, um die ihm gegebenen Befehle auszuführen.

Artikel Ib.

Die chinesische Regierung hat erklärt, sie werde an der Stelle, wo der Gesandte Freiherr v. Ketteler ermordet wor­den ist, ein dem Range des Verstorbenen würdiges Denkmal errichten mit einer in deutscher und chinesischer Sprache abgefaßten Inschrift, die dem Bedauern Seiner Majestät des Kaisers von China über den begangenen Mord Aus­druck geben soll.

Ihre Exzellenzen die chinesischen Bevollmächtigten haben durch ein Schreiben Seine Exzellenz den Bevollmächtigten des Deutschen Reiches benachrich­tigt, daß an der besagten Stelle, in der ganzen Breite der Straße, ein Ehrenbogen errichtet wird, und daß die Arbeiten am 25. Juni b. I. begonnen haben.

Bekanntlich ist ber Kaiser von China in seinem Schrei­ben an Kaiser Wilhelm noch weit über den Rahmen jener im Artikel la ausbebungenen und vollzogenen Genugthuung hinausgegangen und hat ben Worten bes Bedauerns ben Ausdrucktiefer Reue und Beschämung" hinzugefügt.

Der lange Artikel VI handelt von der Entschädig­ungssumme in ber Höhe von 450000 000 Taels gleich 1 374 750 000 Mark, welche im Laufe von 39 Jahren zu vier Prozent verzinst zur Abzahlung gelangt. Ueber biefe Schuld hat China bereits vor einigen Tagen bem Doyen des biplo- matischen Korps, bem spanischen Gesandten, einen Pauschal- Vvn> auFgehäubigt.

Sitzung der Stadtverordneten.

17. Oktober 1901.

Anwesend: Bürgermeister Mecum, die Beigeordneten Georgi, Grüneberg und Wolff, die Stadtverordneten Brück, Emmelins, Euler, Faber, Flett, Dr. Fuhr, Hanau, Haubach, Heichelheim, Helfrich, Huhn, Jughardt, Keller, Kirch, Krumm, Leib, Löber, Orbig, Dr. Schäfer, Schiele- Schmall und Wallen­fels.

Entschuldigt: die Stadtverordneten Dr. Gaffky, Dr. Gutfleisch, Grünewald, Heyligcnstaedt, und Loos.

Bürgermeister Mecum teilt unter Bezug auf Notizen imGieß. Anz." über die ungünstige Gestaltung des Fahr­plans der Bieberthalbahn mit, daß er im Verein mit ber Handelskammer vorstellig geworden sei; es sei (wie wir bereits mitteilten. D. Red.) seitens der Bahn auch entsprechende Aenderung zugesagt worden; die Fahrzeiten des neuen Plans lägen aber noch viel ungünstiger, als die des alten. Er habe deshalb unterm 26. September bei dem Kreisamte Protest gegen den Fahrplan erhoben. Eine weitere Mitteilung betrifft die Wählerliste für die Stadt­verordnetenwahl ; die Wahl werde voraussichtlich in vier Wochen stattfinden.

Zum Baugesuch von Karl Haas für die Frankfurter Straße beschließt die Versammlung, auf dem früheren ab­lehnenden Standpunkte zu beharren.

Das Gesuch von Grg. Schubecker um Erlaubnis zur Erbauung eines Pferdestallcs am Erdkauterweg wird be­fürwortet.

Zu dem Baugesuch von Louis Troß für die Rod- heimerstraße wird der nach §§ 5 und 18 des Ortsbaustatuts erforderliche Dispens befürwortet, desgl.

das in voriger Sitzung infolge einer irrtümlich angezogenen Bestimmung des Ortsbaustatuts abgelehnte Gesuch von Karl Hahn für die Goethestraße mit dem weiteren Dispens von § 15 der Lokalpolizeiverordnung (Anlage einer Durchfahrt).

Für den Bau von Schulbaracken am Hamm ist Dispens von den Bestimmungen des § 5 des Ortsbaustatuts (Bauen außerhalb des Bebauungsplans), § 18 (Ausführung des Baues in Holzfachwerk) und § 45 der Allg. Bauordnung (Weglaffen der Brandmauer nach dem Nachbargrundstück hin) erforderlich, der befürwortet wird, nachdem Stadto. Krumm sich gegen die Wahl dieses Platzes ausgesprochen.

Der nach § 5 des Ortsbaustatuts erforderliche Dispens zu dem Gesuch der Cisenbahndirektion Frankfurt a. M. zur Errichtung eines weiteren Wohnhauses für Unter­beamte wird befürwortet, desgl.

das Gesuch von H. W. Rinn um Erlaubnis zur Er­richtung einer Arbeitshütte neben dem Bauplatz des Johannes Schäfer IV. an der Moltkestraße, ferner

das Gesuch von Eduard Klinkel um Erlaubnis zur Errichtung einer prov. Halle auf seinem Acker am Bahnhof.

Für Herstellung der elektrischen Beleuchtung in den in das Thaer'sche Haus am Neuenweg verlegten Bur eaux des Stadtbauamts Gießen werden 388 Mk. bewilligt.

Dem Gesuche von Johs. Nickel um unentgeltliche Ueberlassung der städtischen Pferdewalze zur Herstellung des Weges nach dem Steinbruch im Stadtwald wird stattgegeben.

Mehrere Rechnungen über Aussch mückungsarbeiten au§ Anlaß der Kriegerdenkmals-Einweihung im Betrage von 140 Mk. werden genehmigt.

Der Weg nach dem Elektrizitätswerk soll elektrisch be­leuchtet werden, und zwar mit Nernstlampen, um deren Ver­wendbarkeit für die später in Frage kommende elektrische Straßenbeleuchtung beurteilen zu können. Stadtv. Wallen- f e 13 hält die Verbesserung des gen. Weges für nötig, und weist weiter auf den sehr zerfahrenen Weg hinter der Kaserne hin. Bürgermeister Mecum bemerkt dazu, daß er Er­hebungen darüber anstellen werde, ob der fragliche Weg event. gesperrt werden könne.

Die Erhebung von städtischem Oktroi, foroett dieselbe bisher durch das Hauptsteueramt erfolgte, soll im Einver­ständnis mit dem Ministerium der Finanzen vom 1. Januar 1902 ab an die Stadt übergehen.

Zwischen der Stadt und dem Verlage des Adreß­buches ist ein neuer Vertrag abgeschlossen worden, laufend vom 1. Januar 1901 bis auf weiteres. Danach ist das

Adreßbuch in einer Auflage von mindestens 800 Exemplaren herzustellen (das eben im Druck befindliche Adreßbuch wird in einer Auflage von 1000 Exemplaren erscheinen). Das Material liefert die Bürgermeisterei, bezw. die Polizei, wofür vom Verlag 500 Mk. zur Besoldung der mit dem Ein- sammeln der Listen u. s. w. betrauten Schutzmänner zu ent­richten find. Der Subskriptionspreis ist auf Mk. 2.60 fest­gesetzt, nach Erscheinen des Buches kostet dasselbe 3 Mk. Der Vertrag wird genehmigt. Stadtv. Krumm bemerkt, daß ihm gegenüber Klagen geäußert worden seien über die un­gleichmäßige Verteilung der städtischen Arbeiten an die hie­sigen Dxuckereien. Bürgermeister Mecum erklärt, daß lt. Vertrag mit dem Verlag des Gießener Anzeigers übet die Veröffentlichung der bürgermeisteramtlichen Bekanntmachungen im Gießener Anzeiger der Brühl'schen Druckerei der Druck des Verwaltungsberichtes und des Voranschlags übertragen wurden; die übrigen Arbeiten würden an die anderen Druckereien möglichst gleichmäßig verteilt. Beigeordneter Georgi fuhrt eine Reihe von Mängeln im Adreßbuch an, die beseitigt werden müßten; das Verzeichnis der Handels­firmen, die Angabe der Reichsbankgirokontos, die Telephon­anschlüsse 2C. seien fehlerhaft. Beig. Wolf bemerkt, es sei vorgesorgt, daß das Adreßbuch in Zukunft möglichst fehler­frei hergestellt werde; es sei die Zettelausfüllung seitens der Einwohner selbst nicht mit der nötigen Sorgfalt vorgenommen worden; in Zukunft würde die Handelskammer das Firmen­verzeichnis durchsehen. Stadtv. Haubach halt es für un­umgänglich nötig, daß die Frageformulare vollständig aus­gefüllt werden.

Das Gesuch von Karl Diem um Erlaubnis zum Wirtschaftsbetrieb im Hause Ludwigstraße 6 (Tivoli) wird befürwortet._____________________________________________________

Aus Stadt und Sand.

(Der Abdruck der unter dieser Rubrik befindlichen Original-Nachrichten ist nur unter genauer Quellenangabe:Gieß. Auz." gestattet.) Gießen, den 18. Oktober 1901.

* * Fischkalender. Am 15. Oktober hat die Winterschonzeit für Fische ihren Anfang genommen. Sie dauert bis zum 14. Dezember einschließlich.

* * Mondfinsternis. Eine teilweise Mondfinsternis fällt auf den 27. Oktober nachmittags. Sie beginnt um 3 Uhr 25 Min. und erreicht ihr Ende um 5 Uhr 6 Min. Da der Mond bei uns um 4 Uhr 45 Min. aufgeht, wird wenig von der Verfinsterung zu sehen sein.

* * Der Hessische Athlettn-Verband hält am Sonntag, den 20. d. M., in Hersfeld seinen 6. Delegiertentag ab. Der 1. Gießener Stemm- und Ringklub entsendet zwei Vertreter, die an den Beratungen teilnehmen werden.

* * Haushaltungsbuch. In der Buchhandlung von Jos. Singer in Straßburg i. E. ist ein Haushaltungsbuch erschienen, das sich durch seine praktische Einrichtung empfiehlt. Der billige Preis von 50 Psa. setzt jede Hausfrau in die Lage, sich ein solches Buch an- zuschafien.

0 Lindenstrnth, 15. Okt. Bei der heute hier erfolgten Bürgermeisterwahl wurde der seitherige Bürgermeister L. Scheid mit 45 Stimmen einstimmig wiedergewählt.

§ Nieder-Gemünden, 17. Oktober. Gestern tagte hier im Saale des Herrn Södler unter dem Vorsitz des Kreisrats Dr. Melior und des Kreisschulinspektors Mathes die diesjährige Kreislehrerkonferenz. Der sta­tistischen Uebersicht des Kreisschulinspektors über die Schulen des Kreises entnehmen wir, daß zur Zeit 75 Schulen im Kreise bestehen. Davon sind 56 ein-, 14 zwei-, 4 drei- und eine achtklassig, zusammen 104 Klassen. Die Schülerzahl beträgt 6065 gegen 5992 im Vorjahre. Davon sind 2961 Knaben und 3104 Mädchen. 5581 Kinder gehören der evan­gelischen, 355 der katholischen und 129 der israelitischen Konfession an. Die Zahl der Fortbildungsschulen betrug im letzten Winter 874 gegen 937 im Vorjahre; 3 Gemeinden waren von der Errichtung einer Fortbildungsschule befreit. An den Volksschulen des Kreises wirken 104 Lehrkräfte, davon sind 96 evangelisch, 6 katholisch, 2 israelitisch. De­finitiv angestellt sind 80. Auf der weiteren Tagesordnung standen zwei Vorträge: Die Verbindung von Lesebuchs und Aufsatz, Referent Lehrer Reul aus Raiurod, und Wie soll repetiert werden? Referent Lehrer Hildebrand aus Üben* hausen. Da beide Themen den Forderungen unserer mo­dernen Volksschule Rechnung trugen, so hatten sie das aktuelle Interesse der Lehrer für sich, die aufmerksam den Ausführungen beider Referenten folgten. Zeigte der erste Referent, wie das Lesebuch eine treffliche Stoffquelle für den Aufsatzunterricht darbietet, so führte der zweite in treff­licher Weise aus, wie die Repetition zu gestalten ist, um den Unterricht dauernd wirksam zu machen. Die auf beide Vorträge folgende lebhafte 'Diskussion legte klar, mit welch lebhaftem Interesse die Versammlung sie ausgenommen hat. Der erste Vorsitzende dankte den beiden Vortragenden. Nach Aufstellung des Lehrplans für die diesjährigen Fortbild­ungsschulen und Mitteilungen trefflicher methodischer Winke durch Kreisschulinspektor Mathes stellte Kreisrat Dr. Melior Erhebungen an über die Gefahren der Tanzmusiken und Spinnstuben für die schulpflichtige Jugend und schloß sodann den amtlichen Teil der Konferenz. Ein gemein­sames, gutes Mittagsmahl, gewürzt von begeistert aufge­nommenen Toasten, beschloß die Kreislehrerkonferenz.

Darmstadt, 15. Okt. Wie dasDarmst- Tgbl." hört, besteht die Absicht, die Anstalt Aumühle bei Wixhausen, die von dem Verband der Rettungsanstalten für das Groß- Herzogtum Hessen und die preußische Provinz Hessen-Nassau seit einigen Jahren gegründet ist, um schulentlassene Knaben in der Landwirtschaft auszubilden, durch weiteren Grund­erwerb und Erweiterungsbauten dem eingetretenen Be­dürfnis entsprechend zu vergrößern.

Marburg, 16. Oktbr. Vorgestern wurde bei der Her­richtung der reformierten Kirche ein weiteres farbiges Wand­gemälde durch Beseitigung der Tünche freigelegt. Das Bild stellt die Tragung des Kreuzes durch Christus dar. Die Ge­stalt Christi, das Kreuz, Krieger mit ihren Lanzen, Gesträuch, etwas Landschaft sind unschwer zu erkennen, doch ist das Ganze sehr verhackt. Das Bild ist 4 Meter breit und drei Meter hoch. Die Farben, vorherrschend grünlich, sind noch leidlich erhalten. Die ersichtlichen Spruchbänder wurden noch nicht enträtselt. Das Ganze zeigt gute Arbeit, bessere als an den zwei anderen jetzt freigelegten Bildern. Die An­nahme, daß die Südwand der Kirche früherhin durchaus mit Gemälden versehen war, scheint berechtigt. Ueber den Maler weiß man nichts.

Frankfurt a. TL, 17. Oktbr. Heute mittag wurde der 40 Jahre alte Dr. phil. Gerhart Lorenzen, der in einem Pensionat in der Lindenstraße wohnte, in seinem Bette be-