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19.6.1901 Zweites Blatt
 
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Wr. 141

Zweites Blatt.

181. Jahrgang.

Mittwoch 19. Juni 1901

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Bet Postbezug vu-ctesipM, Ml. 2.00 ohne BcsteS

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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen sag

Telegramme deS Gießener Anzeigers.

London, 17. Juni. Nach einer abends eingegangenen Verlustliste fand am Freitag in der Nähe von Houtkop an­scheinend ein ernsteres Gefecht statt, wobei 3 Munn getötet und 12 verwundet wurden.

London, 17. Juni. Lord Kitchener telegraphiert aus Bloemfontein vom 17. Juni: Seit dem letzten Bericht sind 24 Buren getötet, 14 verwundet und 65 gefangen ge­nommen worden; 165 Buren ergaben sich,. Erbeutet wur­den 137 Gewehre, große Munitionsmengen, 198 Wagen, 1500 Pferde und 3000 Stück Vieh. Hierin sind die Verluste der Buren während der Operationen Elliots nicht ein­gerechnet. v ,

Kapstadt, 17. Juni. Es scheint, Dewet habe erst in letzter Zeit die Buren bewogen, unter seiner Führung sich! neu zlr konzentrieren, aber, nachdem dies erst jüngst geschehen sei, griffen ihn die Engländer an, und zer­sprengten die Truppen. t (w.

London, 18. Juni. Amtliche zusammenfassende Mit­teilungen über die letzten Zusammenstöße besagen: Ein Teil des Kommandos Scheepers nahm am 13. Juni Murraysburg und plünderte die Läden. 150 Buren unter Maritz umzingelten eine britische Patrouille von 29 Mann. Von diesen wurden 2 getötet, 2 verwundet und die anderen gefangen genommen. Im Kakama- Tistrikte sind 200 Aufständische aufgetaucht. Dieselben

Simonsbown gemeldet. Im ganzen sind bisher 714 Pest- älle gemeldet, von denen 338 tötlich verliefen.

Tie niederländische Regierung hatte bei der englischen Regierung Schritte gethun, um diese zu er- uchen, die Sendung von Lebensmitteln, Kleid­ung usw. nach Südafrika für die Frauen und Kinder in den Burenlagern zu erleichtern und hat von der englischen Regierung in dieser Hinsicht sehr befriedi­gende Erklärungen erhalten.

Tie Kommission zur Prüfung der Entschädigungs­orderungen der aus Südafrika ausgewiesenen Per- onen nahm am 17. ihre Sitzungen wieder auf. Ter Ver­treter des Kriegsamts, John Ardagh, behauptete, den An­gestellten der niederländischen südafrikanischen Eisenbahn- Gesellschaft dürften, obgleich sie Unterthanen eines be- sreundeten Staates seien, leine Entschädigungsansprüche eingeräumt werden, wenn sie nicht im stände sind, nachzu­weisen, daß sie auf ihre Eigenschaft als Neutrale Anspruch erhoben und diese aufrecht erhalten haben. Er wolle nicht die Eisenbahn-Angestellten in die algemeine Schlußfolger­ung einbegreifen, daß die Eisenbahn zu den Kriegführen­den gehört, doch müßten die Angestellten beweisen, daß sie Schritte gethan haben, um Neutralität zu beanspruchen.

Engländer nud Buren.

Ter neueste Erfolg der Buren bei Wilmänsrust ttiehe unser gestriges Telegramm), der den Engländern 6 Offiziere und 54 Mann, sowie 2 Maximgeschütze, die den Buren eine sehr willkommene Beute sein werden, außer­dem die Kriegsausrüstung der wieder freigelassenen Ge­fangenen gekostet hat, ist offenbar dem unermüdlichen Burenfnhrer Ben Viljoen za danken, der nicht versäumen wird, diesen Erfolg moralisch in denkbar gründlichster Weise auszunutzen. Auch in der Kapkolonie ist von neuen Unternehmungen zu berichten. Ein Reutertelegramm aus Molteno vom 14. Juni besagt:Nachdem die in die Kapkolonie eingedrungenen Buren nach der Grenze von Kaffraria gedrängt worden waren, wollten sie nicht auf Kafferngebiet hinübergehen, sondern brachen wieder in westlicher Richtung durch. Sie bestehen aus drei Kom­mandos unter Kritzinger, Fouche und Myburg, jedes 200 bis 300 Mann stark. Tas Kommando Kritzingers hat die englische Postenlinie 3 Kilometer südlich von hier auf dem Marsch nach Westen gestern nacht durch­brochen." Auch derTaily Mail" wird aus Narwals- pvnt vom 15. gemeldet, die Zahl der Buren und der sich ihnen anschließenden KasKolonisten nehme im Bezirk von Narwalspont fortgesetzt zu.

In Bezug auf die Meldung über den angeblichen Ueberfall des Kommandanten Beyers bei Warm­bad durch den Obersten Wilson meldet das Reutersche Bureau, ihm sei unterm 15. ds. aus Turban eine Depesche zugegangen, die, aus anderer Quelle stammend, die erste Meldung des Reuterschen Bureaus in allen wesentlichen Einzelheiten bestätige mit Ausnahme des Namens des Kom­mandanten, welcher daselbst fehle. Tas amtliche Dementi scheine sich dabei, wie das Reutersck-e Bureau annimmt, auf den Punkt der Meldung äu beziehen, daß das über­fallene Kommando dasjenige Beyers gewesen sei.

Ueber den Strauß, den Elliots Kolonne mit Oranje- burhi bei Reitz gehabt habe, die nach Kitcheners Meldung unter De Wet standen, ist schon berichtet worden. Dieses Gefecht ist deswegen besonders interessant, weil es endlich wieder ein sicheres Lebenszeichen von Te Wet giebt. Der vielgewandte Mann hat sich also nicht nach der Kapkolonie begeben, um den Kampf abermals zu organisieren, sondern weilt noch immer in den unzulänglichen Bezirken des nordöstlichen Freistaats und hat anscheinend wiederum eine Sck>ar kampfesmutiger Streiter um sich gesammelt. Der Verlust, den er den Engländern zugefügt hat, ist erheblich, denn er wird von Kitchener auf 20 Tote, darunter 3 Offi­ziere und 24 Verwundete, angegeben.

Innerhalb der letzten Tage wurden drei neue Pest­fälle von Port Elizabeth, zwei von Maitland und einer von

gingen nach Südwesten. Tie Gesamtsumme aller gefangenen Buren beträgt 19 242.

China.

Tie Gesandten haben sich endlich über die Entschä- digungsfrage geeinigt. Alle haben Amerikas Vor- chlag angenommen, die Gesamtsumme der Entschädigung mit 450 Millionen Taels zu fixieren, die vierprozentig zu verzinsen wären. Danach hätte China jährlich 18 Mill. Taels an Zinsen zu zahlen. Mit der Amortisierung der Schuldsumme soll erst in einigen Jahren begonnen werden. Rußland hat seine Einwendungen aufgegeben. Mehrere Gesandte haben noch an ihre Regierungen depeschiert, um deren formelle Zustimmung zu den einhellig gefaßten Beschlüssen zu erlangen. Auch über die Steuerquellen, aus! denen die Zahlungen Chinas zu bestteiten sein werden, haben sich die Gesandten geeinigt. Es sollen das sein: Die Abgaben auf Salz, die Jnlandzölle und ein fünfprozentiger Zuschlag auf die Seezölle. Für diesen letzteren hat der amerikanische Gesandte Rockhill bereits die Zustimmung der Mächte erlangt. Auch in Betreff der Details ist voll­ständige Uebereinstimmung erzielt worden, und die Ge­sandten atmen auf, daß die langwierigen Verhandlungen endlich zum Schlüsse gebracht worden sind.

TieAgence Havas" meldet aus Peking: Das diplo- mattsche Korps einigte sich über die Hilfsquellen, die dem Anleihendienst zuzuweisen sind, nack;dem die Vereinigten Staaten darin eingewilligt haben, nicht auf den von ihnen gestellten Bedingungen zu bestehen und eine Erhöhung der Zölle auf 5 Prozent anzunehmen. Bezüglich der Auf­bringung der Anleihe, mit der China die verlangte Kriegs­entschädigung vorgestreckt werden soll, sttmmte das diplo­matische Korps einmütig dem Vorschlag zu, sie durch Aus­gabe von Bonds zu beschaffen.

Ein Telegramm desReuterschen Bureaus" lautet: Tie fremden Gesandten sagen, daß die Verhandlungen über den Atodus der Zahlung der Kriegsentschädigung einen be­friedigenden Fortgang nehmen, imb sprechen die Erwart­ung aus, daß man noch vor dem Vdonat Juli zum Abschluß der Verhandlungen kommen werde. Ter Direktor der Paottngfu-Eisenbahn hat die Anweisung erhalten, für den Transport von 3000 Mann chinesischer Truppen nach Peking Vorkehrungen zu treffen.

Eine oer beiden französischen Brigaden wird aus der Provinz Petschili zurückgezogen. Tie Zurückziehung erfolgt zwischen 25. Juli und 20. August.

Ein italienischer Priester aus Schanzi bestätigt die Meld­ung von der vor einigen Wochen erfolgten Mas sakr ier- u n g fünfzehn belgischer Priester und einer Anzahl be­kehrter Chinesen in Ningtiaoling (Südmongolei) durch Sol-

Das Nkberbrettl «ab das Krettl in Kaukfnrt a. M.

P. W. Gießen, 18. Juni 1901.

I.

Auch vom Humor gilt im allgemeinen, was Goethe vom Schlafe sagt:Ungerufen kommt er am willigsten!" Rufi man ihn, sucht man ihn in ein Prokrustesbett zu spannen, dann ifts nichts mit ihm!

Nun haben auch wir auf den Brettern, die, einem überwältigend falschen Gerücht zufolge, Ueberwelt bedeuten sollen, ihn gesehen, den Herrn Ueber-Baron, den deutschen Dichter Ernst Freiherrn v. Wolzogen, von dem mau einst, nachdem er seine prächtige litterarische PosseDaS Lumpengesindel" geschrieben hatte, erwartete, er werde den Deutschen daS neue deutsche Lustspiel geben. Aber ach, der Herr Baron haben nicht gehalten, was einst Ihr schönes Talent versprach. Mit großem prätenfiösem und durch ostentative Scheinbescheidenheit umso wirksamerem und sehr aeschicktem Tamtam streut er jetzt dem großen Publikum, ua8 »cd ja dadurch stets so leicht bestechen läßt, in die guten treuen deutschen Augen sehr feuchten Sand, um hiuterdrew sich Los Ueber Fäustchen zu lachen. So ging dieser schlaue und witzige, ans dem ff seine Zeit verstehende freie Freiherr über zur allzu leicht beschwingten Muse und ist damit, ohne daß er sich deswegen irgendwelche Skrupeln macht, ganz gewiß bewußt im Begriff, unter zugehen in der Schar derer, die um eines nwhl'Mg-- Zweckes willen nämiich des der Seibstbereichernng, der ernsten, hohen Kunst für immer Lebe­wohl sagen Schad- um ihn, er hätte, bei mehr Charakter, Wertvolles leisten können, »der sein Freund Sttlpe - man tennt den Roman dieses Namens, da» nnverschLmt nette Sorgenkind Otto Julius Bierbaums hats ihm angethan, und nun wird er wohl nicht mehr heraus können aus dem selbstgewählten Milieu, er, der Sohn einer berühmten deutschen, mit unserem Schiller verwandten Adelsfamilie, in dessen Elternhaus zu Schwerin einst der alte Nibelungen sänger Wilhelm Jordan zu Gaste war, er, der einstige Schüler Geibels und HeyseS, der jüngere Freund des präch­tigen alten Fontane - und unsere gute Litteratur wird um einen ihrer begabtesten Jünger ärmer. Verhülle Dein Haupt, ° ^AlS der Vorhang im überfüllten Frankfurter Schau spielhause am SamStag aufging, schieuS, als befänden wir

uns gegenüber einem Salon, in dem jeder, der etwas Geist volles auf dem Herzen hat, es zwanglos zum Besten giebt. Diese Idee ist gewiß gut und könnte eine reizende Belebung des Vortrages herbeiführen. Aber als sich der Herr Baron, ein magerer hoher Vierziger mit scharfen Zügen, charak- teristischern dunkelblondem Spitzbart und Kneifer, von einem Seffel erhob, vor das Publikum trat und in sehr unge­zwungener, scheinbarer Stegreifrede mit wenig Witz und viel Behagen gleich zu Beginn polemisch wurde, da war der aller« erste gute Eindruck schon dahin. Wir hatten erwartet, der Herr Baron, der, w-e seine Nebenmänner, in dunklem Frack mit goldenen Knöpfen und hellen Unaussprechlichen erschien, werde, diesem originellen Kostüm entsprechend, einen reiz­vollen, w'tz- und geistsprühenden EinleitungSspecch vom Stapel laffW, und sogleich hinanSsühren mit Geist und Grazie ans dem Bereich der grauen Alltäglichkeit in die üppigen Lande köstlichen Humors. Statt dessen gabs eine nüchterne, breite Auseinandersetzung über den Unterschied zwischen dem deutschen Ueberbrettl und den französischen CabaretS, die jedem höchst gleichgiltig war, und dann unter tausend Worten oer Versicherung größter Bescheidenheit und Anspruchslosig- feit wie reimt sich daS mit den enorm hohen, ganz un oerhältniSmäßigen Eintrittspreisen zusammen?! die Be­hauptung, daß daS Ueberbrettl dazu da sei, den Aufgang einer neuen Sonne deutscher Lyrik zu bereiten, die nur auf diesem Wege in die rechten Beziehungen zum großen Publi­kum treten könne, das bei der Ueberfülle der neuen Er­scheinungen nicht genug Zeit habe, daS Gute selbst heran-- zufinden.

Und was nun kam, war fast ausschließlich lebendig ge­wordenerSimplicissimus", gesungener, getanzter, deklamierter Simplicissimus" allergröbster Sorte!Das aber", so wird sich nun ein unberatenes Publikum fragenist die neue deutsche Lyrik? Das ist die neue Kunst? Wir danken da­für!" O nein, verehrtes Publikum, das ist durchaus nicht die neue Lyrik, die neue Dichtkunst! Das ist nur eine, und zwar eine glücklicherweise verschwindend kleine Abart von neuer Kunst. Um Gotteswillen urteile niemand nach dem Ueberbrettl über unsere Kunst von heute! Auch heute haben wir unter den jungen deutschen Poeten nicht wenige, die an das Publikum das Verlangen stellen, das einst Stöber, der alte Elsässer Poet, in die rechten schlichten Worte kleidete: Willst du hören ein Gedicht, sammle dich wie zum Gebete!"

Die Poesie des Ueberbrettl, die es uns am Sonntag in Frankfurt entgegentrat, ist fast durchweg^ schlüpfrig und schwül, keck und frech, wenn auch keineswegs kunstlos, o nein, vielmehr zum größten Teil wirklich echt künstlerisch, von berückender Grazie, von bestrickendem Wohllaut, in der Form meisterlich dem Inhalt nach abscheulich. Sonderbar, daß Herr v. Wolzogen gerade für Frankfurt, und zwar gerade für den Frankfurter Eröffnungsabend seine allertollsten Pro­grammnummern ausgewählt hatte. Hat er ein Recht dazu, oas Frankfurter Publikum derartig einzuschätzen? Er hat doch in anderen Städten, zumal in Berlin, häufig Abende einem ihm innig dankbaren sehr fein empfindsamen Publikum geboten, an denen das Obszöne ganz und gar in den Hinter­grund trat. Daß er seine Gäste vom letzten Sonntag in dieser Weise reguliert, war wirklich nicht sehr nobel. Herr­gott, Muckerei und Philistrosität find wahrhaftig gräßlich, und wehleidige Sentimentalität ist beinahe ebenso schlimm, aber die Waffen, mit denen Wolzogen dagegen ankäwpft, sind noch schlimmer als diese unleidlichen Gegner. Der Herr Baron thut so, als ob die tausendfältig variierte und detaillierte AuSspinnung des Themas von der freien Liebe aller Arten das einzige Mittel fei zur Bekämpfung und Unter­drückung eines faden, bis an die Kravatte im blöden Kon­ventionalismus steckenden, niemals auch nur um ein Jota vom einmal vorgeschriebenen engherzigen Sittenkodex abweichenden Philistertums. DaS ist wahrhaftig der falscheste Weg. Gebt dem Volke immer und immer mehr gesunde, lebensfrische Kunst, gewiß, aber eine Kunst ohne allen impertinent häßlichen sexuellen Beigeschmack, nicht eine Kunst, die da stinkt von Frivolitäten, sondern eine Kunst, die, und wenn sie auch im leichten Mäntelchen deS Humors auftritt, doch des Leben- Ernst und vornehmlich des Lebens Würde aufrecht erhält, den Humor etwa, wie er in der Schülerszene desFaust" sich äußert, und Ihr werdet in der Bekämpfung der Philistrosität die schönsten Erfolge erzielen!

___ Schluß folgt

Humoristisches.

* Zeichen der Zeit. N. Woraus gründen Sie Ihren Anspruch auf Unterstützung seitens unseres Vereines? B. Meine Frau hat die beiden Feste iu gunsten dieses Vereines besucht, und o sind wir verarmt.

* Kindliche Frage.Du, Mama, muß eine kranke Kuh dem Tierarzt auch die Zunge zeigen?!"