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Wohnungs-Gesetzgebung im Auslände.
Vor ungefähr dreißig Jahren konnte Fürst Bismarck in einer Darlegung an den Bundesrat mit einigem Recht behaupten, die Frage, bis zu welchem Grade der Staat befugt sei, im Interesse der öffentlichen Gesundheitspflege in die Privatrechte des Einzelnen einzugreifen, sei in Deutschland kaum zum Bewußtsein der gebildeten .Kreise gekommen, und deshalb zu einer gesetzlichen Regelung noch nicht reif. In dem Zeitraum bis heute ist auf diesem Gebiete ein ganz außerordentlicher Fortschritt zu verzeichnen. Es kann nicht nur das frühere Vorurteil gegen „lästige Einmischung" des Staates in Bezug auf die Beseitigung und Verhütung sanitärer Mißstände als gefallen betrachtet werden, sondern es roerben Bestimmungen und Anordnungen in solcher Richtung als nützlich und wünschenswert befunden. Verfügungen, wie sie kürzlich das württembergische Ministerium des Innern über eine geregelte Wohnungsaufsicht erließ, hätten vor einer Reihe von Jahren vielleicht vielfach Widersprach hervorgerufen. Heute ist man weit entfernt davon, über derartige staatliche Eingriffe Klage zu führen. Trotzdem kann die Genugthuung über den erzielten Fortschritt, über die gewachsene Erkenntnis von der Bedeutung der öffentlichen Gesundheitspflege nicht allzu groß sein, wenn mau die Maßregeln bedenkt, die im Auslande, beispielsweise in England und Frankreich, vor langer Zeit bereits im Wege der (Gesetzgebung festgelegt und zur Ausführung gelangt sind.
Tas französische Gesetz vom Jahre 1850 erteilte jeber Gemeinde das Recht, durch eine besondere Kommission alle Mietwohnungen einer beständigen Aufsicht zu unterwerfen und Maßregeln zur Aenderung ungesunder Wohnungen zu treffen. Ter Gemeinderat legt den Eigentümern von unreinlichen, engen und feuchten Wohnungen, oder von solchen, denen Luft und Licht mangelt, die Ausführung der erforderlichen Veränderungen ans, oder erklärt die Wohnung für unbewohnbar. Bei äußeren und dauernden Ursachen der Gesundheitswidrigkeit, welche nur durch umfänglichere Arbeiten und gänzliche Umbauten zu beseitigen sind, kann die Gemeinde die Gesamtheit der betreffenden Gebäulichkeiten nach den Vorschriften des Enteignungsgesetzes an sich bringen und nach Herstellung der nötigen sanitären Arbeiten das Uebrigbleibende öffentlich versteigern lassen. Tas sind sicherlich sehr weitgehende Rechte, die das Gesetz in Bezug auf das Wohnungswesen den Gemeinden verliehen hat. Tie englische Wohnungsgesetzgebung aus dem Anfänge der fiebriger Jahre ist noch radikaler verfahren. In allen Mietshäusern — wir folgen den Ausführungen des Tr. Friedrich Sander in seinem „Handbuch der öffentlichen Gesundheitspflege" — darf die Zahl der Mieter bestimmt werden, ueberschreitungen werden mit Geld- oder Gefängnisstrafe geahndet. Reben der lieber füllung giebt die schlechte Beschaffenheit an Wohnungen einen Grund zum Einschreiten ab. Zunächst kann ö'egen, Reinigen, Weißen verlangt werden, sobald eine Bescheinige
Von der Bagdad-Bahn.
Man schreibt uns:
Von dem Plan der Fortführung der anatolisch-en Bahn über Angora, Sivas, Tiarbekir, 4Rosal, Bagdad und Basra bis Buschir am persischen Golf ist es längere Zeit still gewesen. Sieverdings beginnt die Handels- und Börsenpresse wieder Stimmung zu machen. Es wird darauf hingewiesen, daß die deutsche Regierung, die seit der Orientreise des Kaisers einen nicht geringen Einfluß in der Türkei besitz, dies Eisenbahuunteruehmeu möglichst zu fördern suche, weil dadurch dem deutschen Handel und Verkehr bedeutende Vorteile entstehen würden. Tiefe Vorteile werden dann in den glänzendsten Farben geschildert. Tie Handelsstraßen London, Vlissingen, Köln, Regensburg, Wien, Belgrad, Konstautiuopel, Musul, Bagdad, Barra, Bombay, Kalkutta werden einen bedeutenden Aufschwung nehmen, an dem die dieser Verkehrsroute naheliegenden größeren Städte teil nehmen würden. Kurz die Vollendung der Euphratbahn bedeute nicht weniger als die Zurückführung eines Teils des indisch-orientalischen Handels vom Seeweg auf den Landweg. Eine weitere Folge der Euphratbahn werde endlich die sein, daß die von ihr durchzogenen, zwischen Bosporus und Indien belegenen Länder an den modernen Verkehr angeschlossen würden. Diese, da sie vor Jahrhunderten zu den fruchtbarsten der Welt gehörten, würden für europäische Fabrikate einen äußerst aufnahmefähigen Markt bilden, was voraussichtlich hauptsächlich. Deutschland zu Gute kommen werde. _ .
Indessen dürfte diese Reklame weniger die Stimmung der deutschen Großhandelskreise als vielmehr diejenige des Großbankkapitals wiedergeben, das nady den größten Gewinnen lüstern ist, die es bei den früheren „Erschließungen", wie Professor Schmoller zugesteht, auf Kosten der Kleinen" eingeheimst hat. Denn Hamburger Blätter, ine doch auch
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als Vertreter des deutschen Handels ein Wort mitzureden berechtigt sind, betrachten die Sachen in einem ganz anderen Lichte. Sie schreiben:
„Was das übrige Europa, außer England, angeht, so mag eine Zurückführung des indisch«-orientalischen Handels auf den Landweg geeignet fein, der Balkanhalbinsel und namentlich Oesterreich die wichtige glanzvolle Stellung zurückzugeben, die es vom 12. bis 15. Jahrhundert im orientalischen Handel einnahm; und es ist also sehr begreiflich, daß man in Oesterreich von dem Eintreten der deutschen Regierung für den Bau der Euphratbahn ganz entzückt ist. Aber das deutsche Reich, das kein Binnenstaat wie Oesterreich, ist, dürfte im großen und ganzen von der Wiederherstellung des alten Ueberland- weges mehr Nachteile als Vorteile haben, da der den neuen Weg zwischen England und China benützende englische Handel dem natnrgemäß auf den Seeweg gerichteten norddeutschen und ostdeutschen .Handel unliebsame Konkurrenz machen würde."
Diese Ansicht der hanseatischen Blätter ist durchaus zutreffend. Sie können sich mit vollem Recht auf die Erfahrungen stützen, welche die Geschichte der Handelswege unb ihrer Entwickelung an der Hand giebt. Wie seinerzeit die Entdeckung des Seeweges nach Ostindien den Handel auf dem Landwege verkümmern ließ, und große Handelsstädte wie Venedig dem Untergänge entgegenführte, während die Hafenstädte der Nordsee aufblühten, so müßte die Oeff- nnng eines neuen Ueberlandweges mit dem Orient durch die Euphratbahn notwendigerweise die entgegengesetzte Wirkung haben. ~ . .
So vereinigen sich offenbar die Interessen des deutschen Großhandels, die Bekämpfung des Bagdadbahn-Projekts mit denen der deutschen Landwirtschaft. Denn, welche Gefahren dieser aus der Verwirklichung dieses Projektes drohen, darüber kann nach den überzeugenden Darlegungen Tr. Ruhland's in dessen „Monatlichen Nachrichten" (Septembernummer 1900) kein Zweiefl mehr obwalten. Müssen doch, selbst diejenigen Blätter, welche neuerdings die Werbetrommel für die Bagdadbahn rühren, das indirekt zugestehen. Denn was anderes bedeutet die oben erwähnte Hervorhebung der für deutsche Fabrikate aufnahmefähigen fruchtbaren Länder Kleinasiens, als daß diese Länder auf Kosten der deutschen Landwirtschaft „der Kultur erschlossen" werden sollen, um die Erzeugnisse der Industrie nut billigen landwirtschaftlichen Produkten bezahlen zu können.
Bekanntmachung.
Betr.: Ankauf von Simmenthaler Zuchtvieh durch den landwirtschaftl. Provinzialverein von Oberhessen.
Der landw. Provinzialverein beabsichtigt, um die Zeit Don Ende August bis Mitte September durch eine Kommission Don Sachverständigen, Zuchtvieh der Simmenthaler Rindvieh rasse und Saaner»Ziegen aus den betreffenden Original» zuchtgebieten einzuführen. Der Import erstreckt sich nur auf wirklich gutes Zuchtmaterial von Bullen, jungen Kühen, Kalbinnen, Ziegenböcken und Ziegen. Der Durchschnittspreis dürfte sich in der Schweiz für Bullen auf 700 Mk. bis 900 Mk., für Kühe und Kalbinnen auf 600 Mk. bis 800 Mk., für Ziegenböcke auf 40 Mk. bis 60 Mk. und für Ziegen auf 30 Mk. bis 50 Mk. stellen. Die Ankaufskosten, die der Verein trägt, sind hierbei außer Betracht gelassen. Durch den event. Vereinsnachlaß dürfte sich der Preis noch etwas niedriger steyen.
Beteiligen können sich am Bezug: Einzelzüchter, Gemeinden und Zuchtvereine, und find die Bestellungen schriftlich biS z«m 15. August ds. IS., unter Angabe des Ge schlechts und der sonstigen Wünsche bei den Zuchtvereinen, oder direkt bei der Geschäftsstelle des landw. Vereins für die Provinz Oberhessen in Alsfeld anzumelden. Die an- gekauften Tiere werden unter den Bestellern versteigert. Erreicht der SteigerlöS nicht die Höhe der Ankaufssumme, so wird der Fehlbetrag prozentualisch dem Steigpreis der ein- zelnen Tiere zuaeschlagen. Uebersteigt der SteigerlöS die Summe der Ankaufspreise, so erfolgt eine Rückvergütung nach demselben Maßstabe.
Der Provinzialverein bestreitet, wie schon gesagt, die sämtlichen allgemeinen Kosten des Kaufs (alle Kosten abzüg lich der Ankaufspreise). Außerdem kann, soweit die vor> handenen Mittel reichen, auch auf Antrag der Besteller ein Teil des Steigerlöses, und zwar bis zu 20 Prozent für solche Tiere, die von Zuchtvereinen und deren Mitgliedern oder von Gemeinden bestellt sind, an einen einzelnen Besteller jedoch nicht mehr als für 1 Stück, nachgelassen werden
Ort und Tag der Versteigerung der angekauften Tiere unter den Bestellern wird später milgeteilt.
Hardthof, den 15. Juni 1901.
4 Der Präsident
des landwirlschastl. Vereins für di- P-oviu, Ob-rh-ss-n. Schlenke.
Drohungen.
Es wäre recht scherzhaft, wenn es nicht zu ernst wäre.
Während ein Teil der liberalen Pre,,e sich nut günstigen Meldungen über die Ergebnisse der Handelskonferenz in eine hoffnunasfreubrge Stimmung zu versetzen sucht, ein anderer über die Ungewißheit der handelA politischen Zukunft klagt, und vor zeder.Hoffnungsseligkeit warnt, sind rechts und links verschiedene Leute thattg, sich gegenseitig mit T-rohungen eiuzuschuchtern. Di Teutsche Tagesztg. hat den Bäckern Schlachtern, Mehl- unb Gemüsehändlern mit der Gründung oon lanbwirt- schöstlichen Bäckerei-, Schlächterei- usw. Genosjenschasten gedroht, wenn sie nicht aufhörten, die Erhöhung der land- wirtsckmftlichen Zölle zu bekämpfen unb durch ungerecht- fwHflt hohe Preise den Landwirten Antipathieen zu erwecken. Tie Kreuzztg. hat den Industriellen zremluhi un- eibentia mit der Ablehnung einer Erhöhung der^zn- dustriezölle gedroht, wenn die Industrie der Landwirtschaft .Den verlangten Schutz versagen wollte.
Ten über diese Drohungen entrüsteten Liberalen werden von Konservativen nod) schlimmere liberale Drohungen entgegengehalten. Ein Tr. M. Lohmann fordert in einer Flugschrift zum systematischen Boykott der „Agrarier" im ganzen Reiche aus. Tie vereinigten Zollgegner sollen durch öffentliche Versammlungen den Boykott gegen Die inländi- dien landwirtschaftlichen Erzeugnisse beschließen und eine lontrollkornmission wählen lassen mit ber Aufgabe, sämt- 1 iche Bäckereien, Schlächtereien, Konsumvereine, Mühlen usw. bekannt zu machen, bie sich verpflichten, nur noch ausländische Ware zu verwenden; bei diesen nur soll gekauft werden. So sollen die „Agrarier" gezwungen wer- >en, zu kapitulieren; gegen Entrichtung einer Boykottteuer, aus der Wohlfahrtseinrichtungen für die Verbraucher geschaffen und den Boykottern Dividenden gezahlt werden sollen, soll die Kontrollkommissionen dann gestatten, daß auch inländische Erzeugnisse verwendet werden dürfen.
Tie Kreuzzeitung meint, dieser Boykottvorschlag werde von den verbündeten antiagrarischen Taktikern sicherlich in Erwägung gezogen werben. Wir halten ihn für zu absurd, als daß ein vernünftiger Mensch an seine prak- tische Ausführung denken sollte. Allerdings ist vor einigen Tagen von landlmndlerischer Seite vorgeschlagen worden, die Städte Kiel und Rendsburg zu boykottieren, das heißt ihnen die Fleisch- und Brotlieferung zu entziehen, und zwar Kiel, weil es auf die Einführung dänischen Viehes nicht verzichten zu können glaubt; Rendsburg, weil die Stadtvertretung sich gegen die Erhöhung der Getreidezölle ausgesprochen hat. An der Empfehlung dieses Boykotte war der Vorsitzende der Landwirtschaftskammer für Schleswig-Holstein in erster Linie beteiligt.
Gewiß wirb aus dieser Boykottdrohung ebensowenig Ernst werden, wie aus der des T-r. Lohmann. Auch mit ber Mattsetzung bes Kleingewerbes burch lanbwirtschaft- liche Genossenschaften wirb es wohl noch gute Wege haben. Je weniger man aber an bie Ausführung berartiger Troh- ungen benfen kann, um so mehr sollte man sich ihrer enthalten. Sie machen auf ber anberen Seite boch nur böses Blut, ohne baß man irgendwie ben beabsichtigten Zweck erreicht. Sie werben nur ausgenutzt zur Erregung noch größerer Erbitterima, als ohnehin schon vorhanden ist. Tie Freisinnigen unb bie Sozialdemokraten schlagen Agitationskapital aus den „agrarischen" Drohungen, die Konservativen und die Landwirtsbündler bedienen sich der liberalen Drohungen zur Schürung ber Abneigung gegen Industrie, Hanbel unb Stabte in ihren Kreisen. Unb boch haben beide Teile ein Interesse daran, daß bie Zoll- und Hanbelsvertragsfragen mit Ruhe unb Sachlichkeit behanbelt werden.
Wir meinen, es heißt unverantwortlich gegen bie eigene Sache gehandelt, wenn man burch Drohungen Oel ins Feuer gießt. Taburch wirb niemanb sich einschüchtern lassen. Im Gegenteil. Nicht im Wege gegenseitiger Verbitterung, Verhöhnung unb Anschwärzung wirb etwas zu staube kommen, was ber Gesamtheit vorteilhaft ist, sonbern nur burch friebliche Verstänbigung, einerseits zwischen ben Vertretern ber produktiven Stände, anderseits zwischen diesen und der Regierung.
Vielfach sieht es so aus, als hätte die Regierung allem die Entscheidung in der Hand; alles bemüht sich, auf sie Einfluß zu gewinnen. Aber schließlich kann doch nichts Positives zu stände kommen, über das keine Verständigung mit dem Reichstage herbeigeftihrt wird. Unb ba ist bekanntlich! Zentrum Trumpf. Weber bie eine noch bie anbere könne das Zentrum entbehren. Und nach welcher Seite in ihm sich die Wage neigen wird, das weiß heute niemand.
GietzeimAnzeiger
w General-Anzeiger v
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
Amtlicher Fell.
Gießen, den 18. Juni-1901, Betr.: Das Ober-Ersatz-Geschäft pro 1901.
Der Cibilvorfitzende der Großh. Ersatz-Kommission Gießen mt die Großh. Bürgermeistereien deS Kreises.
Diejenigen von Ihnen, welche noch mit der Anzeige, daß die Ladungen den Militärpflichtigen zugestellt worden sind, im Rückstände sind, werden an sofortige Erledigung erinnert.
I. B.: Dr. Heinrichs.
Bekanntmachung.
Zur Verhütung der Verschleppung der Maul- und Klauenseuche wird die Abhaltung deS auf den 19. Juni 1901 in Wetzlar anstehenden Viehmarktes an die Be» dingungen geknüpft, welche durch meine, den Markt in Leun betreffende Bekanntmachung in Nr. 42 des Kreisblattes von 1901 veröffentlicht worden sind.
Der Auftrieb beginnt um 8 Uhr vormittags.
Aus der Provinz Oberheffen des Großherzogtums Hessen darf Rindvieh nicht aufgetrieben werden.
Wetzlar, den 11. Juni 1901.
Der Königliche Landrat.
Nr. 141
Erstes Blatt.
151. Jahrgang
Mittwoch 19. Juni 1901
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