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151. Jahrgang.
Sonntag 19. Mai 1901
Nr*. 116 Zweites Blatt.
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Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gießen sä
Amtttcher Heil.
Ein neuer Berliner Kongreß
Der Reichstag geht also auseinander, ohne daß er ’üfj mit der heiß, umstrittenen Aolltarisvvrlage hat be-
Truppen er stets Worte Waldersee vermutlich eher nehmen.
Trotz alledem scheint
an eine Einstellung der mili- deutscher Seite noch nicht ge-
Engländer und Buren.
Die in Aussicht genommene Besuchsreise des englischen Thronfolgers nach Kapstadt ist amtlich abgesagt worden! Das ist ein deutliches Zeichen dafür, daß die Mißstimmung über die fatale Lage in Südafrika, die Furcht vor dem allgegenwärtigen Dewet, unter den leitenden Kreisen Englands weit stärker ist, als man nach außen erkennen läßt. Man hatte so fest darauf gerechnet, daß bis zur Beendigung der Weltreise des Herzogs von Dort die Buren end- giltig niedergeworfen sein würden und daß dann die Ankunft des Thronfolgers in Kapstadt und ein sich daran an-
Volitische Tagesschau.
AuS Solontalkreiscn wird uns geschrieben:
Herr v. Puttkamer, der Gouverueur Kameruns, ist vor einiger Zen von seiner InformatronSreise nach den Kroß
schließender Abstccl)er landeinwärts das große britisch« Sieges- und Jubelfest in Südafrika werden sollte. Jettt aber wagt man in London eine derartige Hoffnung nicht mehr zu hegen, und deshalb will man dem Kronprinzen einen derartigen peinlichen Abschluß einer an sich wenig zeitgemäßen imperialistischen Agitationsreise ersparen.
Der Burenkommandant Fouries, der sich den Engländern ergeben wollte, mürbe von den Buren gefangen genommen.
Aus der neuesten englischen Verlustliste geht hervor, daß die im Distrikt von Klerksdorp im Felde stehenden Australier in einem Gefecht am 10. d. Mts. einen Verlust von fünf Toten, darunter ein Offizier, und sechs Verwundet» erlitten.
Wie es die Engländer in Südafrika treiben, wie sie vor den niederträchtigsten Mitteln nicht zurückschrecken, um den Buren Sck)aden zuzufügen, beweist folgenbe Reuter-Meldung aus Durban vom 17. d. M.:
Ein Mitglied der gesetzgebenden Körperschaft Natals für den Distrikt Eshowe, Namens Brunner, richtete an die „Natal Mercuri" ein Schreiben, worin er mitteilt, daß unter dem Mitwissen der höchsten militärischen Behörden des Landes Schritte unternommen seien, die Eingeborenen auf den „schon demoralisierten Feind" l 0 s z u l a s s e n und ihnen zu gestatten, zu rauben und zu plündern. Die Zulus seien von den Offizieren des britischen Heeres angewiesen, in den Disttikt Voyheid einzudringen, Tausende Stück Vieh seien von ihnen den Buren geraubt und dem Oberst Bvttomley ausgeliefert, der den Zulus gestattete, zehn Prozent der Beute zu behalten. Ein Bure fei von den Zulus mit Assagaien schwerverletzt worden. Infolge der Vorkommnisse seien die Stämme der Dinizuluas und Usi- pubus wieder auf dem Kriegspfadc. Brunner veröffentlicht ein von ihm an den Premierminister gerichtetes Protest telegramm und die Antwort des Letzteren, daß er bei den Militärbehörden sofort gegen dieses Verhalten protestterbe, daß er aber glaube, Bottomley überschritt die ihm ursprünglich erteilten Jnsttuktionen.
unruhig. Neunzig japanische Studenten seien neuerdings in Shanghai eingetrvsfen, um sich im Chinesischen zu vervollkommnen. Sie hielten fortwährend Versammlungen mit unzufriedenen jungen Chinesen ab, und feuerten sie zu gewaltsamen Resormschritten' an.
Eine andere Londoner Meldung lautet: Die Deutschen verhafteten die gesamte Besatzung des unter brr- ttscher Flagge segelnden chinesischen Schleppboots „E i v 0", das an die deutsche Pontonbrücke in Tientsin Meß, steckten sie ins deutsche Gefängnis und vrüaelten sie Tas Boot wurde unbeschutzt gelassen und aus geraubt. Der britische Generalkonsul toertox«
Wie ein Spezialberichterstatter aus Peking drahtet, wird Graf Waldersee voraussichtlich im nächsten Monas die Heimreise antreten. Fast ein Jahr wäre also bann der Oberkommandierende der deutschen Heimat ferne geblieben. Freudig wird Graf Waldersee den Staub Chinas von seinen Füßen schütteln. Der rauhbeinige amerikanische General Chaffee, dessen Eigenwilligkeit dem Grafen Waldersee viel Verdruß bereitete, fühlt füf} jetzt veranlaßt, ihn zu bitten, den Rückweg über Amerika zu nehmen. Auch der Kaiser von Japan hat den Feldmarschall zu Besuch geladen, und den „Abstecher" nach dem Jnselreich, für bessere hohen Lohes fand, wird Graf in fein Rückreiseprogramm auf-
schnellen an die Küste znrückgekehrt nnb dürste jetzt mit der Ausarbeitung eines für der. Direktor der Kolonialabteilung bestimmten Berichtes beschäftigt sein. Dieses Aktenstück wird nicht nur von Dr. Stuebel mit Spannung erwartet, auch die Oesfentlichkeit hat ein Interesse daran. Denn der Gouverneur wird in dem Bericht nicht sowohl über das Ergebnis seiner Reise mS Hwteclund, als vieia.ehc über die Arbeiterverhältuiffe der Kolonie sich zu äußern haben, beson- derS in Hinsicht auf die Behandlung und Entlohnung der Schwarzen. ES find da vor einigen Wochen im Reichs tage böse Klagen erhoben worden, und zwar durch einen Manu, der außerhalb des Berdächis müssiger Nörcelsucht steht. Bei der Beratung des Kolonialetats verurteilte der konservative ReichStagSabg. Schrempff (Württemberg) das „System Puttkamer- aus das schärfste. Mitteilungeu aus dem ihm brieflich zugegangenen Material machte er nicht, er übergab letzteres dem Kotonialdirektor, der strenge Unter« fuchung zusagte. Dieser Vorfall erregte nicht nur im Parlament, sondern auch in klerikalen Kreisen daS größte Auf sehen. ES erscheint auch unbegreiflich, daß Herr v. Puttkamer, der über die Schwierigkeit der Arbeiterverhällniffe und die iufolgedeffen der Entwickelung Kameruns drohende Gefahr durchaus unterrichtet ist, eine harte Behandlung der Ein- geborenen dulden sollte. Auf der Sonfereuz ^Kameruner Pflanzer, die der Vorgänger Dr. Stuebels am 5. April letzten Jahres nach Berlin einberief — auch Gouverneur v. Puttkamer wohnte ihr bei — find Klagen über Mißgriffe der kolonialen Verwaltungsbehörde nicht laut geworden. Ge rabe Herr v. Puttkamer war eS, der die Notwendigkeit guter Behandlung und kräftiger Ernährung der Plantagenardeiter damals betonte. Zwischen einem solchen System und der in dem Schrempf'schen Material gegebenen Darstellung der Lage der Arbeiter tritt doch ein erheblicher Widerspruch zu Tage. Vielleicht entschließt fich die Kolonialoerwaltung, im Hinblick auf die Bedeutung der Sache, den Bericht des Gouverneurs 0. Puttkamer alsbald nach Eingang zu veröffentlichen.
„Was sind Hoffnungen, was sind Entwürfe, die bet Mensch, der flüchtige Sohn der Stunde, aufbaut auf dem betrüglichen Grunde!" Des Bulgarenkönigs Alexander Hoffnung auf ein thron erben des Söhnlein ist, wie nun zweifellos feststeht, getäuscht. Seine Majestät sollen höchst erbittert darüber sein, und Frau Draga, von der es heißt, daß sie niemals Mutter werden könne, soll sich in schweren Aengsteu befinden, daß ihr königlicher Herr und Ehewirt den fürchterlichen Entschluß fassen wird, sie von Tisch und Bett zu vertreiben, nach berühmten Mustern. Von zuständiger serbischer Seite wird gemeldet: Durch die berufenen Aerzte wurde protokollarisch festgestellt, daß eine Niederkunft der Königin derzeit nicht zu erwarten stehe und daß es sich um einen sehr eigentümlichen Fall handle; es sei nicht ausgeschlossen, daß sich die hohe Frau erst im bierten Monat der Schwangerschaft befinde. Die russischen Aerzte und der französische Arzt, die ba$ Protokoll mit unterfertigten, sind abgereist. Dagegen wurden zwei neue Aerzte, Professor Wertheim aus Wien und Professor Cantacuzene aus Bukarest, zur Abgabe von Gutachten berufen. — Nach der „N. Fr. Pr." soll dagegen der russische Professor Snegiref vor seiner Abreise dem König, dem Ministerpräsidenten und dem russischen Gesandten erklärt haben, daß er an Schwangerschaft der Königin Draga nicht glaube, wogegen der französische Acconcheur Coulet, den die Königin noch aus der Zeit kennt, wo sie Hofdame bei Natalie war, beharrlich erklärt, er erwarte eine normale Niederkunft. Der König neigte zur Ansicht Coulets, weswegen Snegiref seine Beziehungen zu Coulet abbrach. Coulet hat vor neun Monaten die Schwangerschaft in einer Weise festgestellt, die schon damals Bedenken hervorrief. Mehrere Wiener Blätter melden, es habe der Plan bestanden, Draga das Kind i h r e r S ch w e st e r, die dieser Tage niederkommen sollte, zu unterschieben, nun habe die Schwester ein totes Kind geboren, wodurch dieser Plan mißglückte. Man weiß in diesen Kreisen noch nicht, ob Alexander von Draga irre geführt wurde oder ob es sich um einen sogenannten Fall hysterischer Schwangerschaft handelt. Im ersteren Falle hält man die Ehescheidung und Außerlandesverweisung der Draga, sogar den freiwilligen Thronverzicht Alexanders für möglich, zumal, wenn man sich an gewisse unwiderlegt gebliebene Aeußer- ungen des Königs Alexander erinnert, wonach er zu seiner so schleunig ins Werk gesetzten Hochzeit, die anfangs August vorigen Jahres erfolgte, als Ehrenmann sich gezwungen sähe.
tärischen Operationen von , dacht zu werden, im Gegenteil! Der Pekinger Berichterstatter der Times stimmt in aufgeregter Weise einen Alarm ruf an gegen eine neuerdings geplante deutsche Expedition geaen die Boxer im Süden von Tschili, wozu die Verbündeten zur Mitwirkung eingeladen worden seien, und schreibt die Unruhen in der Provinz auf deutsche Rechnung.
Wie die „Köln. Ztg." aus Peking meldet, sind im Süden von Paotingfu und in Tschenatingfu Ruhestörungen ausgebrochen. Das betreffende Gebiet war bisher französischer Ueberwachung unterftellt, und wurde nach demi Mzuge der Franzosen den Chinesen übergeben. Tas erfte Bataillon des 1. Ostasiatischen Infanterie-Regiments unter Majo Graham wird für etwaige Ereignisse bereitgehalten.
Ter New-Yorker Berichterstatter des Blattes stellt fest, daß man in der Washingtoner Regierung die Nachgiebigkeit der chinesischen Regierung bedauere, weil sie damit den Vereinigten Staaten oder sonsttgen Freunden die Möglichkeit abschneide, etwas für das bedrängte Land zu thun. Man räume ein, daß diese Nachgiebigkeit die Errungenschaft der Staatsklugheit des Grafen Waldersee und seiner Strafzüge sei. Letztere würden immer noch als hart (inhumane) aber jedenfalls als unwiderstehlich erklärt. Nach einer Meldung des Bureau Laffan aus Shanghai waren die Boxer in Tientsin wieder an der Arbeit. Die chinesische« Kaufleute machten am Tage Geschäfte und exerzierten in der Nacht; auch in den Yangtseprovinzen werde es wieder
mit den anderen Staaten.
Für 1903 ist eine Revision fast aller unserer handelspolitischen Abmachungen mit dem Auslande geplant. Also Ende 1902 müssen die bisherigen Verträge gekündigt werden. Wenn alles gut geht, werden wir mit unseren Vorbereitungen, in erster Linie mit der Durchberatung des Zolltarifs, im Mai 1902 fertig fein; man vergesse nicht, daß es sehr eingehende Kommisfionsverhandlungen geben wird. Aber im Sommer 1902 könnten wir in ernsthafte Verhandlungen mit den ausländischen Staaten treten. Nach dem jetzigen Stande der Vorbereitungen im Auslande zu urteilen, werden aber im Sommer 1902 nur ganz wenige Negierungen, höchstens die österreichische und die italienische, soweit sein, um verhandeln zu können. Sollen aber die neuen Verträge sofort nach den jetzigen mit dem 1. Januar 1904 in Kraft treten, dann werden sich, da sie vorher noch den Reichstag passieren, müssen, die Verhandlungen auf einen sehr kleinen Zeitraum zusammendrängen. Menn man bedenkt, daß darin Fragen, wie der deutsch- rus ische Vertrag, erledigt werden sollen, dann begreift, man, daß sich vor unseren Unterhändlern eine Riesenaufgabe auftürmt. t .
An tückstigen Beamten fehlt es Deutschland ja nicht, aber nur wenige sind vollständig mit dem geradezu kolossal aufgestapelten Material vertraut.
Wir besäßen also gar nicht das Personal, um zu den Verhandlungen auch nur mit den wichtigsten Staaten zu gleicher Zeit Kommissionen entsenden zu können. Obendrein würde dadurch auch das ganze Material ausem- andergerissen werden.
Diese und andere Schwierigkeiten lassen )ich vermeiden durch Anwendung eines oft bewährten Mittels, wir meinen die Einberufung eines großen Kongresses nach Berlin. Durch die hervorragende Persönlichkeit Kaiser Wilhelm's und durch die eminente wirtschaftliche Entwickelung ist Deutschland ja in den Mittelpunkt der Welt gerückt. Wir letten tarauS keine Prätensionen auf Vorherrschaft über andere Volker ab wie es z. B. Napoleon III. für Frankreich gethan hat. Wir empfehlen diesen Kongreß nur aus Zweckmäßigkeit; denn wie 1891/94, so wird auch jetzt Deutschlands Haltung einen maßgebenden Einfluß auf die Gestaltung der kommenden Verträge ausüben. , . , c k
Tie Einberufung des Kongresses erleichtert und vereinfacht allen Beteiligten die Arbeit. Jeder Staat hat feine Mitkontrahenten gleich zur Hand. Ta würde stch auch Herausstellen, ob und inwieweit die Herstellung der vielbesprochenen Zollunionen möglich ist. Vor allem könnte eine gewisse Verständigung zwischen einzelnen Staaten aeaenüber den Vereinigten Staaten erzielt werden. Ein weiteres wichtiges Moment kommt in Betracht: Unsere Unterhändler stünden in fortwährenden Beziehungen zu den Sachverständigen. Ter öffentlichen Meinung wie dem Reichstage bliebe eine gewisse Einwirkung auf die Verhandlungen offen. Auch ließen sich, bet dieser Gelegenheit internationale Abmachungen über eine Neige wichtiger Fragen der Zollpolitik und Zolltechnik erreichen.
Wir haben den großen Berliner Kongreß von 1878 gehabt. Auch die internationale ArbetterM,utz-Konferenz hat in Berlin getagt. Die Einweihung de^Kaijer Wilbelm- Kanals sah ebenfalls eine internationale ^-char von Gasten bei uns Wir haben keinen Grund, anzunehmen, daß irgend eines der Länder, die Interesse an einem guten handelspolitischen Verhältnisse mit Deutschland haben, die Nnladung zu einem Internationalen Zollkongreß in Berlin ablehnen mürbe.
chaftigen können. Schon aber soll unsere Regierung mit >cr italienischen durch deren Botschafter in Fühlung über die Erneuerung des Vertrags getreten sein. Dabei kann eS sich, solange unser Zolltarif noch' nicht Gesetz geworden ist, natürlich nur um unverbindliche Vorbesprechungen gehandelt haben. Immerhin sind wir an eine Frage herangetreten, die für die Gestaltung der zukünftigen Handelspolitik von Bedeutung ist. Wir meinen die Verhandlungen
vekanutmachung,
Ju der Zeit chom 11. bis 18. Mai I. I. wurden in hiesiger Stadl
gefunden: 1 Portemonnaie mit Inhalt, 1 goldene Borstechiadel, 1 silberne Schießdenkmünze und 2Ö00 Sparkaffenmarken;
verloren: 1 Portemonnaie mit Inhalt.
Die Empfangsberechtigten der gefundenen Gegenstände belieben ihre Ansprüche alsbald bei uns geltend zu machen. Gießen, den 18. Mai 1901.
Großherzogliches Polizeianü Gießen Hechler.
Telegramm deS Gießener Anzeigers.
Kapstadt, 17. Mai. Fünf neue Pestfälle find unter den Europäern und fünf unter der farbigen Bevölkerung festgestellt. ___
Tie Lage in China.


