Nr. 116 Erstes Blatt.
151. Jahrgang
Sonntag 16. Mai 1601
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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Eichen
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Amtlicher Teil.
Gießen, 15. Mai 1901. Detr.: Landwirtschaftliche Bodenbenutzung im Jahre 1901. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen au die Großh. Bürgermeistereien des Kreises.
Wie in früheren Jahren hat auch in diesem Jahre eine Ermittelung der landwirtschaftlichen Bodenbenutzung, Wein-, Obstbau, Hagel« und anderen Feldschäden stattzufinden.
Nach Ziffer 7 und 8 der durch den Bundesrat am 19. Januar 1899 erlassenen Bestimmungen über Sammlung von Saatenstands- und Erntenachrichten sind im Juni jeden Jahres möglichst genaue Feststellungen der Anbauflächen der in dem Formular 2a aufgeführten Fruchtarten vorzunehmen. Dieses Formular 2a wird Ihnen demnächst in zwei Exemplaren zugehen
Mit Rücksicht auf die Anordnung des Bundesrats über die Zeit der Aufnahme wollen Sie die letzteren im Laufe des Monats Juni vornehmen und möglichst beschleunigen und die ausgefüllten Formulare in je 1 Exemplar — das andere verbleibt als Konzept bei Ihren Akten — bis spätestens 1. Juli l. I an uns einsenden. Durch das Ihnen we ter in zwei Exemplaren zugehende Formular 2b find Nachweise über die Ernte an Wein, über den Obstbau und die Obstnutzung im laßenden Jahre sowie über die Hagel- und anderen Feldschäden zu erbringen. Die Einsendung dieser Feststellungen ist bis zum 15. November I. I an uns zu bewirken. Auch hier verbleibt ein Exemplar als Konzept bei Ihren Akten.
v. Bechtold.
Betr.: Beschaffung von Zuchtebern mit Unterstützung des landw. Provinzialvereins.
Tem landw. Verein für die Provinz Oberhessen stehen auch in diesem Jahre wie seither Mittel zur Unterstützung von Gemeinden bei Beschaffung von Zuchtebern zur Verfügung. Ter Zuschuß beträgt für einen Eber 20 bis 40 Mk. und hängt die Gewährung davon ab, daß:
1. der Nachweis geliefert wird über die Rassereinheit und Abstammung; und zwar werden nur Zuchttiere, welche der Por'kshire-Rasse (weißes deutsches Edelschwein) angehören, unterstützt,
2. ein Beauftragter des Provinzialvereins den bett. Eber nach dem Ankauf einer Besichtigung unterzieht und seine Zuchttauglichkeit bescheinigt,
3. der betr. Eber mindestens ein Jahr zur Zucht in der fragt Gemeinde benutzt wird.
Ich ersuche die verehrlichen Gemeindevorstände, Bewerbungen uin den fragt. Vereinszuschuß gegebenenfalls an die Geschäftsstelle nach Alsfeld einsenden zu wollen.
Hardt-Hof, den 9. Mai 1901.
Ter Präsident des landw. Vereins für die Provinz Oberhessen.
S ch l e n k e.
Weihespiet.
Mit einem „Weihespiel" von Wilh. Holzamer wurden, wie wir gestern meldeten, die Darmstädter Spiele im kleiner intimen Theater der Darmstädter Künstlerkolonie eröffnet. Holzamer, der bekanntlich zur Leitung der Spiele vom Groß Herzog berufen wurde, ist seines Standes Reallehrer zu Heppenheim a. d. B. Er wurde 1870 zu Niederolm bei Mainz geboren und hat sich namentlich als tiefg-ündiger Beurteiler litterarischer Vorgänge, aber auch als Poet durch die Herausgabe einer Gedichtsammlung und eines Skizzen- bucheS in litterarischen Kreisen vorteilhaft bekannt gemacht. DaS Weihespiel hat folgenden Wortlaut:
Weihespiet.
Vorn links eine Säule, rechts ein Dreifuß mtt Feuer. Hinten Treppen- fiufen. Die Treppenstufen herab schreitet eine Gestalt in W iß und Gold.
Tie Gestalt.
v Unsere Tage sind wie Eis, fremd und feind ist uns das Leben, doch wir möchten, hingegeben, fingen deiner Schönheit Preis.
All dem Niederen entwunden, grauer Tage Not und Gram, harren wir der reicheren Stunden, da, der bitteren Haft entbunden, der Erfüllung Tag uns kam, da wir schauend hingegeben, da wir lauschend uns gebeugt, da genießend wir erheben, was aus Schönheit ward gezeugt, da wir jene Pulse fühlen, die im tieferen Sein erbeben, unsere Glut an Quellen kühlen, die aus ewigem Urgrund streben.
Bekanntmachung.
ES wird hierdurch zur öffentlichen Kenntnis gebracht, daß sich das Amtszimmer der Großherzoglichen Gewerbe- inspektion Gießen Frankfurterstraße Nr. 31 befindet, und der unterzeichuete Gewerbeinlvektor an Samstagen von 8 bis 1 Uhr daselbst zu sprechen ist. Auch zu anderen Zeiten ist der Unterzeichnete zu mündlichen Auskünften bereit, sofern denselben nicht anderweitige Dicnstgeschäfte in Anspruch nehmen.
Gießen, den 15. Mai 1901.
Großherzogliche Gewerbeinspektion Gießen.
Dr. Gerhard.
Allzeit dieselben!
Wie er getagt, so hat er geendet, der Reichstag nämlich, das „hohe Haus", wie die Herren Reichsboten in unbeschränkter Selbsteinschätzung ihre Versammlung zu nennen belieben. Was der Reichstag in seiner letzten Sitzung vor der Vertagung lieferte, fetzt feiner gesamten Thütig- keit würdig die ftrone auf. Mit einem mephiftofelifchen Teufelslachen auf den Lippen verschwand er und hinterläßt ein unangenehmes Odeur, das allen, die von der hohem Volksvertretung Ernst und Würde verlangen, unangenehm in die Nase sticht. Es ist Thatsache, daß der Reichstag in seiner letzten Sitzung bei einer entscheidenden (Lchlußab- stimmung nicht beschlußfähig war, es ist aber weiter Thatsache, daß diese Beschlußunfähigkeit durch Schikanen herbeigeführt .wurde, die, bei einem Männergefangverein angewandt, eine vernichtende Kritik herbeiführen würden.
Der Reichstag sollte noch eine Abänderung zum Brennereigesetz unter Tach und Fach bringen, für die eine große Majorität vorhanden war. Sozialdemokratie und Freisinn aber hatten sich, auf die schlechte Besetzung des Hauses spekulierend, vorgenommen, dutch Obstruktion, die sich in den Tagen der Lex Heinze als probat erwiesen, das Zustandekommen der Vorlage zu verhindern. Herr Eugen Richter sagte zwar — und darin hat er recht — daß diejenigen, die einen Gesetzentwurf durchbringen wollen, die moralische Pflicht haben, dazubleiben. Aber ebenso zweifellos richtig ist, daß es für diejenigen, die einen Antrag auf namentliche Abstimmung einbringen, die Pflicht der rudimentärsten Anständigkeit ist, da zu fein, wenn nun über diesen Antrag wirklich abgestimmt wird. Tie Herren haben sich aber dieser Pflicht entzogen, denn als der Antrag zur Abstimmung gebracht wuroe, fehlten von den 51 Unterzeichnern 44! Die Herren Singer, Stadthagen und Konsorten wußten ganz genau, daß viele der wackern und pflichtgetreuen Volksvertreter mit dem 1 Uhr-Zug nach Hause zu „Muttern" dampfen wollten und sie zögerten deshalb als ortsansässige Berliner die Verhandlungen durch Verschleppungsanträge hinaus. Tie Spekulation gelang auch. Sie wäre aber doch noch mißlungen, wenn die sozialdemokratischen und freisinnigen Antragsteller auf namentliche Abstimmung nicht kurz vor derselben eilig das „hohe Haus" verlassen hätten. So kam es, daß gerade 198 „Volksvertreter" anwesend waren, also einer zu wenig.
Die Herren von der Rechten und von der Linken haben einander nichts vorzuwerfen! In gebildeten und anständigen
Versammlungen hat man für solches Gebahren einen bezeichnenden technischen Ausdruck, den wir mit Rücksicht auf verschiedene Umstände hier nickst: wiederholen wollen. Tast die Majorität nicht da blieb, war schlimm, daß aber die Minorität nicht einmal zu den Anträgen stand, die sie selbst einbrachte, ist noch schlimmer und beweist eine Auffassung über parlanientarische Würde, über die Bedeutung des „Gesetzgebers", für die man draußen im Volke nur die schärfste Verurteilung hat.
Es ist wahrlich kein anmutiges Bild, das die Volksvertretung liefert. Bei den Beratungen fehlt immer mehr als die Hälfte, daher die chronische Beschluß Unfähigkeit. Tie Anwesenden aber unterhalten sich, während ein Redner spricht, schreiben Privat- oder Gesckstiftsbriefe, so daß. der politische Wähler, der f. Zt. mit Arbeit, Geld und dem ganzen Ernste seiner sittlick)en und politischen Ueberzengnng für den Herrn Volksvertreter einstand, entsetzt ist über die Gleichgiltigkeit, mit der die Herren, „Politiker" ihr Amt ausüben. Ter Gute weiß, eben nicht, daß diese souveräne Ungeniertheit, diese Blasiertheit, nur die Geisteshöhe markieren soll, auf der der Herr „Gesetzgeber" in der Ausübung seiner Thätigkeit steht. Nötig hätte er diese Blasiertheit nicht, denn wir sind fest überzeugt, daß eine sehr große Anzahl der Herren scheußlich Schiffbruch leiden würde, wenn man von ihnen den politischen Befähigungsnachweis verlangte.
Ist die Obstruktion an sich schon ein zweischneidiges Schwert, so ist sie ganz bestimmt ein solches, wenn sie mit Mitteln betriebet! wird, die der gewöhnlichen bürget(itdjen Wohlanständigkeit entraten. Der moderne Parlamentarismus leidet nicht an einem Ueberrnaß öffentlicher Achtung und Wertschätzung. Sathrspiele aber, wie deren eines am Mittwoch aufgeführt wurde, setzen dies Ansehen auf ein Mindestmaß herab. Uwb da beklagt man sich über mangelnde Würdigung der Volksvertretung an „maßgebenden" Stellen. Tem deutschen Reichstag ist in der Verfassung mit Recht ein so hoher Rang eiugeräumt, daß nur er selbst ihn herabmindern kann. Tie chronische Beschlußunfähigkeit aber, der mangelnde Ernst der Reichsboten, Vorgänge, wie die vom letzten Mittwoch tragen in der That dazu bei, das Ansehen der Volksvertretnng in der öffentlichen Wertschätzung zu verkleinern. Will der Reichstag ein Faktor sein, der Bedeutung hat nach oben und unten, dann muß er mit viel mehr sittlichem Ernst, mit größerer Gewissenhaftigkeit und Arbeitstreue feiner Aufgabe nachkommen, sonst sagt draußen der ein fad) e Mann im Volke, der mit ernster Stirne seinen Stinimzettel in die Urne legt, mit Jesus Sirach: „Euch zu wählen, ist mir ein Greuel."
Aus Stadt und Land.
Gießen, 17. Mai.
* * Eine Feldbriefpost nach China geht von Berlin am Freitag, 24. Mai, ab. Schlußzeit ist Freitag vor Pfingsten 10 Uhr früh. Es empfiehlt sich jedoch eine zeitigere Auflieferung.
* * Tie studentische R e f o r m v e r b i n d u n g „A d e l p h i a" feiert heute ihr Stiftungsfest durch einen Kommers im Cafe Ebel.
* * Nach Falb ist der heutige Tag ein kritischer Termin erster Ordnung, verstärkt durch eine Sonnenfinsternis.
Ach, der Tag, den wir erträumen, soll die große Zeit beginnen, da der Schönheit Tempelzinnen Lebensgluten rot umsäumen.
Ach, der Tag, den wir erflehen, soll mit Lenzhauch uns umwogen, und wir wollen, hingezogen, kinderfroh im Reigen gehen, und wir wollen wie im Traume kosten, was wir selbst uns schufen, und wir bauen goldne Stufen hin zum wahren Lebensbaume.
Unsere Tage sind wie Eis, fremd und feind ist unser Leben, unser Schaffen, unser Streben treibt darin kein grünes Reis.
Sie geh! ein paar Schri'.te vor.
Und doch fühl ichs schon sich regen wie in starrer Ackerkrume, wenn der erste Sonnensegen weckt den Keim der ersten Blume, und doch fühl ich schon den Odem, den ein lichter Tag erweckte, fühle warmen Lebensbrodem, der die ersten Wurzeln streckte, fühl es, seh es schon sich heben, seh es trei6en, seh es sprossen, fühle, rings um mich ergossen, Blütendüfte mich umschweben.
Und schon schau ich wie im Tkaume, breite, breite, volle Kronen, frohe Menschen drunter wohnen, weite Welt im engen Raume.
Wohl, von diesen frühen Frühen ist das Land noch nicht im Klaren,
Nebel seh ich drüber fahren, aber schwinden vor dem Glühen, vor dem Glühen, dem aus Klüften wohl noch Tunkel feindlich droht, doch es siegt — und über Grüften leuchtet neu das Morgenrot!
Ich seh in Feier rings die Welt, verklärt vom Morgenlichte, und in jeglichem Gesichte seh ich die Augen froh erhellt. Es kam ein Tag, ein neuer Tag, laßt feine Saat gedeihen!
Zum Leben ihn zu weihen.
Ward uns f ein er ft er Glockenfchlag
Sie geht ganz nach vorn an die Säule rechts, davor der Lorbeer steht. Sie hebt ein goldenes Messer auf und schneidet Zweige vom Baume, mit denen sie während des Folgenden die Säule kränzt.
Nicht allein zum schönen Scheine dien euch fürder, was aus totem Steine bebend formte Künstlers Hand.
Mit dem Leben sei's verbunden, mit dem Leben sei's umwunden? Unzerreißbar sei dies Band!
Mit des Lebens immer grünen Zweigen kränz ich, was aus Künstlers Träumen tritt! Ob zur Stille sich der Tag will neigen, ob zum Lauten eure Stunden steigen, ob das Herz euch lachte, ob es litt: immer sei's beglückend euch zu eigen!
Sie knüpft noch einen Zweig an die Säule fest. Dann schneidet sie noch einen vollen Zweig, und mit diesem in der Hand spricht sie groß und feierlich in den weiten Raum.
Von einem neuen Tage grüßt der erste Schein: er find euch wert, ganz mit ihm eins zu fern.


