Nr. 91 Erstes Blatt
Freitag 19. April 1901
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151. Jahrgang.
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Amtlicher Fell.
Auszug
a«S der vo» Großh. Ober-RechunngSkammer abgeschlossenen
Rechnung der Kreiskaffe des Kreises Gießen pro 1898/99.
Einnnahme. Mk. Pf.
l. Beiträge der Gemeinden und Gemarkungen 169 677 40
3. Gebühren für Duplikate von Militär-
papieren 18 -
4. Strafen 6027 —
6. Kapitalzinsen 637 78
7. Ersatzposten 21 062 33
8. Prozeßkofie» 35 90
9. Bezüge für das Baupersonal .... 3636 21
10. Beiträge zu den Unterhaltungskosten bei
KreiSstraße» 108 050 99
11. Beiträge zu den Kosten des Neubaues von KreiSstraße»......... — —
12. aus Gras, Obst und anderen Naturalien, sowie ReeognitionSgebühreu .... 8039 88
13. Beiträge der Sreisstraßenmeister zur
14 a. Ersatz der den Familien von einberufenen
Maunschafteu gewährte» Unterstützungen aus Reichsmittelu 2948 76
14 b. Ersatz der unterstützungsbedürftigen Bete
ranen gewährten Beihilfen 1710 —
15 a, GtaatSbeitrag zu den Kosten der Land« armenpfiege 6007 —
15 b. GtaatSbeitrag zu den Entschädigungen für
au Milz- und Rauschbrand gefallene Tiere 3555 1 2
16. KreiSanlehen zu Gunsten der bei der Neben
bahn Grünberg-Loudorf beteil. Gemeinden 2800 —
18. Zurückempfaugeue Kapitalien .... — —
19. Ausstände aus vorhergehenden Jahren . 5743 55
20. Kaffevorrat aus vorhergehenden Jahren 30 426 58
Gesamtsumme der Einnahme 370 376 50
Ausgaben. Mk. Pf.
21. Kapitalzinsen 2796 50
22. Besoldungen und Pensionen .... 19277 74
23. Diäten und Gebühren 8379 65
23 a. Belohnungen deS PolizeiauffichtSpersonalS 5568 —
24. Botenlohn und BerkündigungSkosten . . 476 61
25. Für Bureaubedürfniffe und Gerätschaften 1640 40
26. SteiSunterstützungen 45 951 05
26 a. Unterstützung der Familien einberufener Mannschaften 2948 76
26 b. Beihilfe an unterstützungsbedürftige Bete- raneu 1944 —
27. Unterhaltung von Kreisstraßen .... 167 417 54
28. Reubau von KreiSstraßeo — —
29. Für den Lesezirkel der Lehrerkoufereuzen 325 90
30. Beitrag zur Prooiuzialkafse 67 237 60
31. Beitrag zu den nach der Verordnung vom
25. Juli 1888 von den Kreise» aufzu- bringenden EntschädigungSbeiträge» und
Verwaltungskosten der Versicherungs-Anstalt der Heffen-Naffautschen Baugewerks-
Berufsgenossenschaft 50 37
32. Beitrag zum Oberhess. Obstbauverein 200 —
33. Feuerlöschwesen 540 75
34. Für Untersuchungen deS Oberhesfische«
chemischen Untersuchungsamtes .... 300 25
35. Entschädigungen für an Milz- und Rausch-
braud gefallene Tiere 7099 24
36. Uneinbringliche Posten und Nachläffe . . 7 37
37. AuSgeliehene Kapitalien 31 78
Gesamtsumme der Ausgaben 332 193 51 Abschluß.
Gesamtsumme der Einnahmen 370 376 Mk. 50 Pfg.
H * Ausgaben 332 193 „ 51 M
verglichen bleibt Rest 38 182 Mk. 99 Pfg., welcher in barem Vorrat besteht.
Davon gehören an:
1. der Kreiskasse Gießen . . 38 182 Mk. 99 Pfg.,
2. dem Fonds zur Gewährung von Beihilfen an Angehörige der Reserve und Landwehr — „ —
Gleiche Summe wie oben 38 182 Mk. 99 Pfg.
Gießen, am 6. März 1900.
Der SreiSkafserechner: (gez.) Sanß.
Revidiert, ohne daß sich für den vorstehenden Abschluß eine Aenderung ergeben hat.
Darmstadt, den 20. März 1901.
Großherzogliche Oberrechnungskammer.
(gez.) Lorbacher.
In Gemäßheit des Art. 43 der KreiSordnuug wird der vorstehende Auszug zur öfftutlichen KeuutniS gebracht.
Gießen, den 15. Apiil 1901.
Der Vorsitzende des KreisansfchuffeS des Kreises Gießen, v. Bechtold.
Bekanntmachung.
Großherzogliches Ministerium des Innern hat dem Vorstand des MänueroereinS vom Roten Kreuz in Straß bürg i. E. die Erlaubnis erteilt, die Lose einer im Laufe dieses Jahres zu veranstaltenden Geldlotterie innerhalb des GroßherzogtumS zu vertreiben.
Indem wir dies zur öffentlichen Kenntnis bringen, bemerken wir, daß nach dem von der zuständigen Behörde genehmigten Verlosung-plan 100 000 Lose A 1 Mk. auSgegebeu werden dürfen und 45 000 Mk. als Grwmuste ausgesetzt find.
Gießen, den 15. April 1901.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Bechtold.
Bekanntmachung.
Betr: DaS Bureau deS Großherzogl FeldbereiniguugS- kommiffärS für die Provinz Oberheffen.
ES wird hiermit zur öffentlichen Kenntnis gebracht, daß die Diensträume des Großherzogl. Feldbereiuiguugs- kommiffärs für die Provinz Oberheffen fich nun- mehr BtSmarekstraße 28 dahier befinden.
Friedberg (Hessen), den 9. April 1901.
Sandmann, Groß. KreiSamtmann.
Die hessische Finanzlage.
s. Unsere hessische Finanzlage ist keine rosige. Das Staatsbudget für 1901/02 schließt mit einem Defizit von rund zwei Millionen Mark ab. Das war für alle eine große Ueberraschung. Während man den Staatssäckel gut gefüllt glaubte, da Oie Kammer noch über die Regierungsvorlage hinaus neue Steuern bewilligt, wirkte die Darlegung des wirklichen Ergebnisses recht ernüchternd. Tie Küchlerische Steuerreform bezweckte nach dem Vorbilde Preußens eine Beseitigung der ungerechten Realsteuern (der Grund-, Gewerbe- und Kapitalrentensteuer) und die Belassung der Einkommensteuer, die progressiv gestaltet wurde, Einführung einer Vermögenssteuer, das bedeutete einen vermutlich starken Ausfall für die Staatskasse. Damit aber die Staatsmaschine ohne Stocken ihren Gang weiter gehen konnte, wurden neue Einnahmequellen verschafft: Staatslotterie, Erhöhung der Stempel- und Hundesteuer ums Doppelte, nachdem der vorzüglich ausgedachte Entwurf zu einer Weinsteuer dank der maßlosen und gänzlich unbegründeten Agitation in Rheinhessen fallen gelassen tverden mußte. Dazu kommt noch das Ergebnis der hessischpreußischen Eisenbahngemeinschaft, das mit einem Rein- überschuß von 1,9 Mill, konnte eingestellt werden. Stellen wir eine Vergleichung der alten Steuererträgnisse gegenüber den für 1901/02 angenommenen an, so kommen wir zu folgendem Resultat:
Tie Grundsteuer betrug 3,30 Mill.
„ Gewerbesteuer „ 1,08 „
„ Kapitalrentensteuer „ 0,47 „
4,8 Mill.
dazu die Einkommensteuer 5,5 Mill.
Im ganzen daher 10,3 Mill.
Tie neuen direkten Steuern sind eingeschätzt: Einkommensteuer 7,95 Mill.
Vermögenssteuer 2,00 „
Sind im ganzen 9,95 Mill.
Trotz des Wegfalls der Staatssteuern mit 4,8 Mill, ist das Gesamtergebnis der direkten Steuern um nur 0,4 Millionen geringer. Die Erhöhung der Einkommensteuer um 2,2 Mill, ist vornehmlich der aufsteigenden Progression zu verdanken. Um das entstehende Minus für die Staatskasse zu decken, wurden die indirekten Abgaben erhöht und zwar:
Stempel um 1,24 Mill.
Erbschaftssteuer „ 0,06 „
Hundesteuer ,, 0,12 „
dazu neu eingeführt die Lotterie mit 0,70 „
Sind im ganzen uni 2,12 Milt Mk.
Hierzu der Reinüberschuß
aus den Staatseisenbahnen 1,9 Mill.
haben wir somit gegen früher ein Mehr von rund 4,0 Mill, zu verzeichnen. Bemerken wir noch, daß die Einnahmen aus den Forstdomänen wegen stärkerer Abnutzung und erhöhter Holzpreise um die Kleinigkeit von 767,800 Mark gegen frühere Perioden höher veranschlagt sind, so können wir, ohne zu hoch zu greifen, eine jährliche Mehreinnahme von rund 4 dreiviertel Mill, festsetzen. Und trotz alledem schließt das Staatsbudget mit rund 2 Mill. Defizit ab. Das ist eine gewiß nicht zu unterschätzende Summe und der ganze Ernst unserer hessischen Finanzlage ist im Auge zu behalten, wenn wir außerdem nicht vergessen, daß wir w e i t ü b e r 300 M i l l. Mark Schulden haben.
Was soll die Zukunft bringen! Tas ist die bange Frage, die den Eingeweihten auf den Lippen liegt.
Manche schauen trübe in die Zukunft und denken an einen kräftigen Ruck beim Anziehen der Steuerschraube. Andere wollen nichts davon wissen, un8 weisen auf die Unmöglichkeit hin, indem sie einen Vergleich mit anderen Ländern ziehen. In Preußen beginnt die Versteuerung des Einkommens erst mit 900 Mk., bei uns mit 500 Mk., dort ist das Vermögen erst steuerbar bei einem Werte von 6000 Mk., bei uns schon mit 3000 Mk. und zwar mit einer Steuer von 55 Pfg. für das Tausend, während diese in Preußen erst 50 Pfg. beträgt. Die indirekte Besteuerung belastet ungefähr das Doppelte, als in anderen Staaten und die lästige und drückend empfundene Fahrradsteuer ist nirgends sonst im deutschen Reiche.
Tas sind freilich feststehende Thatsachen, gegen die nicht angekämpft werden kann: der hessische Staat zieht seine Unterthanen stark heran. Aber trotzdem glauben wir nicht verzagen zu müssen. Allerdings muß im Staatshaushalt für die nächsten Jahre die äußerste Sparsamkeit wallen, und manche notwendige Ausgabe muß für bessere Zeiten zurückgesteltl werden. An eine Hebern ahme der persönlichen Ausgaben für das Volksschulwesen durch den Staat, was die Zweite Kammer unlängst beschloß, ist zu- ' nächst nun nicht zu denken. Die dauernden Ausgaben sind in den letzten Jahren ganz bedeutend gestieaeu. Sämtliche Beamtenkategorien einschließlich der Volksschullehrer baben eine nicht geringe Gehaltsaufbesserung erfahren und die staatlichen Zuschüsse an die großen christlichen Kirchengemeinschaften zum Zwecke der Erhöhung der Pfarrgehälter sind größere geworden. Wenn der „Mainz. Anz." in seinem schon kurz erwähnten, stark pessimistisch gehaltenen Artikel vom 10. April keine Kulturaufgaben, zu deren Lösung die Staatskasse herangezogen worden sei, zu nennen vermag, müssen wir darauf Hinweisen und fragen: ist eine den Teuerungsverhältnissen und dem Geldstaude entsprechende Beamtenaufbesserung keine Kulturaufgabe? Als in Rußland das Branntweinmonopol eingeführt wurde, meldeten sich zu den Inhabern der Verkaufsstellen auf dem Lande fast ausschließlich die Volksschullehrer, weil der Staat jene bedeutend besser honorierte, als die Bildner des Volkes? Das sind doch keineswegs vorbildliche Kulturzustände.
Wir glauben, das Gleichgewicht werde sich im folgenden Budget ohne Steuererhöhung schon einstellen. Wir stehen eben in einer großen Uebergangszeit. Die Steuerreform kommt jetzt zum ersten Male zur Durchführung. Es darf daher zwischen den Annahmen und den wirklichen Erträgnissen ein fein zu geringer Spielraum sein, und es ist sicher zu erwarten, daß die Steuerergebnisse in Wirklichkeit die Ansätze übersteigen.
Die Reinüberschüsse der Eisenbahn werden mit jedem Jahre bei einer jährlichen Schuldentilgung von 600 000 Mark größere. Und für die nicht allzusehr ungünstige Finanzlage spricht der Umstand, daß das 2 Millionendefizit auö den Ueberschüssen früherer Jahre, die sonst nur zu außerordentlichen Ausgaben herangezogen wurden, ohne Bedenken gedeckt werden kann. Auch war die preußische Finanzlage bei der Einführung der Steuerreform keine besonders rühmenswerte und Miquel hat in wenigen Jahren die Ordnung wiederhergestellt.
Wir haben zu unserem neuen Finanz Minister« das feste Vertrauen, daß er der richtige Mann an dem richtigen Platze ist, und, wenn er auch Wunder nitfjt zu verrichten vermag, geordnetere Verhältnisse bald einführen werde, vorausgesetzt, daß die Kammern ihn in seiner schwierigen Aufgabe unterstützen, woran wir zu berechtigten Zweifeln keine Veranlassung haben. Wir können darum in das Klagelied vieler nicht einstimmen, sind vielmehr der Meinung, daß wir, ähnlich wie Preußen, die zurzeit wirklich vorhandene ungünstige Finanzlage ohne stärkere direkte und indirekte Belastung glücklich überwinden werden.
Die Bekerrutrrifse des junge« Bismarck.
Unter diesem Titel hat Geheimrat Krauel, der zuletzt deutscher Gesandter in Brasilien wart einen Vortrag veröffentlicht, den er unlängst in Freiburg im Breisgau gehalten hatte. Ihm liegen vorwiegend die Briefe des Fürsten Bismarck an seine Braut und Gattin zu Grunde. Diese Briefe gewähren ja auch in der Thal viel mehr, als alles, was wir bisher vom ersten Reichskanzler kannten, einen tiefen Blick in fein Inneres, in seine privaten Verhältnisse, sein häusliches Leben, seine täglichen Gedanken und Beschäftigungen, seine Neigungen und Abneigungen. Daher war es lohnend, solche Aeußerungen aus den Briefen einmal zu einem Gesamtbilde zu vereinigen. Wir möchten nicht behaupten, daß das Krauel völlig gelungen ist; er faßt die Aufgabe zu nüchtern und zu prosaisch auf; auch die Bezeichnung „Bekenntnisse" mißfällt uns; sie stellt die vertraulichen und intimen Aeußerungen in ganz verkehrte Beleuchtung.
An dem objektiven Werte der Urteile und Empfindungen Bismarcks ist ja aber dadurch nichts geändert; die von Krauel gebotene Zusammenstellung bietet immerhin manches Interessante. 'Hier einige Proben, lieber parlamentarische Reden schreibt Bismarck am 15. Mai 1847:
„Es ist merkwürdig, wie viel Dreistigkeit im Auftreten die Redner im Verhältnisse zu ihren Fähigkeiten zeigen, und mit welcher schamlosen Selbstgefälligkeit sie ihre nichtssagenden Redensarten einer so großen Versammlung aufzudrängen wagen." .
Noch deutlicher drückt er seine tiefe Abneigung in folgendem Satze aus:


