Nr. 42 Erstes Blatt
Jahrgang
nur die
aktion, Expedition imb uckerei: Sd)ulftrnfie 7.
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Politische Versammlung.
P. Gießen, 18. Febr.
Sonntagnachmittag gegen 4 Uhr fand in Steins Saalbau eine politische Versammlung statt, die vom „d e u t s ch e n Verein" einberufen worden war. Ter große Saal war bis auf den letzten Platz besetzt. Erschienen waren die Herren Reichstagsabg. Liebermann von Sonnenberg und Reichstagsabg. Köhler, und Herren vom „Deutschen Verein", „Alldeutschen Verband", „Deutschnationalen Handlungs- gehilfen-Verband", „Verein deutscher Studenten" und aus allen Ständen der Bürgerschaft. Auch zahlreiche Lekonomen
Er schloß mit der Bemerkung, daß, wenn die Sozialdemokratie Idealisten wie Krumm etwa 30 an der Zahl aufwies, die Verhandlungen sicher öfter zum Einverständnis führen würden.
Darauf erhielt Prof. Dr. Wimnienauer das Wort, der anfragte, wie es mit dem angekündigten Antrag über die Buren an die hessische Kammer stehe, warum Köhler nicht den Antrag direkt an den Reichstag in Berlin gesandt habe. Seines Erachtens habe der Antrag an die Kammer, keinen Wert, das sei ein Schlag ins Wasser.
Köhler antwortete daraus etwas erregt, er könne nicht nach Berlin reisen, weil es keine ReichstagS-Diälen gäbe und seine Mittel eS ihm nicht erlaubten, zn reisen. Die Professoren verführten unser Volk, brächten eS zu falschen Anschauungen.
Liebermann erwidert nochmals auf die Ausführungen KrummS, betr. Konitzer Mord, China Wirren rc.
Köhler meint, die Gießener Geschäftsleute feien $u sehr von Juden abhängig, namentlich von Bankiers. Auch meint Köhler, daß die Professoren ein Unglück für den Bauernstand wären.
GerichtSaccessist Pro sch meint, jeder ReichStagSabgeord- uete habe nach und von Berlin freie Fahrt.
Prof. Wimmenauer: Cr habe sich sachlich gehalten, während Köhler persönlich geworden sei. Er verwahre sich gegen die Auschuldigungen des Vorsitzenden. Wer ein Amt annehme, übernehme damit auch Verpflichtungen. Köhler hätte vorher gewußt, daß eS keine ReichetagS-Diäten giebt. Wenn er nicht den Wahlkreis vertreten könne aus Mangel an Mitteln, so hätte er die Wahl nicht annehmen sollen. (Lebhaftes Bravo.)
Köhler antwortet, wenn er nach Berlin auch wirklich gefahren wäre, auSgerichtet hütete er doch nichts. (Sehr richtig!) Er wolle durch seinen Antrag auf das Ministerium einen Druck ausüben, auch einmal zu reden. Das Volk ryolle nicht, daß Lord Roberts geehrt werde, e» wolle nicht, daß der Kaiser nach England reise. In Hessen fei Mann für Mann für die Buren. (Beifall.)
Krumm: Die Geschäftsleute GießeuS sollten sich an die seit 50 Jahren bestehende Kaffe anschließeu.
v. Liebermann erhält das Schlußwort: Die Bauer« haben viele Vorteile durch die Zölle. Jedoch Heer und Flotte muß das deutsche Reich besitzen. Die Mobilmachung unserer Flotte aus Anlaß der China Wirren, die Schnelligkeit und Exaktheit, mit der alles auSgeführt wurde, hat uns auf Jahre hinaus den Frieden gesichert. Wir haben gezeigt, oaß wir gerüstet find. Last uns unseres Vaterlandes gedenken und stimmen Sie mit mir ein: Deutschland Heil, Heil, Heil!
Von „Deutschland, Deutschland über alles" wurden 3 Verse stehend gesungen, alsdann die Versammlung um 8'/, Uhr durch Köhler geschlossen.
-o. Kursus für Obstweinproduzenten. Vom 15. bis 20 April.
Er umfaßt die Breitung der Obstweine. Gärungdchemir etnschl. Retnbesen Odslwetnkrankbeaen. Utbutigen im L«do- ra ortum. VorttSge von 10—12 Hebungen von 2—5 Uhr.
Honorar für Hessen 10 Mk, für Ntchthessen 15 Mk.
* RepetitionSkursuS für Baum- und Straßenwärter. Dauer vom 22.-27. April.
Für Baum und Straßenwätter, welche schon einen Kursus im Obftbau besucht oder längere P- oxlS hab n. 10 Tetlnehmo au» Oüerhess n erhalten vom Oberhess. Coftbauoerein eine Retsev-rgütung von 10 Mk. und können nach bestandenem Schluß- Vrüsung den Lite! „Vereinsbaumwart des Oderhefs. Obstbau^ veretnS" erhalten.
Für berufSwäßiae Baum- und Strsßenwärter ist der Kursus honorarfrei. Für Private und Ntchthessen beträgt das Honorar
*1. Obstbaukursus für Geistliche, Lehrer und sonstige Freunde des Obstbaues. Dauer 14 Tage. Erster Teil vom 22.-27. April. Zweiter Teil im Sommer nach lleber einkunft mir den Teilnehmern.
Honorar für Hessen 10 Mk., für Ntchthessen 15 Mk.; hessisch Lehrer fi et
®. Kursus für die Kandidaten des Prediger-Seminars und Freunde des Obstbaues aus Friedberg und Umgebung Dauer vom 1. Mai bis Ende August.
Vorträge Freitag von 5—7 abends; Hebungen im Obstbau SsmStag vormittag und Montag nachmittag. Honorar für H ff en 10 Mk., für Nichthtssm 15 Mk.
f. ObstverwertungSkurse für Frauen. Erster Kursus vom 2.-4. September. Zweiter Kursus vom 9. bis H. September.
Honorar 3 Mk. für Teilnehmerinnen aus Hissen, sonst 5 Mk. g. ObstoerwertungSkursuS für Männer vom 23. bis 28. September.
Honorar 10 Mk. für Hessen, 15 Mk für Nichth-ssen.
Der UnterrichtSplan und die näheren Bestimmungen sind durch unterfertigte Direktion zu erhalten.
Großherzogliche Direktion der Obstbauschule und Landwirtschaftlichen Winterschule.
Dr. v. Peter.
Dienstag 19. Februar 1901
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Dion 78.
GichenerAmeiger
General-Anzeiger **
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
Amtlicher Heil.
-ehrgüllg für Vbßbsu en der Großhrrzogl. Mbaulchule und MmirWlidjrn Mmterfchlüe |n jrirdberg 1901.
* Ordentlicher Lehrgang. Dauer vom 18. März bis 28. September. Im Juni sind Ferien.
Die auszunehmenden Schüler müssen ein Alter von mindestens Io Jahren Haden.
Die Lehrfächer flnb: 1. Agrtkultur-Chnnie, Bodenkunde und Düngertthr«. 2. Botanik (Morpho ogie, Anatomie und Physiologie d 6 Obstbaumes). 3 Zoologie (die tierischen Schä l nae und Nützlinge deS OdstbaumeS). 4. Obstbau und Odst- uerwertung. 5 Wlrtschaitslehre. 6. Buchführung. 7. Deutsch' Sprache. 8. Rechnen. 9. Zeichnen. 10 Hebungen im chemt- jdjen und botanisch-physiologischen Laboratorium. 11. Hebungen im Obftoau.
Honorar für Hessen 30 Mk., für Nichthesseu 50 Mk.
2. Außerordentlicher Lehrgang.
a. Kursus für Baum- und Straßenwärter. Beginn am 18. März.
Tauer 10 Wochen, und zwar 7 Wochen im Frühj.hre/ 2 Woch-n im öommer, 1 Woche <m Herbste. ,Die Te lnehmer müssen ein Alter von mindestens 16 Jahren haben. Theoretische Uniei richt von 10—12, Hebungen im Obstbau und prakischcn Arbeiten von 7—10 und 2-6 Hhr täglich.
Honorar 20 Mk. für Private und Nichth'ssen; Schüler aus Hessen, welche sich zu berufsmäßigen Baumwärtern auSbtlden und von Landw'rttchafllichen BezirkSveremen, Gemeinden i Sefchickl werden, sind honorarfrei.
ihm fernzuhalten? Auch der Kaufmanns st and bedürfe sehr des Schutzes. Die Warenhäuser erschwerten das Dasein den Kaufleuten. Ebenso bedürfe die Industrie des Schutzes. Auch den Konitzer Mord vergaß v. L. nicht. Leider habe sich ein dichter englischer Nebel zwischen das deutsche Volk und den Kaiserthron gelegt. Man könne die Haltung der Regierung nicht billigen, darum los von England (langanhaltendes Bravo!)
Abg. Köhler bittet um Beitritt zum „Deutschen Verein". (Zehn Minuten Pause.)
Stadtverordneter humin (soz.) widerspricht in einigen Punkten dem Vorredner in ruhiger Form. Er meint u. a., der Schutzzoll helfe dem kleinen Bauer nicht, den Vorteil hätten nur die Großgrundbesitzer. An Hand einer Statistik weist der Redner nach, daß 77 pCt. der Landwirte nur 12 pCt. des Bodens, und 23 pCt. der Landwirte 88 pEt. des Bodens besitzen. Man solle lieber die Kosten der China-Expedition, der Flotte rc. den Landwirten zu Gute kommen lassen, die Milit^rdienstzeit verringern. Den Befähigungsnachweis möchte der Redner auch für die Landwirtschaft einsühren. Mit der Warenhaussteuer ist er nicht einverstanden, möchte vielmehr eine Erhöhung der Einkommen- und V e r m ö g e n s st e u e r. Vom Prozeß Sternberg kommt Krumm auf den Konitzer Mord und dann auf die Raubmorde in Berlin zu sprechen, wo man bald das Jubiläum des fünfzigsten unentdeckten Mordes „feiern" könne. Ten Burenkrieg verurteilt er aufs heftigste und wünscht auch die Chinaexpedition beendet.
L i e b e r m a n n v o n Sonnenberg erhält alsdann nochmals das Wort. Idealisten, wie sein Vorredner und er, könnten gut miteinander verhandeln. Darauf weist er einige Angriffe zurück. Der Bauernstand bedürfe des Schutzes. Tie Großgrundbesitzer hätten meistens ihr Land an Pächter verpachtet, es würen also neue Nahrungsquellen entstanden. Wenn die Militärdienstzeit noch herabgesetzt würde, würden noch einige 100 000 Arbeiter mehr sein, die Löhne infolgedessen sinken, v. Liebermann meint dann, man solle die einjährig-freiwillige Dienstzeit abscha.ffen. Alle sollten zwei Jahre dienen. Was den Befähigungsnachweis anbeträfe, o sendeten viele Landwirte, soweit sie es könnten, auf Schulen, wo sie für den künftigen Beruf erzogen würden.
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(Setreidezölle.
Ter Abg. Köhler-Langsdorf hat einen die Stellung der Großh. Regierung im Bundesrat bezüglich der Getreidezölle betreffenden Antrag in der Zweiten Kammer eingebracht. Der Antrag lautet:
Angesichts des' allgemeinen und f a st von allen Parteien nunmehr anerkanntenNotstandesderLand- wirtschaft im Deutschen Reich, angesichts des frevelhaften. Beginnens vieler im Interesse des Großkapitals arbeitender in- und ausländischer Journalisten und Politiker, die bestrebt sind, einesteils die verbündeten Regierungen: durch eine im Ausland veranstaltete Agitation einzuschüchtern, andernteils die inländische öffentliche Meinung und die Thatsachen zu fälschen, die Städter und das Proletariat gegen die Bauern und diese selbst wieder gegen die Großgrundbesitzer aufzuhetzen, erachte ich es als eine heilrge Pflicht jedes wahren Freundes des Volkes und des Vaterlandes in dieser entscheidende Zeit, da es zum allerletztenmale dem Gesetzgeber anheimgestellt sein wird, durch Stellungnahme bei den nun alsbald zur Beratung vorzulegenden Handelsvertrags-Entwürfen über Leben und Tod des deutschen Bauernstandes, und damit über Stehen oder Fallen der Monarchie, also über Frieden oder blutige Revolution zu ent- cheiden, nach Maßgabe seiner Verhältnisse und mit allen einen Kräften dahin zu wirken, daß das bestehende UnheL iom Volk und Vaterland abgewendet und das kommende kräftig abgewehrt werde.
Dazu bedarf es in erster Linie, daß die deutschen Bundes- ürsten darüber aufgeklärt werden, daß nicht in weiter Ferne, bei falschen Freunden und anders interessierten Verwandten das Glück des deutschen Volkes und des Vaterlandes zu suchen und zu finden sei, und daß nicht das Großkapital und seine Träger die Fundamente des Staates abgeben, sondern einzig und allein das Werktätige Volk in Stadt und Land uno hierbei in allererster Linie der deutsche Bauernstand.
Gleichermaßen ist ebendenselben, die da stehen und allen mit dem Bauernstand, zugleich zur Erkenntnis zu bringen, daß der Bauernstand weder ein Spielzeug für Riesen, wie der Dichter sagt, noch ein VersuckMbiekt suv allerhand Staatskünstler sei, sondern daß er verdiene, allen anderen Ständen wohl gepflegt und gefordert M.
der „Deutsche Verein" gewähre Redefreiheit im weitesten Maße, er würde jeder Frage, jeder Bemerkung sofort Rede und Antwort stehen. Nach diesen einleitenden Worten geht Liebermann zu seinem eigentlichen Thema: „Des Volkes Wohl sei das oberste Gesetz" über. Der Monarchen Richtschnur sei das Wohl des Volkes, dieses gedeihe am besten in der Monarchie. Das Volk ist mit seinem Fürsten- gefchlechte seit Jahrhunderten verwachsen. Man könnte das Volk in drei Stände teilen: 1) Nährstand, 2) Lehrstand und 3) Wehrstand. Zum Nährstand gehörten nicht Bauern, sondern auch die Handwerker, Händler (K
Bauern, sondern auch die Handwerker, Händler (Kaufleute), zum Lehrstand nicht nur die Lehrer und Erzieher, sondern auch die Dichter, Denker, Gelehrten, Abgeordneten, und zum Wehrstand nicht nur die Angehörigen des Heeres und der Marine, sondern auch die Richter, Verwaltungsbeamteu rc. Ein jeder Mensch gehöre einem dieser drei Stände an, es sei denn, daß er Mitglied des vierten Standes, des sogen. „Zehrstandes" sei. Dieser sei der Krebsschaden im Leben, er nährt nicht, er lehrt nicht und er wehrt nicht, und wenn letzteres der Fall sein sollte, doch nur höchst ungern, gezwungen. Der Kampf gegen diesen Stand wird seit langer Zeit geführt. Heutzutage sei der Verfassungskampf nahezu verschwunden. Kein Monarch könne absolut herrschen. Die große Verantwortung könne ein Fürst nicht übernehmen, er müßte zufrieden sein, wenn er Berater aus dem Volke
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habe, die ihn unterstützen. Alsdann kommt der Redner au die mit der Zeit errungenen Vorteile zu sprechen. Es seien keine größeren Freiheitsbestrebungen mehr nötig, die Versammlungsfreiheit ließ nichts zu wünschen übrig. Weiterhin kommt v. Liebermann auf sein Steckenpferd, die „Juden- frage" äu sprechen. Seine Auffassungen darüber sind bekannt uno seine Ausführungen spielen sich immer in demselben Rahmen ab. Wir müssen zum sozialen Frieden kommen, damit unser Vaterland nicht zu Grunde geht, damit keine Revolution ausbricht, damit die Sozialdemokratie nicht zum Siege gelange; der Bauernstand sei das Fundament des Staates, mit der Wurzel eines Baumes zu vergleichen, die Saft und Kraft in den Baum bringt. Wehe aber der Wurzel^ wenn sie vom Orkan ausgerissen wird, der ganze Baum geht zu Grunde, v. Liebermann zieht einen Vergleich zwischen Bauernstaat und Industriestaat. Deutschland könne niemals ein Industriestaat werden wie England, dieses habe den kräftigen Bauernstand verkümmern lassen, die Folgen zeigten sich jetzt im südafrikanischen Kriege, wo englische Söldner gegen ein kräftiges niederdeutsches Bauernvolk kämpften. Damit streifte der Redner die Burenfrage und gedachte unter lebhaftem Beifall des tapferen Volkes,. Deutschland müsse ein Ackerbaustaat bleiben. Die Industrie brächte viele Schäden mit sich: Poleneinwanderung u. s. w. Wenn es dem Bauernstände gut ginge, dann ginge es den anderen Ständen ebenfalls gut. Man solle den Bauernstand schützen durch Schutzzölle. Innerhalb des Landes läge Teutschlanos Zukunft, nicht auf dem Wasser. Dort würde sie sehr unsicher sein. Wie man den Bauer schützt, soll man auch den Handwerker schützen. Man solle dem Handwerker den Befähigungs-^ n a ch w e i s erbringen lassen. Der Befähigungsnachweis wäre für Offiziere, Richter, Aerzte, Beamte rc., warum nicht auch für den Handwerker, um unlautere Elemente
aus den Nachbarorten waren zugegen.
Den Vorsitz führte Reichs- und Landtagsabg. K ö h l e r. Er eröffnete die Versammlung gegen 4 Uhr und legte seinen bekannten politischen Standpunkt dar. Der „Deutsche Verein" stehe auf dem Boden des Antisemitismus. Er wäre oemokratischer Bauernbündler. Abg. Liebermann von Sonnenberg neige mehr rur Rechten, während er mehr links sich halte. Er erteilt dann dem
Abg. v. Liebermann das Wort, und dieser führte in etnw zweieinhalbstündiger Rede folgendes aus: Das hiesige sozialdemokratische Blatt habe in seiner letzten Kummer sich über die antisemitische Versammlung ausgelassen und behaupte!, die Diskussionsfreiheit würde dem Wegner nicht gestattet. Eine sachliche Diskussion wäre nur , höchstens dann möglich, wenn die Gegner in der heit wären. Der Redner weist die Behauptung zurück,


