Zweites Blatt
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Donnerstag 18, Juli 1901
LSI. Jahrgang
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Amis- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
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Volttische Tagesschau.
EinAttentataufdenfranzösischenBauten- lm i n i st e r ist gestern verübt worben. Leider um weniges zu spät für unsere gestrige Auflage erhielten wir gestern nachmittag um einhalb 3 Uhr folgendes Telegramm:
N. Paris, 16. Juli. Ms heute vormittag der Arbeitsminister Bau bin nach dem Elysee zum Ministerrat fuhr, feuerte eine Frau, die ein Kind auf dem Arm trug, einen Revolverschuß gegen ihn ab. Der Schuß ging fehl. Die Frau wurde verhaftet. Sie erklärt, sie habe den Anschlag verübt in der Meinung, daß sich Delcassee im Wagen befinde.
Die Attentäterin ist die Gattin des in Frankreich naturalisierten polnischen Grafen Olzews ki. Den Schuß jgab sie auf den ersten Ministerwagen ab, den sie vorbeifahren sah. Der Revolver enthielt nur eine Patrone. Die Frau hatte sich in den Kopf gesetzt, daß der Staat ihrer Familie eine reiche Fürsorge schuldig sei. Sie erlangte thatsächlich wiederholt Unterstützungen. Die Frau wurde schließlich so zudringlich, daß man sie vorige Woche aus dem Ministerium des Aeußeren hinauswies. Daraufhin scheint sie ihr Attentat geplant zu haben, insbesondere um die Oeffentlichkeit mit ihrem Fall zu beschäftigen. Den Minister Delcasse, dem das Attentat eigentlich galt, kannte die Gräfin nicht einmal persönlich. Graf Olzewski ist 1843 in Frankreich geboren, diente während des Kriegs von 1870 im französischen Heere und erhielt dann in Nizza »eine Stelle als Straßeningenieur. 1896 wurde er in Savona von der italienischen Polizei unter dem Verdachte der Spionage verhaftet, nach einmonatlicher Untersuchung jedoch wieder frei gelassen. Olzewski verlangte, daß die französische Regierung von Italien eine Entschädigung von 100 000 Francs für ihn fordere. Diesem Verlangen wurde Nicht entsprochen, doch erhielt Olzewski von den Ministern des Äleußeren und des Krieges wiederholt Geldunterstütz- nngen, die später jedoch trotz seiner zahlreichen Bittgesuche eingestellt wurden. Seine Frau, eine geborene Französin, richtete deshalb 1899 an Delcasse einen Drohbrief. Sie wurde verhaftet, jedoch nach längerer Untersuchungshaft wieder freigelassen. Olzewski erhielt nun eine Tabak-Verkäuferstelle in Nanterre bei Paris, geriet aber in immer liefere Not. Olzewski behauptet, er habe von dem Vorhaben seiner Frau nichts gewußt. Nach den Angaben, die sie im ersten Verhör vor dem Polizeikommissar machte, ist! sie im Jahre 1855 in Nimes geboren. Sie ist eine geborene Eulalia Fabreguette. Vor vier Jahren verheiratete sie sich in zweiter Che in Nizza mit Olzewski. Die Frau besitzt zwei Kinder. Der zwölfjährige Sohn aus erster Ehe befand sich bei ihr, als sie den Attentatsversuch beging. Sie gesteht offen zu, daß sie auf den Minister des Aeußern schießen wollte und erfuhr erst durch den Polizeibeamten, daß sie sich infolge ihrer Kurzsichtigkeit geirrt, und nach dem Bautenminifter Baudin geschossen hatte. Sie giebt zu, sich eine Woche lang im Schließen geübt zu haben.
Alte Erinnerungen weckt das in diesen Tagen erschienene Buch: Graf Otto von Bray Steinburg. Denkwürdigkeiten aus seinem Leben. Graf Bray war der unmittelbare Nachfolger des Fürsten Hohenlohe als bayerischer Premierminister und leitete als solcher die bayerische Politik in jenem denkwürdigen Jahre 1870/71, wie er auch die Versailler Versammlungen über den Eintritt Bayerns ins Reich führte. Vorher Gesandter in Wien, war er 1866 zweiter Bevoll mächtigter Bayerns bei den Friedensverhandlungen zu Berlin in den Augusttagen des genannten Jahres. Aus den Aufzeichnungen jener Tage erfahren wir, daß die am 9. August von Bismarck in der ersten Unterredung erhobene Forderung Preußens von Bayern, das im ganzen eine Bevölkerung von 700000 Einwohnern abgeben sollte, auch eine Entschädigung an das Großherzogtum Hesses Inbegriff; letzteres sollte Oberhessen an Preußen abtreten, und dafür ein gleiches Gebiet in der bayerischen Pfalz, anstoßend an Rheinhessen, erhalten. Am 15. August verzichtete Preußen bereits auf die Annexion von Oberhesseu, und damit die pfälzische Kompensation und verlangte „die Bezirksämter Amorbach, Miltenberg und Obernburg, also die Maingrenze, an Darmstadt für Homburg und das Hinterland von Ober- heffen." Später verlangte Roggenbach die Pfalz für Baden, erhielt sie aber begreiflicherweise nicht, wie denn die süd- deutsche Karte am Schluffe jenes Kriegsjahres verhältnismäßig geringe Veränderungen zeigte.
In Bismarcks Denkwürdigkeiten liest mau, daß ihm damals aus unterfränkischem Gebiete Proteste zugekommen seien, „die, obschon aus streng katholischer Bevölkerung kommend, darin gipfelten, wenn die Unterzeichner nicht Bayern bleiben könnten, so wollten sie lieber Preußen werden, aber von Bayern zu Hessen gemacht zu werden, sei ihnen unannehmbar". Das war vor 35 Jahren, und in Darmstadt war damals Herr v. Dalwigk Minister. Ueber diesen findet sich bei Bray, pag. 115, noch folgendes: 4. September „der Minister (Bismarck) freut sich, nun auch mit Hessen-Darmstadt zum Abschlüsse gelangt zu sein, fügt aber vertraulich hinzu, daß mit diesem Staate ein geheimer Alliauzvertrag wie mit Bayern, Württemberg und Baden nicht abgeschlossen worden sei, weil auf Ministers von Dalwigk Verschwiegenheit nicht streng zu rechnen sei.
Aus den Tagen der Verhandlungen über die Gasteiner Konvention (14. August 1865) zeichnet Graf Bray den folgenden Satz aus Bismarcks Munde auf: „Man wundert sich, daß wir für uns beanspruchen, was wir an unserer
Nordgrenze durch den über Dänemark gemeinsam erfochtenen Sieg errungen haben. Hätten wir beide (Preußen und Oesterreich) etwa wegen Triests Krieg geführt, so fänden auch wir es ganz natürlich, daß Oesterreich den erkämpften Besitz für sich allein in Anspruch nähme." — Klar und wahr — das war eben seine Politik und die neue Publikation aus den Zeiten Bismarcks liefert wieder neue Beweise dafür.
Für deutsche Kreise wird die Ansicht des Werkführers eines größer« englischen FabrikhauseS, der in geschäftlichem Auftrage kürzlich nach Deutschland entsandt wurde, um die dortigen Verhältnisse in den Arbeitsstätten einiger großen Firmen zu studieren, nicht ohne Interesse sein. Er faßt in der „Times" sein Urteil in der folgenden Weise kurz zusammen:
„Während in den englischen Fabriken der Arbeiter nicht mehr zu thun trachtet, als ihm direkt vorgeschrieben wird, verrichtet der deutsche alles, was in seinen Kräften steht, um sich die Zufriedenheit seines Arbeitgebers zu sichern. Die Arbeitsstätten sind musterhaft eingerichtet. Die Beleuchtung, Ventilation und die Methoden der Aufsaugung des durch die Maschinen hervorgerufenen bezw. erzeugten Staubes in den Räumen stehen in jeder Beziehung auf der Höhe der Zeit. Auch für die Reinlichkeit der Arbeiter ist in der denkbar besten Weise Sorge getragen. Der Arbeiter ist sauber, gehorsam und diensteifrig, voll des größten Jntereffes für seine Arbeit. Er füllt die Arbeitszeit ohne jede Stockung aus, und das auch bei einer eventuellen Nichtanwesenheit des Werkführers. Jeder Mann ist an seinem Posten und mit dem Schlage der Besperglocke noch so dienst eifrig, wie der englische Arbeiter arbeitsunwillig. Die Qualität der deutschen Maschinen und die sinnreiche Anordnung derartiger Anlagen hat meine Bewunderung erregt, noch mehr aber die ökonomische Raumverwendung und die Ersparnis an Oel und Schmiermaterial bei schwer angestrengten Maschinen. Je nach Art der Arbeit bedient ein Mann zuweilen zwei, drei, ja vier Maschinen, die er in guter Verfassung zu halten eifrig bestrebt ist. Ich habe Gelegenheit gehabt, die verschiedenartigen Maschinen für Müllerei, Fournierungs-, Bohr-, Beleuchtungs- und andere Zwecke im Betriebe zu beobachten, und es hat in mir den Anschein erweckt, als ob die Fabrikationspreise sich nur auf die Hälfte der englischen stellen — und das infolge der Arbeitsmethoden und der sinnreich konstruierten Maschinen. Mein Besuch war für mich in jeder Beziehung belehrend und anregend. Das System, die Genauigkeit, die überall herausschaut, und nicht zuletzt das ruhige, gleichförmige Hand-in-Handarbeiten sichern dem Ganzen eine wesentliche Ersparnis und einen rationellen Betrieb. Die deutscherseits befolgten Methoden sind den unserigen in jeder Weise überlegen."
Die Wirkung der Börsenkrisis wird sich u. a. auch darin äußern, daß der deutsche Geldmarkt für die Begebung von Ausländsanleihen einstweilen nicht mehr in Betracht kommt. Es dürste sich in absehbarer Zeit keine deutsche Bank zur Emission derartiger Werte bereit finden lassen. Die Bestürzung ist so groß, daß ihm selbst Fonds, wie die Renten Oesterreichs-Ungarns oder die Eisenbahnprioritäten Rußlands, nicht mehr unbedingt sicher erscheinen. Glaubwürdigen Berichten zufolge sind iw den letzten Wochen größere Beträge in diesen Titres an die Börse, also wohl an die Emissionsbanken, zurückgeflossen. Die hohen Zinsen der Auslandspapiere üben keinen Reiz mehr aus. Die Kapitalisten, besonders die Besitzer von kleineren, mühsam erworbenen Vermögen, legen jetzt allein Gewicht auf die Sicherheit des Kapitals und erstehen zumeist Reichs- und Staatsanleihen, Kommunal-Obligationen, landschaftliche Pfandbriefe und Provinzial-Hilfskassenscheine. Den landwirtschaftlichen Interessen dienenden Instituten fließen da- durch beträchtliche Summen zu, ein in Anbetracht der Lage der Landwirtschaft erfreulicher Umstand.
Das Marinedepartement in Washington hat beschlossen, demnächst wieder mehrere Kriegsschiffe zur dauernden Stationierung nach den europäischen Gewässern zu entsenden, und zwar ist das Mittelmeer hierfür in Aussicht genommen. Dort war das Sternenbanner auch in früheren Jahren vertreten, bis der Ausbruch des Krieges mit Spanien die Washingtoner Regierung zur Auflösung der europäischen Flottenstation veranlaßte. Das Mittelmeer hat neuerdings durch- das Auftauchen der Marokko- srage an politischer Bedeutung gewonnen und wird vielfach als der Schauplatz kommender Ereignisse betrachtet. Daß die transatlantische Republik an diesen Ereignissen beteiligt sein wird oder sein will, ist wohl ausgeschlossen. Deren Bestreben dürste allenfalls auf den Erwerb einer Kohlenstation gerichtet sein, etwa am Eingang zum Roten Meer. Davon ist ja schpn seit längerem die Rede. Im übrigen wird den amerikanischen Kriegsschiffen wiederum die Ausgabe zufallen, für die Interessen der Republik einzutreten. Durch den Hinweis auf die Schiffskanonen hat die Washingtoner Regierung schon einmal in Konstantinopel und in Tanger den gewünschten Erfolg erzielt.
Im Februar 1886 entsandte ein unter Führung der Diskonto-Gesellschaft und der Deutschen Bank in Berlin stehendes Konsortium zur Gründung einer Deutschj-Ostasia- tischen Bank in Shanghai drei Delegierte nach China, um an Ort und Stelle die Handelslage, die Eisenbahnfrage und die sonstigen Verhältnisse des Landes zu studieren. Einer dieser Delegierten, der nunmehr verhaftete A. H. Exner, zuletzt Direktor der verkrachten Leipziger Bank, hat seine Reiseerlebnisse und Eindrücke in einem Buche „Chi n a, Skizzen von Land und Leuten", verewigt, und es ist psychologisch interessant, aus diesem Buche einige Anschauungen Exners über den Kaufmann und Bankier kennen zu lernen.
„Bei den gesellschaftlichen Zusammenkünften" — schreibt Exner Seite 68 — „geht es meist überaus opulent zu, die Zahl der Gänge ist sehr groß und die Bonität der Weine und Gerichte würde einer fürstlichen Tafel Ehre machen. Ob ein so großer Aufwand, wie er, wenn nicht von allen, doch von sehr vielen der europäischen Firmen in Hongkong und Shanghai getrieben wird, wirklich, aus Repräsentationsgründen notwendig ist, ob nicht viel Uebertreib-
ung dabei mit unterläuft, ja, ob nickst in manchen Fällen dieser Luxus absolut nicht im Verhältnisse steht 511 dem Einkommen der betreffenden Firmen, will ich hier ununtersucht lassen, scheinen will es mir aber, als ob diese opulente Lebensweise noch ein Ueberrest jener goldenen Tage sei, da nur wenige europäische Firmen in Ostasien ansässig waren und konkurrenzlos gewaltigen Verdienste oft 60, 100 und mehr Prozente netto, einheimsen konnten. Naturgemäß muß dieser große Aufwand in der Lebensweise der Großkaufleute als ansteckendes Beispiel auf deren jüngere Angestellte wirken, und gar mancher der Letzteren findet, daß er nach einer Reihe von Jahren überseeischen Aufenthalts statt des erhofften großen Vermögens sich eine große Sck)uldenlast angesammelt hat. Gleich nach Ankunft verschlingt schon die Neuequipierung mit dem Klima angepaßten Kleidungsstücken und der vom Firmenchef dringend empfohlene Beitritt zu den verschiedenen Klubs (Eintrittsgeld 20 Dollars, erster Beitrag 15 Dollars usw.) das Gehalt von mindestens zwei Nkonaten im Voraus. Doch macht dies dem Jüngling zunächst keine Sorgen; bares Geld braucht er nicht, wohin immer er sich begiebt, tönt ihm das magische Wörtchen „Kredit" entgegen, allüberall wird eine kurze Bleifeder-Notiz über den betreffenden Dollarsbetrag, mit seiner Unterschrift versehen, bereitwilligst als Zahlung entgegengenommen; ein überaus bequemes Mittet, binnen kurzer Zeit sehr diel Geld auszugeben. Alle Schulden, auch die im Klub, werden vom Komprador (dem chinesischen Handelsvermittler der Firma) mit peinlichster Pünktlicksteit bezahlt, und so steht der junge Mann vor der Welt groß da, bis dem Komprador das hoch ange- schivollene Konto unheimlich wird und er sich an den Ches der Firma um Bezahlung der Schuld seines Angestellten wendet. Wer hier draußen — und das gilt nicht nur für China, sondern für alle überseeischen Gebiete — vorwärts kommen und eine geachtete Stellung in der deutschen Kaufmannswelt einnehmen will, der muß vor allen Dingen charakterfest fein. (Unserer Ansicht nacy gilt dieses erste kaufmännische Prinzip nicht nur für überseeische Länder, sondern für die ganze Welt, also auch für Leipzig. Die Red.) In Tientsin — schreibt Exner S. 127 — bei meinem ersten chinesischen Diner lernte ich die Vertreter der europäischen Firmen sowie der ckstnesischen Bankhäuser kennen. Da die Herren Bankiers fiefy sämtlich als äußerst wohlgenährte, gesundheitstrotzende Gestalten präsentierten, ließ ich ihnen unter Anspielung auf ihre Wohlbeleibtheit sagen, das Bankgeschäft scheine meines Erachtens in China seinen Mann besser zu nähren als in Europa!"
Wie eigenartig berühren den Leser diese vor 15 Jahren niedergeschriebenen Gedanken angesichts des jetzt über den Verfasser hereingebrochenen Verhängnisses!
China.
Rußland giebt nicht wieder heraus, was es in Händen hat. In der Mandschurei richtet sich; Rußland häuslich ein. Eine Proklamation ist in Vorbereitung, durch welche die Uebernahme Niutschwangs durch Rußland ausgesprochen und gleichzeitig praktischer Weise die Besteuerung geregelt wird. Die chinesischen Einwohner der Stadt bezahlen die Ehre, fortan unter dem Szepter des Zaren zu stehen, besonders hoch, nämlich mit einer Kopfsteuer von 1 einhalb Dollar pro Monat. Eine recht erkleckliche Steuer für eine mehr- köpfige chinesische Familie! Auch sonst führt sich die russische Verwaltung mit Chikanen ein: Die Gewerbe sollen durch Tragen verschiedener Kleidung unterschieden werden. Der Organisationsplan ist offenbar von langer Hand vorbereitet, weitere Verwaltungsmaßregeln für die Mandschurei werden zweifellos demnächst folgen. Noch vor kurzem wurden Verhandlungen zwischen China und Rußland an- gekündigt über die Räumung der Mandschurei seitens Rußlands. Wenn die chinesische Regierung auf die Anberaumung eines Zeitpunktes für diese Besprechungen gewartet hat, so ist sie düpiert worden. In Petersburg liebt man die vollzogenen Thatsachen. Mag sich nun China damit ab find en.
Noch eine andere Meldung über einen Erfolg der russischen Politik liegt vor. Ein russisch-japanisches Bündnis ist, wie ein Berichterstatter der „Daily Mail" von einem hervorragenden Staatsmann in Tokio gehört haben will, in Sicht. Diese Nachricht wird einstweilen wenig Glauben finden. Trotz der soeben erfolgten Verständigung zwilchen Japan und Rußland über Korea bleiben noch Drfferenz- punkte genug zwischen den beiden Konkurrenten im D)ten r hat man es doch offen ausgesprochen, daß der.nmhste Krieg ein japanisch-russischer sein werde. Nur, daß ^apan juft das nicht besitzt, was zum MiegfÜhren das Haupterfordernis ist: das Geld. Die Finanznot in Japan ist arg. Sehr merkwürdig ist die Begründung der BiindniS-Meldung des englischen Blattes. Danach wäre Japan dadurch Rußland in die Arme getrieben", weit ersteres so geringe Unterstützung von den Mächten erfahren habe „in seiner Haltung gegenüber den Angelegenheiten des fernen Ostens". Offenbar wird hier auf die Regelung der chinesischen Entschädigung angespielt, wobei allerdings auf die Wünsche Japans ziemlich wenig Rücksicht genommen worden ist. Aber der „hervorragende Staatsmann" in Tokio beklagte sich nicht nur über England, sondern ebenso über Rußland. Eine sonderbare Logik: Weil Rußland Japan nicht unterstützt, sucht Japan ein Bündnis mit Rußland. Es wird also Japan gleichzeitig von Rußland vor den Kopf gestoßen, und in die Arme Rußlands getrieben. Aus so origineller Veranlassung wäre wohl noch nie ein Bündnis geschlossen worden. Tie Blätter stehen den angeblichen Musterungen des „hervorragenden Staatsmannes" sehr skeptisch gegenüber. _
Die „K. Ztg." meldet: Die Verhandlungen wegen Errichtung eines zusammenhängenden verteidigungsfähigen Gesandtschaftsviertelsin Peking sind


