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Sprechsaal.
(Für Form und Inhalt aller unter dieser Rubrik stehenden Artikel übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung.)
Wißmar, 14. Juli.
Von der Einwohnerschaft Wißmar's ist, durch die Koblenzer Handwerkskammer unterstützt, der Antrag auf Errichtung einer Postagentur daselbst, bei der Handelskammer in Wetzlar eingegangen, um denselben befürwortend der Oberpostdirektion vorzulegen. Wohl hat letztere versprochen, die Entwickelung, welche eine solche Einrichtung rechtfertigen würde, im Auge zu behalten, aber den Antrag vorläufig abgelehnt. Und so sitzen wir Wißmarer wieder da und warten bis die Oberpostdirektion es für gut befindet, uns anderen Postverkehr zu schaffen. Meine Aufgabe soll es nun sein, die Notwendigkeit einer Aenderung des Postverkehrs für Wißmar hier zu beleuchten. Wißmar liegt 6 Kilometer von Gießen, 3 Kilometer von Krofdorf und nur 2 Kilometer von Lollar. Unsere Postsachen werden von Gießen nach der Postagentur Krofdorf und von hier aus Sommer wie Winter durch einen Landbriefträger früh morgens um 6 und 10 Uhr an die Empfänger befördert. An dem übrigen Teil des
* Wien, 15. Juli. Pariser Blätter brachten Berichte über eine mysteriöse Asfaire, die sich bei Ouimper (Departement Firnstere) zugetragen haben soll. Eine Hebamme, Madame D., die in Saint-Medard wohnt, erhielt am Abend des 29. Juni von einem Boten die Mitteilung, daß eine Dame in einem in der Nähe gelegenen Schlosse, das nicht näher bezeichnet wurde, ihrer Hilfe bedürfe. Sie folgte dem Boten auf die Straße, wo ein Wagen vor ihrem Hause stand. Im Wagen, der rasch davonfuhr, sand sie zwei maskierte Männer, die ihr eine Binde auf die Augen legten, xie Fahrt dauerte lange, offenbar wollte man Madame x. das ßicl der Fahrt verbergen. Endlich hielt man vor einem Gebäude, und Madame D. wurde in dasselbe geführt. Erst, in einem Schlafgemach, dessen Möbel, Bilder, Spiegel mit weißem Calico verhängt waren, nahm man ihr die Binde ab und nun fand sie sich am Bette einer gleichfalls maskierten jungen Frau. Ein Knabe kam zur Welt. Tie massierten Männer nahmen das Kind und führten die Hebamme in ein anstoßendes Zimmer, in welchem ein großes Feuer brannte. Die Hebamme wurde nun aufgefordert, das Kind in die Flammen zu werfen, weigerte sicb aber entschieden, dies zu thun, obwohl sie bedroht wurde. Endlich ließ man von ihr ab, händigte ihr eine ansehnliche Summe ein, und brachte sie in derselben Weise, in der sie gekommen war wieder nach Hause. Dick französischen Behörden haben bisher kein Licht in diese mysteriöse Affaire bringen können. So tveit die französischen Blätter. Heute abend erhielten wir nun, so erzählt die „Neue Freie Presse", aus Lemberg folgende Depesche: Dem hiesigen „Przedswit" berichtet man aus Stanislau, daß dort eine Hebamme, Namens Maller, gestern verhaftet wurde, nachdem sie selbst die Anzeige erstattet hatte, daß sie infolge von Drohungen zweier maskierter Männer, welche sie in der Nacht vom 8. d. M. in einem Wagen einer ebenfalls verlarvten Wöchnerin zuführten, das neugeborene Kind derselben in die Flammen eines Backofens geworfen habe. Tie Hebamme vermag nicht anzugeben, in welchem Stadtteile die Wohnung der Wöchnerin sich befindet, indem sie behauptet, daß! man sie während der Wagenfahrt durch Anlegung einer Augenbinde gehindert habe, sich diesbezüglich zu orientieren. — In Stanislau scheint man eifrig französische Blätter zu lesen.
* Budapest, 15. Juli. In Homanna wurde heute der Bezirksrichter Paul Ruby auf offener Straße von einem Bauernburschen aus Rache erdolchet.
* Attentat eines Irrsinnigen auf einen Universitätsprofesfor in Budapest. Von den Gefahren des ärztlichen Berufs erlebte der Leiter der psyck)iatrischen Abteilung der Pester Universitätsklinik, Tr. Karl Hudowernig, eine recht unangenehme Probe. Als er, um eine Kranke zu besuchen, über den Korridor ging, stellte sichj ihm plötzlich eine ärmlich gekleidete Frau entgegen, schwang drohend in der Rechten ein großes Küchen- messer und rief ihm zu: „Lieber Herrr Toktor! Ich bin verrückt, ich weiß aber, daß Sie mich gesund machen können. Wenn Sie sich weigern, es zu tyun, stoße ich Ihnen das Messer in die Brust." Professor Hudowernig fand sich, mit größter Geistesgegenwart in die gefahrdrohende Situation. Es war ihm nicht zweifelhaft, daß die Frau bei dem geringsten Widerstande Ernst machen würde. Er ging daher anscheinend auf ihren Wunsch ein und forderte sie auf, ihm in sein Zimmer zu folge/n.
Inzwischen waren einige Wärter der Klinik, die den lauten Wortwechsel gehört hatten, herbeigekommen. Ein Blick des Professors genügte, um sie über die Sachlage aufzu klären. Sie warfen sich über die Geisteskranke und machten sie nach heftiger Gegenwehr unschädlich. Tie Frau wurde dann der Polizei übergeben, die feststellte, daß die Unglückliche eine Tagelöhnerin Namens Marie Jykaß aus Foth sei, die eben erst nach Budapest gekommen war und sich! unbemerkt in tue Klinik eingeschlichen hatte. Als gemeingefährliche Kranke wurde fie der Landes-Irrenanstalt zugeführt.
* Das Ende eines alten Korpsstudenten. Otto Eberhardts Bild, mit zahllosen Schmissen im Gesicht, erschien, so schreibt man aus New vor k, in amerikanischen Zeitungen nach den Gefechten auf Kuba. Tie Amerikaner lagen am 1. Juli 1898 in langer dünner Linie von ^an Juan bis El Eaney und die dritte reguläre Brigade hielt den SckMsselpunkt dieser Stellung, hatte aber pro Mann nur noch zwei Patronen. Jeder Gegenstoß der Spanier würde zur Katastrophe für die Amerikaner geführt haben. Otto Eberhardt, der einst seinen Familiennamen bei der Fahrt über den Ozean in diesem versenkte, war damals Sergeant und StabsordonnMz eines Regimentskommandeurs dieser Brigade, deren Munitionsersatz Adjutanten und Patrouillen vergeblich zu bewerkstelligen suchten. Freiwillig erbot sich Otto Eberhardt, Patronen zur Stelle zu schaffen und erschien nach fast einstündiger Abwesenheit mit sechs Maultieren, die Munition trugen, und — drei Kugeln im Leibe. Seiner Bravour und Findigkeit wurde verdiente Anerkennung gezollt, aber er erbat nach Heilung feiner Wunden seine Entlassung. Indessen nahm er wieder, und zwar zum vierten Male, Onkel Sams Handgeld, als die Expedition nach den Philippinen geschickt wurde. Vorher hatte er auch! einmal einen Abstecher nach Indien gemacht und unter englischen Fahnen gedient. Auf den Philippinen aber sah er sich, am Sternenbanner satt und ging zum Feinde über. In einem kleinen Gefecht, bei dem die Filippos etwas besser als gewöhnlich schossen und mit dem Davonlaufen warteten, bis ihr Führer gefallen war, fand er seinen Tod. In der Leiche erkannten die Amerikaner ihren einstigen Unteroffizier Otto Eberhardt.
* S h a n g h a i, 15. Juli. Bei Hanhan sind durch Ueber- schwemmungen Hunderte von Menschen um gekommen.
Tage8 wird weder ein Brief von hier abgeholt noch einer gebracht. Hat man nun einen Brief nach diesen Bestellungszeiten hier in den Kasten ge= legt, so ruht er erst mal einen ganzen Tag, ehe er von Krofdorf nach Güßen befördert wird, wirft man denselben Samstag nachmittag hier in den Kasten, so geht er gar erst Montag früh nach Gießen.
Mit der Paketbestellung sieht's noch trauriger aus. Will man ein Paket weg haben, muß man es vor der zweiten Bestellung an der Hilfs» stelle abgeben und ’ann gewärtig fein, daß, wenn mehrere Pak-te vorhanden sind, es erst noch einen Tag auf der Hilfsstelle ruht, wahrend ein am Samstag nachmittag abgegebenes Paket erst am Montag nachmittag oder gar Dienstag von Krofdorf nach Gießen geht. Wie die Beförderung von Postsachen von Wißmar ab schlecht und absolut nicht mehr zeitgemäß 'st, so ist sie auch nach W'ßmar hin; so kommt es auch vor, daß die Bestellung an Sonntagen, anstatt um 11 Uhr vormittags, erst nachmittags um 3 Uhr erfolgt, da der Briefträger an diesen Tagen ganz besonders überlastet ist. Dies alles widerfährt einem Dorf von 1360 Einwohnern mit zwei Zigarrenfabriken, einer Schuhfabrik, einer Holzschneiderei, zwei Bauunternehmern mit Ringofenbacksteinsabrikation, vielen Handwerkern, einem Konsumverein, fünf Verkaufsstellen und vier Wirtschaften, daneben noch vieler Hausindustrie, ferner einer Pfarrei, vier Lehrerstellen, einer Försterei und einer Gendarmeriestation. Alle diese leiden unter den ge= schilderten, geradezu miserablen Veikehrsverhältniffen ganz ungeheuer, sind sie doch meistens gezwungen, Pakete und Briefe an die nächsten Postämter Lollar und Gießen oder gar nach Wetzlar, direkt zu befördern, damit sie ihren Bestimmungsort rechtzeitig erreichen, wiederum auch dieselben dorthin an bekannte Personen schicken zu taffen, um sie schneller in die Hände zu bekommen. Dadurch ist cS der Oberpostdirektion nicht möglich, den richtigen Ueberblick über die Notwendigkeit einer Postagentur hier zu ge» rolnnen. Eine solche Einrichtung verursacht aber den Interessenten neben Zeitaufwand öfters nicht unerhebliche Geldausgaben. Dabei liegt Wißmar an der Bahn, so zu sagen im Verkehr drin, hat Haltestelle, das nächste Postamt Lollar ist nur zwei Kilometer entfernt, und doch hält die Oberpostdirektion an dem alten Zopf fest, die Postsachen hierher Über Gießen- Krosdors zu befördern. Im Warnen aller Einwohner von Wißmar spreche ich deshalb die Bitte aus, die Oberpostdirektion möge die Notwendigkeit eines anderen Poftverkehrs hier auss genaueste prüfen und sobald als möglich Aenderungen vornehmen, damit wir wenigstens denselben Verkehr bekommen, wie ihn ganz entlegene Ortschaften ohne jegliche Industrie rc. im deutschen Vaterlande schon längst haben. Einer für Alle.
Meratur, Wissenschaft und Kunst.
Berlin, 16. Juli. Anläßlich der diesjährigen großen Berliner Kunstausstellung verlieh der Kaiser die große goldene Medaille den Bildhauern Prof. Frttz Sch aper, Berlin und Robert Dietz-Dretzden. Die kleine goldene Medaille erhielten Stadtbaurat Architekt H o f f m an n-Berlin, Bildhauer Haverkamp- Friedenau und W. nck - Berlin, Radierer Schmutzer - Wien, sowie die Mahr Htreny-Htrschl - Rom, Aublet-Reutlly für Seine und Marinemaler Bohrdt - Friedenau. ,
Berlin, 16. Juli. OSkar Neumann ist gestern von seiner Durchquerung des nordöstlichen Afrika von der Somaltküste nach F - s ch o d a am Weißen Niel wieder in Berlin cingthoffen. Die Forschungsreise, deren Resultate in jeder Beziehung befriedigende sind, hat im Ganzen 20 Monate gedauert. Besonders in retn» geographischer Hinsicht wurden im Quellgebiete des Sobat wichtige Entdeckungen gemacht. Von Baron Carlo Erlanger, der gemeinsam m't OSkar Neumann diese Forschungsreise angetreten batte, sind neuere Nachrichten nicht eingetroffen. Die beiden Forscher haben sich unterwegs getrennt und Baron von Erlanger hat die Expedition nach dem Rudolf'See allein unternommen.
— Professor Begas wird in M a d ri d, wie man telegraphisch von dort meldet, einen Prozeß gegen den Architekten Grasses, dm Urheber des Denkmals Alfonso XIL, das ein genaues Ab- btsd des Berliner Kaiser Wilhelm-Denkmals sein soll, ^engai. $uU Gras Goertz, Direktor der Großherzogl. Kunstschule, hat sein Amt niedergelegt.
Bekanntmachung.
Zur diesjährigen Ausführung der Ebel-Stiftung werden u. a. erforderlich und sollen auf dem Submisfionsweg bezogen werden:
ca. 25 fertige Anzüge für Knaben (Joppe und Beinkleid, ohne Weste),
ca. 80 Mir. Stoff zu Winterkleidern für Mädchen, ca. 90 Mtr. Baumwollflanell bezw. Halbleinen zu Hemden.
Ferner soll die Anfertigung von ca. 20 Mädchenkleidern and von ca. 45 Knaben« und Mädchenhemden vergeben werden.
Angebote auf Lieferung der Anzüge und Stoffe, sowie Anfertigung der Mädchenkleider und Hemden find bis spätestens Dienstag den 23. Juli 1901 bei dem Armenamte ein» zuretchen.
Für die Knabenanzüge sind Muster in Loden und Lörracher Tuch vorzulegen.
Gießen, am 10. Juli 1901. 4980
Die Armen-Deputation der Stadt Gießen.
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