Ausgabe 
18.6.1901 Zweites Blatt
 
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Dienstag 18. Juni 1901

Nr. 140

151. Jahrgang

Zweites Blatt.

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Vaterlandes Wohl das Seine nach Kräften zu leisten.

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Die Enthüllung des Bismarck-Denkmals in Berlin.

Gießen, 17. Juni.

Am gestrigen Sonntag fiel endlich die Hülle des in der Reichshauptstadt vor dem Reichstagsgebäude errichteten Rationaldenkmals für den Fürsten Bismarck. Nach müh­seligen Verhandlungen und fast 11jährigen Vorbereitungen ist das große Werk vollendet worden, das in alle Zeiten ein lebendiges Wahrzeichen sein soll für die Dankbarkeit der Deutschen gegen ihren großen Staatsmann.

Die Feier der Enthüllung mußte erst jüngst aus traurigem Anlaß verschoben werden, war doch der zweite Sohn des Kanzlers Graf Wilhelm Bismarck, von tückischer Krankheit plötzlich in der Blüte seiner Jahre dahingerafft worden.

Ter Geist der Weltgeschichte war's, der der Feierlichkeit seinen Segen gab, und die Besten der meisten Völker des Erdkreises haben wohl dieses Tages bei sich gedacht. Ver­dankt dochj die größere Zahl der Erdenvölker dem Fürsten Bismarck den Frieden, hat docg Deutschland seine mit durch ihn geschaffene Macht niemals in den Dienst von Bestreb­ungen gestellt, die das Gleichgewicht gefährden konnten, und stehen doch! heute noch die zu seiner Zeit gelegten Grundlagen fest und sicher, sodaß sie den Völkern Euro­pas die friedliche Arbeit und hie ruhige Entwickelung ihrer Kräfte gestatten.

Tas Wirken des großen Kanzlers steht noch deutlich vor aller Augen. Der Urgrund, auf dem jidji der Charakter Bismarcks aufbaute, ist die Treue, die er in seinem langen Leben unausgesetzt unter den schwierigsten Verhältnissen als ein tapferer Kämpfer mit den Waffen des Geistes gegen­über seinem alten königlichen Herrn und dem Hause der Hohenzollern überhaupt geübt hat. Er war nicht nurein treuer Diener Kaiser Wilhelms I.", wie er auf sein Grab­denkmal schreiben ließ, schon unter Friedrich Wilhelm IV., in den stürmischen Jahren um die Mitte des vorigen Jahr­hunderts stand Bismarck in den vordersten Reihen derer, die den preußischen Königsthron schützten. Und nach seiner Entlassung blieb er, unbekümmert, ob man cs von ihm verlangte oder nicht, Berater des Reiches, dessen Stimme überall stets Beachtung fand.

Bismarck ist allezeit ein großer Realist gewesen. Nie erstrebte er Unerreichbares, immer blieb er auf dem Boden der Wirklichkeit, alles Phantastische war ihm fremd und lag seinem Wesen fern. Nie vergaß er in seinen beispiel­losen Erfolgen das Endziel und sah vorausschaueno in die Zukunft, um diese nach menschlichem Ermessen glücklich und sicher für die preußische Krone zu gestalten. Darum war er sorgsam bemüht, alle Bitterkeit zu entfernen, die nach! dem deutschen Kriege zurückbleibeu mußte, nachdem das große Nachbarreich gedemütigt worden war, und das einige Band, das uns seit 1879 mit Oesterreich verbindet, ist der Lohn dieser klugen Mäßigung, die ihm bekanntlich sehr schwer gemacht worden ist. Wir bewundern die schwere Tugend der Mäßigkeit an ihm, die nie, auch unter den größten Versuchungen nicht, ins Wanken zu bringen war. Und noch eins: Bismarck brach, seinem ganzen Wesen Auch hierin getreu, mit den alten Ueberlieferungen der Diplomatie und der Staatskunst: Er verschmähte es, Schleichwege zu gehen, auf denen man früher Erfolge suchte, und zeigte, daß der Staatsmann dann am besten zu seinem Ziele gelangt, wenn er mit offenem Visir kämpft.

Nun hat der Künstler sein Wort über Bismarck ge­sprochen der Historiker noch nicht. Um Bismarcks geifhge Wesenheit objektiv zu würdigen, erscheint die Zeit zu kurz, die uns von seinem Rücktritt oder Heimgang trennt. Seine Unbedingten Verehrer wie seine unbedingten Gegner leben und wirken noch allzu eifrig, und in der Erinnerung an die von ihm und gegen ihn geführten Kampfe wallt immer noch etwas wie Leidenschaft auf. Noch feplt die völlig sichere Ruhe der Betrachtung. Alles ist noch neu, noch frisch, noch lebendig. Und doch wer immer Verständ­nis für die Größe einer geschlossenen Persönlichkeit hat, wird heute Bismarck verstehen, mitsamt seinen Fehlern und Schwächen. Sie gehören zu seinem Charakter wie die Furchen und Buckel zu seinem Antlitze jemals zuvor ist! einem Volke ein Einblick in das innerste Leben und Schaffen, in die Gedanken- und Gefühlswelt eines feiner Führer so schnell und voll gewährt worden wie in Tbun Wollen und Empfinden des eisernen Kanzlers. Seine -kritische Tbätiakeit liegt vor uns, seine Noten, seine Staats- seine Reden, seine Briefe sind veröffentlicht. Ueber- Ll finden wir den ganzen Mann wieder, den Mann mit dem kalten Stopf und dem warmen Herzen, groß ui1 Liebe, wie Haß, von Leidenschaften bewegt, ohne ihr Lpfer zu werden; ein sporenklirrender Junker, wuchs er über das Junkertum hinaus zum ersten Staatslenker seiner Zeit, ein konservativer Parteimann, erhob er sch über die Anschauung seiner Freunde und Standesgenosten so weit, das er von niemand bitterer befehdet wu^e als von ihnen; alles in ihm war Wille, Leben Entwickelung, jeder seiner Schritte war Vorbereitung; leder semer Aus­sprüche geschah rebus sic stantibus. Alles, was er sagt oder tbut, gilt nur für di je-Lage des Augenblicks, nichts ist dauernd für ihn als der Wechsel, und unverrückbar Nichts als das Ziel, das Wohl des Vaterlandes.

Die Zeit wird kommen, da von seiner Geikalt die jedem sterblichen anhaftenden Schlacken abgefallen such und die werden Recht behalten, die da prophezeien, daß das sagen- und legendenliebende deutsche Volk, der Erfinder

kultus treibt, einst zu ihm aufblicken wird als zu einer Jdealgestalt, und ganz besonders dann, wenn es zur Lösung großer nationaler Aufgaben sein Wollen und Können ein­zusetzen hat. Möge das diese Jdealgestalt verkörpernde Standbild in der Reichshauptstadt für alle Zukilnft bei denen, die zu ihm empor schauen, den Entschluß wecken, in inniger Liebe zur engeren Heimat, wie sie Bismarck so un­unvergleichlich bewies, und in aufrichtiger und aufrechter Hingebung an Kaiser und Reich zu des großen deutschen

des Märchens, das deutsche Volk, das ja so treu ist in seinem Glauben an die Autorität, das ja so gern Heroen-

Berlin, 16. Juni.

Heute mittag wurde das von Reinhold Begas ge­schaffene Bismarck-Denkmal in Gegenwart des Kaisers feier­lich enthüllt. Das Wetter war kühl und zunächst bedeckt, gegen Mittag kam stellenweise die Sonne durch, um ein ganz einzig geartetes, gewaltiges Bild zu beleuchten. Große Menschenmassen hielten die Zugänge zum Denkmals­platz besetzt, um Anfahrt und Anmarsch der an der Feier Beteiligten zu beobachten. Vor der riesigen Hauptfront des Reichstagsgebäudes, von dessen Giebel eine Fahne in den Farben des Reichs herabwehte, erhob sich das Denk­mal in seinen massigen Abmessungen, die Hauptfigur noch verhüllt von adlergeschmückter Leinwand, die Bronze­gruppen, die Sandsteingruppen mit den großen Wasser­bassins bereits frei. In weiten Halbkreisen, anlehnend an die große Rampe des Reichstages, umschlossen Flaggen­masten, verbunden unter sich durch frisch duftende Tannen- guirlanden, den Festplatz, um auf der gegenüberliegenden Seite bei dem in weiß und gold prangenden Kaiserzelt zusammenzustoßen. Vor den Masten rot ausgeschlagene Tri­bünen, bis oben hinauf besetzt mit Damen in hellen Toi­letten, und Herren in Uniform und Gesellschaftsanzug, auf oberster Gallerte die Chargierten der Studentenschaft, mit Fahnen und Schlägern, in farbenreichem Wichs; vor der Freitreppe des Reichstags auf einer weiteren Tribüne Schulkinder, Knaben und Mädchen, eine bewegliche Schar, auf der Treppe dahinter die Abordnungen der Krieger­vereine mit einem Wald von Feldzeichen. Diesen lebendigen Rahmen füllte allmählich die glänzende Schar der nam­hafteren Geladenen, die sich auf dem Podium am Kaiser­zelt und vor demselben, sowie auf der weiten Plattform des Denkmals einfanden. Auf dem Podium am Zelt trafen ein Fürst Herbert Bismarck, der Reichskanzler, die Mi­nister und Staatssekretäre und die Mitglieder des Bundes­rats, inaktive Minister, Fürst Hohenlohe, sowie etwa 200 Mitglieder des Reichstages, welche im Zuge vom Kuppel­saal des Hauses her über die Freitreppe herabgeschritten waren, das Bureau des Reichstags mit dem Bureaudirektor Geh. Rat Knack. Vor dem Kaiserzelt versammelten sich die Mitglieder des Zentralkomites (Wirk. Geh. Rat Dr. v. Levetzow, Adolf vom Rat, Rudolph Koch von der Deut­schen Bank, Geh. Rat Prof. Ende, Prof. Graf v. Harrach, W. Kyllmann, Fr. Schmechten), die Mitglieder des Herren­hauses, die Ritter des Schwarzen Adler-Ordens und des Ordens pour le merite, die Generalität und Admiralität, die Mitglieder des Abgeordnetenhauses, der Schöpfer des Denkmals, ferner Ludwig (Sauer, der die Nebengruppen und Regierungsbaumeister Teubner, der die architektoni­schen Arbeiten ausgeführt hat, und die andernvom Bau" (M. v. Piltzing, der den Guß besorgte, Hofsteinmetzmeister Schilling und die Vertreter der Steinmetzfirma Kessel & Röhl). Auf der Plattform erschien eine Offiziers-Abordnung der Bismarck-Kürassiere, es nahmen Aufstellung die Vor­stände der Krieger vereine, die Räte erster Klasse, Regiments­kommandeure und Marineoffiziere, die Aeltesten der Ber­liner Kaufmannschaft, der Vorstand der Börse, die Ver­treter der Universitäten und Hochschulen in ihren male­rischen Talaren, Magistrat und Stadtverordnete von Berlin und Charlottenburg, verschiedene weitere Deputationen. Aus diesen Scharen ragten wie Inseln aus wogenden Wassern die großen Nebengruppen und Arrangements von Blatt­pflanzen und herrlich blühenden Blumen heraus. Um 12 Uhr verkündete der Präsentiermarsch der Ehren­kompagnie vom 2. Garde-Regt., die am äußeren Eingang zum Kaiserzelt aufmarschiert war, daß das Kaiserpar mit dem Hose nahte. Ter Reichskanzler, der Präsident des Reichstages Graf von Ballestrem und das genannte Zentralkomitee begaben sich zum Empfang der Majestäten zum Eingang. Der Kaiser, in der Uniform eines General- seldmarschalls, nahm die Honneurs der Ehrenkompagnie ab, und nahm dann mit Ihrer Majestät, die eine lilafarbene Toilette trug, unter dem Baldachin Aufstellung. Es folgten die hier anwesenden Fürstlichreiten, darunter auch der junge Herzog von Koburg. Es folgten die Damen und Herren der Umgebungen und des Hauptquartiers und die Kabinettschefs. .

Schon erschallte der tausendstimmige Chor der Schul­kinder: Beethovens herrlichesDie Himmel rühmen des Ewigen Ehre", und nun trat Dr. von L e v e tz 0 w vor, um dem Reichskanzler das Tenknral namens des Komites zu übergeben. Seine Rede wurde mehrfach von Bravorufen unterbrochen.

Rede des Geheimrats Dr. v. Levetzow.

Unter dem erbaoenen Protektorate Seiner Majestät des Kaisers und Königs haben Tausende drutschcr Landsleute aus allen fünf $Bdt- tetlm sich vereinigt, dem ersten Reichskanzler, dem großen Fürsten Otto von Btimarck in der ReichShauptstadt ein Nation albenkmal zu errichten. Bon hochbewührter Künstlerhand herg-stellt, erhebt es sich angesichts der Siegessäule, vor des »Reiches H-uS", dem Hause dcs

deutschen BundeSrats und der deutschen Volksvertretung. Es wartet heute der Enthüllung in huldvoller Gegenwart Ihrer Kaiserlichen und Königlichen Majestäten und erlauchter Glieder liefete6 Königshauses und deutscher landesherrlichen Familien, in Gegenwart deS Fürsten Herbert BtSmarck (mit Familie), ältesten Sohnes des verewigten Kanzlers, während der jüngere Sohn leider ganz kürzlich aus rrsolg- reicher Wirksamkeit in da« Jenseits abgerufen und die einzige Tochter durch Krankheit zurückgehalten ist, unter Beteiligung oberster Würden­träger des Reiche« und der Bundesstaaten, unter Beteiligung deS BundeSrats, deS Reichstag« und deutscher Landtage, in Anwesenheit von Tausenden au« allen Teilen deS Vaterlandes, die das Andenken deS Fürsten aus warmen dankbaren Herzen tragen- Dauernder alS Stein und Erz wird da« Andenken fortleben in der Weltgeschichte und in unserem Volke, daS sich selbst vergessen müßte, wenn tS des ersten Kanzler« je vergessen wollte, da« Andenken eine« der g-ößten Männer, die in Jahrhundert.n deutschem Stamme entsprossen find, deS treuesten Dieners, deS weisen, weitblickenden, unermüdlichen RaterS und HckferS unseres hochseligen großen Kaise-S Wilhelm. Unter ihm und mit ihm hat er zusarnmengrschrntedet und aufgrrichtet, waS zerstreut darnieder- tag, hat er verstanden, in der Do ksseele zu lesen und die Ideale von Generationen zu verwiiklichen. Die ganze Welt sah bewundernd auf zu dem eisernen Kanzler, unser- Gegner fürchteten ihn in Krieg und Frieden wie keinen anderen. Uns war und ist er und wird er sein ein nationaler Heros, da« Vorbild monarchischer Gefinnung, deutscher Treue, deutschen MuteS, deutscher Festigkeit, daS Vorbild rechter Vaterlandsliebe, daS gottgesandte fcharfeWe kzeug zur Wiederaufrichtung und Befestigung des deutschen Reiches durch unseren ersten Kaiser. Sein schönes, tapfere«, von ihm voll beihätigteS Wort:Wir Deutsche fürchten Gott, sonst niemand aus der Well!" bleibe das Motto unserer Zukunft! Hier sein Standbild, ubique famal Mit hoher Genug- lhuunq dürfen wir auf die Erfüllung unserer Bitte hoffen, die ich an den Herrn Reichskanzler richte, daß Kaiser und Reich, BundeSrat und Reichstag daS Denkmal in Schutz und Obhut nehmen wollen. Dort wird eS sicher geborgen und hoch in Ehren gehalten sein. Wessen Auge deutsch ober fremd jemals auf das Standbild fällt, der wird sagen und sagen müssen, daS war ein Mann. Meinen märkischen Landsleuten aber wolle man eS nicht verargen, wenn ste hinzusetzen, ein brandenburgischer Mann.

Graf Bülow erwiderte, dessen klare Stimme von der Plattform des Denkmals aus über die lautlose Menge drang; auch seine Worte begleiteten wachsende und immer häufigere Beifallskundgebungen, bis in das Hoch auf den Kaiser die Versammlung einstimmte; und nun erscholl die Weise der Nationalhymne, begleitet von den Kapellen, vom Klang der studentiscyen Schläger und mitgesungen von den 8000 Teilnehmern der Feier, ja es schien, als ob die Stimmen der draußen harrenden Menge sich mit diesen vereinigten.

Rede des Reichskanzlers.

Am Abend seines Lebens hat Fürst Bismarck geäußert, er sei Gott dankbar dafür, daß es ihm vergönnt gewesen sei, seinen Namen dauernd in die Rinde der deutschen Eiche einzuschneiden. Hetzte, wo wir sein Nationaldenkmal in der Reichshauptstadt enthüllen, ist unter denen, die mich hier umgeben, ist im ganzen deutschen Volke niemand, der nicht fühlte und wüßte, daß die Spur der Eroentage de« eisernen Kanzlers nicht untergehen, daß die Bewunderung und Dankbarkeit für ihn nicht aushören werden, solange ein deutsches Herz schlagen, ein deutscher Mund reden, eine deutsche Faust sich ballen wird. Dieses Bewußtsein ist h<ute noch stärker, lebendiger und klarer, als in den Tagen, wo Fürst Bismarck unter uns weilte. Denn Fürst Bismarck war nicht wie sein gleich un­vergeßlicher Nebenmann, der Feldmarschall Moltke, der still im reinen Aether unpersönlicher Bettachtung kreisende Aar. Er war eine Löwen­natur, er stand auf der Erde im Staube des Kampfes, er hat bis zuletzt nicht aufg'hört mit Leidenschaft zu kämpfen, und der Kampf bringt be­rechtigte Gegnerschaft und ungerechte Verkennung, ehrliche Feindschaft und blinden Haß. Der Haß aber, hat vor zweitausend Jahren Perikles ge­sagt am Grabe der für ihre Altäre gefallenen Athener, ist von kurzer Dauer, unvergänglich jedoch der Ruhm. Nachdem sich der Staub des Kampfes verzogen hat, leuchtet uns nur die Erinnerung an unerreichte Thaten und an eine unvergleichliche Persönlichkeit. So wird der gigan­tische Schatten des Fürsten Bismarck wachsen, je weiter der Lebenslag des deutschen Volks vorrückt und je mehr das nationale Urteil ausreicht.

Auf märkischer Scholle, im Herzen Preußens geboren, ist Otts von Bismarck in den Mauern der Stadt Berlin ausgewachsen. Den Garten der Plaman'schen Erziehungsanstalt, einst dort am unteren Ende der Wilhelmstraße gelegen, hat er nachmals die Geburlsfiätte feiner Luft­schlösser genannt. Hinter dem Bretterzaun dieses Gartens zeigte dem Knaben die Phantasie die ganze bunte Erde mit ihren Wäldern und Burgen und allen den Erlebnissen, btc seiner warteten, die ganze weite Welt, die dieser Knabe dereinst umgestalten sollte, als er nach einem Menschenalter in die Wilhelmstraße zurückkehrle und die größte Epoche der deutschen Geschichte begann. Nächdem et unter und mit Kaiser Wil­helm dem Großen in gewaltiger Energie das Reich aufgerichtet hatte, sicherte er diesem und der Welt in ebenso seltener Mäßigung und S-lbst- beschränkung den Frieden. Er hat, um mit Fichte zu reden, das deutsche Volk aus dem Gröbsten herausgehauen. Er hat um mit seinen eigenen Worten zu reden, das deutsche Volk in den Sattel gehoben, was vor ihm K inem geglückt war. Er hat ausgesührt und vollendet, was feit Jahrhunderten das Sehnen unseres Volks und das Streben unserer edelsten Geister gewesen war, was die Ottonen und Salier und Hohen­staufen vergeblich angefirebt hatten, was 1813 den Kämpfenden als damals nicht erreichter Siegespreis vorfchwebte, wofür eine lange Reihe Märtyrer der deutschen Idee gekämpft und gelitten hatten. Und er ist gleichzeitig der Ausgangspunkt und Bahnbrecher einer neuen Zeit für das deutsche Volk geworden. In jeder Hinsicht stehen wir auf seinen Schultern.

Nicht in dem Sinne, als ob eS vaterländische Pflicht wäre, alles zu billigen, was er gesagt und gethan hat. Nur Thoren ober Fanatiker werben behaupten wollen, baß Fürst Bismarck niemals geirrt habe. Auch nicht in bem Sinne, als ob er Maximen aufgestellt hätte, bie nun unter all-n Umständen, in jedem Falle und in jeder Lage blindlings anzuwenden wären. Starre Dogmen giebt es ro-ber im politischen noch rm wirt­schaftlichen Leben unb gerabe Fürst Bismarck hat von der Doktrin nicht viel gehalten. Aber was uns Fürst Bismarck gelehrt hat, ist, daß nicht persönliche Liebhabereien, nicht populäre Augenblicks- strömungen, noch graue Theorie, sondern immer nur das wirkliche unb bauernbc Interesse der Volksgemeinschaft, die Salus publica, bie Richtschnur einer vernünftigen unb sittlich berechtigten Politik sein bars. WaS uns sein ganzes Wirken zeigt, ist, baß bet Mensch bas Sch ff lenken kann, baS au- bem Strome fahrt, nickt aber ben Strom selbst, baß wir, wie Fürst Brsmarck sich ausgebrückt hat, bie großen Dinge nicht machen, aber ben natürlichen Lauf ber Dinge beobachten unb baS, was dieser Lauf zur Reife gebracht hat, sichern

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