anstellten, gelang es bis heute abend nicht, die Frau zum Bewußtsein zu bringen. Eine Gasleitung ist in dem Hause nicht vorhanden, ein Ösen hat auch nicht in dem Schlafzimmer gebrannt, sodaß von Erstickung durch Gase wohl kaum die Rede sein kann. Allerdings brannte in dem Zimmer unter dem Schlafzimmer ein Dauerbrandofen, dessen Rohr durch das Schlafzimmer ging, auch soll die Petroleumlampe ausgebrannt und der Zylinder vollständig schwarz gewesen sein, doch konnte genaueres noch nicht festgeslellt werden. Der ganze Vorfall erscheint rätselhaft.
Kassel, 15. November. Der Wahlverein der nationalliberalen Partei hielt am Dienstag Abend eine ordentliche Generalversammlung ab, um in der Zolltarif-Frage Stellung zu nehmen. Dies geschah, nachdem der Syndikus der Kasseler Handelskammer, Tr. Metterhausen, einen Vortrag über die deutsche Zollpolitik und die Handelsverträge gehalten hatte. An den Vortrag knüpfte sich eine Debatte, in welcher im Gegensatz zu Dr. Metterhausen, der jede Erhöhung der Lebensmittelzölle verwarf, die Auffassung überwog, daß eine mäßige Erhöhung der landwirtschaftlichen Zölle zuzulassen sei. Schließlich wurde folgende Resolution einstimmig angenommen: Handel, Kleingewerbe, Industrie und Landwirtschaft bilden in unserem Staat ein unzertrennliches Ganze. Jeder Teil erfordert vom Staat gleichmäßige Berücksichtigung. Der vorliegende Zolltarif in seiner hochschutzzöllnerischen Tendenz ist für uns unannehmbar. Insbesondere müssen wir uns gegen die vor- geschlagenen Minimaltarife wenden.
Vermischtes.
* Berlin, 15.Nov. Ein Berliner Handelsmann wurde heute abend auf der Landstraße bei Grausee von drei Wegelagerern überfallen, beraubt und durch Messerstiche schwer verletzt.
* Staßfurt, 15. Nov. Von den 13 Verschütteten ist noch keiner geborgen. Man hält alle für tot, da sich nirgends ein abgesperrter Hohlraum besindet.
* Breslau, 15. Nov. Auf der konsolidierten Melchiorgrube bei Dittersbach wurden gestern 4 Bergleute durch den Zusammenbruch eines Pfeilers schwer verletzt.
• Thorn, 15. Nov. Ein russischer Auswanderer wurde beim Ueberschreiten der Grenze bei Piotckor, als er auf den Anruf des russischen Postens nicht sofort stand, erschossen.
* Myslowitz, 15. Nov. In Poagora wurden nach oen Morgenblättern infolge einer Kessele^plosion ein Arbeiter getötet und zwei schwer verletzt.
• Bremen, 15. Nov. Die Rettungsstation Ording 6er deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger telegraphiert: 14. November von hier gestrandeten deutschen Ewer „Balduin", Schiffer Clausen, von Hamburg nach Meldorf bestimmt, zwei Personen durch Rettungsboot „Amalie Borchardt" gerettet.
* Saarbrücken, 15. Nov. Bei einer heute abgehallenen Treibjagd schoß der Geschäftsführer der südwestdeutschen Eisen-Berufsgenoffenschaft, Wurmstich, aus Unvorsichtigkeit dem Oberförster Schneider aus einer Entfernung von 1 Mtr. ins rechte Auge. Das Auge ist vollständig verloren, ebenso ist die rechte Wange stark verletzt.
• Heidelberg, 15. Nov. Heute vormittag 11 Uhr brach im „Gaschaus zum Adler" in Doffenheim Feuer aus. Bis jetzt sind 8 Häuser abgebrannt. Die Heidelberger Feierwehr ist nach der Unglücksstätte abgerückt.
• Erdbeben. Aus Erzerum wird ein starkes Erdbeben gemeldet. Von 50 Erdstößen waren 10 besonders heftig. Viele Gebäude sind eingestürzt. Nach amtlicher Meldung sind 2 2 Personen getötet worden. Eine Panik bemächtigte sich der Bevölkerung, welche auf Feldern, in Gärten und unter Zelten wohnt. Militär bivouakirt auf dem Martt. Die Bureaus der Behörden sind geschlossen. Auch in den Städten Chnosykkaleh und Haffankaleh fanden starke Erdbeben statt.
und gespeist haben, als er flüchtig war. Er sei auch nicht rach- süchtig. Tie erste Zeugin, Bäuerin Scheuerer ans Cberbtmbad), schildert ihre Beraubung durch Kneißl und Holzleitner nach der bereits bekannten, von Kneißl zugesrandcncn Thatsache. Sic bestätigt, daß Kneißl den Genossen HolzleiMer von der Beraubung des Hirtcnbuben Scheuerer abhielt. Es folgt darauf die Vernehmung oes wegen dieses Raubes uui) anderer Verbrechen bereits ver- urteilten Genossen Kneißls, des 28jä()rigcit Tapeziers Holzleitner, der, aus dem Zuchlhause vorgcsührt, angiebt, wie er Kneißl zur Teilnahme an den Einbrüchen überredete. Kneißl wollte anfangs nicht anbeißen und fürchtcie eine zu hohe Strafe. Ten Raub m Cberbimbacf) giebt Zeuge ähnlich att wie Kneißl. Er sucht ihn im Uebrigen möglichst zu entlasten. Ter Bauernsohn Seitz aus Paar giebt an, daß Kneißl, als er auf der Flucht von Ortsbewohnern verfolgt nnirbc, drohte, er schieße Jeden nieder, der an ihn hcran- komine. Der Zeuge selbst erhielt 26 Schrote in den Körper. Tie weiteren Zeugenaussagen schilderten den Vorgang iit ähnlicher Weise, lieber den Mord an den beiden Gcndmmen m Irchenbrunn sagt der Zeuge Dien'lknecht Rösele aus, er sei vom Ticnslknecht des Flecllbauern au jenem Tage aufgefordert worden, mit ihm in Altomünster Gendarmen zu holen, da Kneißl sich bei dcnt <ylcdl= bauern aushalte. Wenn er gefangen sei, bekämen sie das Geld. Als die Gendarmen mit mehreren Bauernburscheu abends beim Flecklbauer-Anwesen antangten, wurde das t'idjt in der Wohnstube ausgelöscht. Der Zeuge sah, wie Kneißl vorhin die Wohnstube verlassen hatte und schließt daraus, daß der Fledlbauer das Lid)l auslöschte. Er sd)ildert dann das Eindringen der Gendarmen in das Haus. Plötzlich fielen aus der Küche drei Schüsse. Ter Stations- fommanbant Maier wurde tödlich getroffen, auch der Gendarm Scheibler, welcher bic Schüsse erwiderte, wurde kurz darauf zu Boden gefiredt. Kneißl hat bann vom Fenster aus dem Fledlbauer ein Zeichen gegeben, welcher die hintere Hausthüre öffnete, durch die bann Kneißl entfloh. Aehulich ichlldert Zeuge Stmnpfcrl, welcher bei bem Einbringen in bas Anwesen geleuchtet hatte, ben ganzen Vorfall. Aus ben weiteren Zeugenaussagen von heute Nachmittag geht hervor, baß bie Bauernburscheu, welche bie Gendarmen Branbmeyer unb Scheibler zum Flecklbauern behufs Aushebung Kncißls begleiteten, beim ersten Schüsse flüchtig gingen und die (Scttbarmcn in bem finsteren Hause allein ließen. Die Frau bes Mitangeklagten Flecklbauern wirb darauf vorgerufen und darauf aufmertjam gemacht, daß sie fid) des Zeugnisses entschlagen könne. Sie erklärt indessen, davon keinen Gebrauch zu machen, unb wirb barauf unbeeidigt vernommen. Sie sagt aus, daß sie bem Genbarmen Branbmeyer, bevor berfelbe ein trat, zugerufen habe: „Geh' nicht hinein, Knetßl hat alle Hände voll Waffem" Nachdem die Schüsse gefallen waren, habe sie ben verwunbeten Genbarmen Scheibler unterstützen wollen, Kneißl habe ihr aber Äugerufen: „Hinaus, sonst ist Alles hin!" Sie habe bann Kneißl gebeten, er möge nicht mehr schießen, unb bieser habe sich baranf entfernt. Des Weiteren behauptet bie Zeugin, sie wisse nid)ts von einem Einverstänbnis ihres Mannes mit Kneißl, sie glaube auch nicht an ein solches, da ihr Mann den Kneißl nie gekannt habe. — Zur Vernehmung gelangen alsdann die protokollierten Aussagen des Gendarmen Scheibler, die dieser vor seinem Tode gemacht hatte. Sie besagen im Wesentlichen, daß der erste Schuß Kneißl's seinen Kameraden Brandmeyer niederstreckte, woraus ©dieibler einen Schuß abgab und bann ebenfalls ins Bein getroffen würbe. — Die Flecklbäuerin habe ihm nicht geholfen. — Weitere Zeugen sagen über bas Verhältnis bes Fledlbauern zu Branbmeyer aus. Danach hat ber Mitangeklagte Flecklbauer wieberholt schwere Drohungen gegen Branbmeyer ausgestoßen unb u. A. gesagt: Brandmeyer muß nod) taput werden, und wenn ich es nicht selbst chue, bann thut es ein Anderer. — Darauf würbe bie Verhandlung abends gegen 7 Uhr abgebrochen unb auf morgen Vormittag vertagt.
Paris, 15. Nov. Madame Grotzinger, welche ihren Gatten erschossen und deshalb zum Tobe verurteilt worden war, erhielt gestern bie Melbung, baß Präsibent Loubet die Todesstrafe tu eine 5jährige Gefängnisstrafe umgewanbelt habe.
Univerlitüts Nachrichten.
Die „Nctt.-Ztg." meldet: Am 17. unb 18. November werden die Direktoren der Reformlehranstalten nach Frankfurter unb Altonaer System in Kassel zusammen treten zur Erörterung von Unterrichtsfragen. — Die Berliner Studentenschaft vercmstaltete zu Ehren Prof. Virchows einen Festkommers, an bem über 2000 Personen teiluahmen, barunter ber Rektor unb zahlreiche Professoren, sowie Vertreter bes Kullusministeriums rnib Oberbürgermeister Kirschner.
Gerichtssaal.
0. Gießen, 15. Nov. (Gewerbegericht.) Den Vorsitz führte Beigeordneter Wolff. Als Beisitzer fungieren ©penglcrmeifter iiarl Aug. Faber hier unb 3,garrenmadier Johannes Rubolph von Wieseck. Der Schueibergeselle Kaspar RÖber von hier verlangt von bem Schneidermeister Heimid) Georg Ledermann von hier bie verausgabe seines Arbeitsbud)es unb bie Zahlung von lO Mk. rückständigen Lohnes. Im ersten Ternrin zur Verhandlung, ber am 12. b. M. statlsanb, war ber Beklagte nicht ersd)iencn. Er würbe beshalb ans Verlangen bes Klägers nad) bem Klageantrag verurteilt. Ledermann hatte rechtzeitig gegen bas ergangene Versäumnisurteil Einsprud) eingelegt unb bem Kläger inzwischen bas Arbeitsbuch herausgegeben. Im heutigen Termin kommt ein Vergleich zustande, wonach der Beklagte an ben Kläger im Ganzen 6 Mk. bezahlt. — In ber Sache bes Knechts Heinrich Bernharb von hier gegen ben Uitiemel)mer Albert Rübsamen hier wurde ber als Zeuge benannte Oberknecht Heinrich Wilhelm Frank vernommen. Aus seiner Aussage ist zu entnehmen, daß eine Enlassung des Klägers überhaupt' nicht ftattgefunben hat, unb ba Kläger selbst nicht behaupten kann, vom Beklagten entlassen worden zu sein, hat das ©eroerbegeridjt die auf Schadensersatz wegen ber Entlassung gerichtete Klage kostenfällig abgewiesen.
Hanau, 15. 9ttw. Das Schwurgericht verurteilte ben 22jäh^gen Ziegelarbeiter Gläser aus Herolz wegen Ermordung des auf demselben Hofe wohnenden, mit ihm verfeindeten 7Ojährigen Auszüglers Fuchs zum Tode. Der mitangetlagte Vater des Gräser wurde freigesprochen.
Kassel, 15. Nov. Das Schwurgericht verhandelte heute gegen den früheren Stations-Diätar Wilhelm Rathgeber aus Eschwege, der bekanntlich am 4. Oktober b. I. in bem westfälischen Nachtschnellzuge zwischen Station Mönchehof und Kassel einen Raubmord-Versuch gegen ben Kaufmann van Westrnm verübt halte. Ferner hatte sich Ratgeber wegen Entwenbung eines Frei- sahttschem - Formularss und Ausfüllung besselben (Urfunben= Fälschung) zu verantworten. Die Geschworenen bejahten sämtliche Schuldsragen und bas Urteil lautete auf zusammen 2‘/, Jahren Zuchthaus, 7 Jahre Ehrverlust unb Einziehung bes Revolvers, mit welchem Rathgeber Die Thal verübt hatte.
Trier, 15. Nov. Eine Privatklage gegen den Bischof Komm stand heute vor bem Schöffengericht zur Verhanblung. Sie war eingeleitet worden durch die Hauhälterin des fuspenfierten Pfarrers Bourgeois, bie sich in Worten bes Bischofs beleidigt fühlte, welche von ihm in einer Audienz gegen die Haushälterin gefallen fein fallen. Das Gericht erkannte auf Freisprechung des Bischofs und Abweisung der Klage mangels genügender Beweise. Auch war das Gericht ber Ansicht, daß selbst, wenn bie beleibtgcnbe Aeußerung gefallen wäre, dem Bischof ber § 193 bes Strafgesetzbuches zur Seite stehe.
' Augsburg, 15. 91od. (Prozeß Kneißl.) Heute begann bie Zeugenvernehmung. Bor bem Eintritt in die Vernehmung erklärte Kneißl, er werbe Niemanden verraten von denen, die chn beherbergt
Auszug ans den Kirchenbüchern der Stadt Gießen.
Evangelische Gemeinde.
Getaufte. Johannesaerneinde. Den 10. November. Dem Zigarrenmacher Heinrich Grebe eine Tochter, Mathilbe Marie Elifabethe Caroline, geb. ben 13. Oktober. Dens. Dem Posttllon Justus Wenzel ein Sohn, Carl Ernst, geb. ben 4. Oktober. — Matthäusgemeinbe. Den 10. November. Dem Heizer P. Heinrid) Berg eine Tochter, Anna Katharine, geb. ben 24. September. Dens. Dem Lehrer unb Organisten Otto Gorlach eine Tochter, Charlotte Pauline Luise, geb. ben 7. August. — Marcus- gemeinbe. Den 10. November. Dem Hallenmeister Wilhelm Schmitz eine Tochter, Marie Luise, geb. ben 13. September. — Lucas gemeinde. Den 10. November. Dem prüft. Zahnarzt Wilhelm Koch ein Sohn, Hans Joachim Walter Wolfgang Wilhelm, geb. ben 22. September. Dens. Dem Maschinist Andreas Schrober eine Tochter, Johanna, geb. ben 30. September.
(Getraute. Marcusgemeinbe. Ten 10. November. Christian Arnold, Tapezier zu Gießen, unb Lina Marie Katharine Schmibt, Tochter bes Gastwirts Ludwig Schmibt zu Gießen. — Liicasgemeinbe. Den 9. November. Dr. Georg Victor William Friedrich Schwarz, Chemiker zu Berlin unb Luise Frieberike Helene Lina Schwarz, Tochter bes Kaufmanns Enianuel Carl Ferbinanb Schwarz zu Gießen. Dens. Wilhelm Becker, Schreiner au Gießen, und Elifabethe Müller, Tochter bes Aufsehers Lubwig Müller zu Gießen.
Beerdigte. Johannesgemeinbe. Den 12. November. Marie Katharine Wagner, geb. Bauernfeinb, Witwe bes Pflasterers Philipp Wagner, alt 75 Jahre, starb den 10. November. Ten 14. November. Friebrich Weeg, Kreisamtsgehilfe, att 52 Jahre, starb den 11. November. — Matthäusgemeinbe. Carl Loos, Kaufmann, Sohn bes Kaufmanns unb Stabtverorbneten Carl Loos unb dessen Ehefrau Elise geb. Busch, 25 Jahre alt, starb den 12. 9chvcinbcr.
Kandel und Verkehr. Volkswirtschaft.
Gießen, 16. November. Marktbericht. Auf bem heutigen Wochenmarkt kosteten: Butter pr. Pfunb 1,10—1,25 Mk., Hühnereier pr. Stück 8 Pf., 2 Stück 00—00 Pf., Käse pr. Stück 5—8 Pf., Käfematte 2 Stück 0—0 Pfg., Erbsen pr. Liter 20 Pfg., Linsen per Liter 30 Pfg., Tauben pr. Paar 0,70—1,20 Mk., Hühner pr. Stück 1,00—1,20 Mk., Hahnen pr. Stück 0,70—1,20 9)lf., Enten pr. Stück 1,20—2,50 Mk., Gänse pr. Pfd. 54—65 Pfg., Ochsenfleifd) pr. Pfund 66—76 Pfg., Kuh- unb Rinbfleifch pr. Pfund 60—64 Pfg., Schweinefleisch pr. Pfund 64—80 Pfg., Schweinefleisch, gesalzen, pr. Pfund 84 Pfg., Kalbfleisch pr. Pfd. 60—66 Pfg., Hammelfleisch pr. Pfund 50—70 Pfg., Kartoffeln pr. 100 Kgr. 3,00—3,50 All., Weißkraut per Stück 00—00 Pfg., Zwiebeln pr. Zentner 4,50—5,00 Mk., Milch per Liter 18 Pfg. Aepfel per Pfd. 9—13 Pfg., in Korben 12—15 Pfg. Trauben 35—50 Pfg., Tomaten per Pfd. 18—20 Pfg.
Neueste Meldungen.
Originaldrahtmcldungen des Gießener Anzeigers.
Berlin, 16. Nov. Der BundeSrat wird voraussichtlich Anfaog Dezember über die Vorlage der Ausfuhrbestimmungen zum Fleisch besch augeseh beschließen. Man hofft, das Gesetz, soweit daS Ausland davon bettoffen wird, am 1. April u. Z.
in Kraft sehen zu können. Dagegen läßt sich z. Z. noch nicht absehen, wann es möglich sein wird, das Gesetz auch für daS Inland einzuführea, weil die vorbereitenden Arbeiten noch eine lange Zeit beanspruchen werden.
Berlin, 16. Nov. Die Morgeublätter veröffeutlicheu eine Zuschrift des Vaters des in dem Znsterburger Duell er. schoffeucn Leutnants Dlaskowih. Ter Vater betont, daß seine Auslaffung auf Mitteilungen beruhe, welche ihm der Sohu gemäß den Erklärungen des Ehrenrats gemacht habe. 88 heißt in der Darstellung: Die Schimpfreden des Trunkenen begannen erst, als die beiden älteren Offiziere versuchten, ihn in die alte Wohnung zu bringen oder vielmehr ihn un Flur dort festzn- halten. Auf die Bemerkung des LberleutnatsHildcbraud: „Sie wissen ja nicht einmal, wo Sie wohnen. Sie sind ja ganz de- soffen wie ein Schwen" erfolgte ein Schlag ins Gesicht mit dem Zusatz: „Tas ist für das Schwein". Als der andere Leutnant eine aufreizende Bemerkung machte, erhielt auch er einen oder zwei Schläge. Der Trunkene erkannte die betreffenden Herren Nicht. So hat es von dem Ehrenrat mein Sohn erfahren und mir berichtet. Dafür, daß er öjh der Schwere des Vorgefallenen nicht die geringste Ahnung hatte, bürgt die Glückseligkeit, mit der er am nächsten Morgen früh zu mit in den Zug stieg. Wer so kindlich fröhlich fein kann wie er, wie ich ihn, der sonst gclaffcner Natur war, noch nie gesehen habe, der hat nicht das Bewußtsein, etwas Unrechtes begangen zu haben. Wenn meinem Sohne am Morgen eine leise Erinnerung aufgedämmert sem M"g, so hat er wohl nicht im Entferniesten gedacht daß die Offiziere sich sofort nachts 4 Uhr niedersetzcu, einen Brief schreiben und diesen noch am Vormittag desselben Tages an ihr Regiment abgehen laffen würden, besonders da Hildebrand ein guter Bekannter meines Sohnes und auch von mir war.
Berlin, 16. Nov. Zurzeit der letzten Landestrauer unternahm der Verein der Arbcttcrinncn an Buchdruck-Schnellpressen eine Dampferpartie mit Musik. Jetzt hat die Staatsanwaltschaft Anklage gegen die Teilnehmer an dem Ausfluge erhoben und das Gericht hat chr Folge gegeben. Sie werden beschuldigt, das Trauer-Reglement vom 7. Oktober 1797 und die Kabinettsordre vom 18. November 1845 überschritten zu haben. Der Termin findet am 25. November statt. — Nach dem „Kl. I." haben gestern im Hotel Bristol mehrfach Konferenzen stattgefunden, welche der Erörterung der Frage gewidmet waren, wie der Gefahr eines Ums ich-- greifens amerikanischen Einflusses bei unseren heimischen Schifffahrts-Gesellschaften zu steuern sei. An diesen Konferenzen nahm auch ein Regierungs-Vertteter und die General-Direktoren Dr. Wiegand und Ballin teil.
Berlin, 16. N-ov. Im Secessions-Theater (Buntes- Brettl) gelangte gestern abend vor ausverkaustem Hause „Die Schrippe", ein in Hessen spielendes Dialekt- Stück von Lehmann, zur ersten Aufführung. Das Publi-, kum nahm den äußerst humorvollen Einatter mit lebhaftem! Beifall auf.
Elbing, 16. Nov. Wahrscheinlich infolge zu schneller Fahrt entgleiste auf der Kleinbahn-Strecke Marienburg- Liessem ein Güterzug. Der Heizer wurde tot gequetscht, der Lokomotivführer verletzt. Der Materialschaden ist, da fünf Wagen zertrümmert wurden, erheblich.
Bonn a. Rh., 16. Nov. In zwei start besuchten Versammlungen nahm die Bonner Studentenschaft gestern abend Stellung gegen die Chambertain'schenj Ausführungen. Es sprachen Landtagsabg. Dr. Rügeirberg, sowie die Professoren Bäumker, Englert, Gochein und LeÜ. Es wurden zwei Resolutionen angenommen, welche sich in scharfen Worten gegen die Verleumdungen Chamberlains aussprachen.
London, 15. Nov. Das Kriegsamt veröffentlichte ein 400 Seiten starkes Blaubuch, welches die amtlichen Berichte der Militärärzte und Offiziere über die Konzentrationslager enthält. Der Hauptzweck der Berichte ist, die h o h e S t e r b- lichkeitsziffer in den Lagern den schmutzigen Gewohn- hetten der Buren, ihrer Ignoranz, ihren Vorurteilen, ihrer Quacksalberei und ihrem Niißttauen gegen die englischen Hospitäler und Aerzte zuzuschreiben. Für alle diese Dinge werd eine große Zahl von Fällen angeführt.
London, 16. 9ttw. „Daily Telegraph" meldet aus Washington: Die Freilassung der Missionarin Stone werde wahrscheinlich heute erfolgen. Ein Telegramm der „Daily Mail" bestöttgt diese Meldung und fügt hinzu, daß ein Uebereinkommen zwischen dem amerikanischen Konsul in Sofia und den Briganten unterzeichnet worden qt, worin den Räubern Straflosigkeit zugesichert wurde.
London, 16. Nov- In verschiedenen Klubs wurd^ gestern berichtet, daß Lord Kitchener angesichts seines Gesundheitszustandes Südafrika verlassen werde, sobald General Hamilton, der kürzlich die Ausreise angetreten hat, in Südafrika emgetroffen ist. — Wie aus Pretoria gemeldet wird, sollen die englischen Behörden nunmehr gewillt sein, einer gewissen Anzahl Buren-- Frauen die Rückkehr zu ihren Männern zu gestatten, wenn die Buren hierfür eine Anzahl gefangene englische Offiziere freigeben. — Der kürzlich in Ungnade gefallene General BuQer ist gestern zum Vorsitzenden des Heeres-Resorm-Ausschusses ernannt worden.
London, 16. 'Nov. Während des Sturmes der letzten Tage sind an der englischen Küste insgesamt 33 Schisse untergegangen, wobei 187 Menschenleben zu Grunde gingen.
Marseille, 16. Nov- Hier tras ein Sendbote Louis Bothas ein. Derselbe ist ein Deutscher namens Meyer und Träger wichtiger Briese an Krüger. Er erklärte, die Lage der Buren sei besser als je. Sie seien 15 000 Mann stark, gut bewaffnet und kampsessreudig, während die kampffähigen Engländer kaum 40000 Mann stark seien. Kitchener gehe äußerst grausam vor und lasse rückhaltlos alle verdächtigen Deutschen und Franzosen erschießen.
Madrid, 16. Nov. Gestern sanden abermals Zusammenstöße zwischen Studenten des Rechts und der Medizin statt. Die Polizei schritt ein. Es gab mehrere Verwundete.
Lemberg, 16. Nov. In Borislaw sind vier Petroleum-Schächte, darunter einer mit 5 Cisternen, verbrannt. Der erste Schacht, der der bedeutendste des ganzen Borislawer Bezirkes ist, ist vollständig ausgebrannt. Drei Arbetter sind schwer verwundet.
Graz, 16. Nov. Der Militär-Veteranen-Verein in Eilli beschloß eine scharfe Kundgebung gegenCham- b e r l a i n s Beschimpfungen der österreichischen Waffenehre und forderten alle Veteranen-Vereine Oesterreichs zu einer gleichen Stellungnahme auf.


