Ausgabe 
17.8.1901 Erstes Blatt
 
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I" dem Beileidstelegramm, das der deutsche Reichs­kanzler Graf i). Bülow au die Gattin Crispis gerichtet hat, wird mit Fug und Recht hervorgehoben, Deutsclstand schliche sich von Herzen der Trauer Italiens an und werde dem hervorragenden Staatsmanne, dem opferwilligen Pa­trioten ein treues Andenken bewahren. Tas; auch Italiener unmittelbar nacl) dem Hinscheiden eines ihrer großen Männer, der in der Geschichte nächst Cavour und Gari­baldi als hervorragender Förderer der Einheit Italiens unter den Auspizien des Königs Viktor Emanuel II. genannt werden wird, das Andenken einer Persönlichkeit wie Crispi lästern, beweist nur, wie verblendet einzelne Parteien in ihrer Leidenschaft und in ihrem Haise sind. Tie französische Presse haßt in Crispi vor allem den unwandelbar treuen Freund Teutschlauds, den zuverlässigen Anhänger des Bünd­nisses zwischen Italien und Deutschland. Tie Nekrologe der französischen Blätter für Crispi lauten, wie nicht anders zu erwarten war, sehr ungünstig. Man wirft ihm seinen Gallierhaß vor, durch den er angeblich das Unglück seines Landes herbeigeführt habe. Während aber die republikani scheu Blätter anerkennen, daß seit dem Rücktritte Crispis die italienische Politik Frankreich mehr befriedige, bezeichnet es der monarchistischeSoleil" als eine Illusion, an das Ende des italienischen Misogallismus zu glauben. Sein Chefredakteur Baragnon sagt darüber:Tie Wahrheit ist eine ganz andere. Mit dem jungen König ViLtor Emanuel ist der eingefleischteste, bitterste Feind Frankreichs auf den Thron gestiegen. Ein deutscher Offizier, der den damaligen Prinzen von Neapel zur Truppenschau von Meß begleitete, hat seine Unterhaltungen ausgeschrieben, wo der Fran­zosenhaß mindestens so stark zum Ausdruck kam, wie in den Unterhaltungen von Bismarck mit Busch. Tie Seele des alten sizilianischen Briganten ist in den jungen König übergegangen." D-ie unglaublich rohe Sprache zeigt, wie royalistische Organe in Frankreich sogar den jungen König Wiktor Emanuel III. behandeln. x

Die Centralstelle für Obstverwertung und das Obstmarktkomitee in Frankfurt a. M.

Am 13. Juli fand tmPalmengarten" zu Frankfurt am Main eine Sitzung des Komitees statt, in der Kouigl. Gartenbaudirektor Siebert für den erkrankten Vorsitzen­den Harry Franck einen Rückblick auf die 10jährige Thätigkeit der Zeutralstelle und des Obskmarkt-Komitees gab. Wir heben aus dem Bericht über die Sitzung, der uns kürzlich zuging, folgendes hervor:

Tie zunehmende Einfuhr ausländischem Obstes und die damit zusammenhängende schwierige rentable Verwertung der einheimischen Obsterzcugnisse veranlaßte auf Anreg­ung des Landwirtschaftlichen Ministeriums in Berlin den Vorstand des deutschen Pomologeuvereins, der Frage näher zu treten, auf welche Weise dieser unberecheubareu Schä­digung des deutschen Obstbaues e u t g e g e n z u t r e t e n sei. ES sollte» Mittel und Wege gefunden werden, die deutschen Obsterzeugnisse nutzbringend zu verwerten, indem man 1) dem Züchter Gelegenheit zu einem vorteilhaften Verkauf seiner Produkte gab, uud 2) dem Abnehmer Ga­rantie für gute Ware sicherte. Zur Beratung über diese Punkte wurde vou dem deutschen Pomologenverein eine Sl o m missio n eingesetzt. Als Hauptpunkte für die Thätig- feit der Kommission wurden festgesetzt, daß bei allen In­teressenten uud Korporationen das Verständnis für den Obst­bau gehoben werden müsse, und eine Hebung des Obst­handels durch Einführung geregelter Obstmärkte herbei­zuführen sei. Trotz mannigfacher Schwierigkeiten, die sich der Ausführung dieser beiden Punkte entgegenstellten, wurde der Beschluß gefaßt, in Berlin, Frankfurt a. M. und Hamburg eineu solchen Obstmarkt ins Leben zu rufen. Tie mit der Ausführung dieses Beschlusses für Frankfurt be trauten Herren setzten sich mit der Gartenbau-Gesellschaft iii Frankfurt a. M. in Verbindung, die 1891 eine Versa mm lung von Interessenten zu weiteren Verhandlungen ein lud, diese führte zur Bildung eines provisorischen Komitees. Man kam überein, daß an diesen Beratungen vor alleni auch die darau interessierten Behörden, Korporationen uud sonstige Herren teilnehmen sollten, worauf sich die Obst- bauveretuc in Homburg v. d. H., Friedberg bezw. in Oberhessen, Gelnhausen, Odenwald, Rheinhessen und Rheingau zur Mitarbeit bereit erklärten. Es wurde auf Grund der Marktordnung des deutschen Porno- logenvereius eine Marktordnung festgcstellt uud beschlossen, den ersten Obstmarkt in Frankfurt a. 'M. am 14. September 1891 abzuhalten. Die städtischen Behörden stellten dazu die Stadthalle zur Verfügung. Ter Erfolg war ein guter. Leider war die Beschickung mit Wirtsclmftsobst nicht reichhaltig, sodaß ein zweiter -Obstmarkt auf den 30. September 1891 anberaumt wurde.

Aber das Komitee blieb nicht bei diesen Obskmürkten stehen, sondern beschloß in einer am 18. März 1893 ab ge­halten en Sitzung die Gründung einerZ e n t r a l st e l l e

für -Ob stverwertun g", welche den Ein- und Verkauf vou. Obst für ganz Deutschland ständig und zwar unent­geltlich vermitteln sollte. Zu diesem Zweck wurde ein eigenes Bureau errichtet, das seit Anfang Mai 1893 in Thätigkeit ist. Diese Zentralstelle hat sich als eine außer­ordentlich segensreich wirkend' Einrichtung erwiesen.

Während 1891 die Gesamt-Angebote bei der Zentral­stelle 85162 Kg. betrugen, die Nachfrage bei der Zentral­stelle fehlte, der Umsatz auf den Obstmärkten nur 14 920 Kg. betrug und bei der Zentralstelle fehlte, betrugen 1900 die Gesamtangebote bei der Zentralstelle 17 007 700 Kg., die Nachfrage bei der Zentralstelle 15 811 625) Kg., der Umsatz auf den Obstmärkteu 937 915 Kg. und bei der Zentralstelle 8 315385 Kg. Ter Gesamtumsatz betrug während des Be­stehens der Obstmärkte und der Zentralstelle 45 283 665 Kg. oder 4528 Eisenbahu-Toppelwagen.

Die Zeutralstelle für Obstverwertung in Frankfurt a. M. ist nun die einzige von den vielen nach ihr gegründeten, welche Angebote von ganz Deuts ch l a n d unent­geltlich vermittelt. Tas zum Betrieb nötige Geld wird durch Beitrüge seitens der interessierten Kreise, der zu- stäirdtgen Ministerien und lANdwirrstPrfklkchen Mid Obstbau- Vereine zusammengebracht. Tie Zentralstelle und das Obst- marktkomitee nehmen keine Vermittlungsgebühren, weil die beitragenden Kreise die Vermittlung für ihre Mitglieder u ni s v n st haben sollen und weil ferner die zuständigen Behörden im Interesse der Hebung und Förderung des Obstbaues Opfer bringen müssen. Ta die Zentralstelle' nicht direkt umsetzt, sondern nur den Austausch der Adressen vermittelt, so wäre sehr schwer der eigentliche Umsatz fest­zustellen, und man wäre bei der Berechnung auf die frei willigen Angaben der Verkäufer angewiesen. Tiefe Fest setzungen wirken aber nicht immer genau den Thatsachcn ent­sprechend, da es ja der Produzent in der Hand hat, seine Angaben nach Gutdünken zu machen, und deshalb wäre diese Einnahniequelle sehr problematischer Natur. Viel­mehr verdient eine derartige gemeinnützige Institution wohl, von staatlichen und städtischen Behörden, sowie Kor­porationen unterstützt zu werden. Tie Einnahmen und Ausgaben der Zentralstelle bilanzieren mit ca. 3000 Mk. Im Interesse der Einrichtung ist zu wünschen, daß sich die Erkenntnis ihres Wertes durch weitere Gewähr­ung der Zuschüsse bekunden würde.

Tie Obstmärkte haben sich hier sehr gut eingebürgert und lassen von Jahr zu Jahr eineu Aufschwung erkennen'.

Wie bedeutend sich, die Zentralstelle entwickelt hat, geht daraus hervor, daß die Zahl der ein- und ausge- gangeneu Briefe und Zirkulare in 1898 18 398, in 1899 18673 und in 1900 19 250 betrug. Es ist daraus ersichtlich, daß die Zentralstelle eine Lücke aussüllt. Die Verwaltung der Zentralstelle für Obstverwertuug hat 'dem­gemäß in ihrer Sitzung am 13. Juli beschlossen, das Ko­mitee zu erweitern. An Stelle des Herrn Harry F-ranck, der aus Gesundheitsrücksichten sein Amt als Vorsitzender nieder­legte, wurde der seitherige zweite Vorsitzende Herr Kgl. Gartenbaudirektor A. Siebert, Frankfurt a. M. zum ersten Vorsitzenden gewählt, zum zweiten Vorsitzenden Herr Landesökonomierat Müller- Darmstadt, als Kassier wurde Herr I. F r o m m in Vorschlag gebracht.

Aus Stadt und Kand.

(Der Abdruck der unter dieser Rubrik befindlichen Original-Nachrichten ist tm* unter genauer Quellenangabe:«test, tlna.* gestattet.)

* Fernsprechverkehr. Ab 26. August wird im Fern­sprechverkehr zwischen BerlinFrankfurt a. M., Frankfurt- Köln, Frankfurt-Hamburg, Berlin-Hamburg und Hamburg- Köln Nachtdienst eingerichtet.

* * Die Eisenbahnen im VolkShumor. Wir brachten gestern in der RubrikVermischte»- eine launige Zusammenstellung unter dieser Spitzmarke. Heute erhalten wir dazu aus unserm Leserkreise einige Nachträge, die sämtlich der Hessischen LudwigSbahn gelten. Dieses H. L. B. oll nach der einen Zuschrift bedeutenHöchst lumpig be­fahlt". Eine andere Zuschrift sagt:Auf der Strecke WieS- Iiaden-Niedernhausen übertrug man auf jene Buchstaben daS !angsame BorwärtSkommen der Eisenbahn zu den Höhen des Taunus und übersetzte H. L. B. klagend mit:Höllisch lang- äme Beförderung!- Sauste aber der umgewandte Zug bei »er Rückfahrt mit unheimlicher Geschwindigkeit heimwärts, o dachte man sich jene Buchstaben ebenfalls umgestellt und lberfetzte nun triumphierend das B. L. H. mit den Worten: Bergab läuftS hurtig!-

* * Fürsorge für Epileptiker in Hessen. In der erfreulichsten Weise entwickelt sich die cm Oktober v. I. eröffnete hessische Heil- und Pflegeanstalt für epileptische Kinder und Jugendliche zu Rieder-Ramstadt bei Darm tobt. Bis Mitte Juli d. I. konnten nahezu 30 Kinder und

Jugendliche, darunter auch ein Pensionär, ausgenommen' werden und die vorgesehenen 40 Plätze sind also bald 6e setzt ein Zeichen, welches Vertrauen von feiten der Be­hörden und ebenfo von den Angehörigen der Anstalt ent­gegengebracht wird. Tie Kranke» fühle» sich äußerst wohl, uud bei de» meisten find entschieden gute Fortschritte in ihrem Zustand zu beobachten. Glicht zum wenigsten ist dies der umsichtigen Austaltsleitung zu verdanken, sowohl dem Anstaltsarzt, Tr. Ganß, als auch den Hauseltern, Herrn und Frau Pfarrer Weimar. Wer einmal die Anstalt besichtigt hat und Interessenten sind jederzeit willkommen nach, vorheriger Anmeldung wird die besten Eindrücke mit- nehmen, besonders -auch hinsichtlich des Pflegepersonals; die bis jetzt angestellten Pfleger und Pflegerinnen sorgen wirk­lich in liebevoller Weise für ihre Schutzbefohlenen. Den regelmäßigen Schulunterricht erteilen der Inspektor und der kürzlich angestellte Anstaltslehrer Gengnagel. Die Ver- handlnngen wegen Erteilung von besonderem Religions­unterricht für schulpflichtige katholische Zöglinge sind soviel wir Horen, noch nicht abgeschlossen; im ganzen sind bis jetzt vier katholische Kinder und Jugendliche crufge- nonimcn worden. Damit nun bald die noch vorhandenen Bauschulden abgetragen und der notwendige zweite Flügel des Anstaltsgebäudes, der Platz für weitere 40 Kinder schaffen würde, gebaut werden kann, ist es wünschenswert, daß die auch in diesem Herbst zur Erhebung gelangende Landeshauskollekte für die hessischen Epileptischen Berück­sichtigung findet.

f. Sich, 15. Aug. Gestern wurde z» Hoheufolm« die Prinzessin Reinhard zu SolmS-HohensolmS-Lich geb. Gräfin zu SolmS Sonneuwalde, von einer gesunden Prinzessin glücklich entbunden.

Darmstadt, 15. Aug. Der Großherzog begab sich gestern nachmittag zur Jagd im Löscher Wald, übernachtete; im Fürstenlager bei Auerbach und kehrte nach nochmaliger Jagd heute gegen mittag nach Jagdschloß Wolfsgarten zurück.

Kermischtrs.

Ueber einen verwegenen Riesendiebstahl wird aus San Francisco gemeldet. 1,360,000 Mark in geläutertem Golde betrug die Beute, die einer Anzahl unbe- kannter Diebe nach dreimonatlicher geschickter Arbeit in die Hände fiel. Die Räuber gruben einen Tunnel vou einem Eisenbahntunuel außerhalb der Selby Schmelzwerke in Ballese, 30 große Meilen von San Francisco, der mit einem Schacht von drei Fuß Tiefe begann. Dann arbeiteten sie fast 200 Fuß durch Sand und Thon. Nachdem sie am Be­stimmungsort angekommen waren, schritten sie ohne Unter­brechung an ihre Arbeit, obgleich die Werke in vollem Gange waren und die Betriebsanlage elektrisch erleuchtet war. Der Tunnel endete unter einem mit Stahl auSgekleideten Gewölbe, das in Dunkelheit lag; aufwärts bauend bohrten die Räuber ein Loch in de» Fußboden, des Gewölbes. Während der Nacht berichtete ein Arbeiter seinen Gefährten, daß er in dem Gewölbe Lärm gehört hätte, und erklärte, es wäre ein Geist. Die anderen verspotteten ihn, aber nach der Ursache des Geräuschs wurde nicht geforscht. Der Eingang zum Tunnel war mit einem Gestell bedeckt, über das die Ange­stellten des Schmelzwerkes jeden Tag häufig gingen, aber keiner bemerkte etwas ungewöhnliches. Nur das angesammelte, geläuterte Gold eines Tages wird in den Werken aufbewahrt. Die vier großen Ziegel im Gesamtbeträge von 6650 Unzen waren nummeriert, und außerdem erbeuteten die Räuber 10 000 Unzen Gold in verschiedenen Formen und etwas Silber und Gold im Werte von 100 Mk. pro Unze. Die gestohlenen Goldbarren allein wogen eine halbe Tonne; es muffen also viele Menschen beim Transport der Beute zu den Booten beschäftigt gewesen sein.

*Deutsch-französischeHöflichkeit. DerOst- asiatische Lloyd" berichtet:Es ist im höchsten Grade be­zeichnend, wie neuerdings auch im amtlichen Verkehr zwischen Deutschland und Frankreich, der geradezu l)erzlich kameradschaftliche Ton zum Ausdruck kommt, den man täg­lich bei den deutschen und französischen Soldaten beob­achten kann. Wir berichteten letzte Woche erst, daß der französische KreuzerSurprise" Tsingtau einen Besuch ab­gestattet hat, nachdem im November v. I. das französische KanonenbootTecidee", nnb bas TorpebobootTacou" bort angelaufen waren. Ter Empfang, der ben Offiziere» nnb Mannschaften berSurprise" in Tsingtau zu teil ge­worben ist, war ungemein herzlich. Wir gehen wohl nicht fehl, wenn wir annetymen, baß der Besuch derIrene" in Saigon als Erwiderung desjenigen derSurprise" in Kiautschou zu betrachten und das wesentlich für die För­derung der deutsch-französischen Annäherung anzusehen ist.

Darmstädter Künstter-Katonie.

Originalbericht für den »Gieß. Anz.-

XIV.

Schlechte Witze und oberflächliche Bemerkungen haben sich genugsam über die Künstlerheime ergoffen aber daß die Schar der Sieben jetzt selbst noch zur Waffe des Spottes greifen würde, um Feind und Freund zu zeigen, daß sie den Mut der Selbstironie besitzt, daran hat ursprünglich niemand gedacht, vielleicht die Veranstalter auch nicht.

Aufrichtig gestanden wir halten diese Idee deslieber dokuments- für keine glückliche. Es unterliegt keinem Zweifel, daß sie beim großen Publikum ziehen und demgemäß Kaffa machen wird. Aber das ist doch wohl nicht der Hauptzweck einer Ausstellung, der als Ouvertüre vor anderthalb Jahren eine ernst zu nehmende Feier der Grundsteinlegung des Ernst- LudwigshauseS vorauSgegangen ist.

Man kann nicht Homer und Jacques Offenbach in einer Person sein! ES liest sich recht unterhaltsamLdie Travestie, die der witzige MoSzkowSki f. Z. über denRing des Nibelungen- (Müllerund Schulze in Bayreuth-) abbrannte. Aber über die Schauburg am roten Main würde sich wahr­scheinlich schon wie über alte Ruinen wild wuchernder Epheu ziehen, längst verstummt wären Gesang und Sattenspiel in der amphitheatralischen Halle, wenn Wagner sich dazu be> rufen gefühlt hätte, sein eigener Parodist zu werden.

Der Nietzsche'sche Gedanke:Man muß auch auf seine eigenen Schultern steigen können-, darf nicht trivial ge­nommen werden. Und wir fürchten, daß diese Parodie-AuS stellung dem Philister stärker im Gedächtnis und Gefühl bleiben wird als ber positive Kern der Veranstaltungen.

Wenn nach dieser Richtung also die Aussteller mehr

bieten, als sie schuldig find, so laffen sie nach anderer dafür merkwürdigerweise im Stich. Das Spielhaus ent- behrt jeder selbständigen Physiognomie. Denn daß man heute Herrn v. Wolzogen, morgen die MünchenerElf Scharfrichter-, übermorgen ein BerlinerSezesfiouSbrettl-, das allerdings wegen der Trauer um die Kaiserin Friedrich nicht zu Wort gelangt ist, herbemühte, gestaltet das Bild zwar recht vielseitig, hat aber mit dem ursprünglichen Plane nicht daS mindeste zu thun, denn was Peter Behrens in seinerBetrachtung des Theaters als höchsten KultursymbolS- auSspricht, soll doch wohl oder sollte vielmehr in direktem Zusammenhang mit dem stehen, waS wir im Spielhause zu sehen und zu hören bekommen würden.

Damit scheint- nun, für die Dauer der Ausstellung wenigstens, nichts mehr werden zu wollen.

Nach wie vor strahlt über dieser der prachtvollste Sommerhimmel, sodaß man jedenfalls vonFesten des Lebens und der Kunst- doch reden kann. Und auch das Satyrspiel, welches übelwollende Äritil ihnen anhängt, vermag daran nichts zu ändern.

In geradezu feindseligem Tone ereifert sich u. a. auch Prof. A. Seder aus Straßburg bei derBilla in den Rosen-. Die Koloffalrosen in Himbeersauce und Bein- schwarz, die schweinfurter- und oxidgrün, ultramarinblau ge­malten Wände erregte sein Entsetzen und erinnern ihn an die von ihm unverstanden gebliebenenFarbenbizzarerien- des holländisch javanischen Malers Jan Toorop, deffen Linien- Narrheiten noch verschiedentlich an anderen Objekten der Aus­stellung Verwendung finden. Bon dem großen, durch zwei Stockwerke gehenden Hallenraum, der, wie er zwar zugeben muß, durch ein mächtiges Atelierfenster Licht genug empfängt,

redet er al- eineralten feuchten Totenkapelle, an deren Wänden alte bemoste Grabsteine herumftehen, denn so sehen die klotzigen tief schwarz grün gebeizten Möbel aus, die man erst nach genauer Betrachtung als solche erkennt.- DaS warme Rot des Möbelbezugs, das feine Hellgrau^deS wunder- vollen Flügels, den leuchtenden Metallton der Feuerstätte und all die anderen mannigfachen, diskret auftaucheodea Farbenabstufungen werden gefliffentlich überschaut »nd ignoriert.

In ähnlicher Weise werden die übrigen Zimmer i» Hause Christiansen- mitgenommen. Willkürlich wird ein Moment herauSgeholt und mit absichtlicher Pointierung in den Vordergrund geschoben. DaS Herrenzimmer soll düster und beengend wirken. DaS Speisezimmer sei so grellfarbig, daß man kaum hineiusehen könne, ohne sich die Augen z» verderben.

Die weiße, gewölbte Decke, die Helle Holztäfelung au den Wänden, daS solide damastenem Taselgedeck und die fein geschliffenen GlaSfenster, geben zusammen wohl schwerlich einen Akkord, der sich alsgrellfarbig- bezeichnen ließe!

Doch der erbitterte Kritiker fährt fort:In dem Salon befindet sich eine Ausstellung moderner Bijouterien, welche zwar samt und sonders im Geiste des genialen Pariser Gold­schmiedes Lalique» entworfen sind, denen aber, wie der Herr Kritiker natürlich feststellt, die piquaute Durchbildung uud feine Farbeuzusammenstellung LaliqueS leider abgeht.

Der Salon als soscher ist trotz der aufgewendeten Mittel ohne alle Ruhe. Man hat immer daS Gefühl: sich in einem solchen Raum nur nicht aufhalten müssen!-

Wir wollen zugeben, daß daS etwas sehr ernst gehaltene Schlafgemach mit dem sich darüber wölbenden Sternenhimmel