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17.4.1901 Zweites Blatt
 
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Nr. 89 Zweites Blatt.

151. Jahrgang.

Mittwoch 17. April 1901

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WiUMm, Expedition und rch«»stratze 7.

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger v

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

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Der deutsche Krouprivz in Wien,

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Mit jubelnder Freude ist der Kronprinz des Deutschen Reiches in der ftaiferffabt an der Donau empfangen wor­den, von dem greisen Monarchen inmitten der Erzherzöge und Generale begrüßt, und unter begeistertem Zuruf der Volksmenge in das Kaiserschloß geleitet. Wie das ja bei Reisen hochgestellter Personen niemals ausbleibt, hat man auch in diesem Falle es angemessen gefunden, ausdrücklich darauf hinzuweisen, daß die Kronprinzenfahrt lediglich eine familiäre und keine politische Bedeutung habe. Wenn französische Blätter in einer solchen Feststellung eine ge­wisse Beruhigung finden, so kann man ihnen das wohl gönnen. Im übrigen ist es freilich klar, daß man den jugendlichen Thronfolger des Deutschen Reiches nicht mit einer wichtigen diplomatischen Mission betraut haben wird. Tie persönlichen Beziehungen zwischen dem Berliner und dem Wiener Kaiserhaus«, und speziell zwischen dem deutschen Kronprinzen und dem Kaiser Franz Josef find zudem so eng und herzlich, daß sie als eine ausreichende Erklärung dafür werden anerkannt werden müssen, daß der Kronprinz für seine erste selbständige Reise an einen fremden Hof just Wien sich als Ziel erkoren hat. Handelt es sich doch eigentlich nur um die Erwiderung des Besuches, den Kaiser Franz Josef vor Jahresfrist zur Großjährigkeits-Erklärung seines Pathenkindes in Berlin abftattete.

Andererseits liegt gerade darin, daß sich in dem Be­suche und in den begleitenden Umständen so unverkennbar die freundschaftlichen Beziehungen der beiden Kaiserhäuser nicht nur, sondern auch der stammverwandten Völker doku­mentieren, auch dessen politische Bedeutung. Es mag schon richtig sein, daß die auswärtige Politik und die Diplo­matie sich von jeder Sentimentalität frei zu halten haben und nur mit realen Größen rechnen dürfen, daß weder die Freundschaften der Herrscher noch die Sympathien der Völker einen Einfluß auf die Konstellationen haben. Aber ebensowenig wird man bestreiten wollen, daß die auf Grund kluger Berechnung.und Abwägung der Interessen abgeschlossenen Allianzen eine wesentliche Festigung dadurch erfahren, wenn sie mit den persönlichen Sympathien zu- fammentresfen. Freilich iuirb in Wien während dieser Tage vielleicht weniger Politik und namentlich weniger aus­wärtige Politik getrieben werden als sonst. Aber die ein­mütige Begrüßung, die das Volk der .Hauptstadt nicht nur, sondern zum wenigsten der deutschen Landesteile Oester­reickzs und ganz Ungarns dem Repräsentanten des deut­schen Brudervolkes entgegenbringt, wird darum gewiß nicht unterschätzt und auch politisch gewürdigt werden. In­sofern ist die Wiener Reise mit ihren Begleiterscheinungen zwar keine politische That, aber sie ist ein Symptom der politischen Lage und entbehrt darum der Bedeutung umso­weniger, als ja bekanntlich gerade in letzter Zeit über die Stellung Italiens zum Dreibunde mancherlei Bemerkungen die Runde machten. Ta mag cs wohl angezeigt erschienen sein, durch das Wiener Verbrüderungsfest vor aller Welt klar zu stellen, daß in den Beziehungen Deutschlands zu Oesterreich-Ungarn eine Erkaltung nicht eingetreten ist.

Aus Wien wird weiter gemeldet: Der deutsche Kronprinz besichtigte die Hof-Reitschule und die Kuppel der Hofburg und begab sich zu Fuß über den inneren Burg­platz nach dem Heldenplatz, wo er den Wagen bestieg, um mit dem ihm zugeteilten Korps-Kommandanten Fabini eine Fahrt nach dem Prater zu machen, die sich bis zum Lust­hause ausdehnte. Von dort kehrte der Kronprinz nach der Hofburg zurück und begab sich in das Palais des sächsischen Gesandten Grafen v. Rex. An dem Frühstück in der Ge­sandtschaft nahmen der deutsche Botschafter Fürst zu Eulen­burg, der bayerische Gesandte v. Podewils, die Herren der deutschen Botschaft sowie der Bundespräsident der Vereine vomRoten Kreuz" Fürst Schönberg und Gemahlin teil. Um 1 Uhr 45 Min. verließ der Kronprinz die Gesandtschaft und machte einen Spaziergang in Die innere Stadt. Ueberall, wo der Kronprinz sich öffentlich zeigte, war er der Gegenstand herzlicher Kundgebungen seitens des Publi­kums. Um 6 Uhr fand in der Hofburg ein Familiendiner statt, an dem der Kaiser, der kkronprinz Wilhelm und nahezu sämtliche Mitglieder des Kaiserhauses teilnahmen. Gleichzeitig fand Marschalltafel für das Gefolge, den Ehrendienst und die .Hofchargen statt.

Ter Kronprinz stattete auch dem Erzherzog Franz Ferdinand und dessen Gemahlin, der Fürstin Hohent erg, im Schloß Belvedere einen längeren Besuch ab.

Dem am Montagabend beim deutschen Vot'chafter zu Ehren des Kronprinzen statt findenden Ballfest wohnte der Kaiser und sämtliche hier weilende Mitglieder des kaiser­lichen Hauses bei.

Ter Trinkspruch des Kaisers Franz Josef beim Galadiner lautet:

Es gereicht mir zur besonderen Freude, S. K. und K. Hoheit den Kronprinzen Wilhelm bei uns begrüßen zu ' tonnen. Ich rufe ihm herzlichstes Willkommen zu; als mein Pathenkind und Sohn meines bewährten Freundes, Kaiser Wilhelms II., ist mir seine Anwesenheit doppelt lieb. Sein Besuch wird die herz­lichen Beziehungen zwischen unseren beiden Häusern wie unsere politische Intimität neuer­lich veranschaulichen. Ich spreche den aufrichtigen Wunsch aus, der Kronprinz möge sich bei uns wohl fühlen und hoffe, er wird die Empfindung mit sich nehmen, bei Freunden gewesen zu sein. Indem ich S. M. Kaiser Wilhelm II., der an unserer Zusammenkunft sicher im

Geiste teilnimmt, und sie miterlebt, in herzlicher Freundschaft gedenke, erchebe ich Mein Glas auf das Wohl seines Sohnes. Kronprinz Wilhelm lebe hoch!

TieNordd. Allg. Ztg." schreibt: 9)Ht herzlicher Freude und Dankbarkeit verzeichnen wir die Drahtberichte über den großartigen Empfang, den Kaiser und König Franz Josef unserm jungen Kronprinzen bereitet haben. Von der unwandelbaren Festigkeit und Innigkeit der Gesinnungen, durch welche die Kaiserhäuser Habsburg und Hohenzollern zum Heile ihrer Völker verbunden sind, ist in ben in der Wiener Hofburg gewechselten Trinksprüchen aufs neue in wafsenbrüderlicher Treue Zeugnis abgelegt worden. Kaiser und König Franz Josef hat durch seine väterliche Liebe und Güte, womit er seinen jungen Gast aufnahm, auch dem deutschen Volke, das sich in seinem Kronprinzen mitgeehrt fühlt, Anlaß zur erneuten Bekundung der warmen Ver­ehrung gegeben, die überall im Deutschen Reiche dem ritter­lichen Herrscher und der verbündeten österreich-ungarischen Monarchie entgegengebracht wird. In ähnlicher Weise äußern sich die namhaften Wiener und Budapester Blätter.

* * *

Telegramm des Gießeuer Anzeigers.

Wien, 16. April. Dem gestrigen B a l l f e st e bei dem deutschen Botschafter wohnten sämtliche in Wien anwesenden Erzherzöge und Erzherzoginnen, die obersten Hofwürden­träger, die Minister v. Goluchowski, v. Körber und Szell, die gemeinsamen und sämtliche österreichischen Minister, das diplomatische Korps, zahlreiche Mitglieder des Hochadels u. a. bei. Um 9 Uhr traf der deutsche Kronprinz, der die Uniform seines österreichisch-ungarischen Husaren-Regi- mentes angelegt hatte, mit seinem Gefolge ein und wurde vom Botschafter und der Fürstin Eulenburg empfangen. Bald darauf erschien auch der Kaiser in der Uniform seines preußischen Husaren-Regiments. Der Kaiser reichte der Fürstin Eulenburg den Arm und geleitete sie in den Ballsaal. Alsbald begann der Tanz, den der deutsche Kron­prinz mit der Erzherzogin Maria Annunciata eröffnete. Um halb 11 Uhr verließ der Kaiser das Fest, während der Kron­prinz noch bis zwei Uhr verweilte und sich lebhaft am Tanzen beteiligte.____________________________________________

* Polttische Tagesschau.

Ter Berliner Hofbericht vom Sonntag wird den politischen Zeichendeutern viel zu denken geben. Zur Frühstücks täfel beim Kaiserpaar, zu der der König von Württemberg geladen war, hatte auch Tr. v. Siemens, der freisinnige Reichstagsabgeordnete, eine Ein­ladung erhalten. In parlamentarischen Kreisen gilt dieser bekannte Finanzmann seit längerem als Ministerkandidat. Hielt er eine größere Rede, dann hieß es:Der Direktor der deutschen Bank stellt seine Ministerkandidatur auf". Tiefe Vermutungen mehrten sich, als Dr. Siemens Ende vorigen Jahres aus dem Direktorium der deutschen Bank austrat.Wie, der rastlos thätige Mann sollte sich im besten Alter, in voller Schaffenskraft, zur Ruhe setzen wollen?"Wer weiß, was hinter den Coulissen vorgeht" so raunten sich würdige Gesetzgeber mit bedeutungsvollen Blicken zu. Dr. v. Miquel sucht z. Zt. an den Heilquellen Wiesbadens seine durch Zugluft und Ueberarbeitung im Parlament (Kanalkommission) erschütterte Gesundheit wieder­herzustellen. Und Dr. v. Siemens, diese Autorität in Finanzfragen, ist der Gast des Kaiserpaares nun, wer nicht etwa annimmt, daß die Bereitwilligkeit der deutschen Bank, die ostafrikanische Bahn bauen zu helfen, oder die Verdienste des Dr. v. Siemens um die anatolische Eisen­bahn diesem Finanzmann die ehrenvolle Einladung ver­schafft haben, der wird vielleicht folgern, daß Herrn Dr. v. Miquels letzter und Herrn Tr. v. Siemens erster Minister­tag nicht allzuferne mehr ist. Am schlechtesten käme bei solchem Ministerwechsel die Kanalvorlage weg. Dr. v. Sie­mens zählt zu den intimsten Gegnern der Agrarier, die ihm am wenigsten entgegenkommen würden. Die preußi­schen Finanzen freilich wären bei ihm in guter Hut.

Die zuweilen ganz gut orientierteD. W." meldet:

Finanzminister Dr. y. Miquel, der bekanntlich z. Z. in Wiesbaden weilt, hat nach den hier eingezogenen Er­kundigungen neuerdings eine bestimmte Disposition über seine RückkehrnachBerlinnochnichtgetroffen. Ursprünglich war der. d. M. als Tag des Wieder­eintreffens in Aussicht genommen; aller Voraussicht nach dürfte er jedoch zu diesem Termine noch nicht in Berlin zu erwarten sein.

Tagegen war gestern durch die Presse verbreitet wor­den, Miquel werde zu Beginn des preußischen Landtages in Berlin anwesend sein.

Engländer und Buren.

Die LondonerPreß Affociation" verbreitet eine Mel bang, wonach die Baren, vom Nebel begünstigt, den General French uud 500 Manu gefangen genommen hätten.

An amtlicher englischer Seite wird die Richtigkeit der Meldung natürlich bestritten und es bleibt abzuwarten, ob sie sich bewahrheitet. Jedenfalls aber scheint es uns keines wegs so ganz aus der Luft gegriffen, daß der englische General, der nun nachgerade ein Jahr etwa hinter den Buren losgetrekkt ist, ihnen nun in eine Falle gegangen ist. Schon lange stand eS mit den French'schen Mannschaften

recht faul. Ihre Uniformen, die allerdings in der letzten Zeit durch neue ersetzt wurden, wofür aber den Leuten er­hebliche Abzüge an der Löhnung gemacht wurden, waren nichts mehr als Lumpen und ihre Unzufriedenheit wuchs von Tage zu Tage. Wochenlang haben die Mann­schaften keine Löhnung erhalten und ihre nach England ge­richteten Klagen meldeten unerhörte Dinge, wie die Zahl­meister die Auszahlung des Soldes häufig verweigerten. Nun hat allem Anschein nach diese englische Elitetruppe, die bisher immer die größten Erfolge im Kriege gehabt hat, ihr Schicksal erreicht. Vorläufig ist die Vermutung nicht von der Hand zu weisen, daß die elende Behandlung und die wunderliche Organisation des inneren Dienstes der Feldarmee den Buren diesen neuen Erfolg wesentlich erleichtert hat. ES geht die Rede, die Zusammenkunft KitchenerS mit Botha sei auf die Gefangennahme FrenchS zurückzuführen. Danach müßte also French bereits anfangs März in die Hände der Buren gefallen fein. Tatsächlich erwähnen die offiziellen englischen Nachrichten ben Namen dieses Generals bereits seit weit längerer Zeit nicht! Wenn also Kitchener aus diesem Grunde mit Botha Unterhandlungen angeknüpst hatte, dann hat daS fast den Anschein, als sei ihm French unent­behrlich zur weiteren Fortsetzung des Krieges.

*

Telegramme deS Gießener Anzeigers.

London, 16. April. Lord Kitchener meldet aus Pretoria vom 15.: Wählend der Operationen BabingtonM überraschte die Kolonne des Obersten Rawlinson nordwestlich von Klerksdorp mit Tagesanbruch Smuls Lager. Sechs Buren wurden getötet, zehn verwundet, 23 gefangen ge­nommen ; ein Zwölspsünder, ein vollständiges Pompom­geschütz, zwei Munitionswagen mit Munition, einige Pferde und einiges Vieh wurden weggenommen. Die Engländer! hatten drei Verwundete. Plumer nahm den Felokornet Briet und 16 Buren gefangen und erbeutete 10 Wagen, 18 Gewehre, Pferde und Rindvieh. Im Oranjefreistaat wurden während der Operationen Pitchers sieben Bure« getötet, einer ergab sich. Ferner wurden erhebliche Vorräte eingebracht.

Barkly West, 15. April. Der Gerichtshof für Hoch­verrat verurteilte das Mitglied des Kap-Parlaments De Wet zu drei Jahren Gefängnis und 1000 Pfund Sterling Geldstrafe.

China.

General'Feldmarschall Graf. Walbersee melbet am 13. aus Peking: Zur Aufhebung ber unter dem 8. b. Mts. ge- melbeteu Räuber, bie sich im Gebirge nordöstlich Tschang- pingtschou (30 Km. nördlich Peking) festgesetzt haben, ist Major v. Schönberg mit einer Kompagnie und je einem Zuge berittener Infanterie, Kavallerie und Feldartillerie von hier abgeschickt,d während die Kompagnie aus Tschangpingtschou den Rückzug verlegen soll.

DerStandard- meldet ans Schanghai, eingeborene chinesische Beamte hätten aus Peking Briefe erhalten, in denen es heiße, der russische Gesandte v. Giers bringe immer noch in Tsching unb Li-Hung-Tschang, das Mandschurei- Abkommen zu unterzeichnen.

Deutsches Keich.

Berlin, 15. April. Die Kaiserin mit den Prinzen August Wilhelm und Oskar reifte heute Nachmittag nach Plön ab. Der Kaiser geleitete die Kaiserin zum Bahnhof, wo auch der Reichskanzler erschienen war.

Der Kaiser hörte heute den Vortrag des Reichs­kanzlers Grafen v. Bülow in deffen Wohnung und besuchte ben neuen Dom.

lieber ein angebliches Komplott gegen den Kais er bringt eine Berliner Lokalkorrespondenz eine sehr unwahrscheinliche Meldung. Darnach soll ber Anarchist Romagneli am 27. März im Auftrage einer anarchistischen Vereinigung BuenoS-AireS verlaffen haben, um nach Deutsch- lanb zu gehen. Dte Polizei fahnde auf ben Mann.

Mit ben Mosaikbilbern beS KaiserpaareS im Blindenheim zu KönigS-Wusterhausen verhält eS sich doch anders, als dieVolkSztg." berichtet hatte. Die Bilder, welche bie Kaiserin alsHeilige Elisabeth", ben Kaiser als Ritter barstellen, waren berFreis. Ztg." zufolge bei Ein­weihung ber Anstalt noch nicht vollenbet und durch Kartons, die als Vorlage gebient hatten, ersetzt worben. Diese Ent­würfe würben bann allerdings bald nach der Feier entfernt, jetzt aber werden sie durch bie Originale, bie nunmehr fertig gestellt finb, ersetzt werben.

Der Kaiser wirb betNationalztg." zufolge auch in biesem Jahre eine Norblanbreise antreten. Sie wird unmittelbar im Anschluß an bie Kieler Woche unternommen unb bie gewöhnliche Dauer haben. Die kaiserliche Dacht Hohenzollern" wirb wahrscheinlich von einem schnellen Kreuzer unb mehreren Torpebobooten als Depeschenbooten begleitet werben. . .

Einer offiziellen Ansage zufolge kommt der Kaiser am 27. April nach der Wartburg.