Nr. 65 Erstes Blatt.
151. Jahrgang.
Sonntag 17. März 1901
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kein anderes Land blei
welche den Polen früher Die heutige Rede bei das Polentum.. (Zurnf
He neue Chiuavorlage im Reichstag.
Unser parlamentarischer Mitarbeiter schreibt unterm
drängen lassen wird.
Nach einer kurzen Bemerkung des Reichsparteilers von Tiedemann wurde der Antrag Bachem auf Verweisung des Ergänzungsetats an die Budgetkommission abgelehnt. Die zweite Lesung findet also gleich im Plenum statt, sodaß der neue Chinakredit der Regierung noch vor den Osterferien bewilligt sein wird. — Nach Diskussion der Chinavorlage trat der Reichstag in die fortgesetzte Beratung des Etats des Reichsamts des Innern ein D«s
Mächten gegenüber nachgekommen sei. „China dürfe nicht zur ausgequetschten Zitrone werden". Mit Rußland be- tehen in China ebensowenig Differenzen wie anderswo. Auch von Reibungsflächen mit Frankreich, Amerika, Japan könne keine Rede sein, ganz zu schweigen von Oesterreich und Italien, die auf der unerschütterten Grundlage des Dreibundes zu uns stehen. Alles in Allem: Deutschland thut, was in seinen Kräften liegr, die Harmonie im Konzert
Parquet, die Bundesratsestrade und die Tribünen wiesen bald stark gelichtete Reihen auf. r
rechls: Nein!)
Finanzminister Dr. v. Miquel erklärt, gleiche Rechte könne man nur verlangen, wenn man auch gleiche Anhänglichkeit an den Staat zeige; es könne garnicht im Interests der Polen liegen, nur polnisch zu sprechen. Solange sich die Polen nicht daran gewöhnen, deutsche Unterthauen zu sein, werden sich diese Verhältnisse nicht ändern; die Polen möchten offen sagen, was die Klagen bezweckten; er würde chnen raten, der Regierung die Hand zu bieten, ehrlich, dauernd und offen.
Hierauf wird der Dispositionsfonds des Oberpräfidenten der Provinz Posen für die östlichen Provinzen genehmigt.
AuS der Zweiten Kammer.
-ck- Darmstadt, 15. Mä z 1901.
In der gestrigen Nachmittagssitzung vertidigte Präsident Haas als Mitglied des LandwntschrslSraies diese stark- ang.griffene Körperschaft und sprach sein Bedauern dahin aus, daß zwischen den in diesem Haase landwirtschaftlich Interessierten eine so erregte Debatte über kleine MemungS- verschtcdenh iten nicht hätte entsteh n dürfen, denn „Eintracht macht stark!" und nur ein geschlossenes Ganzes könnte .egnerischkn Anstürmea wirksam begegnen. Damit wurde die Generaldebatte über die Landwirtschaft geschlossen. Nach cuescn gewaltigen Redeschlachten der drei letzten Tage sehnte man sied nach Waffennillstand. Jetzt fragt man sich, was war der Zweck und öet Erfolg dieser Wortfehden. Glaubt auch nur einer, den andern überzeugt zu haben? Nur das beruhigende Gefühl kann jeder mit nach Hause nehmen: „Ich habe mich endlich einmal wieder ausgesprochen!" Ob die langen Reden und Gegenreden der Landwirtschaft besonders zu gute kommen werden? Wir glauben, es hätte allen, die es mit der Landwirtschaft wirklich gut meinen, bester ge- standen, sich über kleine Differenzpunkte außer dem Hause
Beim Titel Finanzministerium bringt Jazdzewsk: die bekannt«« Klagen der Polen vor. Finanzminister Dr. v. Miquel erwidert, der preußische Staat habe seit Jahrzehnten versucbt, ohne Rücksicht aus Die Nationalität zu verfahren, so auch gegen die Polen, aber ihre Haltung gegen Preußen und das Deutschtum habe eine Aenderung bedingt; jebe Aenderung unserer Politik gegenüber den Polen wäre ein schwerer Fehler. Den Polonisi rungebestrebungen gegenüber wüsten wir das Deutzchium stä.ken, hierzu gehöre auch der Fonds zur Unterdrückung des deutsche» Theaters. Herr o. Jazdzewski klage über Boykottierung des polnische« Elements; diese Boykottierung gehe von den Polen aus; unsererseits fet derselbe nur eme Abwehr. Jetz-, wo die Polen zugeben müßten, daß sie ihren Wohlstand dem preußischen Staat allein verdanken, jetzt lohnten sie mit Undankbarkeit, strebten nach Losreißung von Preußen. Das werde ihnen zwar nie gelingen, aber auch wir muffen das Streben darnach bekämpfen. (Sehr richtig.) Nötig fet es aber auch daß die Deutschen sich ihrer Haut wehrten Wir verlangen ntcht, daß die Polen Deutsche werden, w'r wollen nur, daß sie treue deutsche Unter, thanen seien. Sowie wir diese Ueberzeugung hätten, würden sie mit solcher Milde von uns behandelt werden, wie "-1“ — o“*'* ""
thun würde. (Beifall.)
Jazdzewski meint, die Versprechungen, gegeben worden, seien nicht gehalten worden. Finanzministers sei eine Agitationsrede gegen
Bekanntmachung.
In der Zeit vom 9. bis 16. März lfd. Jrs. wurden in hiesiger Stadt
gefunden: 2 goldene Ringe und 1 Portemonnaie mit Inhalt.
verloren: 1 goldene Herrenuhrkette und 1 weiße- Taschentuch mit Monogramm C. M.
zugelaufen ist: ein kleiner schwarzer Hund.
Die Empfangsberechtigten der gefundenen Gegenstände und des Hundes belieben ihre Ansprüche alsbald bei uns geltend zu machen.
Gießen, den 16. März 1901.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
Hechler.
Engländer und Buren.
Der „Times" wird aus Pretoria vom 14 ds. gemeldet- De Met hat mit einem kleinen Burengefolge Sen et ar erveidit. ®t nähert sich aber einer Gegend, wo chrw
zu erhalten. ,
Graf Bülow hatte auch diesmal in seiner gewohnten Wärme, in seiner ruhig heiteren und beruhigend wirkenden Weise gesprochen. Trotzdem konnte man, trotz der Eleganz und Leichtigkeit der Ausführungen, heraus hören, daß jedes Wort sorglich abgewogen und von dem Be- treben diktiert war, nichts zu sagen, was in irgend einem Kabinett unliebsam ausgenommen werden würde. Durch Beifall gab die Mehrheit des Hauses ihre Zu- timmung zu dem entrollten Programm zu erkennen, und der Reichskanzler konnte mit Zufriedenheit in den Mienen seinen Platz wieder einnehmen.
Immerhin hatte der nächste Redner, Abg. Richter (frs. Volksp.), im einzelnen mancherlei auszusetzen, so betreffs des Oberbefehls des Grafen Waldersee, des „unverhältnismäßig großen" Truppenaufgebots Deutschlands, das fast den Anschein erwecke, als fühlten wir uns verpflichtet, den Platzhalter für England zu spielen. Auch daß das ostasiatische Expeditionskorps länger draußen bleiben werde, als man bisher annahm, mißfällt dem Oppositionsführer. Er meinte, die Thätigkeit der Marine werde durch die der Landtruppen neutralisiert. Das Wesentliche sei, daß die Friedensverhandlungen beschleunigt werden. Auf ein paar Mandarinenköpfe mehr komme es doch wahrlich nicht an : man solle durch Beharren auf solchen Forderungen nicht kostbare Zeit vertrödeln. Die Hauptsache sei, daß wir unser Geld wieder bekämen. „Wir wollen nicht nyr unsere Legionen, sondern auch unsere Millionen wieder haben!" (Der Nachtragsetat verlangt 123 322000 Mark für die China- Expedition.) Richter sck-loß mit einer satirischen Kritik der überseeischen „Plätze an der Sonne". Durchweg befriedigt von dem Expose des Reichskanzlers erklärte sich der konservative Redner, Mg. Graf Stolberg-Wernigerode. Er stellte anheim, den ganzen Ergänzungsetat mit Rückfrcht aus die Geschäftslage gleich im Plenuin zu beraten. Abg. Bebel (Soz.) fand einen Widerspruch darin, daß Friedensverhandlungen eingeleitet seien, und gleichzeitig den chi nesischen Truppen Gefechte geliefert werden. Auch er meinte, daß in China deutsche Soldaten und deutsches Geld für das durch den südafrikanischen Krieg bedrängte England in die Schanze geschlagen würden. Es werde der Tag kommen, wo im Westen ausgegessen werden muffe, was im Osten eingebrockt sei. Abg. Dr. Bachem (Ztr.^ plaidierte für eine ehrenvolle Beendigung des Chmaunttr- nehmens und — aus Gründen der Tradition <>c= ratung des Nachtragsetats in der Budgetkommission. Das letztere erachtete Abg. Bassermann (ul.) nicht für absolut notwendig, da neue Momente auch in der Kommission nicht zur Sprache gebracht werden könnten. Im übrigen hielt er es für inopportun, durch scharfe ftTitit an Einzel- 1 Heiken die diplomatische Stellung der Regierung noch schwieriger zu gestalten, oder das Oberkommando des Grafen Waldersee zu bekritteln. Den Darlegungen des i Reichskanzlers könnten die Nationalliberalen rm allge- i meinen zustimmen. In ähnlichem Sinne schien sich der schwer verständliche Abg. Schrader (frs. B.) zu äußern.
Dann nahm nochmals Graf Bülow das Wort. Er sagte u. a.: „Wir legen zwar Wert auf gute Beziehungen zu England, vertreten in China aber nur deutsche Interessen, und überlassen es den Engländern, die ihrigen selbst zu vertreten". . . . „Der Abg. Richter hat gefragt, was denn eigentlich in dem Mandschurei-Abkommen steht. Ja, wenn ich das wüßte! (Heiterkeit.) Immerhin ist nicht ausgeschlossen, daß ick) es eines Tages erfahre und werde ich es sofort dem Abg. Richter mitteilen (Stürmische .-Heiterkeit/ . . ." „Die Schlachtfiotte können wir nrxy nicyt aus den chinesischen Gewässern zurückziehen, weil ihre Anwesenheit auf den Fortgang der Friedensverhandlungen fördernd einwirkt. Es giebt auch bei den Chinesen moralische Imponderabilien." . . . „Man hat mir den Vorwurf gemacht, daß ich mich zu allgemein gehaltener Redewendungen bediene. Nun, in keinem anderen Parlament hat der leitende Minister über die Chinafrage so detaillierte, Mitteilungen gemacht, als ich es heute that. Immerhin ist es mir lieber, es heißt, ich sage zu wenig, als umgekehrt. So diene ich den allgemeinen Interessen besser. Ich bin doch schließlich kein arabischer Märchenerzähler, sondern verantwortlicher Minister. . ." Graf Bülow hatte temperamentvoller, schneller gesprochen, als zuerst, und mittels eines großen, silberbeschlagenen Bleifttstes, den er in der Rechten schwang, die Pointen gewissermaßen unterstrichen. Seine zweite Rede klang in das „weltpolitische Programm" aus, daß Deutschland seinen Platz an der Sonne behalten und sich nicht in den Schatten
15. März: ...
Die Beratung des zweiten Nachtragsetats für China hatte ein distinguiertes Auditorium in die Diplomaten- logen und ein ziemlich zahlreiches Publikum auf die ^rr- bünen geführt. Auch der öfterreichisch--ungarische Botschafter war erschienen. Reichskanzler Graf Bülow leitete die Diskussion ein mit einem längeren, sorgfältia ausgearbeiteten Vortrag über den gcgemoürtigen Stand der Dinge in China. Er konstatierte, daß die Verhandlungen zwar lang sam, aber stetig vorwärts gekommen seien. Die Einigkeit der Mächte habe sich stärker erwiesen als gewisse divergierende Besttebungen. Es sei zu hoffen, daß auch ^dre neuen Meinungsverschiedenheiten überwunden werden. #ur Deutschland komme hauptsächlich in Betracht die B e st r a f - nng der Schuldigen und die Entschädigungs- trage. Wie die Regierung sich zu letzterer stellt, legte Graf Bülow an der Hand aktenmäßiger Aufzeichnungen dar. Die deutschen Truppen ivürden solange in China bleiben, E>is hinreichende Garantien für die Zahlung der Entschädigung und die Tauer der gesicherten Zustände gegeben sei. Liegen diese Garantien vor, dann werden die Deutschen die Provinz Petschili verlassen mit dem leb- iKiften Wunsch, sie nicht wiederzusehen. (Heiterkeit und Ber- iatL) Die Mandschurei-Angelegenheit werde vom deutsch- englischen Abkommen nicht berührt. (Hört? Hört!) Was cms der Mandschurei werde, könne den Deutschen im (Irunde ziemlich gleichgilttg sein. (Sehr richtig!) Nicht aber könne Deutschland — gleich den anderen Beteiligten es gleichgilttg sein, daß China wertvolle Landesteile weggebe, ehe es seinen finanziellen Verpflichtungen den
Amtlicher Feil.
Gießen, den 15 März 1901.
Das Grohherzogliche Kreisamt Metzen
au die Grosih. Bürgermeistereien des Kreises.
Wir beabsichtigen, demnächst wieder eine Bürgermeister Versammlung zur Beratung über wichtigere Gegenstände der Verwaltung zu berufen und sehen Ihren etwaigen Anträgen bezüglich auf die Tagesordnung zu setzender Gegenstände bis spätestens Ostern entgegen.
v. Bechtold.
Bekanntmachung.
Das Viehmarkt Lomitee zu Vilbel beabsichtigt, mit dem am 20. August ds. IS zu Vilbel statt findenden Biehmarkte eine Verlosung von Vieh und landwirtschaftlichen Geräten zu verbinden, um die Mittel zur Prämiierung zu gewinnen.
Großh. Ministerium des Innern hat die nachgesuchte Erlaubnis zur Veranstaltung dieser Verlosung unter der Be bingung erteilt, daß nicht mehr als 6000 Lose, zu 1 Mk das Stück, ausgegeben werden dürfen, und mindestens 60 Prozent des Bruttoerlöses aus dem Verkaufe der Lose zum Ankauf von Gewinngegenständen zu verwenden sind.
Der Ver'rieb der Lose ist in der Provinz Oberhessen und dem Kreise Offenbach gestattet.
Gießen, den 15. März 1901.
Großherzogliches Kreis amt Gießen, v. Bechtold.
Gießen, den 15. März 1901.
Betr.: Die IahreSÜbersichten und RechnungSabschlÜffe der Krankenkassen.
Das Grotzherzogliche Kreisamt Gießen an die Grosih. Bürgermeistereien der Land- gemeinden deS Kreises, die Verwaltungen der Gemeindekrankenversicheruugen, die Vorstande der eingeschriebenen Hilsskassen des KreiseS und der Betriebs- (Fabrik-) Krankenkassen in den Land gemeinden des Kreises.
Sie werden hiermit, soweit nötig, an die alsbaldige Erledigung unserer Verfügung vom 5. Januar 1901 (Gießener Anzeiger Nr. 1) erinnert. •
v. Bechtold.
auSeinanderzusetzen.
Heute wurde die Abteilung „Justizministertum" begonnen und glücklich beendet; wenn nicht der Präsident nochmals mit einer Nachmittagssitzung gedtoht hätte, wäre wohl noch manches andere vom Stapel gelassen worden. Nachdem zunächst die Modalitäten, unter denen der Vorbereitungsdienst der Juristen und Verwaltungsbeamte,t praktischer Weise zu erfolgen habe, und die eventuelle Trennung des Vorbereitungsdienstes erörtert waren, war es die erschreck. nbe Zunahme der Milchfälschungen in den Städten, jie die Aufmerksamkeit des HatttM fesselten. Abg. Köhler (Darmstadt) schilderte Verhältnisse, die fast ans Unglaubliche grenzen. Daß Milch mit Wasser „verlängert" wird, tft be- kann! und geschieht nur allzu länglich. Aber der Wormser Oberbürgermeister wußte auch zu erzählen, daß ihm Fälle bekannt seien, in denen der Milch nicht nur das Wasser, mit denen die Milchkannen auSgeschwenkt wurden, sondern auch das Wasser, in denen Knechte und Mägde ihre von Stallinhalt gefärbten Greiforgane gereinigt hatten, zugesetzt worden sei. Prost Mahlzeit! (Da sichen allerdings selbst auf einem Kahlkopfe Haare z» Bege. Demgegenüber dürften trichinöse Schweinsohren mit Valmölsauce dieser Milch frommer ländlicher Denkungsart als Säuglingsnahrung vorzuziehen sein. D. Red.) Wozu habcn wir eigentlich ein Nahrungsmittelgesetz, wenn derartige Un* g heuerlichkeiten im Mtlchhandel vorkommen? Wie ist dies möglich bei allen den polizcil'ch'-n Kontrollmaßregeln? Der Grund ist wohl der: die Frevler werden bestraft mit 10 bis 20, höchstens einmal 50 Mk., der Nutzen, den sie durch ihre schauerlichen Panschereien erzielen, ist 10 mal, ja vielleicht 20 mal größer. Solange man nicht daran geht, die Strafen im rechten Verhältnis zu erhöhen, werden derartige grauen- hafte Volksgesundheitsschädigungen kein Ende nehmen.______
Preußisches Abgeordnetenhaus.


