.Mein
Herz
Mannes Meinung unbefangen anhört und Prüft. Wir ist das Herz der Besten des Volkes sicher.
Der (tiieftcner und Marburger Pferdemarkt.
In der „Oberhessischen Ztg." finden mir folgendes „Gingesandt", das gewiß für unsere Leser von ganz besonderem Interesse sein wird: „Nachdem Gießen im vergangenen Jahr mit seinem ersten Pferdemarkt so gut abgeschnitten hat, der Marburger Pferdemarkt dagegen nicht recht vorankommen will, müssen doch tiefer liegende Gründe mitwirken.
Sehen wir uns die thatsächlichen Verhältnisse daher einmal etwas näher an. Abgesehen davon, daß sich Gießen als Knotenpunktfünf verschiedener Bahnstrecken, ganz entschieden für einen größeren Pferdemarkt besser eignet, finden wir dort einen schönen, geräumigen, mit Lahnkies gedeckten Marktplatz vor; ringsum mit Barrrieren versehen, an denen die Pferde Aufstellung finden. In der Mitte ist großer Raum zum Mustern der Pferde. Weiter nördlich befindet sich ein weiterer abgeschlossener Platz zum Vorführen. Näher am Schlachthaus ein weiterer ebenfalls abgeschlossener Platz für das Prämiierungsgeschäft. Mehr lahnabwärts finden wir drei große mit Segeltuch gedeckte Hallen zum Einstellen von Reit- und Luxusvferden. Jeden- iaHö muß man, — selbst der Neider — dies zugestehen, daß in Gießen die Marktev^nrichtung vortrefflich arrangiert war.
Wie ffdht dagegen die Sache in Marburg? Ter Marburger Pferdemarkt ist von einem aus Landwirten und einigen Bürgern Marburgs gebildeten Komite ins Leben gerufen worden. Dieses Marktkomite hat bei seinen anfangs sehr bescheidenen Mitteln wahrlich seine Schuldigkeit gethan; jedenfalls hat es dasselbe an Veröffentlichungen, Bekanntmachungen und Verbreiten rlnd Versenden von Plakaten an die Bürgermeister und Wirte auf dem Lande sicher nicht fehlen lassen, sodaß in den Nachbarkreisen sozusagen jedes Kind über die Marburger Pferdemärkte unterrichtet ist.
Die städtischen Behörden haben es aber — im Gegensatz Ju Gießen — bisher an der nötigen, thatkräftigen Unterstützung fehlen lassen. Jetzt scheint das ja etwas anderes werden zu sollen. Wenn einer meint, daß von maßgebender Stelle nicht beabsichtigt sei, einen Händlermarkt ins Leben zu rufen ; und glaubt, daß nur beabsichtigt sei, dem Züchter in die Stadt Absatz zu verschaffen, so sehen wir uns den Bedarf der Stadt Marburg an Pferden einmal etwas näher an. Die Stadt hat nach der jüngsten Viehzählung 342 Pferde. Rechnet man durchschnittlich jedem Pferd nur eine achtjährige Dauer, so hat Marburg jährlich rund 43 Pferde nötig. Diese werden aber nachweislich weitaus zum größten Teile vom Händler direkt gekauft. Es mag dies daran liegen, daß auch städtische Pferde - Verbraucher gezwungen sind beim Händler auf Kredit %u kaufen; andererseits aber auch sind schwere Arbeitspferde bei unseren Züchtern noch zu wenig vorhanden. Leider haben sich viele derselben noch nicht von einer alten Liebhaberei, der Zucht des leichten Rassepferdes frei machen können. Der Ausdehnung der Kaltblutzucht hat auch das
starke Gntgegenarbeiten des frühere« Landstallmeisters ganz kolossal geschadet. Man hört an jedem Markte Klagen, daß die Kaufabschlüsse zwischen Züchter und Verbraucher nur manchmal ganz geringe sind. Auch der Geschäftsverkehr unter Landwirten selbst zu einander ist sehr ost ganz bedeutungslos. Die betreffenden Ursachen wollen wir hier unerörtert lassen, die wichtigste ist wohl, die kolossale Geldknappheit auf dem Lande. Leider muß gar mancher Landwirt beim .Händler auf lange Ziele kaufen. Daß die Entwickelung solcher Verhältnisse erfreulich ist, wird wohl niemand behaupten wollen. Aber sie bestehen, und es muß deshalb damit gerechnet werden. Einen Pferdemarkt ohne Händler halten wir daher für nicht existenzfähig.
Weiter ist die Anschauung, daß es in Gießen nur auf einen Händlermarkt abgesehen sei, eine vollständig irre. Ob das Prämiieren von Händlerpferden im vergangenen Jahre ein so großer Fehler war, wollen wir unerörtert lassen, jedenfalls kann man — wenn man das Ueberbieten der Händler, das Beste auf den Markt zu bringen, mitangesehen hat — anderer Anschauung sein.
Obgleich auch um Gießen wohl wenig Pferde gezüchtet werden, so sahen wir doch aus dem südlichen Teil des Kreises und ans der angrenzenden Wetterau vorzügliche Nachzucht aus Belgier- und Oldenburger Stuten zum Verkaufe ausgestellt. Unsere vorjährigen Beobachtungen in Gießen sprachen ganz dafür, daß dorten trotz der vielen Händler ein mindestens ebenso gutes Absatzgebiet wie in Marburg für den Züchter vorhanden ist.
Wenn man die Abwickelung größerer Viehmärkte wie in Gießen und Kirchhain verfolgt, so findet man dorten das Rendez-vous der Händler aus dem Reg.-Bez. Cassel, aus Oberhessen, aus den Kreisen Biedenkopf und Wetzlar als Verkäufer, die Händler aus den Main- und Rheingegendeir, Rheinhessen, Starkenburg und Nassau als Abnehmer.
Wir sahen z. B. vor einigen Jahren an einem GießeneL Viehmarkttage 66 Waggon Vieh per Extrazug nach Frankfurt verfrachtet, und haben manchmal zu beobachten Gelegenheit gehabt, daß an gut besuchten Märkten 2—300 000 Mark an Viehwert umgesetzt wurden.
Für die gute Entwickelung eines Viehmarktes spricht die drähe des Bahnhofes am Marktplatz; den Händlern muß in der Nähe des Marktes Logier-Gelegenheit und Unterbringen des Viehes,, das sich mitunter 1—2 Tage von der Reise erholen muß, in guten Stallungen geboten sein. Weiter muß der Händler am> Stall Heu, Stroh, Kleie, Salz und warmes Wasser erhalten können. Das alles ist in Weidenhausen mit seinem mehr ländlichen Charakter, das man ja jetzt endgiltig gewählt zu haben scheint, und damit ist wohl die Platzfrage in der richtigen Weise gelöst. Verfolgen wir nun die Maßregeln, welche im Interesse der Viehmärkte in den drei Nachbarstädten Gießen, Marburg und Kirchhain in den letzten Jahren stattgefunden haben, so finden wir, daß in Gießen Mlh Kirchhain von den, städtischen Verwaltungen sehr viel für die Entwickelung der Märkte gethan worden ist. Von Marburg ist ein gleiches bisher leider nicht zu sagen.
Wenn die städtische Geschäftswelt aber darauf rechnet mit der Landbevölkerung in kommerzieller Beziehung in Verbindung zu bleiben, so hat auch die Kreisstadt die Ver
pflichtung Sen Bedürfnissen des platten Landes mefft wie seither Rechnung zu tragen. Die Mark des Landmannes hat für den städtischen Geschäftsmann gerade so gut 109 Pfennige, wie diejenige des Städters!
Wer sich schon jemals in objektiver Weise der Mühe unterzogen hat, die einschlägigen Verhältnisse in den beiden Städten Gießen und Marburg zu studieren, der wird unwillkürlich zu dem Schluß kommen müssen, daß Marburg ganz entschieden in der Markt frage, von der durchweg freisinnigen Universitätsstadt Gießen — lernen kann; nicht nur im Interesse des platten Landes, sondern im eigensten Interesse — der Stadt selbst."
Gerichtssaal.
-k- Mainz, 14. März. Vor dem hiesigen Schöffen gericht wird demnächst eine Perleumdungs- und Beleidigungsklage zur Verhandlung kommen, die der Bischof von Königgrätz gegen die verantwortlichen Redakteure der in Frankfurt erscheinenden „Kleinen Presse" und der Zeitung der „D er Fr e ib en fer" in Wiesbaden angestrengt hat. In beiden Blättern war wie in einer ganzen Reihe anderer Zeitungen behauptet gewesen, der genannte Bischof habe von der Kanzel herab gepredigt, der vielerwähnte Polnaer Mord sei erwiesener Weise ein Ritualmord gewesen. In der Klage wird von dem Bischof bestritten, daß er je in Polna gewesen noch überhaupt irgendwie über den Mord gepredigt habe. Mit der Klagevertretung ist der Reichstagsabgeordnete Dr. Schmitt betraut.
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