Nr. 41 Viertes Blatt.
151. Jahrgang.
Sonntag 17. Februar 1901
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Der neue Konitzer Prozeß.
Fortsetzung.
Könitz, 14. Februar.
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Als erster Zeuge wird der Maurerpolier Lübke vernommen. Dieser bekundet: Ich kenne Moritz Levy von Jugend aus. Winter habe ich bei Lebzeiten nicht gekannt. Präs.: Können Sie sichthatsächlich nicht erinnern, Winter bei Lebzeiten gesehen zu haben? Zeuge: Nein. Präs.: Als Sie aber die Photographie Winters nach dessen Tode sahen, da erinnerten Sie sich, letzteren bei Lebzeiten gesehen zu haben? Zeuge: Ja, als die Photographie Winters bei dem Photographen Heyer ausgestellt wurde. Ten jungen kräftigen Menschen habe ich auch einmal beobachtet, wie er vor dem Laden des Fleischers Hoffmann mit einem hübschen jungen Mädchen scherzte. Eines Abends soh ich wieder Moritz Levy mit dem jungen Manne vor dem Levyschen Laden stehen. Ein junges Mädchen klopfte den jungen Mann auf die Schulter. Moritz Levy sagte darauf , zu. dem jungen Manne: „Sie können jetzt dre junge Dame wegen Körperverletzung verklagen. Ich hab's gesehen". — Präs.: Und Sie sind der Meinung, daß der junge Mann '21-in ter war? Zeuge: Jawohl, nachdem ich die Photo- . araphie gesehen. Präs.: Kennen Sie den Kaufmann Hugo k Hartstock. Zeuge: Jawohl, den kenne ich sehr genau, ^er war es nicht. Präs.: Sie kamen also, als Sie die . Photographie sahen, zu der Ueberzeugung, daß der junge Mann Winter gewesen sei? Zeuge: Jawohl. Präs.: Es wurde Ihnen Frl. Meta Caspary vorgestellt. War diese das junge Mädchen? Zeuge: Nein, das junge lu.ar größer. Präs.: Haben Sie nicht von unterirdischen Gängen der Synagoge gesprochen? Zeuge: Nein.
Zeugin Anna Lübke, Tochter des Vorzeugen: Ich habe lange Zeit des Abends in der Danzigerstraße für meinen Vater Zeitungen geholt und vielfach Moritz Levy mit einem großen, kräftigen jungen Manne zusammen gesehen. Präs.: Kannten Sie den Angeklagten? Zeugin: Ganz genau. Präs.: Kannten Sie auch Winter? Zeugin: Stein, aber als ich dessen Photographie sah, war ich der Ueberzeugung, daß der kräftige junge Mann Winter war. ,-jeuge Maurerpolier L ü b k e: Als! ich dem Lehrer Bloch sagte, daß ich Winter nach der Photographie bestimmt wieder- erkenne, sagte Bloch: „Mischen Sie sich nicht in die Sache rem; denn es handelt sich um Juden." Der Gerichtshof beschließt hierauf, den Lehrer Bloch sofort als Zeuge zu laden. Zeuge Maurerpolier Murach: Lübke kam gleich nach dem Morde zu mir und sagte: „Der Mord wird wohl in der k Synagoge oder in dem Badehause geschehen sein; denn da sollen ja unterirdische Gänge sein." Zeuge Lübke: Ars ist nicht wahr. Murach hat mir gesagt: „Unter dem i^adehausc sind unterirdische Gänge. Der Mord kann dort geschehen sein." Zeuge Murach: Es ist unwahr, daß ich von unterirdischen Gängen gesprochen habe, und giebt zu, gesagt zu haben: „Tas Badehaus ist ein geeigneter Ort zur Ausführung des Mordes." Hierauf erklärt Landrichter Dr. Zimmermann, der die Voruntersuchung geführt hat: als ich Frl. Martha Hoffmann dem Zeugen Lübke vorstellte, jagte Lükbe, er kenne die Dame ganz genau wieder. P r ä s. : Zeuge Lübke, das war doch sehr unvorsichtig von Ihnen, sie hätten doch sagen müssen, ich glaube, daß es die betreffende junge Dame ist? Zeuge Lübke: So genau hatte ch die junge Dame nicht angesehen. Wenn mir beide rchwestern vorgestellt worden wären, dann hätte ich die richtige sofort herausgefunden. Der Präsident läßt hierauf üie beiden Schwestern Hoffmann vortreten. Ter Zeuge Lübke bezeichnet Anna Hoffmann als die betreffende junge "Tarne. Auf Befragen des Verteidigers bekundet Landrichter ‘ Tr. Zimmermann weiter: Anna Lübke hat sich bei ihrer ^Vernehmung mehrfach widersprochen. Tas eine Mal sagte Wie, sie sei mit beiden Söhnen Adolf Levys, also Hugo und Moritz Levy, oftmals bei Vergnügungen gewesen. Alsdann sagte sie wieder, sie habe sie bei Koschinsky kennen gelernt. Sic machte überhaupt den Eindruck, als wenn ihre Auslage eingelernt gewesen sei. Präs.: Nun, Anna Lübke, was Jogcn Sie dazu? Ich habe allerdings auch den Eindruck, als ob Sie Ihre Aussage auswendig gelernt hätten? Zeugin: Der Landrichter Dr. Zimmermann hat mich bei' ker Vernehmung furchtbar angeschrieen, und mit 10 Jahren jL I.W Zuchthaus gedroht, so daß ich ganz verwirrt wurde. Präs.: 11<I TJct Herr Landrichter Dr. Zimmermann hat Sie jedenfalls unterbrochen, da Sie nicht zur Sache sprachen; weil Sie ober Ihre Aussage auswendig gelernt haben werden, kamen lj|| Sie in Verwirrung. Der Richter hat die Pflicht, die Zeugen “ auf die Strafen wegen Meineids aufmerksam zu machen. 1L Lcndrichter Dr. Zimmermann: Anna Lübke äußerte bei — "7 ihrer Vernehmung noch: ihr Pater habe den jungen Mann ■ ganz genau beschrieben, so daß sie denselben nach der ■ sHotographie wiedererkannte. Alsdann erscheint als Zeuge . W Lchrer Bloch. Verteidiger Rechtsanw. Sonnenfeld: Herr-
Zeuge, ist es richtig, daß Sie zu Lübke sagten: „Mischen Sie sich nicht da hinein, da es sich um Juden handelt?" Zeuge: Sein. Es ist zwar möglich, aber ich glaube nicht, daß ich tas gesagt habe. Tie nächste Zeugin, Rosa C a s p a r y, ist 14 Mre alt und kann deshalb nicht vereidigt werden. Sie 3e tunbet: Ich habe Winter gekannt, habe ihn aber niemals mit Moritz Levy zusammen gesehen. Als Winter schon tot Iwr, im Mai 1900, habe ich Hugo Hartstock auf die Schulter zeicchlagen mit den Worten: „Lotte, wo bleibt meine Schoko- labe". Moritz Levy, der vor der Thüre des Levyschen Hauses fön b, sagte hierauf: „Sie können das Fräulein wegen Körperverletzung verklagen. Ich habe es gesehen." Präs.:
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Rupatzky ist nicht mit Winter zu verwechseln. Winter w<zr viel größer. — Bert. R A. Sonnenfeld (zu Rupatzky): Haben Sie niemals einen Verkehr zwischen Winter und Moritz Levy wahrgenommen? — Zeuge Ru» patzky: Nein, niemals. — Zeuge Z mmerlehrling Mai: Ich habe Winter mit Moritz Levy vor der Lewy'schen Hausthür und im Hoffmann'schen Hausflur flohen sehen. — Nach noch längerer Zeugenvernehmung wird die Verhandlung auf Freitagvormittag 9 Uhr vertagt.
Kunst-Ausstellung. ausetellung im Turmhaus am Brand ist täglich von 11 bis 1 Uhr mittags mit Ausnahme des Samstags geöffnet, Mittwochs auch noch von 8b e 5 Uhr nachmittags, an Bonn- und Feiertagen von 11 bis 3 ununterbrochen. Eintritt für Nichtmitglieder an Werktagen rt6» an Sonn- und Feiertagen 20 Pfg.
Handel und Verkehr. Uolkswirlschast.
Mit seiner Stellenvermittelung nimmt der bekannte „Verein für Handlungskommis von 1858", der seinen Hauptsitz in Hamburg hat, durch Bezirksvereine aber über den ganzen Erdball verbreitet ist, nach! wie vor die führende Rolle unter den kaufmännischen Vereinen ein. Durch ihn sind im Jahre 1900 wiederum 6318 Anstellungen vermittelt worden, sodaß einschließlich der in diesem Jahre erfolgten Engagements die Zahl der seit seinem Bestehen besetzten Stellungen auf über 84 000 angewachsen ist. Tie Vermittelung erfolgt bekanntlich sowohl für Mitglieder wie für Aufttaggeber völlig kostenfrei.
Magdeburger LebevS BerficherungS Gesellschaft. Auch im Jahre 1900 hat sich das Geschäft wieder erfreulich gestaltet, indem sowohl Neuabschluß, als Reinzuwachs die Ergebnifle aller früheren JaHre überstiegen. Es waren zu erledigen : 7546 Anträge über 28 468 569 Mk. Kapital und 32 465 Mk Rente. Ausoefertigt wurden 5810Polizen über 21 629 984 Mk. Kapital und 32 465 Mk Rente und der reine Zuwachs des Versicherungsbestandes betrug 2 >40 Policen über 11 363 128 Mk. Kapital und 16 776 Mk R-nte, sodaß er sich Ende 1900 auf 71177 Polizen Über 191 677 808 Mk Kapital und 3«2 398 Mk. Rente belief. In der Unfallversicherung erhöhte sich der Versicherungsbestand auf 19631 Polizen über 86 143 987 Mk aus den Todesfall. 218 216 964 Mk. auf den Jnvaliditätsfall und 68 810 Mk tägliche Entschädigung für vorübergehende Erwerbsunfähigkeit. Die Prämieneinnahme dieser Abteilung betrug ea. 550 000 Mk.
Theater, Kunst und Wissenschaft.
Darmstädter Brief. Man schreibt aus Darmstadt unterm 13. Februar: Gestern abend ging O. E. Hartlebens Offizierstragödie „Rosenmontag" bei vollbesetztem Hause zum erstenmale in Szene und erregte großes Interesse. Während in d^n beiden ersten Akten der Mangel an Handlung sich fühlbar macht, tritt erst mit dem dritten Akte eine eigentliche dramatische Spannung ein, obwohl nicht geleugnet werden kann, daß auch in den letzten Akten einzelne Szenen zu lang ausgesponnen sind und mehrfach unliebsame Pausen in der Handlung eintreten und dafür die Gespräche einen zu breiten Raum einnehmen. Das Stück, dessen Milieu auch in der Darstellung gut gewahrt blieb, machte großen Eindruck und hatte einen starken äußeren Erfolg zu verzeichnen. Die Hauptrolle des Leutnants „Hans Rudorfs" spielte Herr Loehr mit viel Temperament, die der „Gerttude", die einzige Frauenrolle des Stückes, Fräulein Grohe. Das Offizierkorps wurde sehr stilvoll repräsentiert.
Oskar Blumenthal hat soeben ein dreiaktiges modernes Verslustspiel beendet, das den Titel trägt: Die Fee Caprice". Die Novität ist jedoch erst für die nächste Spielzeit bestimmt und wird voraussichtlich in der ersten Oktoberhälfte im Lessing-Theater in Berlin zur Darstellung kommen.
* Pettenkofer als Schauspieler. Es wird jetzt aus Anlaß des Todes des großen Gelehrten daran erinnert, daß Pettenkofer in jungen Jahren einmal den Studien entlief, und sich der Bühne zuwandte. Das Stadttheater zu Regensburg nahm den jungen Sanguiniker als! Statisten auf. „In Augsburg", erzählte Pettenkofer humoristisch, „ließ ich als engagierter Schauspieler einige Buchstaben meines Namens weg, und trat unter dem Pseudonym Tenkof als Brackenburg in Goethes Egmont, als Astolf in Calderons Leben ein Traum auf, auch einige andere Rollen eignete ich mir an. In der freien Zeit ging ich nach dem nahen Friedberg. Ta lebte mein OnkeiK Josef Pettenkofer als Rentbeamter, der höchlich über meinen Schauspielerberuf entrüstet war. Aus dieser Entrüstung hätte ich mir nun nicht viel gemacht, aber wohl aus der seiner schönen, liebenswürdigen Tochter Helene, die ich liebte. Ihre Erklärung, sie wolle mir Herz und Hand schenken, wenn ich nur wieder zurückkehrte, und ein ordentlicher Mensch würde, machte mir Eindruck. Ich verließ! die Bretter, verlobte mich mit Helene, ging nach München und arbeitete an der Universität mit meiner ganzen Kraft, um bald angestellt zu werden, und heiraten zu können. Aus der Hofapotheke war ich durch meinen Onkel Xaver verbannt, „denn ein ehemaliger Schauspieler konnte sich nach seiner Meinung höchstens noch zum Mediziner eignen". — Als Pettenkofer Assistent im königlichen Münzamte geworden war, führte er seine geliebte Helene heim. Er lebte mit ihr in glücklicher Ehe.
— M i ß Webster-Powl, eine junge Koloratursängerin, ist vorn Herbst dieses Jahres ab an die Berliner Hofoper engagiert. Miß Powl, eine D-utsch.Amerikanerin, ist trotz ihr>r 23 Jahre eine in den Vereinigten Staaten ziemlich bekannte Frauenrechtlerin und — Doktor der R e ch t eI
Haben Sie auch Winter einmal auf die Schulter geklopft? Zeugin: Nein.
Die nächste Zeugin Clara Lichtenberg bestätigt vollinhaltlich die Aussagen der Vorzeugin. — Unter allgemeiner Spannung erscheint nunmehr der Kaufmann Hugo Hart stock, der mit Winter Aehnlichkeit haben soll, als Zeuge. Er sagt aus: Ich bin 24 Jahre alt. Winter habe ich nicht gekannt, aber Moritz Levy. Der Vorgang mit Rosa Caspary ist möglich. Die Zeugin Anna H o f f m a pm erklärt auf Befragen des Präsidenten: Ernst Winter war kleiner und breiter, wie der Zeuge Hartstock. Er war auch, im Gegensatz zu Hartstock, brünett und mit Hartstock nicht zu verwechseln. Alsdann wird die 17jährige Rosa Sima- nowski als Zeugin vernommen. Präs.: Sie kannten den Angeklagten und Winter? Zeugin-: Jawohl, ganz genau. Als ich eines Abends am Levyschen Hause vorüberging, standen Moritz Levy und Winter vor dem Hause zusammen. Winter sagte: „Jetzt muß ich meine Schularbeiten machen, dann komme ich wieder". Moritz Levy sagte zu ihm: „Bleiben Sie doch noch einen Augenblick". Präs.: Können Sie mit Besttmmtheit sagen, daß das Winter war? Zeugin: Jawohl. Zeuge Besitzer Kor sänke: Im Februar 1900 wurde mir Ernst Winter von seinem Vater vorgestellt. Kurze Zeit darauf war ich mit meinem Sohne im Restaurant Müller. Dort glaube ich Winter mit Moritz Levy zusammen gesehen zu haben. Mein Sohn sagte aber, das sei nicht Winter, sondern ein anderer junger Mann gewesen. Zeuge Müller: Der alte Winter und der Angeklagte haben einige male 6ei mir zusammen gesessen und sich unterhalten. Ob der ermordete Ernst Winter auch dabei war, kann ich nicht sagen. Zeugin Dienstmädchen Regina Schulz: Ich habe zwei Jahre lang bei dem Kaufmann Aronheim in der Danzigersttaße neben dem Levyschen Hause gedient. Ich kannte Winter und den Angeklagten. Ich habe Fräulein Caspary, Fräulein Tuchler, Winter und Moritz Levy oftmals vor dem Levyschen Laden stehen sehen. Präs.: Fräulein Caspary und Fräulein Tuchler bestreiten das aber? Zeugin: Ich weiß das aber bestimmt. Präs.: Sie wollen sagen, es war der junge Mann, den Ihnen andere Dienstmädchen als Winter gezeigt haben? Zeugin: Ja. Präs.: Haben Sie die Photographie Winters gesehen? Zeugin: Jawohl, einmal. Ich habe Winter, Moritz Levy und oie Fräuleins Caspary und Tuchler eines Sonntags zusammen auf der Eisbahn gesehen. Sie haben zusammen gestanden und gesprochen.
Zeugin Selma Tuchler: Ich erinnere mich jetzt, mit Winter schon im Juni 1898 auf dem Tanzstundenball gewesen zu sein. Damals kannte ich Winter schon. Präs.: Zeugin, die Sie noch nicht vereidet sind, so können Sie sich eventuell vor Meineid schützen, wenn Sie Ihre Aussage jetzt noch ändern. Ich frage Sie also, haben Sie einmal mit Moritz Levy und Winter zusammen gestanden? Zeugin: Nein. Präs.: Sind Sie einmal mit Winter und dem Angeklagten zusammen auf dem Eise gewesen? Zeugin: Nein. Präs.: Haben Sie einmal Moritz Levy mit Winter zusammen gesehen? Zeugin: Nein. Präs.: Geben Sie die Möglichkeit zu oder halten Sie es für ausgeschlossen? Zeugin: Ich halte es für ausgeschlossen. Präs.: Zeugin Schulz, was sagen Sie dazu? Zeugin Schulz: Es ist doch wahr. Präs.: Sie bleiben also dabei, daß Sie den Angeklagten mit Winter und den Fräuleins Caspary und Tuchler einmal vor dem Levyschen Hause und eines Sonntags auf und vor der Eisbahn zusammen gesehen haben? Zeugin Schulz: Jawohl. Präs.: Nun, Zeugin Tuchler, was sagen Sie dazu? Zeugin Tuchler: Tas ist nicht wahr. — Alsdann wird der Oberlehrer des Graudenzer Gymnasiums Prof. Dr. Prätorius vernommen. Er sagt aus: Ich bin früher Lehrer am hiesigen Gymnasium gewesen. Winter war mein Schüler und der Angeklagte, soweit mir erinnerlich, vor 18 bis 20 Jahren ebenfalls. Ich kenne den Angeklagten ganz genau.
Ter hiesige Gymnasial-Direktor erzählte, der Obersekundaner Rupatzky sehe Winter sehr ähnlich. Ich habe mich von der Richtigkeit der Aehnlichkeit beider überzeugt. Ter Gerichtshof beschließt, den Obersekundaner Rupatzky als Zeuge zu laden. Der nächste Zeuge, Nachtwächter Ruß: Er kenne sowohl den Angeklagten wie dessen Bruder Hugo und habe auch Winter gekannt. Präs.: Haben Sie nach dem Morde die Photographie Winters gesehen? Zeuge: Jawohl. Ich habe ihn sofort wiedererkannt.
V-rteituger Rechtsanwalt Sonnenfeld: Der Zeuge Ruß hat früher gesagt: er habe Winter fast allabendlich mit dem Angeklagten zusammen gesehen. Heute hat er nichts davon gesagt. Ich frage also: wie oft haben Sie Winter mit Lewy zusammen gesehen? — Zeuge Nachtwächter Rutz: Wöchentlich dreimal. — Verteidiger Rechtsanwalt Sonnenfeld: Der Zeuge hat heute vielfach anders bekundet, wie früher. — Zeuge Oberlehrer Dr. Stöver: Winter hat bei mir Unterricht gehabt. Moritz Lewy kannte ich sehr genau aus dem Turnverein. — Präs: Heben Sie b-n Angeklagten und Winter 'mal zusammen gesehen? — ZeuFk: Niemals. — Präs.: Müßte daS, wen» Sie es gesehm hätten, in Ihrer Erinnerung sein? — Zeuge: Ich glaube bestimmt, daß mir das in Erinnerung geblieben wäre, da es mich interessierte, welchen Umgang die Gymnasiasten hatten.
Der Obersekundaner Rupatzky ist mit Winter nicht zu verwechseln, auch andere Gymnasiasten nicht. Der Techniker Kroll sehe dagegen Winter sehr ähnlich. — Bert. R.-A. Sonnenfeld: Ist auch von anderen Personen, die Ihnen bekannt sind, Herr Doktor, die Aehnlichkeit Winters mit Kroll wahrgenommen worden? — Zeuge: Jawohl. Diese Aehnlichkeit hat mich beunruhigt, deshalb habe ich das dem Landrichter Dr. Zimmermann an- gezeigt. — Zeuge Obersekundaner Rupatzky: Ich habe Winter gekannt. Als ich kurz nach dem Morde, etwa Ostern 1900, Über die Straße gegangen bin, sagte eine Dame zu einer anderen: „Sieh' mal den jungen Mann an, der sieht,aus wie Winter.* — Zeugin Anna Hoffman: Herrn


